21.09.2013

MACHTMein Gott, liegen wir richtig?

Wolfgang Schäuble ist einer der einflussreichsten Politiker Europas. Er wird mitverantwortlich gemacht für die Verarmung in den Krisenländern. Woher stammt das Wissen, das seinen Kurs bestimmt?
Im Bundesfinanzministerium an der Berliner Wilhelmstraße, dem Amtssitz eines der mächtigsten Männer unserer Zeit, sind die Flure bis zu 700 Meter lang, und sie erschließen 2100 Büros, deren steinerne Türstöcke Fluchten bilden, wie man sie aus dunklen Zukunftsfilmen kennt. Nationalsozialistische Baumeister haben das Gebäude erdacht, sein Grundriss wirkt wie die Skizze eines komplizierten Maschinenteils, und wer eintritt, beginnt unwillentlich zu flüstern, wie um die hier geballte Macht nicht aufzustören. In diesem Haus, durch das schon der Reichsmarschall Hermann Göring ging, in das die sowjetischen Militärverwalter einzogen nach dem Krieg, in dem die DDR gegründet und von der Treuhandanstalt abgewickelt wurde, wird Geschichte gemacht, ununterbrochen, Tag für Tag.
Wolfgang Schäubles Büro hat die Raumnummer 4358, ein schmuckloses Eckzimmer im vierten Stock, der Finanzminister versinkt in seinem großen, grauen Anzug. Für viele Menschen in Athen oder Madrid ist dieser Mann verantwortlich für ihre Misere, kaum weniger verachtenswert als die anderen Herren der Wilhelmstraße vor ihm. Er sei schuld daran, dass Rentner in Mülltonnen wühlen. Sein teutonischer Furor des Sparens habe Europa arm gemacht, schäbig werden lassen. Wo anders als hier, im Raum 4358, sitzt der Verantwortliche dieser Politik? Weiß dieser Herr im grauen Anzug eigentlich, was er tut?
Schäuble plaudert nicht gern. Es scheint ihm nichts auszumachen, sofort zur Sache zu kommen, zur Frage, worauf sich seine politischen Entscheidungen gründen. Wie wissenschaftliche Erkenntnisse in den politischen Prozess kommen. Und? "Da gehst du", sagt Schäuble, "wie Bismarck sagte, von einer Sekunde auf die andere in den dunklen Wald." Der Minister spricht von seinem Zuständigkeitsbereich.
Er meint dieses System der Finanzen, der weltweiten Transfers und hypersensiblen Erwartungen, in einer Epoche chronischer Krisen. Vielen Wählern bleibt nicht viel mehr als die Hoffnung, dass ihre gewählten Vertreter in Parlament und Regierung schon wissen werden, was sie da tun. Aber woher wissen sie es?
Schäuble zeigt auf einen Mann, der mit am Tisch sitzt, einen unauffälligen, wachen Herrn, den der Minister, nie ohne einen mokanten Unterton, seinen "Chefökonomen" nennt. Es ist Ludger Schuknecht, im Jargon des Ministeriums "AL I", der Leiter der Grundsatzabteilung, ein Mensch mit einem Kopf wie ein nervöser Vogel. Schuknecht ist das Bindeglied zwischen der Welt der Wirtschaftstheorie und der Welt des Machbaren, zwischen Wissen und Macht. "Er ist ein hervorragender Wissenschaftler", sagt Schäuble und freut sich, den Satz mit einem "aber" zu beenden. Er verkneift sich das, es wird auch ohne Worte klar, was er sagen möchte: Politik ist etwas völlig anderes. Schuknecht lacht, hektisch.
Seine Aufgabe ist es, auf Zuruf eine Antwort auf alle technischen, fachlichen Fragen zu haben. Schäuble ruft auch mal nachts an, wenn ihn ein Problem umtreibt. Wie war das noch mal mit der "balance sheet crisis" in Spanien? Welchen Gesetzen unterliegen die Schattenbanken im US-Bundesstaat Delaware? Der Minister will dann Input haben, sofort, Material, auf dem sich weiter herumkauen lässt.
In Schuknechts Grundsatzabteilung arbeiten etwa 140 Beamte und Angestellte, überwiegend Ökonomen, sie liefern den Staatssekretären und dem Minister die neuesten Zahlen. Ihr Anspruch ist es, immer auf der Höhe der akademischen Debatte zu sein, oder besser noch: einen Schritt voraus. Schuknecht ist überzeugt, dass seinem Stab kein wichtiger Gedanke entgeht. Seine Truppe repräsentiert das geballte Expertenwissen der Macht.
