21.09.2013

AFGHANISTANDie Rückkehr des Löwen

Während der Westen den Kriegsschauplatz am Hindukusch möglichst schnell verlassen will, bereiten sich alte Warlords wie Ismail Khan auf die neue Zeit nach dem Abzug vor. Ein Besuch in Herat. Von Christian Neef
Mit entschlossenem Ruck erhebt sich Ismail Khan aus seinem Sessel. "Ich habe die Frage verstanden", sagt er. "Sie wollen also wissen, ob zwölf Jahre nach Einmarsch der westlichen Truppen jedes Dorf endlich Strom bekommt." Afghanistans Minister für Wasser und Energie geht zu einer Landkarte an der Wand, auf ihr sind die rekonstruierten Wasserkraftwerke eingezeichnet, die neuen Solaranlagen und modernen Windmühlen.
Khan angelt sich einen Zeigestock, tippt auf die Gegend westlich von Herat und sagt: "Hier bin ich 1996 mit 17 000 Mann aus Iran über die Grenze gekommen, das war zur Taliban-Zeit. Dann sind wir weiter über Faryab und Masar nach Faizabad und wieder zurück nach Herat." Er zieht den Stock nach Norden, dann nach Osten und wischt über all die Windmühlen und Kraftwerke hinweg, als störten die nur. "Überall haben sich meine Milizen tapfer geschlagen", sagt Khan.
Dieser Minister will nicht über Wasser und Strom reden, nicht darüber, was sich seit Vertreibung der Taliban in seinem Ressort getan hat. Da redet einer über die Vergangenheit, über seinen Kampf gegen die Sowjets, gegen das Nadschibullah-Regime und dann gegen die Islamisten, nachdem diese in Afghanistan die Macht übernommen hatten.
Aber er meint auch die Zukunft. Er hat die Wiederkehr der Taliban schon vor Augen, den Zerfall der Regierung in Kabul und den Ausbruch eines neuen Krieges zwischen den Volksgruppen. Eine Zukunft, in der die Macht wie früher zwischen den Clans aufgeteilt wird und als einzige regulierende Kraft erneut die Mudschahidin das Sagen haben werden, die im Kampf gegen die Sowjets und gegen die Taliban gestählten Stammesmilizen.
Khans Berater haben sich in respektvoller Entfernung niedergelassen, sie haben ein wenig gedöst, es ist Ramadan und schon Nachmittag, die Kräfte lassen nach. Jetzt aber nicken sie. Voller Ehrfurcht blicken sie auf ihren Chef, diesen kleinen Tadschiken mit dem prächtigen weißen Bart, der stets einen ebenso weißen Pehran-Tumban trägt, was Pyjama heißt, und um den Kopf ein schwarzes Tuch.
Der Minister Ismail Khan, 65, ist in Wahrheit noch immer das, was er schon vor 30 Jahren war: ein Mudschahid, ein Kriegsherr, ein Warlord. Das letzte Wort mag er allerdings nicht. "Mit diesem Begriff haben uns Amerikaner und Engländer zu diskreditieren versucht, bis sie im Kampf gegen al-Qaida und die Taliban ohne uns nicht mehr weiterkamen", sagt Khan. Und lächelt: ein älterer, friedfertiger Herr.
Aber dieser Herr hat schon in den achtziger Jahren, als es die sowjetischen Besatzer zu schlagen galt, ganze Armeen über den Hindukusch marschieren lassen. Er war auch einer der Kommandeure im folgenden Bürgerkrieg, in dem sich Afghanistans Völker - Tadschiken, Hazara, Usbeken und Paschtunen - gegenseitig massakrierten und nebenbei Kabul in Schutt und Asche legten.
Den "Löwen von Herat" nannten sie Khan, denn er war bis 2004 auch Gouverneur der bedeutendsten Provinz im Wes-
ten des Landes. "Emir", Fürst, lautete sein Titel, und so lässt er sich noch immer ansprechen. Dann aber wurde er den Amerikanern und Präsident Hamid Karzai zu mächtig. Sie stürzten Khan und holten ihn nach Kabul, um ihn besser kontrollieren zu können, schließlich fanden sie ihn mit diesem läppischen Amt des Wasserministers ab - obwohl aus seiner Sicht doch Verteidigungs- oder Innenminister angemessen gewesen wäre. "Ich bin nicht freiwillig auf diesem Posten", sagt Khan.
