21.09.2013

FRANKREICHHart gegen herzlich

Ins Pariser Rathaus wird erstmals eine Bürgermeisterin einziehen. Zur Wahl stehen die Sozialistin Anne Hidalgo, Tochter spanischer Einwanderer, und die Konservative Nathalie Kosciusko-Morizet.
In dieses ärmliche Viertel im Norden von Paris verirren sich normalerweise keine Spitzenpolitiker, und als Nathalie Kosciusko-Morizet an einem Sommertag plötzlich vor einer Markthalle in der Fußgängerzone von La Chapelle steht, dauert es nur Sekunden, bis sie umringt ist von älteren Damen. Sie klagen über den Schmutz auf den Straßen und in der Metro, über stehlende Roma-Banden und zu hohe Mieten.
Die Frau mit dem unaussprechlichen Namen, landesweit bekannt unter dem Kürzel NKM, will Bürgermeisterin von Paris werden. Deshalb möchte sie jetzt "Bürger treffen", alle paar Tage taucht sie irgendwo auf und sucht auf der Straße das Gespräch. Sie hat von Nicolas Sarkozy gelernt, dass man die Menschen im direkten Kontakt überzeugen muss.
Nathalie Kosciusko-Morizet ist blond, sehr dünn und immer blass. Sie hat auch mit vierzig noch die Ausstrahlung einer höheren Tochter, aber man spürt auch ihre Zähigkeit und Intelligenz. Sie ist außerdem ungeduldig. Deshalb ist das Gespräch mit Wählern nicht ihre größte Stärke.
Einfach zuzuhören bereitet ihr Mühe. Als eine ältere Frau über den Dreck hier klagt, streckt die Kandidatin ihr aufgeregt den Zeigefinger entgegen und unterbricht sie mit dünner Stimme. "Wissen Sie ... wissen ... wissen Sie, was man dagegen tun kann?", sagt sie und zählt auf: erstens, zweitens, drittens. Warm werden die Leute nicht mit ihr, aber sie sind froh, ihren Ärger loswerden zu können. Warum tut NKM sich das an? Weil ihr Ehrgeiz größer ist als ihre Scheu, ganz einfach.
Der nächste Bürgermeister von Paris wird eine Frau sein, das ist so gut wie sicher. Denn es gibt nur zwei ernstzunehmende Kandidaten. Für die Rechte kandidiert NKM, für die Linke die Sozialistin Anne Hidalgo, die heute schon stellvertretende Bürgermeisterin ist.
NKM hat sich einmal selbst als "Killerin" bezeichnet, Hidalgo sagt dagegen, sie sei jemand, der gern etwas "aufbaut". Die eine ist blond und kühl, die andere dunkelhaarig und herzlich. Die eine stammt aus einer bekannten französischen politischen Dynastie, die andere ist Tochter andalusischer Flüchtlinge, die sich aus den Arbeitervierteln von Lyon hochgearbeitet hat. Und natürlich geht es auch darum, dass die eine der anderen den Job wegschnappen will, auf den diese jahrelang gewartet hat.
Die Wahl ist erst in einem halben Jahr, aber der Ton zwischen den Kandidatinnen ist jetzt schon aggressiv. NKM behauptete, Hidalgo sei vorbestraft, deswegen hat Hidalgo NKM wegen übler Nachrede verklagt. Die Aufregung ist auch deshalb groß, weil es knapp werden könnte. Paris wählt seit gut einem Jahrzehnt links, doch in den Umfragen liegt Hidalgo mit 52,5 Prozent nur fünf Punkte vor ihrer Gegnerin.
Die Siegerin wird im März 2014 in das Hôtel de Ville einziehen, ein prachtvolles Stadtpalais und das größte Rathaus Europas. Allein das Büro des Bürgermeisters ist 155 Quadratmeter groß, sein Amt eines der prominentesten Frankreichs, an Bekanntheit vergleichbar mit dem eines Ministers, aber mit Befugnissen, die denen des Präsidenten ähneln - nur eben für Paris. Lange galt das Hôtel de Ville als Hort der Korruption. Der spätere Präsident Jacques Chirac versorgte in seiner Zeit als Bürgermeister schamlos Freunde aus der Stadtkasse und wurde deshalb Ende 2011 zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt.
Dagegen gilt Bertrand Delanoë, der amtierende Monsieur le maire, als Modernisierer, ein bürgerlicher Sozialdemokrat mit einer Zustimmungsrate von 60 Prozent in den Umfragen, der nach 13 Jahren im Amt abtreten wird.
Delanoë, einer der ersten offen homosexuellen Politiker Frankreichs, ist der vielleicht umtriebigste Bürgermeister, den Paris je hatte. Er führte das Stadtradsystem Vélib ein, das drittgrößte der Welt, später auch Autolib, ein Leihsystem für Elektroautos. Die Schnellstraßen am Seineufer ließ er sonntags für den Verkehr sperren, eine Tramlinie bauen. Den Anteil der Sozialwohnungen in der Stadt erhöhte er massiv.