Jeder von ihnen hat sein Spezialwissen und Kontakte in die Universitäten, Banken, Verbände, zu Think-Tanks in Brüssel und Washington. Schuknechts Leute laden Professoren ein, für den Staat Ideenpapiere zu schreiben oder auch auf einen Kaffee ins Zimmer 4358, wenn der Minister Lust auf ein Gespräch hat.
So kam am 2. März 2011 auch Kenneth Rogoff herauf in den vierten Stock, Harvard-Ökonom und einer der angesehensten Wirtschaftstheoretiker. Rogoff hatte im Erzberger-Saal des Ministeriums einen Vortrag über sein letztes Buch gehalten, ein 500 Seiten dicker Wälzer über die Finanzkrisen der vergangenen 800 Jahre: "Dieses Mal ist alles anders". Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller und Pflichtlektüre für Finanzminister und Notenbanker, ein gewaltiges Zahlenwerk, geschöpft aus Archiven, vergessenen Büchern und verschollen geglaubten Akten, das die Anatomie von Finanzkrisen zu verstehen half.
Wolfgang Schäuble hatte es gelesen. Eine Stunde saßen die beiden zusammen. "Das war kein engeres Beratungsgespräch", sagt der Minister. "Ich hab mir erklären lassen, was er in seinem Vortrag vorgestellt hatte." Und das passte zu dem, was Schäuble immer schon wusste: Seit es Geld gibt, gibt es Schulden, gibt es Krisen, und wenn sie sich zu Staatsschuldenkrisen auswachsen, wenn das ganze Gebäude der Weltfinanzen wackelt, dann gibt es keine einfachen Antworten mehr. Bald schon würde der Name Rogoff in Reden des Ministers auftauchen.
"Wissenschaft ist wichtig", sagt Schäuble, "weil man sich immer bemühen muss zu begreifen." Und doch sind all die Modelle und Theorien immer nur das eine, politische Entscheidungen etwas völlig anderes. Die Welt fügt sich keinen Theorien, Geschichte hält keine Lehren für die Zukunft bereit. Plötzlich wird das Richtige der Experten vom Realen des Möglichen umgelenkt - politischen Kompromissen in Brüssel, Unruhen in Lissabon, dem Machtkampf im Präsidium einer Koalitionspartei in Athen.
Griechenland ist dafür nur ein Beispiel, ein gutes. Schäuble kommt oft darauf, er schnauft dann tief und bläst, macht Pausen, legt die Hände ineinander verkrallt wie betend vors Gesicht, knetet seine Augen.
Hätte das Land 2010 ausscheiden sollen aus dem Euro-Verbund? Diskutiert worden ist das an der Wilhelmstraße, auch wenn öffentlich nie darüber geredet wurde. Die Zahlen waren eindeutig, sie verhöhnten die Kriterien von Maastricht. "Aber dann ruft Timothy Geithner an", sagt Schäuble, Geithner, Finanzminister der USA, "und sagt: ,Du weißt aber schon, dass wir die Entscheidung, die Lehman Bank pleitegehen zu lassen, 24 Stunden später nicht mehr getroffen hätten?'" Schäuble zuckt die Achseln, er schweigt. Er wiegt den Kopf, sucht den Blick, er macht die Augen schmal, in Körpersprache fragt er: Tja, was machst du da? Was stimmt? Was ist falsch? Was fliegt dir morgen um die Ohren?
"Oder nehmen Sie die Debatte über den Schuldenschnitt für Griechenland, 2011." Wieder das Achselzucken des Ministers. Welche Folgen würde ein Schuldenerlass haben? Was käme auf Portugal zu? Auf Irland? Und wie tief sollte der Schnitt für die privaten Gläubiger gehen? 20 Prozent? 22? 30? Oder mindestens 50, wie Schäuble von Beginn an forderte? Nicht, weil er sich der Zahl sicher war, sondern fast aus einem Gefühl heraus, gespeist aus zig Jahren Umgang mit dem Möglichen. In solchen Situationen hilft kein Schuknecht mehr. In solchen Situationen sitzen spätnachts die Politiker zusammen, trinken Wein und reden, nicht über fachliche Details, nicht über Technik, sondern darüber, was sie alles schon erlebt haben, darüber, was geht und was nicht.
