21.09.2013

KLIMARatloses Orakel

In geheimen Sitzungen beraten Forscher und Regierungsvertreter über den nächsten Bericht des Weltklimarats. Doch wie zuverlässig sind die neuen Prognosen? Anders als vorhergesagt steigen die Temperaturen seit 15 Jahren nicht weiter an.
Im Stil der katholischen Kirche warnen Umweltschützer seit einem Vierteljahrhundert vor der Treibhaushölle. Durch die globale Erwärmung, so ihre düstere Prophezeiung, würden Plagen biblischen Ausmaßes in Marsch gesetzt: Dauerdürren, Sintfluten und Wirbelstürme von nie dagewesener Wucht.
Doch inzwischen glauben deutlich weniger Menschen an den Weltuntergang. Einen dramatischen Meinungsumschwung hat eine Umfrage im Auftrag des SPIEGEL ermittelt: Die Deutschen verlieren die Angst vor dem Klimawandel. Fürchtete sich 2006 noch eine satte Mehrheit von 62 Prozent vor der globalen Erwärmung, ist es jetzt nur noch eine Minderheit von 39 Prozent (siehe Grafik).
Zu diesem Stimmungswechsel hat vermutlich beigetragen, dass die Erwärmung Pause macht: Seit mittlerweile 15 Jahren steigt die globale Mitteltemperatur nicht mehr weiter an - anders als von den Computersimulationen der Klimatologen vorhergesagt.
Eine schwierige Ausgangslage ist das für den Weltklimarat IPCC, der kommenden Freitag seinen nächsten "Sachstandsbericht" zur globalen Erwärmung verkünden wird.
Keiner der beteiligten Autoren darf sich vorher öffentlich zum Inhalt äußern. Erst nach tagelangen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, die Montag in Stockholm beginnen, wird das Weltorakel sprechen.
Doch so viel steht schon jetzt fest: Die neuen Prognosen werden im Wesentlichen die alten sein - nur noch ein wenig genauer. Lediglich den Anstieg des Meeresspiegels wird der Weltklimarat wohl leicht nach oben korrigieren. Der neue IPCC-Bericht wird voraussichtlich vorhersagen, dass das Wasser an den Küsten zwischen 29 und 82 Zentimeter höher als heute stehen könnte - allerdings erst Ende des Jahrhunderts.
Die entscheidende Frage aber lautet: Wie geht der IPCC mit der stagnierenden Erwärmung um? Wie verlässlich sind eigentlich die Computermodelle, auf denen die Vorhersagen beruhen, wenn diese das Temperaturplateau nicht haben kommen sehen?
Im Vorfeld der Beratungen ist es über dieses Thema bereits zu Spannungen zwischen Klimaforschern und Regierungsvertretern im IPCC gekommen. Insbesondere die Delegierten der deutschen Bundesregierung spielen dabei eine zweifelhafte Rolle.
Auf der Konferenz wird aus dem 1000 Seiten umfassenden Klimakonvolut eine 30 Seiten lange Zusammenfassung für Politiker ausgehandelt. Um die darin enthaltene Botschaft zu beeinflussen, schicken die Regierungen Vertreter aus ihren zuständigen Ministerien; die deutschen Delegierten werden vom Umwelt- und Forschungsministerium entsandt.
"Die Deutschen gelten bei IPCC-Verhandlungen als tendenziell alarmistisch, auch wenn diese Beschreibung sicher vereinfacht ist", sagt der britische Klimatologe Mike Hulme vom King's College in London, ein langjähriger Kenner der IPCC-Bürokratie. Zufrieden mit der deutschen Verhandlungsführung hingegen ist der Grünen-Politiker Hermann Ott: Seit der Regierung Kohl herrsche weitgehend Konsens über die Bedeutung des Klimaschutzes. "Große Kontinuität und hoher Sachverstand", meint Ott, hätten sich im Bundesumweltministerium entwickeln können.
Gegen den Widerstand vieler Forscher beharren die Ministerialen in Deutschland darauf, die Warnung vor dem Klimawandel nicht mit einer Diskussion über das Ausbleiben der Erwärmung in den letzten 15 Jahren zu verwässern. Andernfalls schwinde der Rückhalt, eine strenge Klimapolitik fortzuführen. "Die Klimapolitik benötigt das Element der Furcht", gibt der Grüne Ott offen zu, "sonst würde sich kein Politiker mehr des Themas annehmen."
Auch das Forschungsministerium will die Diskussion um die Temperaturstagnation am liebsten ganz aus der Zusammenfassung des neuen IPCC-Reports heraushalten. "In der Klimaforschung zählen erst Veränderungen auf einer Zeitskala von 30 Jahren", behauptet ein Delegierter aus dem Ministerium von Johanna Wanka (CDU), der an den Verhandlungen in Stockholm teilnimmt. "Klimaschwankungen, die nicht so lange anhalten, sind wissenschaftlich nicht relevant", heißt es gleichlautend aus dem Umweltministerium.
