21.09.2013

GEHEIMDIENSTEOperation „Sozialist“

Hinter dem Cyber-Angriff auf den halbstaatlichen belgischen Telekommunikationsanbieter Belgacom steckt offenbar der britische Geheimdienst GCHQ. Das geht aus Unterlagen aus dem Archiv des Whistleblowers Edward Snowden hervor, die der SPIEGEL einsehen konnte. Laut einer als "streng geheim" eingestuften GCHQ-Präsentation geht es bei dem Projekt mit dem Tarnnamen "Sozialist" ("Operation Socialist") darum, eine "bessere Ausspähung von Belgacom" zu ermöglichen und die Infrastruktur des Anbieters besser zu verstehen. Die Präsentation ist undatiert, aus einem weiteren Dokument geht jedoch hervor, dass der Zugang seit mindestens 2010 besteht. Insbesondere die Belgacom-Tochter Bics, ein Joint-Venture mit der Swisscom und der südafrikanischen MTN, ist danach im Visier der britischen Späher.
Die Belgacom, bei der auch EU-Institutionen Großkunden sind, hatte im Zuge der NSA-Enthüllungen eine interne Untersuchung veranlasst, einen Angriff festgestellt und Anzeige gegen unbekannt erstattet. Belgiens Premierminister Elio Di Rupo sprach in der vorigen Woche von einem "Anschlag auf die Integrität eines Regierungsunternehmens". In Belgien fiel der erste Verdacht auf die NSA. Der Präsentation zufolge steckt indes maßgeblich Belgiens EU-Partner Großbritannien hinter "Operation Socialist" - wobei die Briten dafür laut den Unterlagen eine Spähtechnik einsetzen, die von der NSA entwickelt wurde. Den GCHQ-Folien zufolge lief der Angriff über mehrere Belgacom-Angestellte, denen die Briten über eine Angriffstechnologie namens "Quantum Insert" ("QI") ihre Späh-Software unterjubelten. Dabei handelt es sich offenbar um eine Methode, bei der Zielpersonen ohne ihr Wissen auf Websites umgeleitet werden, die dann ihre Rechner manipulieren. Einige der so infiltrierten Mitarbeiter hätten "guten Zugang" zu wichtigen Teilen der Belgacom-Infrastruktur, freuten sich die Spione von der Insel. Offenbar arbeitete sich das GCHQ von dort aus weiter in das Unternehmensnetzwerk vor. Man stehe davor, Zugang zu den zentralen Roaming-Routern der Belgier zu erlangen, heißt es in der Präsentation. Über diese Router werden internationale Verkehre abgewickelt. Der Präsentation zufolge wollten die Briten diese Zugänge für ausgefeilte Angriffe ("Man in the Middle"-Attacken) auf Smartphone-Nutzer verwenden. Die Operation Socialist wird in dem Dokument als "Erfolg" gewertet. Auf Anfrage wollte sich das GCHQ zu dem Vorgang nicht äußern.

DER SPIEGEL 39/2013
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GEHEIMDIENSTE:
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