Schäuble erzählt, wie ihn der Chef der Europäischen Zentralbank, damals Jean-Claude Trichet, warnte, mit seiner sturen 50-Prozent-Forderung riskiere er die schlimmste Krise seit der Großen Depression von 1929. "Er hat Gott sei Dank nicht recht behalten", sagt Schäuble. "53 Prozent sind es geworden, das können Sie schlussendlich nicht wissenschaftlich entscheiden, aber Sie müssen sich die Entscheidung eben so schwer wie möglich machen, mit Hilfe der Wissenschaftler, alles abwägen, dann entscheiden und davon ausgehen und ein wenig hoffen, dass Sie nicht unrecht haben." Schäuble schnauft, zuckt die Achseln. Er ist so ehrlich zuzugeben, dass er den Vorgänger Peer Steinbrück nicht beneidet hat, als 2008 die Lehman Bank krachte und die Weltfinanzkrise losplatzte, nicht beneidet "um dieses miese Gefühl, wenn du merkst, was das werden kann: Panik".
Panik, 1929, Große Depression, an diesem Trauma arbeiten sich die Ökonomen seit einem Menschenalter ab. Es beherrscht ihre Theorien, geistert durch ihre Modelle. Aus den Lehren dieser großen Krise entwickelten sich zwei Denkschulen, die sich bis heute feindlich gegenüberstehen und das Reden über Finanz- und Wirtschaftspolitik schnell in ein ideologisches Minenfeld verwandeln können.
In der Krise und durch das Studium der Krise wurden der Londoner Währungsspekulant John Maynard Keynes und der Wiener Arztsohn Friedrich August von Hayek die Exponenten zweier Lager. Keynes sah den Staat in der Verantwortung, Hayek vertraute trotz allem auf möglichst unregulierte Märkte. Keynes versus Hayek, bis heute können die Kontroversen in der ökonomischen Theorie als Varianten dieses Gegensatzes gelesen werden, auch wenn die Debatten jetzt mit den ausgeklügelten mathematischen Modellen der Ökonometrie geführt werden. Für die Keynesianer ist der Markt ein Tier, das dressiert werden will. Hayeks Schüler dagegen hätten den Staat gern als Nachtwächter, der einen losen Rahmen setzt und die Märkte machen lässt. Eine Krise steht man durch wie schlechtes Wetter und kämpft nicht gegen sie an. Wolfgang Schäuble sagt: "Diese Kategorien sind mir zu einfach, ich habe da eine erfahrungsgeprägte Geringschätzung. Da bin ich drüber weg."
Deshalb vielleicht positionieren sich er und seine Leute am Ende stets mal so, mal so. Auf den endlosen Fluren des Ministeriums hat sich der Streit der Fakultäten in eine Frage des richtigen Timings aufgelöst: "Keynes" taugt für die kurze Frist, "Hayek" für die längere und lange. Sie zielen darauf, eine Balance zu halten zwischen der schnellen Stimulierung einer müden Konjunktur und dem langfristigen Erreichen eines vernünftigen Verschuldungsgrads. Sie nennen es den "flexiblen ordnungspolitischen Ansatz", der im Rest der Welt gern als "deutsche Ideologie" beschrieben und verachtet wird.
Denn selbst wenn Schäuble klingt wie Gerhard Schröder, der einst hemdsärmelig dekretierte, es gebe keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur eine moderne oder unmoderne, drückt er den europäischen Nachbarstaaten doch immer wieder eine Politik auf, die die dortigen Regierungen als wenigstens konservativ begreifen, wesentlich von Hayek inspiriert.
Wer Schuldenbremsen in der Verfassung verankern und dem Staat damit einen finanzpolitischen Keuschheitsgürtel anlegen will, wer Stabilitätspakte vorantreibt, wem eine niedrige Verschuldung wichtiger ist als hohe Arbeitslosenzahlen, der positioniert sich ideologisch. Das sagen die Kritiker von Schäubles Sparsamkeit, der neuen "deutschen Ideologie", von Frankreichs Sozialisten bis zu Barack Obama und Sahra Wagenknecht. Schäuble findet das "albern", und er hält den Streit ums Sparen, um die "Austerität" für eine "Verballhornung der Problematik". Wer sich die Probleme der Staaten ernsthaft anschaue, sagt er, könne nur zu dem Schluss kommen, "dass bei vielen die wirtschaftlichen Fundamente brüchig geworden waren und dass das auf Dauer nicht geht. Deshalb hilft auch einfach mehr Geld nichts, sondern nur die Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen".