Er residiert jetzt in einem schäbigen Bürohaus an der Straße, die zum Darulaman-Palast am Rande Kabuls führt, dem prächtigen Parlamentsbau, von dem der Bürgerkrieg nur ein Skelett übrig gelassen hat. Acht Jahre ist Khan nun Minister, er weiht Kraftwerke ein, schreibt den Bau von Stromtrassen aus, geht zu Kabinettssitzungen. Sein Amt ist nicht wichtig in Kabul. Und doch haben sie Angst vor ihm, die Amerikaner und Karzai, der vor allem.
Das Jahr 2014 steht bevor und damit der Abzug der Nato. Zeigt sich Khan jetzt in der Öffentlichkeit, ist er wieder ganz der Mudschahid. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Afghanistan erneut zerstört wird", hat er Ende vorigen Jahres öffentlich gesagt. Und außerdem: dass die Regierungstruppen in weiten Teilen des Landes machtlos seien und die Afghanen sich wieder bewaffnen sollten; dass neue Rekruten angeworben und die Kommandostrukturen der früheren Milizen wiederhergestellt werden müssten.
Die internationale Koalition "hat uns unsere Geschütze und Panzer weggenommen und Schrott daraus gemacht. Dafür haben sie holländische, deutsche, amerikanische und französische Mädchen zu uns gebracht. Außerdem weiße Soldaten aus Europa und schwarze aus Afrika, die Afghanistan sichern sollten. Sie sind gescheitert". So redete er, der Minister, auf einer Kundgebung bei Herat.
Danach ließ Präsident Karzai mitteilen, die Worte seines Ministers hätten "mit der Politik der Regierung nichts zu tun". Ein afghanischer Senator erklärte, Leute wie Khan röchen jetzt Blut, sie sähen im Abzug der westlichen Truppen "die Chance, erneut einen Bürgerkrieg zu beginnen und lokale Rivalen auszuschalten". Auch der US-amerikanische Vier-Sterne-General John Allen, bis Februar Kommandeur der Isaf-Truppen in Afghanistan, schrieb Karzai einen besorgten Brief.
Ismail Khan lacht. "Einen? Es waren gleich zwei. Karzai hat sie mir vorgehalten. Und ich habe zu ihm gesagt: Es ist doch gut, dass einer wie Allen mitbekommt, was für Leute wir hier haben."
"Sie glauben, kaum ist die Nato weg, sind die Taliban wieder da?"
"Die arroganten Amerikaner haben die wichtigsten Taliban aus Kabul vertrieben, den Rest aus der Luft bombardiert und dann den Krieg eingestellt", sagt der Minister. "2013 war das bislang blutigste Jahr in Afghanistan. Die Taliban sind wieder in ihren Dörfern. Sie wollen die gesamte Macht, unsere Armee wird sie nicht aufhalten können."
"Und Sie könnten sie stoppen?"
"Wir haben 20 Jahre Kriegserfahrung, wir haben eine Supermacht geschlagen. Wir werden auch mit den Taliban fertig", sagt Khan und lehnt sich zurück. "Aber doch nicht diese Armee", er fuchtelt in Richtung Verteidigungsministerium. Aus der vom Westen hochgepäppelten Truppe ist in den vergangenen drei Jahren jeder dritte Soldat desertiert, 63 000 Mann.
Selten wurde in afghanischen Ministerbüros so offen geredet wie nun, da der Abzug der westlichen Truppen begonnen hat. Und Ismail Khan ist keineswegs ein durchgeknallter Einzelgänger. Auch Marschall Mohammed Fahim, Afghanistans erster Vizepräsident und Ex-Warlord, spricht vom Comeback der Mudschahidin. Und Ahmed Zia Massud, Bruder des legendären Mudschahidin-Kommandeurs Ahmed Schah Massud, erzählt sogar öffentlich, dass seine Gefolgsleute schon wieder dabei seien, sich zu bewaffnen.
