21.09.2013

KORRUPTIONEvas Kanonen

Der Rüstungskonzern Rheinmetall soll einen indischen Waffen-Lobbyisten bestochen haben. Beschlagnahmte E-Mails offenbaren die dunklen Geschäfte der Branche.
Sie - eine Traumfrau der neunziger Jahre: groß, blond, verführerisches Lächeln. Eva Herzigova, "Miss Wonderbra", lief für den Dessous-Hersteller Victoria's Secret über den Laufsteg, modelte für Hugo Boss, warb für Louis Vuitton und prangte auf diversen Titeln der "Elle".
Er - sicher nicht der Typ, von dem Frauen träumen: klein, dunkel, untersetzt. Doch Abhishek Verma stammt aus einer einflussreichen indischen Familie, sein Vater war Spitzenpolitiker der regierenden Kongresspartei. Verma studierte in den USA, versuchte sich als Politiker und endete als Waffenhändler.
In seiner indischen Heimat nennen sie ihn "Lord of War". Dabei gibt es offenbar etwas, was Abhishek Verma noch mehr liebt als die Waffen und das Geld, das er damit verdient: blonde Frauen - wie Eva Herzigova.
Nicht nur, dass Vermas rumänische Ehefrau die geschmacklich etwas preiswertere Variante der Herzigova abgibt. Der Waffenhändler benutzte offenbar den Namen des emsigen Supermodels als E-Mail-Adresse: evaherzigova@gmail.com. Allem Anschein nach für schmutzige Geschäfte mit deutscher Beteiligung, wie indische Ermittler vermuten.
Es geht um Waffenhandel, verschlungene Geldpfade, Verrat und die Frage, wen man in Indien als deutscher Rüstungskonzern eigentlich schmieren muss, um von der schwarzen Liste des Verteidigungsministeriums wieder herunterzukommen. Und darum, was zwei Top-Manager der Rheinmetall von alldem gewusst haben. Von einer "kriminellen Konspiration" ist im Abschlussbericht der indischen Ermittler vom 3. Juni dieses Jahres die Rede.
Die Geschichte beginnt im Jahr 2009, als Rheinmetall Air Defence (RAD), eine Schweizer Tochter der Düsseldorfer Waffenschmiede, einen 2,5 Milliarden Dollar schweren Auftrag in Indien an Land ziehen will. Indien braucht Luftabwehrgeschütze, Kaliber 35 Millimeter.
Offenbar ist Rheinmetall sich seiner Sache nicht sicher und, glaubt man indischen Ermittlern, hilft nach: Im April 2009 soll der Generaldirektor der indischen Rüstungsbeschaffungsbehörde OFB 1 750 000 Rupien (damals 26 000 Euro) von Rheinmetall erhalten haben.
Doch die Sache fliegt auf. Rheinmetall drohte deshalb auf die schwarze Liste des Verteidigungsministeriums gesetzt zu werden: Das hieße aber, der Konzern würde alle laufenden Aufträge verlieren und dürfte zehn Jahre keine Waffen mehr nach Indien liefern. So jedenfalls steht es in einer vorläufigen Feststellung, der "Show Cause Notice", des indischen Verteidigungsministeriums vom 4. Februar 2011. Rheinmetall sagt bis heute, man habe keine illegalen Zahlungen geleistet. Gegen die Vorwürfe gehe man "im Delhi High Court gerichtlich vor".
Wie dem auch sei, im Jahr 2011 stehen neue Rüstungsaufträge in Indien an. Die drittgrößte asiatische Industriemacht - ihr veraltetes Arsenal stammt oft noch aus Lieferungen der früheren Sowjetunion - gilt als einer der lukrativsten Waffenmärkte der Welt, Rheinmetall würde zu gern etwas davon abhaben. Und hier kommt "Eva Herzigova" ins Spiel, ebenjene E-Mail-Adresse, hinter der sich der "Lord of War" verbarg, oder genauer: Abhishek Verma.