Es ist eine sehr deutsche, sehr protestantische Haltung, die bis 2010 leicht als moralischer Hokuspokus abzutun war, weil starke wissenschaftliche Belege fehlten. Aber damals, im Jahresverlauf 2010, wurden sie termingerecht zur Griechenland-Krise geliefert: Forschern in aller Welt gelang der Nachweis, dass hohe Staatsverschuldung das Wachstum bremst, und ein kurzes, elegantes Papier der beiden Harvard-Professoren Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart legte sich sogar fest auf eine Zahl, eine "Marke", eine magische Grenze: Wenn die Staatsverschuldung, schrieben sie, gemessen an der Wirtschaftsleistung eines Landes auf mehr als 90 Prozent steige, dann leide das Wachstum. Mit solchem Wissen lässt sich Politik machen.
An dieser Stelle wird man fündig, wenn man das Wechselspiel von Politik und Wissenschaft verstehen will. Rogoff und Reinhart, beide Namen wirkten seit dem Bestseller "Dieses Mal ist alles anders" aus dem Jahr 2010 wie ein Qualitätssiegel. Und so wurde die 90-Prozent-Marke schnell zum Spielgeld aller Politiker, die immer schon daran geglaubt hatten, dass Sparen besser ist als Schulden machen. EU-Währungskommissar Olli Rehn sprach das ganze Jahr 2011 über von der "90-Prozent-Regel", der "90-Prozent-Schwelle". Sie wurde jetzt stets zitiert, wenn es darum ging, Haushalte zu kürzen, Schuldenmacher zu mahnen, in andere Länder hineinzuregieren. Olivier Blanchard, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, nannte die 90 Prozent "einen guten Referenzpunkt", und auch in der Wilhelmstraße war das Papier gleich nach Erscheinen als brauchbar erkannt worden.
Denn aus allen Ecken Europas drängte es, nun endlich wieder mehr Geld ins Herz der Volkswirtschaft zu injizieren und diese "Austerität", mit ihren bettelnden Alten, den chancenlosen Jugendlichen, den brennenden Barrikaden in Athen und Madrid zu beenden, nun endlich die Verschuldungskriterien nicht ernster zu nehmen als den Ruin des Projekts Europa.
Die Grundsatzabteilung belieferte Schäuble damals mit Vorlagen, um diesen Angriff abzuwehren. Das Haus argumentierte, dass in Europa das Vertrauen in einen soliden Staat geschichtlich mehr Gewicht habe als in den Vereinigten Staaten. Dass hohe Schulden auf unserem so gebeutelten Kontinent schlimmer lasteten als auf dem Heimatland der Weltwährung Dollar, wo man am Ende doch noch immer die Notenpresse anwerfen könne. Dass man Schulden nicht mit noch mehr Schulden bekämpfen könne, wie es Rogoff und Reinhart eben vorgerechnet hatten. Diese Linie vertrat Schäuble bei den diversen Konferenzen jener Zeit. Und er stützte sich dabei auf Rogoff.
Der Mann aus Harvard wurde aufgerufen als eine Art Kronzeuge gegen das Reich des Dollar einerseits und gegen die Lockerungstendenzen an Europas Peripherie andererseits. Und so widerfuhr ihm die Ehre, auch in einer Bundestagsrede Schäubles am 17. Januar 2013 namentlich genannt zu werden: "Wir wissen inzwischen - das hat selbst der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Herr Rogoff, nachgewiesen -, dass ab einer bestimmten Höhe der Staatsverschuldung eine weitere Erhöhung der Staatsverschuldung Wachstum nicht mehr fördert, sondern mittelfristig behindert. Genau deswegen machen wir das nicht."
Aber dann schlugen die Keynesianer zurück.
Im vergangenen April, drei Jahre nach Erscheinen des Reinhart / Rogoff-Papiers, machte eine Meldung rasend schnell die Runde, dass ein Student der Universität Amherst die Zahlen der Harvard-Professoren widerlegt habe. Die 90-Prozent-Studie, fand der 28-jährige Thomas Herndon, ein fleischiger Nordamerikaner aus Texas, sei voller peinlicher Tippfehler, sie basiere auf falschen Daten, vergleiche Äpfel mit Birnen, gewichte Zahlen falsch und sei im Grunde völlig wertlos. So stand es bald in allen Zeitungen, in Blogs und Tweets von Alaska bis Feuerland, von London bis Tokio.
