21.09.2013

MUSIKINDUSTRIEFrisch vom Erzeuger

Im Internet können sich junge Bands selbst vermarkten. Sie sammeln online Geld und verkaufen ihre CDs auf ihrer Website. Manche gründen auch ihre eigene Plattenfirma.
Vor ein paar Monaten hat Dota Kehr auf 75 000 Euro verzichtet. Ihre Absage kann sie "rational gar nicht so recht begründen". Das Angebot war fair, aber dann dachte die Berliner Sängerin während langer Autofahrten mit ihrem Gitarristen über die Frage nach, was mehr wert ist: finanziell unabhängig zu sein - oder frei.
Am Ende war klar, dass sie einer der größten Plattenfirmen der Welt einen Korb geben würde, die mit ihr und ihrer Band, den Stadtpiraten, einen Vertriebs-Deal abschließen wollte. "Vielleicht war das dumm. Aber ich will kein Investitionsobjekt eines Musikkonzerns sein", sagt die 34-Jährige, und es klingt, als wäre sie gerade noch einmal den Fängen der Mafia entwischt.
Ihr Album "Wo soll ich suchen" erschien Ende August, bei Kleingeldprinzessin, ihrem eigenen Musiklabel. Den Vertrieb besorgt wie bisher Broken Silence, eine unabhängige kleine Firma in Hamburg. Bis Dota Kehr die Produktionskosten in Höhe mehrerer zehntausend Euro wieder reingeholt hat, wird einige Zeit vergehen.
Kehr ist nicht nur die Chefin in der Band, sie ist vor allem ihr eigener Chef. Sie muss denken wie eine Unternehmerin. Ihre Ware ist sie selbst. Sie und ihre Musik, kritische deutsche Texte im Bossa-Nova- oder Reggae-Sound. Bis auf den Vertrieb kümmert sie sich um so ziemlich alles. Schreibt Lieder und Rechnungen, lädt Songs und Videos auf ihre Website, hält 5000 Facebook-Anhänger bei Laune, verschickt den Newsletter an 15 000 Fans, deren Mail-Adressen sie in den vergangenen Jahren bei Auftritten gesammelt hat. Sie hat für sich eine Regel aufgestellt: Die täglichen zwei Stunden am Schreibtisch sollten mit mindestens einer Stunde Gitarre ausgeglichen werden. Immer klappt das nicht.
Aufstrebende Musiker sind heute mehr denn je Vermarkter ihrer selbst. Das Internet ist ihre Bühne und ihr Handelsplatz. Bestand Selbstdarstellung früher im Verteilen von Handzetteln und Bekleben von Litfaßsäulen, sprechen die Künstler über Facebook und Twitter nun direkt mit ihren Fans.
Wer nicht bei Radiosendern gespielt wird, findet auf YouTube immer noch ein Plätzchen. Wer seine CDs nicht bei Saturn und Media Markt ins Regal bekommt, verkauft seine Musik eben auf seiner Website, frisch vom Erzeuger.
Nur wenige Künstler halten sich wie Dota Kehr aus weltanschaulichen Gründen von großen Plattenfirmen fern; die meisten haben keine Wahl: Sie bekommen schlicht den langersehnten Vertrag nicht, denn auch die großen Labels investieren kaum noch in den Nachwuchs. Viele Bands gründen deshalb eigene Plattenfirmen. Mehr als 4000 zum Teil winzige Labels dürfte es mittlerweile bundesweit geben, schätzt Ole Seelenmeyer vom Deutschen Rock- & Popmusikerverband.
"Noch nie mussten Musiker so unternehmerisch denken wie heute", sagt Seelenmeyer. "Aber man muss das alles klug angehen, logistisch perfekt, mit einem minimalen Einsatz an Kraft und Geld. Sonst zerfleischt es einen."
Dota Kehr hat sich früh dafür entschieden, alles allein durchzuziehen. "Je mehr Leute einbezogen sind, desto mehr musst du dich wieder abstimmen." Kehr hat ihren eigenen Kopf, nicht nur, was das Finanzielle angeht. Sie mag ihr Gesicht nicht gern auf Plakaten oder CD-Covern sehen. Und sie hat keine Lust darauf, sich ihre Eigenheiten von irgendwem ausreden zu lassen. Vielleicht ist der Freiheitsdrang einfach schwer zu bändigen, wenn man wie sie einmal als Straßenmusikerin unterwegs war, Anfang des Jahrtausends in Deutschland und Südamerika. Leben könne sie von ihrer Musik schon lange, sagt sie, "gut sogar". 2011 wurde sie mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Auf Einladung des Goethe-Instituts trat sie in Russland und Neuseeland auf.
70 000 CDs hat sie in den vergangenen Jahren verkauft. Jede von ihnen war bei ihr zu Hause im Keller zwischengelagert. Anfangs gingen die meisten Alben bei Konzerten weg und über ihre Website. Inzwischen läuft ein Großteil des Umsatzes über Plattenläden und Online-Portale. Downloads spielen für Dota Kehr allerdings nur eine kleine Rolle.
Sie habe keine Sorge, dass ihre Lieder sie irgendwann nicht mehr ernähren könnten, sagt sie. Allenfalls Angst, dass ihr eines Tages keine Lieder mehr einfallen könnten, aber danach sehe es derzeit nicht aus.
Angst? Die Sängerin Alin Coen, 31 Jahre alt, 24 000 Facebook-Fans, an die 40 000 verkaufte Platten, sagt: In ihrer Karriere habe sie nur einmal richtig Angst gehabt. Das war vor fünf Jahren, in einem ICE von ihrem damaligen Wohnort Weimar nach Tübingen. Alin Coen war auf dem Weg zu ihrer ersten kleinen Tour, die sie sich selbst organisiert hatte. Fünf Auftritte, ohne Band, nur sie und ihre Gitarre. Folk Rock mit deutschen Texten.
