25.09.2013

KATHOLIKEN„Armut vorleben“

Papst Franziskus predigt im Vatikan Demut, Bescheidenheit und Volksnähe. Viele Bischöfe in Deutschland machen sich die frohe Botschaft nur ungern zu eigen.
Vergangene Woche musste einer der jungen deutschen Bischöfe, der Regensburger Rudolf Voderholzer, 54, im Vatikan nachsitzen. Die Lektion erteilte sein Papst persönlich. Franziskus ermahnte den Deutschen und andere zum "Seminar für neue Bischöfe" angereiste Würdenträger: "Seid nahe am Volk und lebt, was ihr predigt. Seid immer bei eurer Herde, verfallt nicht in Karrieresucht und fragt euch, ob ihr das, was ihr predigt, auch lebt."
Solche Töne sind neu für deutsche Kirchenfürsten. Viele von ihnen pflegen seit langem einen an strengen Dogmen, Repräsentation und innerkirchlicher Karriere orientierten Lebensstil - ganz im Sinne des letzten Papstes Benedikt XVI. Jetzt, da dessen Nachfolger Franziskus im Altwagen bei Terminen vorfährt, hat sich das Koordinatensystem gründlich verschoben. Papsttreue wird völlig neu definiert, nicht nur in Regensburg, wo Voderholzers Vorgänger Gerhard Ludwig Müller als glühender Benedikt-Adept viele Gläubige gegen sich aufbrachte.
Was die Wende im Vatikan für Deutschlands Bischöfe bedeutet, können die Hochwürden diese Woche untereinander diskutieren. Turnusgemäß treffen sie sich gerade zur jährlichen Vollversammlung in Fulda. Die Verunsicherung ist so groß wie lange nicht.
Konservative Benedikt-Fans, angeführt vom Kölner Kardinal Joachim Meisner, sehen ihren Einfluss schwinden; vieles von dem, was ihnen bislang teuer und wichtig war, gilt nun als verpönt. Das jahrelang geschwächte Reformlager wiederum muss sich noch sammeln. Konsequent hatten Benedikt und dessen Vorgänger Johannes Paul II. dafür gesorgt, dass weltoffene Stimmen im deutschen Klerus nicht zu laut wurden. Jetzt trauen sich die verbliebenen liberalen Hirten erst langsam aus der Deckung.
Zur Debatte stehen zunächst nicht die großen theologischen Fragen. Unter Franziskus fängt der Wandel im Alltag an. "Ich sage euch ehrlich", redete er angehenden Priestern ins Gewissen, "es tut mir weh, wenn ich einen Priester oder eine Ordensfrau im neuesten Automodell sehe. Das geht so nicht! Ich glaube, dass das Auto notwendig ist, wenn man viel arbeitet und von da nach dort kommen muss. Aber nehmt ein bescheideneres, ja? Und wenn euch dieses tolle Modell gefällt, denkt an die vielen Kinder, die an Hunger sterben."
Während der neue Papst in einem alten Fiat zu afrikanischen Bootsflüchtlingen auf Lampedusa reiste, lässt sich Joachim Meisner im 7er-BMW durch sein Kölner Erzbistum, das weltweit als besonders wohlhabend gilt, chauffieren. Die meisten deutschen Bischöfe, von München über Würzburg bis Osnabrück, fahren in schwerer Limousine vor, vorzugsweise von Audi, BMW oder Mercedes.
Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte die hohe Geistlichkeit deshalb wegen "Übermotorisierung" und zu hohen Schadstoffausstoßes. Selbst das Fachblatt "Auto Bild" fand, die Bischöfe hülfen so, "Luxusautos gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern".
Und Franziskus belässt es nicht bei der Abkehr von Pferdestärken. Dass die Freude eines Christen nicht vom Besitz des jüngsten Smartphones abhängt, mussten die Würdenträger ebenso aus Rom zur Kenntnis nehmen wie deutliche Hinweise, was für Gottesdiener eine angemessene Unterkunft ist: Statt im Apostolischen Palast zu residieren, bezog der Papst auf Dauer ein einfaches Zimmer im römischen Gästehaus Santa Marta.
In Deutschland dagegen haben sich viele Bischöfe offenbar noch nicht mit Franzikus' Forderung abgefunden, dass sie "Armut glaubwürdig vorleben" sollen. Die neue millionenschwere Residenz des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst ist nur ein besonders augenfälliges Beispiel für die Prunksucht oder zumindest den ausgeprägten Repräsentationssinn der einheimischen Hirten.
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx etwa bewohnt drei Privatgemächer in der erzbischöflichen Bischofsresidenz Palais Holnstein, einem für viele Millionen Euro frisch renovierten Rokoko-Palast in der Münchner Altstadt. Die Kirche zahlte für den Palast rund 2 Millionen Euro, der Eigentümer, das Land Bayern, spendierte 6,5 Millionen dazu. Unter den Gemälden in den Räumlichkeiten mit erlesenen Fresken und Kronleuchtern ist auch eines, das Marx selbst darstellt. Und damit nicht genug: Das Erzbistum gönnte sich in Rom für rund zehn Millionen Euro noch eine Villa als "Gästehaus". Auch in Regensburg, Bamberg und Fulda zeugen die bischöflichen Residenzen bis heute von der historischen Macht ihrer Herren.
