21.09.2013

MEDIZIN„Uns läuft die Zeit davon“

Petra Gastmeier, 56, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité, über die wachsende Gefahr durch antibiotikaresistente Erreger
SPIEGEL: Die amerikanische Seuchenkontrollbehörde Centers for Disease Control and Prevention schlug in dieser Woche Alarm. Mindestens 23 000 Todesfälle gebe es in den USA jedes Jahr durch Infektionen mit Erregern, die gegen die meisten oder sogar alle Antibiotika resistent geworden sind. Ist die Lage in Deutschland ähnlich besorgniserregend?
Gastmeier: Die europäische Seuchenkontrollbehörde hat schon 2009 von rund 25 000 solcher Todesfälle in Europa berichtet. Aber speziell in den vergangenen ein bis zwei Jahren hat sich die Situation dramatisch zugespitzt.
SPIEGEL: Was macht die Lage so ernst?
Gastmeier: Wir bekommen es mit immer gefährlicheren Erregern zu tun. Die sogenannten Carbapenemase bildenden Enterobakterien sind auch gegen die modernsten Antibiotika resistent geworden. Wer zum Beispiel durch solche Killerkeime an einer Lungenentzündung erkrankt, dem hilft meist kein einziges Antibiotikum mehr. Da ist man als Arzt dann am Ende der Fahnenstange. Die 50 Prozent der Patienten, die eine solche Infektion überleben, tun das in der Regel nur, weil sie ein gutes Immunsystem haben - so wie ja auch Menschen in der vorantibiotischen Ära eine Lungenentzündung überlebt haben.
SPIEGEL: Wie viele Menschen in Deutschland infizieren sich denn inzwischen mit diesen Keimen?
Gastmeier: Noch 2009 gab es diese Erreger in Deutschland praktisch gar nicht. Wir haben das Phänomen nur aus der Ferne beobachtet: die Ausbreitung in Indien und im Nahen Osten, die ersten Fälle in Großbritannien, Griechenland, Italien. Aber schon 2012 gab es in Deutschland rund 600 Krankheitsfälle mit Carbapenemase bildenden Enterobakterien. Auch an der Charité sehen wir immer mehr davon. Oft tragen auch Menschen einen solchen Keim in sich, ohne selbst zu erkranken - aber sie können im Krankenhaus leicht andere Patienten anstecken. Deshalb kommen bei uns alle Patienten aus Risikoländern in Quarantäne - bis eine Untersuchung ergeben hat, dass sie keine Keimträger sind.
SPIEGEL: Wird genug getan, um der Gefahr zu begegnen?
Gastmeier: Ich habe den Eindruck, dass viele Experten das Problem ernst nehmen. Sogar auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos wurden die multiresistenten Erreger als große Bedrohung erkannt. Aber es geht viel zu langsam. Um die Bildung weiterer Resistenzen zu verhindern, muss sich der Einsatz von Antibiotika weltweit radikal ändern, in der Tiermast ebenso wie in der Humanmedizin. Davon sind wir noch Lichtjahre entfernt. Außerdem müssen dringend neue Antibiotika entwickelt werden. Das dauert rund zehn Jahre, und derzeit sind keine neuen Substanzen in Sicht. Wenn ich mir dagegen die rasante Verbreitung der resistenten Erreger ansehe, dann habe ich wirklich Angst, dass uns die Zeit davonläuft.

DER SPIEGEL 39/2013
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