Über Kenneth Rogoff brach ein Sturm herein, der mit ziviler Wissensgesellschaft nicht mehr viel, mit digitalem Mob aber sehr viel zu tun hatte. Rogoff, ein blasser, kahler Gelehrter, der seit seinem 25. Lebensjahr den Titel eines Schachgroßmeisters tragen darf, erzählt davon in seinem Büro hinter dem griechischen Säulenportal des Littauer Building der Harvard-Universität. Er hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und gibt keine Interviews mehr, aus Angst, jeder Halbsatz werde nur wieder gegen ihn verwendet. Mit dem SPIEGEL setzt er sich hin, um seine Ehre zu verteidigen.
Rogoff erzählt, dass er zeitweise zehn E-Mails jede Stunde bekam, deren Absender ihn wahlweise als Dreckschwein oder Mörder beschimpften und ihn aufforderten, ins Wasser zu gehen oder sich einen Strick zu nehmen. Er erzählt, dass ihn mancher Rufmordanschlag im Fernsehen sein Leben lang begleiten werde. Er erzählt, dass ihm befreundete Kollegen sagen, er sei das Opfer eines ungeheuerlichen, ja, faschistoiden Feldzugs. Er sagt, er erzähle das alles nicht, damit man es schreibt, sondern damit man ihn versteht. Würde man es aber nicht schreiben, überließe man seinen Feinden kampflos einen unverdienten Sieg.
"Unsere 90-Prozent-These ist nicht so zu verstehen, dass bis 89 Prozent alles gut und von 91 Prozent an alles katastrophal wird", sagt Rogoff. "Aber an dieser Schwelle tut sich etwas. Wir haben es vielleicht noch nicht ganz genau verstanden, aber es kann doch niemand glauben, dass die in vielen Ländern höchste je gemessene Staatsverschuldung in Friedenszeiten kein Problem wäre." Ist er also wirklich, wie seine Kritiker und Feinde sagen, der erste Anwalt des sturen Sparens? Rogoff lacht hell auf bei dieser Frage, bitter, verzweifelt fast.
Er kann ganze Ordner mit Zeitungsausrissen aufblättern, die belegen, wie austariert er und Carmen Reinhart öffentlich in dieser Frage argumentiert haben. Wie sie vor radikaler Austerität warnten. Wie sie dafür plädierten, die Staatshaushalte nachhaltig, vernünftig, mit Augenmaß anzupassen. Wie sie sogar keynesianische Ideen vertraten, um das Wachstum nicht abzuwürgen. Wie er, Rogoff, sich stark machte für ein bisschen weniger Stabilität in Europa, ein bisschen mehr Inflation, um einen sanften Weg des Übergangs zu finden. Es half alles nicht viel.
"Wie viele Arbeitslose gehen auf das Konto von Reinhart und Rogoff?" titelte der britische "Guardian". Rogoff ist über solche Verkürzungen entsetzt. Er, der Wert darauf legt, kein Parteigänger zu sein, der sich als "Zentristen" bezeichnet, dessen Werke im amerikanischen Wahlkampf von allen Lagern fröhlich geplündert und als Beweis für die Richtigkeit ihrer entgegengesetzten Programme zitiert wurden, kommt sich vor wie ein Kollateralschaden im alten Krieg der Ideologien. "Was kann ein Wissenschaftler machen, wenn Politiker ihre Reden mit seinem Namen schmücken? Hätte ich jedes Mal ein Dementi schicken sollen? An wen?"
Auf Seiten der Keynesianer griff allen voran der nicht minder berühmte Paul Krugman, Nobelpreisträger von der "New York Times", in die Tasten, um den Kollegen aus Harvard kunstvoll die Ehre abzuschneiden. Er berichtete ununterbrochen über die "Rogoff / Reinhart-Saga", die er wesentlich selbst spann. Bald fanden sich die beiden Forscher karikiert als ein Paar von Stümpern, das aus lauter Dummheit den Wohlstand ganzer Völker auf dem Gewissen habe. Noch im Juni dieses Jahres breitete ein großes "Zeit"-Dossier die Version aus, die 90-Prozent-Marke sei widerlegt, die Sparpolitik falsch. Aber davon kann keine Rede sein.