Die Beziehung zwischen Rheinmetall und dem indischen Lebemann begann nach den Rekonstruktionen der indischen Ermittler wohl im Frühjahr 2010. Gerhard Hoy, RAD Senior Vice President und Statthalter der Firma in Indien, soll sich demnach mit Verma und dessen rumänischer Geliebter Anca im Hotel Aman in Delhi getroffen haben, wo die Firma ein Büro unterhielt. Später soll Hoy einer Einladung in Vermas Villa gefolgt sein.
Dort soll im Herbst 2010 auch der heutige Rheinmetall-Bereichsvorstand Bodo Herbert Garbe zu Gast gewesen sein. Nach Ansicht der indischen Ermittler ging es bei dem Treffen bereits darum, wie man verhindern könne, dass Rheinmetall auf der schwarzen Liste des Verteidigungsministeriums landet.
Scheinbar versprach Verma viel an diesem Abend. So viel, dass Rheinmetall-Statthalter Hoy sich kurz darauf über seine indische Sekretärin nach einer Kontonummer von Verma erkundigte, so die Ermittler. Der Waffenhändler habe auf eine Firma in den USA verwiesen, die er nach Ansicht der Fahnder kontrollierte, die Ganton Ltd. Per E-Mail vom 15. Februar 2011 teilte Verma die Kontonummer mit: 746098276 bei der JPMorgan-Chase-Bank in New York.
Am selben Tag noch bereitete Verma seinen New Yorker Statthalter Edmonds Allen auf die Überweisung von RAD vor. "Need an invoice for services rendered", mailte "Eva Herzigova". Der Amerikaner solle für die Überweisung eine passende Rechnung für "geleistete Dienste" ausstellen, "für Rheinmetall Deutschland". Alles Weitere mündlich, auf vermeintlich abhörsicherem Weg: über Skype.
Der Amerikaner mailte erstaunt zurück: "Rechnung von wem?", wollte er wissen. "Was haben wir getan, um solch eine Großzügigkeit zu verdienen?" Vor allem aber wunderte sich Allen, dass die deutsch-schweizerische Firma so viel Geld überweisen wolle, ohne dass dazu schriftliche Vereinbarungen vorlagen.
"Eva Herzigova" mailte zwei Sätze zurück, mit denen er praktisch erklärte, wie man auf dem heimischen Rüstungsmarkt reich wird: "In Indien haben wir mündliche Absprachen. Sind erst mal Hände geschüttelt, dann ist das mehr Platin wert als jeder juristische Vertrag der Welt."
Auf diese Schattenwelt vertraute offenbar auch Rheinmetall. Als Beweisstück stellten die indischen Fahnder später eine handschriftliche Notiz von Hoy sicher: Darauf ist unter anderem die Zahl "530 000" gekritzelt sowie das Kürzel "Abi" - einer der vielen Spitznamen des "Lord of War" alias "Eva Herzigova".
Und tatsächlich: Kurz darauf gingen auf dem New Yorker Konto 529 982 Dollar von Vermas Firma ein, überwiesen vom Konto der RAD bei der UBS-Bank in Zürich.
Den wahren Hintergrund der Zahlung, da sind sich die indischen Ermittler sicher, offenbart eine Mail, die Verma am 23. März an mehrere seiner Partner schickte. Rheinmetall wolle sich um einen 1,5-Milliarden-Dollar-Auftrag der Inder für Flugabwehr-Radarsysteme bewerben. Allerdings: "Sie kommen wahrscheinlich gerade dann auf die schwarze Liste, wenn sie ihr Angebot abgeben. Wir versuchen das zu verhindern."
So weit hätte es eine für Indien ganz normale korrupte Routine sein können: Schmiergeld gegen Streichung von der schwarzen Liste. Wenn die Manager von Rheinmetall nicht offenbar in Panik geraten wären.
Plötzlich verlangte Rheinmetall das überwiesene Geld von Verma zurück. Um darüber zu verhandeln, flog Rheinmetall-Manager Max Kaufmann im April 2011 eigens zu Vermas Treuhänder Allen nach New York.
Der Amerikaner - nach Einschätzung der indischen Ermittler war er in die Absprachen mit Rheinmetall nicht eingeweiht - fragte bei Verma an, was er dem Rheinmetall-Mann antworten solle. "I need a story", mailte Allen nach Indien.