"Der Westen soll uns, bevor er hier verschwindet, unsere Flugzeuge und Kanonen zurückgeben oder ein Äquivalent dafür", sagt Ismail Khan. Und geht beten.
Der Ort, in dem Ismail Khan im November vergangenen Jahres aufgetreten ist, heißt Schahrak Schuhoda, auf Deutsch: Märtyrerstadt. Der Weg führt aus Herat heraus Richtung iranische Grenze. 130 Familien wohnen in dem Dorf, die Häuser mit den sonnengeschützten Innenhöfen sind keine zehn Jahre alt, Deutschland hat sie finanziert. In Schahrak Schuhoda leben ausschließlich ehemalige Mudschahidin mit ihren Familien oder die Witwen gefallener Kämpfer. Die ebenfalls von Deutschland bezahlte Schule trägt den Namen "Ismail Khan".
Der schmächtige Jalil Ahmad, 25, unterrichtet dort, nebenher studiert er in Herat Literatur. Vater und Onkel sind 1990 im Kampf gegen die kommunistische Regierung gefallen. Er bekommt 93 Euro Gehalt, davon kann er sich einen Sack Reis kaufen, Speiseöl und Benzin fürs Motorrad. Das ist nicht viel, aber selbst das, glaubt er, könnten die Taliban ihm nehmen, kämen sie in diese Gegend zurück. Ahmad war deswegen auch auf der berühmten Kundgebung mit Ismail Khan.
"15 000 Menschen waren dort", sagt er. "Aber es stimmt nicht, was die Regierung Ismail Khan vorwirft: Er hat nicht von Wiederbewaffnung gesprochen, auch nicht von der Bildung neuer Milizen. Er hat uns zur Einheit aufgerufen. Wir sollten keine Angst vor dem Jahr 2014 haben, aber wir sollten uns gut vorbereiten."
Und dann sagt Ahmad noch, dass sie Khan trauen würden, die Mudschahidin-Führer hätten in Herat einen guten Ruf. "Zweimal haben sie hier die Macht übernommen. 1992, als sie Nadschibullah stürzten, und 2001, nach dem Fall der Taliban. Jedes Mal blühte die Region auf."
Doch die Angst ist längst da, sie nistet in allen Provinzen, während die Amerikaner ihre Container über den Khyber-Pass schaffen und die Deutschen ihr Kriegsgerät in die Türkei ausfliegen.
Herat, der Metropole des westlichen Afghanistan, ist die Angst nicht gleich anzusehen. Die Einwohnerzahl ist auf eine Million Menschen angeschwollen, vier Millionen leben im Umland. Herat profitiert vom Handel mit Iran und Turkmenistan, keine Stadt in Afghanistan wirkt so aufgeräumt wie diese. Rückhalt hatten die Taliban in dieser Gegend nie.
Auch das muss sich aber geändert haben. Vor dem US-Konsulat ist Mitte September ein Lastwagen mit Sprengstoff in die Luft geflogen. Im Distrikt Obe zerstörte eine Bombe eine Motor-Rikscha, 19 Tote zählte die Polizei - fast ausschließlich Frauen und Kinder. Und in der Kleinstadt Karuch haben Taliban just an diesem Morgen den Staatsanwalt Wali Dschaan erschossen, den Bruder des Nationalen Sicherheitsberaters Rangin Dadfar Spanta.
"Ich glaube, die schlechtesten Tage liegen noch vor uns", sagt Said Hussein. Er muss es wissen, er war Hauptmann bei den Mudschahidin und kann sich gut erinnern, was nach dem Abzug der Sowjets 1989 geschah: Dem von Moskau eingesetzten Nadschibullah blieben noch drei Jahre, dann wurde er gestürzt, der Bürgerkrieg begann, Nadschibullah wurde später aufgehängt. Passiert jetzt das Gleiche mit Hamid Karzai?
Der 55-jährige Hussein ist Wärter im Dschihad-Museum von Herat, der einzigen Gedenkstätte für den Widerstandskampf der Mudschahidin im Land. Sie liegt oberhalb der Stadt, neben dem schwer gesicherten amerikanischen Generalkonsulat. Wer wissen will, was nach 2014 mit Afghanistan passieren könnte, sollte einen Blick in das Museum werfen.