Dennoch kämpft Paris am Ende seiner Amtszeit mit den gleichen Problemen wie viele große Städte: Kriminalität, Verkehrschaos. Und auch mit ein paar Besonderheiten. Paris ist die am dichtesten besiedelte Stadt Europas: 2,2 Millionen Menschen wohnen auf einer Fläche, die ein Achtel von Berlin beträgt. Von den Vorstädten mit ihren zehn Millionen Bewohnern ist die Hauptstadt durch einen Autobahnring abgetrennt. Das hat die Preise für Wohnraum in absurde Höhen getrieben.
Anne Hidalgo war die ganze Zeit über Delanoës Nummer zwei, und die Schwierigkeit für sie besteht nun darin, sich die Verdienste des Bürgermeisters anzuheften, aber auch deutlich zu machen, dass sie für einen eigenen Stil steht. Nathalie Kosciusko-Morizet setzt dagegen darauf, dass die Pariser Lust auf einen Wechsel haben. Sie ist in der Rolle der Angreiferin. Und so geht es bei dieser Wahl auch um Kontinuität oder Wandel.
Anne Hidalgo sitzt in einem Café in der Nähe der Place de la Bastille, gegenüber von ihrer Wahlkampfzentrale. Sie ist eine kleine, attraktive Frau von 54 Jahren, sie strahlt Wärme aus und sprüht vor Energie. Als der Kellner ihr erzählt, dass auch er aus Spanien stammt, lacht sie und will wissen, woher.
Aber würde ihre Wahl nicht eine Art dritte Amtszeit für Delanoë bedeuten? Hidalgo will davon nichts wissen. "Ich schäme mich unserer Bilanz nicht", sagt sie. "Aber Bertrand und ich sind wirklich sehr unterschiedlich." Sie hat neulich 150 Ideen vorgestellt, von nachts geöffneten Behördenschaltern bis zu einem Marathon auf der Stadtautobahn, die zeigen sollen, dass sie etwas Neues vorhat. Auch Internetfirmen will sie anlocken.
Und dann ist da ihre persönliche Geschichte. Hidalgo ist eine der raren Politikerinnen, die aus einer Einwandererfamilie stammen. Die Republik heißt zwar theoretisch alle Einwanderer willkommen, wenn sie sich Sprache und Werte Frankreichs aneignen; doch praktisch macht sie es ihnen schwer, in das Herz der Gesellschaft vorzudringen. "Ich habe mein Leben lang doppelt so viel arbeiten müssen, weil ich eine Frau und eine Einwanderin bin, das ist gewiss." Sie sagt, ihr Lebensweg erlaube es ihr, Migranten mit ihren Schwierigkeiten besser zu verstehen.
Anne Hidalgo entstammt einer Familie, die in Spanien auf der Seite der Volksfront gegen den Faschismus kämpfte. Ihr Vater musste vor der Diktatur Francos nach Frankreich fliehen, die Familie folgte ihm nach. Anne Hidalgo war zweieinhalb Jahre alt, als sie mit ihrer Schwester und ihrer Mutter Cádiz verließ. "Ich erinnere mich noch an den Moment des Abschieds, an die Gerüche, an den Holzwagen des Zuges und an die Angst meiner Mutter", sagt sie. Als sie in Lyon ankamen, zeigte der Vater ihnen ihre Bleibe: eine winzige Dachkammer mit einem Fenster und einer Matratze für alle vier. "Meine Schwester fragte: Mama, werden wir hier leben? Meine Eltern begannen zu weinen. Aber mein Vater hat hart gearbeitet, um etwas Besseres für uns zu finden."
Nach dem Studium zieht sie nach Paris, "der Stadt, von der ich immer träumte". Sie wird Inspektorin zur Überwachung des Arbeitsrechts, sie entdeckt den Feminismus, der ihr "revolutionärer schien als jedes Parteiprogramm", und geht in die Politik. Sie sagt, auf ihrem Weg sei sie immer unterschätzt worden. "Ich habe mir meinen Weg gebahnt, aber so, dass die anderen mich nicht haben kommen sehen", sagt sie. Der Nachteil dieser Methode ist, dass viele Pariser Hidalgo auch nach zwölf Jahren kaum kennen.
Sie tritt nun aus der Position einer Amtsinhaberin an, und Nathalie Kosciusko-Morizet ist die Außenseiterin, die als Rechte das linke Paris erobern will. Das wäre ein Coup, der sie für höhere Aufgaben empfehlen würde, und von denen träumt sie zweifellos. Wenn NKM gefragt wird, ob sie einmal Präsidentin werden wolle, streitet sie das nie richtig ab.