Bei den Verhandlungen wollen die deutschen Delegierten deshalb verhindern, dass im IPCC-Bericht überhaupt eine Pause der Erwärmung festgestellt wird. Allenfalls eine "Verlangsamung des Temperaturanstiegs" soll zugegeben werden - eine Umdeutung, die nicht den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft entspricht.
Gegen eine Leugnung der Tatsachen wehrt sich der ranghöchste deutsche Klimaforscher. Der Physiker Jochem Marotzke, Präsident des Deutschen Klima Konsortiums und wissenschaftlicher Spitzenvertreter in Stockholm, verspricht: "Wir werden dieses Thema frontal angehen." Der IPCC müsse sich einer Diskussion über den Temperaturstillstand stellen, fordert der Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.
Marotzke hält auch die Behauptung, erst nach einer Stagnation von mehr als 30 Jahren sei ein Temperaturplateau von Bedeutung, für unwissenschaftlich. "Diese 30 Jahre sind vollkommen willkürlich gewählt. Manche Klimaphänomene verlaufen auf kürzeren Zeitskalen, andere auf längeren." Die Klimaforscher seien nicht der Umweltpolitik verpflichtet, sondern der Wahrheit: "Das verpflichtet uns auch, die Unsicherheiten in unseren Prognosen klar zu benennen."
Das Problem der Forscher: Eigentlich hätten ihre Klimamodelle das plötzliche Abknicken der Temperaturkurve vorhersehen müssen. Nachträgliche Erklärungen, warum es nun schon so lange nicht mehr wärmer wird, wecken daher Zweifel, wie zuverlässig die Prognosen wirklich sind.
Dennoch haben die meisten noch nicht das Vertrauen in die Klimaforschung verloren. Nach der SPIEGEL-Umfrage halten 67 Prozent der Deutschen die Prognosen nach wie vor für zuverlässig.
Immerhin haben die Wissenschaftler auch schon Indizien gesammelt, warum es derzeit nicht weiter wärmer wird. Eine wesentliche Rolle bei der ausbleibenden Temperaturerhöhung scheint der Pazifik zu spielen.
Berechnungen deuten darauf hin, dass der Ozean in den letzten Jahren außergewöhnlich viel Wärme aus der Erdatmosphäre aufgenommen hat. "Wenn sich dies bewahrheitet, gibt es keinen Grund zur Entwarnung", sagt Marotzke. Dann nämlich führe der Treibhauseffekt dem Klimasystem, genau wie es die Simulationen vorhersagen, immer mehr Energie zu - nur verschwinde eben ein größerer Teil als gedacht vorübergehend im Meer.
Eine andere Erklärung lautet: Die großen Mengen an Rußpartikeln aus Autos und Fabrikschloten in Asien kühlen die Atmosphäre. Doch was geschieht, wenn auch in China massenhaft moderne Filteranlagen in Fahrzeuge und Kohlekraftwerke eingebaut werden? In diesem Fall geht die Erwärmung wieder ungebremst weiter.
"Die physikalischen Beweise für die globale Erwärmung werden durch die Temperaturstagnation nicht widerlegt", resümiert der Glaziologe Heinz Miller vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Trotzdem müsse der IPCC den Bürgern und den Politikern klarmachen, dass "Wissenschaft kein Garant für Unfehlbarkeit" sei. "Es gibt nach wie vor großen Forschungsbedarf", sagt Miller.
Die Umweltpolitiker im IPCC fürchten jedoch, Klimaskeptiker und Industrielobbyisten könnten die wissenschaftlichen Unsicherheiten für ihre Zwecke ausschlachten. So verschanzt sich der Weltklimarat weiterhin wie in einer Wagenburg. Um die Deutungshoheit über die Klimaprognosen sicherzustellen, wird der vollständige Bericht erst geraume Zeit nach der Zusammenfassung veröffentlicht. Nicht mal eine Mitschrift der Verhandlungen in Stockholm soll es geben.
Dabei hatte der IPCC eigentlich mehr Transparenz versprochen, als vor drei Jahren haarsträubende Fehler im letzten Sachstandsbericht aus dem Jahr 2007 bekanntwurden - was die Glaubwürdigkeit des Klimarats damals erschütterte.
Als Konsequenz aus dem Skandal sollten auch Interessenkonflikte künftig vermieden werden. Aber noch immer wirken Wissenschaftler führend am IPCC-Bericht mit, die zuvor für Umweltverbände gearbeitet haben. Unter ihnen sind mindestens zwei "Koordinierende Leitautoren", die für einzelne Kapitel des Klimareports verantwortlich sind.
Von Bojanowski, Axel, Stampf, Olaf, Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 39/2013
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