Es ist zugesperrt, aber der Aufpasser mit dem gefärbten Bart schließt die Räume gern auf. In Glasschränken sind hundert Jahre alte englische Karabiner, sowjetische Weltkriegsgewehre und selbstgebastelte Granatwerfer verwahrt. Wie David den Goliath, so haben wir die Sowjets besiegt, lautet die Botschaft.
Auf dem Weg ins Obergeschoss steht eine Gruppe Mudschahidin, 50 Figuren aus Zement und Gips, sie hören ihrem Anführer zu, einem untersetzten Mann mit weißem Bart: Ismail Khan. Dann öffnet sich der Raum zu einem monumentalen 360-Grad-Diorama, das die Geschichte des Widerstands gegen die Sowjetbesatzer und Kabuls Kommunisten zeigt.
Da ist die Erschießung von Stammesältesten und Dorfgeistlichen nachgestellt, die im März 1979 den Aufstand der Herater gegen die kommunistische Regierung auslöste. Die Garnison schloss sich den Rebellen an, auch der damals 31-jährige Hauptmann Ismail Khan. Sie massakrierten Hunderte Zivilisten, auch die sowjetischen Berater, ihre Frauen und Kinder. Sowjetische Flugzeuge bombardierten daraufhin Herat, 24 000 Afghanen starben. Khan ging in den Untergrund und baute seine Rebellenarmee auf.
Das Museum zeigt die anrollenden Sowjetpanzer, brennenden Dörfer und knüppelschwingenden Bauern, die sich gegen die Soldaten wehren, die Flüchtlingstrecks nach Pakistan. Und es zeigt den Krieg der Rebellen gegen die Besatzer, der zugleich auch einer gegen das kommunistische Kabul ist. Es folgen die Kämpfe 1991 gegen die Nadschibullah-Armee, schließlich der Siegeszug: der Einmarsch der Mudschahidin in Herat 1992.
Und überall ist Khan wie auf einem Vexierbild unter den Figuren versteckt - und doch leicht auszumachen: Mal sitzt er auf einer Flugabwehrrakete und holt russische Kampfjets vom Himmel; dann wieder verspricht er einer Frau, den Leichnam des gefallenen Sohnes zu bergen. Zum Schluss schreitet er unter dem Triumphbogen für die Sieger hindurch.
Alles, was danach geschah, ist kaum erwähnt: weder Bürgerkrieg noch Taliban-Herrschaft, Khans Flucht nach Iran und seine Rückkehr, nicht seine Gefangennahme durch die Taliban und seine Flucht aus dem Gefängnis von Kandahar. Die Kämpfe, die ihn 2004 das Gouverneursamt kosteten, kommen gar nicht vor. Damals hatten lokale Kommandeure gegen ihn geputscht, Nato-Truppen und Karzais Armee griffen ein. Bei den Kämpfen starb auch sein Sohn. Im Gedächtnis des Ismail Khan muss noch manche Rechnung offen sein.
"Es gibt jede Menge Leute hier, die ihm sofort wieder folgen würden, sollte es notwendig sein", sagt der Museumswächter Said Hussein. Und dann erzählt er die Geschichte von jenem US-General, der in das Museum kam und ihn fragte, ob auch er, Hussein, nach dem Fall der Taliban seine Waffen abgeliefert habe. Ja, seine alte Kalaschnikow habe er abgegeben, lautete Husseins Antwort. Aber zwei neue, in Ölpapier verpackt, habe er im Haus versteckt. Der Amerikaner habe eine Weile geschwiegen und sich dann für so viel Offenheit bedankt.
"Überall in den Dörfern werden wieder Waffen verteilt, auch in den Nachbarprovinzen", sagt Hussein. "Eine gute Kalaschnikow von einem der Waffenmärkte in Pakistan oder Iran kostet bereits wieder 1500 Dollar. Die Nachfrage steigt."
Wer herausbekommen will, ob Herat noch immer die Hochburg des Ismail Khan ist, der muss Abdul Wahab Qattali aufsuchen. Oder einfach: General Wahab. Man findet ihn auf der Terrasse seines Restaurants im Norden der Stadt, gerade als der abendliche Ruf zum Iftar erklingt, zum Fastenbrechen.
