25.09.2013

Pommern im Urwald

GLOBAL VILLAGE: Wie ein deutscher Dialekt in Brasilien überlebte
Auf dem Stundenplan der dritten Klasse in der Grundschule "Rio Triunfo" stehen "die Tierarten". Die Schule liegt in der brasilianischen Stadt Santa Maria de Jetibá, 30 überwiegend blonde Jungen und Mädchen blättern eifrig in einer Zettelsammlung mit Tierbildern.
Lehrerin Sônia Krause hat das Unterrichtsmaterial mit Schere und Kleber zusammengebastelt. "Landwatertijre" (Amphibien) hat sie über das Foto eines Frosches geschrieben. "Krupstijre" (Raubtiere) prangt in großen Lettern über dem Bild eines Jaguars. Die Wörter gehen der Lehrerin leichter von den Lippen als die Landessprache Portugiesisch: Krause hat Pommersch Platt, die Sprache ihrer Eltern, von Kind auf gelernt.
Jetzt weiß sie endlich auch, wie man es korrekt schreibt - dank Ismael Tressmann, 53. Der brasilianische Sprachwissenschaftler hat das weltweit erste Wörterbuch für Pommersch Platt herausgegeben. 16 000 Wörter und Redewendungen hat er dafür zusammengetragen und ins Portugiesische übersetzt, von "Fuuterbüüdel" (Futterbeutel) bis "Wijnachtsman" (Weihnachtsmann).
In Europa ist die Sprache der Pommern fast ausgestorben, doch in Brasilien hat sie überlebt. Heute gibt es etwa 300 000 "Pomeranos" in Brasilien, die meisten siedeln in den Bergen um Santa Maria de Jetibá. Sie leben von der Landwirtschaft, das Städtchen ist ein Zentrum der brasilianischen Eierproduktion.
Doch geschrieben wird Pommersch Platt nur selten, die Grabinschriften auf dem Friedhof sind in Hochdeutsch. Martin Luther ist schuld: Mit der Reformation wurde Hochdeutsch in Pommern zur Schriftsprache. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Pommern aus ihrer Heimat im heutigen Polen vertrieben, die Sprache verlor sich. "Wer echtes Pommersch Platt hören möchte, muss nach Brasilien kommen", sagt Tressmann.
Die Pomeranos sind Nachfahren von etwa 30 000 Landarbeitern, die im 19. Jahrhundert vor allem aus Ostpommern nach Brasilien auswanderten. Der brasilianische Kaiser Dom Pedro hatte ihnen fruchtbare Äcker versprochen, die Pommern sollten das Hinterland des heutigen Bundesstaats Espírito Santo für den Kaffeeanbau erschließen.
Doch der Traum von der schönen neuen Welt platzte bei ihrer Ankunft: Auf dem versprochenen Land stand dichter Urwald, der Boden war karg, und das Land wurde den Kolonisten auch nicht etwa geschenkt, sie mussten es bei Hofe abbezahlen. "Sie wurden betrogen", sagt Tressmann.
Er ist ein großer hagerer Mann, sein Urgroßvater kam aus der Gegend um Stettin. In Rio de Janeiro studierte Tressmann Ethnologie und Linguistik. Zehn Jahre lang erforschte er im Amazonasgebiet die Sprache der Cinta-Larga-Ureinwohner. Jede Vokabel musste er mühselig erfragen; die Cinta-Larga kennen keine Schriftsprache. Diese Erfahrung half ihm beim Erfassen des Pommern-Vokabulars: "Ich habe dieselben Fragebögen verwendet wie bei den Indianern."
Pommersch Platt ist ein ostniederdeutscher Dialekt. Seine Ursprünge reichen bis ins 12. Jahrhundert. Die Geschichte des "Till Eulenspiegel" wurzelt in dem Sprachraum, "Ulespegel" heißt er eigentlich.
Das Schicksal der Vertreibung blieb den Pommern in Südamerika zwar erspart, aber vor Diskriminierung waren sie auch dort nicht sicher. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ihre Sprache verboten, sie galt als Idiom der Nazis. Viele Pomeranos wurden festgenommen.
Längst hat sich das Verhältnis der Brasilianer zu ihren pommerischen Mitbürgern entspannt: 2009 wurde Pommersch Platt in Santa Maria de Jetibá neben Portugiesisch zur zweiten Amtssprache erklärt. "Koomt Gaud An" steht auf dem Schild am Ortseingang, so heißt "Willkommen" auf Pommerisch.
Im Stadtbild sind die Pommern leicht zu erkennen: Die meisten sind blond und hellhäutig. Nicht wenige leiden allerdings unter Hautkrebs - bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe Brasiliens tritt dieser Krebs so häufig auf. Am liebsten bleiben die Pommern unter sich, Ehen mit Nichtpommern sind selten.
Die "Hochtijd" (Hochzeit) feiern sie wie ihre Vorfahren drei Tage lang. Die "Pulterfruug" (Polterfrau) organisiert den Polterabend. Anschließend geht es zum Schwof in die "Dansstuuw" (Tanzstube). Bis vor kurzem trug die Braut noch Schwarz, wie es in Pommern üblich war.
Sprachforscher Tressmann hat auch ein Buch über die Bräuche der brasilianischen Pommern verfasst, und er koordiniert ein Programm zur Verbreitung der pommerischen Kultur: 150 Lehrer hat er bislang in Platt ausgebildet, darunter die Lehrerin Sônia Krause.
Eine Neuauflage seines Wörterbuchs ist geplant. Aber ihm fehlen Sponsoren. Sein erstes Werk wurde aus staatlichen Mitteln finanziert, doch inzwischen hat die Regierung gewechselt. Der neue Bürgermeister interessiere sich nicht für die Belange der Pommern, klagen viele Alteingesessene: Er fördert Schach statt Pommersch Platt.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 55/2013
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