Schon bevor sie im April dieses Jahres attackiert wurden, hatten Reinhart und Rogoff ihrem - tatsächlich fehlerhaften - Arbeitspapier von 2010 längst ausführlichere Studien folgen lassen, die einen empirischen Zusammenhang von hoher Verschuldung und schwachem Wachstum weiter erhärteten. Ihre Befunde wurden gestützt von eigenständigen, nicht weniger profunden Untersuchungen der Europäischen Zentralbank, des Internationalen Währungsfonds und der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Und Wolfgang Schäuble, der Politikpraktiker, der Rogoff benutzt hat wie alle anderen, verteidigt ihn so: "Eigentlich ist es auch egal, ob die Grenze nun genau bei 90, 100 oder 110 Prozent liegt. Darum geht es auch gar nicht. Aber eines ist doch sicher: Verschuldung geht irgendwann zu weit, das kann doch niemand ernsthaft bestreiten."
Gab es trotzdem Situationen in den vergangenen drei Jahren als Finanzminister, in denen Schäuble fürchtete, auf dem Holzweg zu sein? "Wenn Sie in der Euro-Krise nicht mal zwischendurch gedacht hätten: Mein Gott, sind wir auf dem richtigen Weg?", sagt er, "das wäre ja auch komisch." Natürlich habe manchmal die Furcht im Raum gestanden, ob die Europäische Union wirklich halte oder ob das große Projekt scheitere. "Was wäre gewesen, wenn uns in einem der Länder eine Revolution ausgebrochen wäre?", fragt Schäuble. "Da kann der Ökonom gar nichts dazu sagen. Da sind Sie wieder bei der Kunst des Möglichen."
Unstet ist diese Kunst, sie mündet in ein dauerndes politisches Hin und Her, fast wie ein Pendel, das ausschlägt mal zu Keynes, mal zu Hayek. Im Sommer 2010 gab es eine Kehrtwende, eine Abkehr von schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen und eine Selbstverpflichtung der meisten Industrienationen auf Strenge in ihren Haushalten. Aber warum? Weil ein Professor im Amtszimmer 4358 die richtigen Worte fand? Weil in Harvard eine Studie erschienen war? Oder weil immer neue Studien erschienen, die die von Rogoff gefundenen Korrelationen untermauerten?
Die wahrscheinliche Antwort auf diese Fragen ist nein. Es mag die Eitelkeit mancher Experten kränken, aber ihre Expertise wird in der Politik zwar als Argumentationshilfe gebraucht, aber nie umgesetzt, schon gar nicht eins zu eins. Verhäckselt werden ihre Fundstücke zu einem Brei, dessen Fließrichtung die Politik aus dem Augenwinkel beobachtet, dessen Einzelteile sie aber nicht interessieren.
Ökonomische Erkenntnis ist vor allem ein Mittel zum Zweck, eine Argumentationshilfe, aber kein Navigationssystem. Es ist ein Prozess, sagt Schäuble: "Sie können politische Entscheidungen nicht an die Wissenschaft abtreten. Aber wenn Sie als Politiker glauben, Sie wüssten alles besser, dann ist das genauso falsch. Nein, Sie brauchen eine gewisse Demut."
An ihr mangelt es vielen Beteiligten, den vielen Experten zumal, die in Talkshows sitzen und stets ganz genau Bescheid wissen. Die die Politik gern verspotten dafür, weil sie angeblich nicht in der Lage sei, einfache Wahrheiten zu begreifen. In Wahrheit aber ist Politik - im Vergleich zu den reinen Lehren der Wissenschaft - ein schmutziges Geschäft, und das ist in diesem Fall auch gut so.
Wolfgang Schäuble kennt dieses Geschäft wie kaum ein anderer. Die kommende Bundestagswahl ist seine zwölfte, seit 41 Jahren sitzt er im deutschen Parlament. In dieser langen Zeit, in der die Mauer fiel, in der er ein Attentat überlebte, in der sich die einst in Ost und West gespaltene Welt neu finden musste, in der Flugzeuge in Wolkenkratzer flogen, in denen die Wall Street krachte, in denen der Euro wackelte, in der so ungeheuer viel Unvorhergesehenes geschah, hat der Minister ausreichend Zeit gehabt, Demut zu lernen. Wissenschaft ist immer nur das eine und Politik etwas völlig anderes. Die Kunst des Möglichen. Eine Wanderung, immer wieder, durch einen tiefen, dunklen Wald. ◆
Von Fichtner, Ullrich, Smoltczyk, Alexander

DER SPIEGEL 39/2013
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