Auch in der Familie der Kosciusko-Morizet gab es einst eine erfolgreiche Einwanderung, nur liegt sie lange zurück: Ihre Vorfahren kamen im 19. Jahrhundert aus Polen nach Frankreich. Ihr Urgroßvater war Mitbegründer der kommunistischen Partei, ihr Großvater französischer Botschafter und ihr Vater Bürgermeister von Sèvres.
NKMs eigener Lebenslauf erzählt von harter Arbeit und Durchhaltevermögen. Sie war an einer der exklusivsten Hochschulen Frankreichs, der École polytechnique, samt Wehrdienst in der Marine, und trat mit 24 Jahren in das Wirtschaftsministerium ein. Chirac verpasste ihr den Spitznamen "die Nervensäge". Irgendwann war sie selbst Ministerin.
Aber erst im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf ist sie zum politischen Star geworden. Wenn sie als Sprecherin von Nicolas Sarkozy in Talkshows auftrat, zerlegte sie ihre Gegner mit einer glasklaren, systematischen Argumentation. Da saß keine rechte Rabaukin, wie viele von Sarkozys Mitstreitern, sondern eine Bürgerliche, die auch Wähler der Mitte ansprach. Es scheint, dass Kosciusko-Morizet den Wohlfühlwahlkampf ihrer Gegnerin nun mit derselben Strategie durchkreuzen will.
Sie sitzt in ihrer Wahlkampfzentrale im 2. Arrondissement, lächelt wenig, trägt Pastellfarben und spricht mit einer tonlosen, oft gelangweilt klingenden Stimme. Aber ihre Sätze sind scharf.
Sie sagt: "Ich glaube, Paris schuldet den Parisern mehr, was etwa Sicherheit und Beschäftigung angeht. Es schuldet aber auch Frankreich und sogar der Welt mehr. Viele Menschen, die zum Teil noch nicht einmal hier waren, erwarten etwas von Paris. Eine Ausstrahlung." Die Pariser hätten heute nicht mehr das Gefühl, in einer Stadt zu leben, in der die Zukunft erfunden wird.
Während Hidalgo vom amtierenden Bürgermeister zu seiner Wunschnachfolgerin gekürt wurde, inszeniert NKM sich als Unabhängige. Sie hat sich gegen die Rechte in ihrer Partei in einer Vorwahl durchgesetzt und sich anders als die Mehrheit ihrer Partei bei der Abstimmung um die Homo-Ehe im Parlament enthalten. Außerdem hat sie fast schon vergessen gemacht, dass sie in einem Interview einmal nicht wusste, was eine Metrofahrt kostet.
Die Pariser sind berühmt dafür, immer unzufrieden zu sein - und Kritik gibt es nach mehr als zwölf Jahren Delanoë genügend. Viele Pariser befürchten, dass ihre Stadt eine Art Freilichtmuseum werden könnte, das sich bald nur noch Alte, Reiche und Touristen leisten können. "Ein schwerwiegendes Problem", sagt Kosciusko-Morizet, "wir wollen nicht die schönste aller Provinzstädte werden." Sie will mehr Unternehmen nach Paris holen.
Außerdem ist da das städtische Budget. Es ist unter Delanoë deutlich gewachsen, die Zahl der Beamten von rund 40 000 auf über 50 000. NKM hat die gestiegenen Steuern der Stadt kritisiert. Sie will damit aufhören, für viel Geld Sozialwohnungen zu schaffen, stattdessen sollen Investoren Wohnungen für die Mittelschicht bauen. Hidalgo dagegen lobt den Erfolg ihrer Wohnungspolitik.
Sehr ungern reden beide Kandidatinnen über die jeweils andere. "Ich will keine Noten verteilen", sagt Nathalie Kosciusko-Morizet. Viele Pariser glaubten, die erste Amtszeit von Delanoë sei kreativ gewesen, sagt sie, die zweite nicht mehr, und alle wollten sie keine dritte. Eine gute Nummer zwei sei außerdem noch lange keine gute Nummer eins.
"Wir entstammen zwei politischen Familien mit unterschiedlichen Werten", sagt Anne Hidalgo. "Sie kommt aus einem anderen Universum, wir sehen die Welt sehr verschieden." Sie wünscht sich einen respektvollen Wahlkampf, wirkt schon jetzt angefasst von den Angriffen ihrer Gegnerin, aber Schonung wird sie auch in Zukunft nicht erwarten können.
Das Erstaunlichste ist, dass beide Kandidatinnen am liebsten gar nicht darüber reden, dass erstmals zwei Frauen zur Wahl stehen. Vielleicht liegt es daran, dass ihr Geschlecht diesmal ausnahmsweise weder Nachteil noch Vorteil ist.
Weder Hidalgo, die Feministin, noch Kosciusko-Morizet, die Konservative, wollen der Aussage zustimmen, es sei gut, dass in jedem Fall eine Frau gewinnen wird. Beide sagen: Es komme halt sehr darauf an, was für eine Frau.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 39/2013
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