"Eva Herzigova" antwortete am 18. April mit einer ausführlichen Regieanweisung: Rheinmetall dürfe das Geld nicht zurückbekommen. Es sei dafür bestimmt gewesen, dass "einige Leute in Indien ihren Job gut gemacht hätten". Der vereinbarte "Job" sei bereits zu drei Vierteln erledigt. Und wenn Rheinmetall nicht zahle, sobald er ganz erledigt sei, würden "mächtige Leute" in Indien sich "aufregen", und das könne "einen negativen Effekt auf alle unsere anderen Militärprojekte in Indien" haben.
Ob nur zum Schein oder weil Rheinmetall tatsächlich Druck machte: Laut einer Mail vom Juni 2011 schlug Verma den Rüstungsmanagern vor, ihnen das Geld in Indien zurückzugeben, in "kleinen Raten" und in Rupien. Ob Rheinmetall das Geld tatsächlich wiederbekommen hat oder es durch die Rückführung nach Indien nur gewaschen und dann doch als Schmiergeld eingesetzt wurde, wie Dokumente nahelegen? Völlig unklar.
Eigenartig nur, dass die Rheinmetall-Manager und Verma dessen New Yorker Statthalter Allen angeblich beauftragten, Akten rückzudatieren und zu fälschen, um die 530 000 Dollar als Honorar für fiktive Beratungstätigkeiten zu vertuschen. So jedenfalls sagte es Allen vor indischen Ermittlern aus, wo er seine früheren Geschäftspartner angezeigt hat.
Die Geschichte flog damit auf, noch bevor der "Lord of War" mit Hilfe seiner "mächtigen Leute" Rheinmetall in Indien von der schwarzen Liste bekommen konnte. Im März 2012 wurde der Rüstungskonzern offiziell von künftigen Aufträgen verbannt. Im Juni 2012 - nur ein paar Tage nach ihrer Hochzeitsfeier - wurden Verma und seine Frau Anca festgenommen. Die gebürtige Rumänin soll Verma-Firmen vorgestanden haben.
Über seinen Anwalt ließ er dem SPIEGEL mitteilen, der Vorwurf, er habe von RAD 530 000 Dollar erhalten, sei "falsch, politisch motiviert und ohne Grundlage". Er, Verma, habe niemals geschäftliche Beziehungen zu Rheinmetall unterhalten. Seinen Ex-Mitarbeiter, den amerikanischen Whistleblower Allen, nennt er heute einen "Betrüger, Fälscher, Schwindler und professionellen Erpresser".
Auch Rheinmetall weist alle Anschuldigungen "unzulässiger Geschäftsbeziehungen" mit Verma oder seinen Firmen zurück. Man habe "nie versucht, ein angedrohtes ,Blacklisting' in Indien mit illegalen Mitteln zu verhindern".
Der Konzern räumt zwar Kontakte zu Vermas Firma Ganton ein. Die 530 000 Dollar seien jedoch "legitime Beratungsleistungen zu konkreten Projekten" gewesen. Im Umfeld des Konzerns macht das Wort "Intrige" die Runde. Alles nur eingefädelt, um Rheinmetall als Lieferant auf dem lukrativen indischen Markt fernzuhalten?
Jedenfalls ist die Geschichte für Rheinmetall noch nicht zu Ende. Das Techtelmechtel mit "Eva Herzigova" könnte am 25. November ein Nachspiel vor einem Spezialgericht in Delhi haben. Dann ist Indien-Statthalter Hoy vorgeladen. Das Gericht will auf "diplomatischem Weg" dafür sorgen, dass er und Rheinmetall-Bereichsvorstand Garbe vor Gericht erscheinen. Bislang lägen noch keine Ladungen vor, heißt es bei Rheinmetall.
Und Verma? Der fürchtet, wegen der politischen Dimension des Falls selbst in Haft um seine Sicherheit, ließ er den SPIEGEL wissen. Allerdings nicht per E-Mail - im Knast darf "Eva Herzigova" nur noch Briefe von Hand schreiben.
Von Jörg Schmitt und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 39/2013
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