Gegenbeispiele sind rar. Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki trat mit dem Ruf, ein Erzkonservativer zu sein, sein Amt an, suchte aber dann den Dialog mit Schwulen und traf Asylanten. Er wohnt in einer Dachgeschosswohnung in Berlins Migrantenstadtteil Wedding. Weihnachten feierte er in der Suppenküche der Franziskaner, seinen Dienst-BMW lässt er häufiger stehen und nimmt das Rad. Auch sein Freiburger Kollege, Erzbischof Robert Zollitsch, lebt in einem bescheidenen Reihenhaus.
Zollitsch, 75, leitet in diesen Tagen in Fulda zum vorletzten Mal als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz die Vollversammlung. Bei der nächsten, im Februar 2014, wird ein neuer Chef gewählt werden. Neue Bischöfe dürfte es dann auch in Köln, Freiburg, Erfurt oder Passau geben. Ein Generationenwechsel steht an, doch die Personaldecke ist dünn.
Der Kursschwenk in Rom könnte das Ranking unter den obersten Katholiken durcheinanderbringen. Bislang galt etwa Reinhard Marx, als Erzbischof von München und Freising ein Mann mit gemäßigten Ansichten und machtvollem Apparat, als Favorit in der Zollitsch-Nachfolge. Doch nun empfiehlt sich auch sein Kollege Woelki aus der verarmten Berliner Diaspora durch seinen bescheidenen Auftritt für das hohe Amt.
Franziskus gibt den neuen und alten Bischöfen schon jetzt ununterbrochen Ratschläge. "Die erste Reform muss die der Einstellung sein." Die Bischöfe sollen - so der Wille des Heiligen Vaters - nicht länger sich selbst, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Sie sollen Regelbrüche riskieren, die "Komfortzonen" verlassen, zu den Menschen hinausgehen, ihnen das Herz wärmen, ob in Gemeinden, Gefängnissen oder Asylbewerberheimen - das macht sich schlecht im prunkvollen Ornat, im dicken BMW oder hinter prunkvollen Fassaden.
Papst Franziskus mahnt generell vor dem Rückzug in den Elfenbeinturm, eine Gefahr, die unter Benedikt XVI. real war: "Diese Kirche ist das Haus aller - keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann. Wir dürfen sie nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren."
In den vergangenen Jahren war die Entwicklung in Deutschland vielerorts eher umgekehrt. Joseph Ratzingers Daueralarm vor dem "Relativismus" der modernen Zeit beförderte den Rückzug in die fromme Nische. Klein, fein und rein sollte sie sein, die katholische Kirche, eine Freude für Fundamentalisten.
Die umstrittenen Piusbrüder sollten wieder aufgenommen werden, lateinische Gottesdienste, vom Priester mit dem Rücken zum Kirchenvolk gemurmelt, wurden von erzkonservativen Benedikt-Verehrern als wohltuender "Skandal des Glaubens" gefeiert. Kritiker und Reformer hingegen wurden ignoriert, zur Seite gedrängt oder ausgestoßen.
Enttäuscht von der Amtskirche in Deutschland setzen viele Laien ihre Hoffnungen nun auf den neuen Mann in Rom. Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, wünscht sich von Franziskus mehr Einfluss auf die deutschen Bischöfe. Er verlangt mehr Mut und ein Ende der Sprachlosigkeit, insbesondere "in den Fragen der Sexualethik". Die große Mehrheit aller Katholiken wolle dringend notwendige Veränderungen: "Niemand kann mehr sagen, die drängenden Themen seien nur ein Anliegen von Randgruppen. Sie sind in der Mitte der Kirche angekommen."
Die Aufbruchstimmung an der Basis hat sich beinahe mit jeder Geste des neuen Papstes verstärkt. Spätestens sein vergangene Woche veröffentlichtes Interview mit einer Jesuiten-Zeitschrift machte klar, dass Franziskus den Diskurs in der katholischen Kirche grundlegend verändert. Schwule, Frauen, Zölibat: Darum soll der Streit nicht dauernd gehen. "Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit der Verhütung. Das geht nicht", sagt er. "Die Lehren der Kirche - dogmatische wie moralische - sind nicht alle gleichwertig." Aufgabe der Seelsorger sei es nicht, den Menschen "ohne Unterscheidung eine Menge von Lehren aufzudrängen".
Für den Jesuitenpater Klaus Mertes, der als Leiter des Berliner Canisius-Kollegs den Missbrauchsskandal ins Rollen brachte, ist die Haltung seines zum Pontifex aufgestiegenen Ordensbruders auch dann revolutionär, wenn noch keiner der strengen Grundsätze aufgegeben wurde: "Wenn sich die Praxis in der Kirche ändert, der Umgang miteinander und mit den Menschen, dann wird am Ende sich auch die Theorie ändern, nicht umgekehrt." Seine Hoffnung teilen viele.
In ihren Predigten haben deutsche Bischöfe immer wieder kritiklose Gefolgschaft von ihren Seelsorgern und von den Gläubigen eingefordert. "Gehorsam ist Liebe und nicht Zwang", sagte zum Beispiel der Limburger Bischof Tebartz-van Elst bei einer Priesterweihe.
Ausgerechnet Franziskus, der als Jesuit zum Gehorsam erzogen wurde und als Papst Gehorsam von jedem Katholiken fordern darf, bricht nun mit dieser Doktrin. Die Menschen seien "des Autoritarismus überdrüssig", sagte er in seinem historischen Interview vorige Woche. Er habe eine Zeit der "großen inneren Krise durchgemacht" und dann erkannt: "Meine autoritäre und schnelle Art, Entscheidungen zu treffen, hat mir ernste Probleme und die Beschuldigung eingebracht, ultrakonservativ zu sein."
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 55/2013
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