Aber was heißt hier Restaurant? Es handelt sich um einen Glaspalast, in dem die Herater Hochzeiten feiern, mitten in einem Vergnügungspark. Auch ein Zoo und ein Teich gehören dazu, auf dem die Besucher in Schwanengondeln dahingleiten. In kleinen Pavillons wird gepicknickt, unten leuchtet die Stadt.
Diesen "Bürgergarten" hat Abdul Wahab Qattali eingerichtet, mehrere Millionen Dollar hat er ausgegeben - es ist sein zweites Prestigeprojekt, nach dem Dschihad-Museum. "Herr Khan hat uns sehr geholfen", sagt Wahab, der seinerzeit als Stabschef bei Ismail Khan diente.
General Wahab ist in den vergangenen Jahren zu Wohlstand gekommen. Auch eine große Hühnerfarm mit Gefrierfabrik besitzt er, seiner Familie gehören außerdem ein Fernseh- und ein Radiosender. De facto beherrscht er auch das örtliche Parlament - sein Sohn Sayed Wahid ist der Vorsitzende. Wie ein Schulbub steht dieser neben dem Papa, er ist erst 28 Jahre alt. Schwer zu glauben, dass der junge Mann vom Volkswillen in dieses Amt getragen wurde. 20 Dollar kostet eine Wählerstimme in Afghanistan.
Wahab ist ein kleiner Mann mit großer Wut im Bauch. Die Leute, die in Kabul an der Macht seien, hätten "keinen Bezug zu diesem Land", sagt er, während er durch den Bürgergarten schreitet, Bekannte grüßt und sich von Untergebenen die Hand küssen lässt. Sie seien aus dem Ausland gekommen und hätten "die Mudschahidin beiseitegedrängt". Das Geld, das ins Land fließe, werde in Kabul gestohlen, in den Provinzen komme nichts davon an.
Sein Ärger hat aber noch einen speziellen Grund: Seine Firma, die Faizi Group, hat acht Jahre lang in dieser Gegend die Nato-Transporte und die vom Westen gebauten Straßen gesichert. Das sei ein gutes Geschäft gewesen, gesteht Wahab: "Ich habe 1,7 Millionen Dollar Steuern an den Staat gezahlt. Aber auch viele Arbeitsplätze geschaffen."
800 Millionen Dollar sind in die neue Fernstraße von Herat nach Kandahar investiert worden. Wahab hat die Aufsicht über die Trasse vor zwei Jahren an den Staat abgeben müssen, seitdem würden die Brücken verfallen, sagt er, ein Fünftel der Strecke sei bereits marode. Der Regierung sei das egal, auch dass er 2500 Mitarbeiter entlassen musste. 30 000 Arbeitsplätze seien in Herat verschwunden, Strom werde aus dem Ausland importiert, die Leute könnten ihn kaum bezahlen. Während er nur Geld verliere, kämpfe das Volk schon wieder ums Überleben.
Am nächsten Morgen um neun Uhr inspiziert er seinen Sender Asar Dochtran Herat. Zehn Radiostationen gibt es in der Stadt, seine ist die einzige, die sich ausschließlich an junge Frauen und Mädchen wendet. Es läuft die Sendung "Guten Morgen". Zwei Frauen moderieren, Hörer werden live dazugeschaltet. Sie berichten von Familienproblemen, Misshandlungen, von ihrer Suche nach Arbeit.
Was sich hinter der Studioscheibe abspielt, ist der Versuch der Mudschahidin, eine Brücke zu jener Generation zu schlagen, die von ihren Kriegen nichts mehr weiß, die aber unverzichtbar ist, werden die Karten in Afghanistan neu gemischt.
"Es ist klar, dass nächstes Jahr alles von vorn losgehen wird", sagt General Wahab. Warum, will er nicht genau erklären, aber man ahnt, was er meint: Es geht gar nicht so sehr um die Taliban. Herat ist Tadschiken-Land, hier gehören wenige zum Volk der herrschenden Paschtunen. Auf Präsident Karzai in Kabul aber wird wieder ein Paschtune folgen, da wird erneut Streit ausbrechen, das wissen alle. Und die Nato ist dann nicht mehr da. Warum also aus der Provinz Herat nicht wieder eine Art separates Fürstentum machen? "Wir brauchen hier eine Autorität", sagt Wahab. "Wir brauchen Ismail Khan."