Plötzlich überkam sie Panik. Würde sie von ihrer Musik leben können? Würde sie auf vieles verzichten müssen, der Kunst zuliebe? Um sich selbst keine Verschwendung vorwerfen zu müssen, bestellte sie im Speisewagen nicht die Ofenkartoffel mit Salat, sondern die drei Euro billigere Kartoffel mit Sour Cream aus dem Bordbistro, und als der freundliche Kellner ihr aus Mitleid doch die teure Kartoffel brachte, aber zum günstigen Preis, kamen ihr vor Rührung die Tränen.
Die Tour lief gut. Von den Einnahmen konnte Coen zwei, drei Monate leben. "Danach habe ich nie wieder um meine Zukunft gefürchtet."
Vor zwei Jahren trat Alin Coen mit Band beim Bundesvision Song Contest an, auch in der Sendung von Ina Müller war sie schon. Für ihr erstes Album hat die Band 2010 ein Label gegründet. Sie nannte es nach einem ihrer Songs, "Pflanz einen Baum".
Jeder Musiker hält ein Viertel der Anteile, 80 Prozent des Gewinns gehen an die Künstler. "Hätten wir uns an eine Plattenfirma gebunden, hätten wir insgesamt vielleicht 20 Prozent abbekommen", sagt Coen.
Auch ihr zweites Album wäre wohl bei Pflanz einen Baum erschienen, hätte ein befreundeter Künstlermanager nicht angeboten, der Band etwas Verantwortung abzunehmen. Er hatte Anfang des Jahres ein eigenes Label gegründet, Modul Entertainment. Die Musiker der Alin Coen Band sind bisher die einzigen Künstler, die Modul unter Vertrag hat.
"Wir können uns jetzt erst mal wieder auf die Musik konzentrieren", sagt Coen. In den vergangenen Jahren habe sie gelernt, wie wichtig Unternehmergeist für Künstler sei: "Sonst schaffst du das nicht allein."
Das fängt schon an, wenn es darum geht, Geld für die Produktion einer CD aufzutreiben.
Alin Coen etwa hat durch einen Deal mit dem Musikverlag EMI Publishing ein paar tausend Euro Vorschuss bekommen für die Tantiemen an einigen ihrer Songs. Auch die Initiative Musik, ein Projekt der Bundesregierung, hat ihre beiden Alben gefördert.
Eine gängige Form der Finanzierung ist inzwischen Crowdfunding, das projektgebundene Betteln um Spenden im Internet. Zu den bekanntesten Crowdfunding-Plattformen gehört Sellaband, ein ursprünglich niederländisches, heute deutsches Unternehmen mit Sitz in München und Berlin. 445 Künstler weltweit suchen zurzeit über Sellaband nach Förderern, darunter 56 deutsche.
Zu den elf Deutschen, die bisher ihr Ziel erreicht haben, zählt der Komponist und Pianist Oskar Schuster, 29, der auch Glockenspiel, Akkordeon und Ukulele spielt und selbst seine Schreibmaschine als Instrument benutzt.
Seine Musik erinnert an das Titellied aus dem französischen Film "Die fabelhafte Welt der Amélie", dessen Komponist eines seiner Vorbilder ist. Bei seiner Arbeit inspirieren Schuster nach eigener Aussage Fotografien, Kinderbücher und das Werk Franz Kafkas. Aus Scheu vor Publikum tritt er nicht öffentlich auf.
Sein erstes Album "Dear Utopia" verkaufte er in seinem kleinen Onlineshop zwar nur ein paar hundert Mal. Dort bietet er auch Noten feil, auf Wunsch mit persönlicher Widmung. Mehr Geld verdient er, wenn jemand seine Musik für einen Kinofilm oder Videoclip verwendet. Und er gibt Klavierunterricht.
Für sein zweites Album begann er im Juli vergangenen Jahres bei Sellaband zu sammeln. Alle paar Tage verkündete er auf seiner Facebook-Seite, wie viel Geld er bereits zusammenhatte.
Am 3. Juli 2012 vermeldete er stolz: Nach einem Tag seien bereits 70 Euro eingegangen. Am 20. Februar dieses Jahres hatte er 50 Prozent der angestrebten Summe erreicht, am 15. Juni erklärte er die Sammelaktion für beendet: "Thank you soooo much everyone who supported me!" Zwar bekam er nicht die ursprünglich anvisierten 7000 Euro zusammen, aber er hofft, dass 6000 Euro reichen.
Am 2. September schrieb er seinen Facebook-Fans, seine Aufnahmen seien fast beendet, bis zur Veröffentlichung werde es aber noch dauern. Nun werden noch die Streicher eingespielt und gemischt. Zwei Demo-Tracks gab es bei Facebook bereits zu hören.
Anfang kommenden Jahres, wenn das Album veröffentlicht wird, sollen die Mini-Mäzene entlohnt werden. Wer 10 Euro gegeben hat, erhält einen kostenlosen Download des Albums. Für 40 Euro erscheint der Name des Spenders im Booklet.
Für jene Gönner, die ihm 100 Euro oder mehr zukommen ließen, wird Oskar Schuster ein privates Konzert geben. Seine Scheu vor Publikum muss er dabei nicht überwinden. Er will von seinem WG-Zimmer aus konzertieren, per Video übertragen auf dem Internetdienst Skype.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 39/2013
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