Wenn Besucher auf dem Flughafen von Herat landen und in die Stadt fahren, sehen sie als Erstes den Industriepark. Dort steht auch das kleine Stahlwerk der Kabul Folad Steel, es empfängt der Besitzer Esmatullah Wardak, 40.
Es gab bislang in Afghanistan kein Unternehmen, das Baustahl hergestellt hat. Wer bauen wollte, bezog den Bewehrungsstahl aus Iran, Pakistan, Aserbaidschan oder Tadschikistan. Wardak hat eine große Werkhalle errichtet, dort lässt er in einer riesigen Schrottschmelze die Stäbe gießen.
Ismail Khan? "Er war es, der diesen Industriepark mit 30 000 Arbeitsplätzen schuf, der Strom aus Turkmenistan und Iran besorgte und der die Stadt sicher machte. Nicht die Regierung in Kabul, die hätte hundert Jahre dafür gebraucht", sagt Wardak und lässt die Gebetskette durch seine Finger gleiten. "Und ich gehöre nicht
zu seinem Volk, ich stamme auch nicht aus dieser Provinz und war nie Anhänger seiner Ideologie."
Wardak hat in den vergangenen drei Jahren 20 Millionen Dollar investiert, er beschäftigt 500 Arbeiter. Jetzt aber hat die Regierung in Kabul ihn auflaufen lassen. Zehn Ingenieure hatte er sich geholt, aus Indien und der Türkei, denn Fachleute gibt es in Afghanistan kaum. Doch nun werden ihre Visa nicht verlängert, jedenfalls nicht in Herat. Dabei gibt es ein Dekret von Hamid Karzai, das genau dies fordert. "Aber seine Beamten halten sich nicht daran", sagt Wardak.
Wütend stapft er durch den Staub vor seiner Werkshalle. "Ich habe keine Angst vor dem Abzug der Nato. Aber ich habe Angst, wer nach Karzai die Regierung übernimmt." Schon dieser Präsident habe zwölf Jahre lang nichts für Afghanistan getan. "Geht irgendetwas mit Iran schief, brauchen die dort nur den Schalter umzulegen, und wir haben keinen Strom mehr."
Er werde seine Fabrik wieder schließen, sagt Wardak, wenn Kabul sich nicht kümmere. Seit die Nato ihren Rückzug angekündigt habe, seien die Investitionen um 60 Prozent zurückgegangen, die Immobilienpreise in den Keller gefallen, die Unternehmer brächten ihr Geld außer Landes. In der Fabrik nebenan würden sie statt 400 Motorrädern täglich nur noch 100 montieren.
"Ich handle mit Stahl, ich bin aber auch so hart wie Stahl. Ich werde vor den Augen der Presse die Tür abschließen und meine 500 Leute vor dem Gouverneurssitz abladen." Alles Weitere kümmere ihn dann nicht mehr. Seine Familie sei bereits in Dubai. Er habe ein Visum für die Schengen-Zone und eines für Amerika, er brauche nur zum Flughafen zu fahren und ein Ticket zu kaufen. "Dann bin ich hier weg."
Drüben am Flughafen wirbeln in diesem Moment die Triebwerke einer Boeing den gelben Wüstensand auf: Eine Maschine der Staatsgesellschaft Ariana landet. Sie ist vollbesetzt mit afghanischen Würdenträgern, die halbe Regierung sitzt drin, in Geländewagen brausen sie zur Herater Freitagsmoschee, dort wird an diesem Tag der ermordete Spanta-Bruder Wali Dschaan beigesetzt.
Auch Ismail Khan sitzt in einem der Wagen. Er ist wieder da. Nur für zwei Stunden erst mal, aber vielleicht bald für länger.
* Mudschahidin-Figuren aus Gips mit Ismail Khan (M.).
* Am 13. September.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 39/2013
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