30.09.2013

PRESSEMoralische Irrfahrt

Nicht nur die Grünen haben in den siebziger und achtziger Jahren offen über Pädophilie diskutiert. Auch liberale Medien wie die „Zeit“ und der SPIEGEL überschritten bisweilen unverhohlen Grenzen.
Um es gleich vorwegzunehmen: Auch der SPIEGEL hat am Tabu gerührt. Autoren des Hauses haben Sätze geschrieben, auf die man nicht stolz sein kann.
Es geht um Pädophilie, um Sex mit Kindern, um ein Verbrechen also, und es geht darum, wie in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieses Verbrechen in Deutschland publizistisch bisweilen verharmlost wurde.
Es sind nur wenige Fundstellen, aber es gibt sie. Sie belegen, dass auch der SPIEGEL sich in jenen Jahrzehnten irritieren ließ von einer Debatte, die aus heutiger Sicht mindestens unverständlich erscheint. In einem Gespräch mit Staatssekretär Alfons Bayerl aus dem Jahr 1970 etwa zweifelten Redakteure am "Schaden, den diese Kinder tatsächlich erleiden", und legten nahe, der Gesetzgeber solle "eher darauf hinwirken, diese Tabuierung abzubauen, statt sie gesetzlich zu zementieren". Sie fragten tatsächlich, welcher Grund eigentlich bestehe, auch Sex mit Schutzbefohlenen unter Strafe zu stellen: "Haben Sie hier Forschungsergebnisse, die eine besondere Schutzbedürftigkeit nahelegen?"
Noch zehn Jahre später irrlichterte ein Beitrag zur "Pädophilie-Debatte" zwischen klarer Verurteilung und Verständnis für die "Pädo-Bewegung". Deren Protagonisten wurden da als "schmusende und tätschelnde Pädos" verharmlost, als Menschen "selbst meist kindlichen Gemüts", die "ein adäquates Interesse an ihren kleinen Liebes-Partnern haben". Ohne Widerspruch wurde berichtet, dass nach Meinung des umstrittenen Sozialpädagogen Helmut Kentler Pädophile "mitunter fast so etwas wie eine zärtlichere Variante von Sozialarbeit" verrichteten.
Die Sichtung alter SPIEGEL-Ausgaben brachte indes bisher kein Stück zum Vorschein, in dem direkt Partei ergriffen wurde für eine Legalisierung von Sex mit Kindern. Auch kommen dort offen Pädophile nirgends zu Wort. Insgesamt jedoch zeigen Recherchen des Göttinger Parteienforschers Franz Walter und der Dokumentationsabteilung des SPIEGEL: Auch die liberalen Leitmedien der Republik haben dazu beigetragen, Pädophilie in jenen Jahren der sexuellen Revolution zu bagatellisieren. Es waren nicht nur die Grünen, nicht nur die "taz" und linke Szeneblätter wie "Zitty" oder "Pflasterstrand", in denen krude Thesen zur Legalisierung von Sex mit Kindern diskutiert wurden. Auch in SPIEGEL oder "Zeit" taucht die Debatte in einem heute kaum noch für möglich gehaltenen Ton auf.
"Ich war schon konsterniert, als ich gesehen habe, wie pädophilenempathisch damals manche Leitmedien geschrieben haben", sagt Walter, der gerade im Auftrag der Grünen deren eigene Verirrungen in der Pädophiliedebatte untersucht. "Das war keineswegs nur Gedankengut einer kleinen linken Szene. Das drang über ,Zeit' und SPIEGEL auch in das deutsche Bildungsbürgertum."
Der SPIEGEL, sagt Walter, sei aufgrund seiner "manchmal schnoddrigen Art zu berichten" dabei weniger in die Gefahr geraten, "sich auf die Seite der Pädophilen zu schlagen". Er sei an moralischen Grenzen entlanggeschrammt, habe sie aber nicht übertreten. Anders dagegen schätzt Walter manche Veröffentlichungen in der "Zeit" jener Jahre ein.
Der langjährige Feuilletonchef des Blattes, Rudolf Walter Leonhardt, verfasste dort 1969 eine dreiteilige Serie unter dem Titel "Unfug mit Unschuld und Unzucht", in der er jeweils über ein bis zwei komplette Zeitungsseiten Partei ergriff gegen eine Kriminaliserung von Sex mit Minderjährigen. Seine Texte sind eine krude Mischung aus intellektuellem Hochmut und moralischer Irrfahrt.
In dem Text wird eine Reihe von Geistesgrößen aufgeführt, die eine jahrhundertelange Tradition und also Normalität der Pädophilie belegen sollen: Edgar Allan Poe, der seine 13-jährige Cousine heiratete. Georg Christoph Lichtenberg, der den "vortrefflichen Leib" einer 12-Jährigen bejubelt, die seine Geliebte war. Novalis und die 13-jährige Sophie von Kühn. "Kann ein Verbrechen sein, was auch Novalis tat, dessen Liebe zu Sophie in unserer Literaturgeschichte doch als die ,reinste' und ,keuscheste' verzeichnet steht?", vertrat Leonhardt seine Ansichten auch wenige Monate später in einem weiteren Text in der "Zeit".
"Im Gegensatz zu dem, was Leonhardt geschrieben hat, sind manche Funde, die wir zu Grünen-Politikern gemacht haben und die für große Aufregung sorgen, geradezu läppisch", sagt der Politikwissenschaftler Walter. "Die ,Zeit' war damals die Deutungsinstanz des Bildungsbürgertums und gab den Befürwortern der Pädophilie eine Art intellektuelle Weihe. Leonhardt verteidigt mit einem unerträglich süffisanten und zugleich arrogant den Spießer belehrenden Ton den Missbrauch. Nach dem Motto: Wenn große Denker und Dichter Sex mit Kindern hatten, dann kann es sich doch nicht um Missbrauch gehandelt haben."
Leonhardts dreiteilige Serie von 1969 war ein Vorabdruck aus seinem Buch "Wer wirft den ersten Stein? - Minoritäten in einer züchtigen Gesellschaft", in dem er außer Pädophilie auch Rauschgiftkonsum, Abtreibung und Inzest zum Thema machte. Ausgerechnet das Kapitel "Unzucht mit Minderjährigen und Abhängigen" war ihm offenbar so wichtig, dass er es gleich in dem von ihm verantworteten Kulturteil abdruckte.
Der "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo las die Leonhardt-Texte nach ersten Hinweisen von Franz Walter vor einem Monat zum ersten Mal. Er sei "von Zeile zu Zeile mehr beschämt" gewesen, "dass so etwas den Weg in die ,Zeit' finden konnte", sagt er. "Das war außerhalb
meiner Vorstellungskraft." Besonders schwer zu begreifen findet er, dass Leonhardts Pädophilenpamphlet offenbar weder bei den Lesern noch in der Redaktion Diskussionen ausgelöst habe. Di Lorenzos Urteil ist eindeutig: "Hier hat der Freiheitsdrang der liberalen Medien in die Irre geführt." Es sei "grotesk, welch bildungsbürgerlicher Aufwand betrieben worden ist, um die eigentliche Aussage zu kaschieren, Fummeln mit Kindern sei nicht so schlimm".
In der Tat ist verstörend, wie sich Leonhardt damals auf liberale Werte berief. Sein Buch verstand er als "Plädoyer für die Freiheit des Einzelnen, anders zu sein als die anderen". Und dann textet er weiter: "Durch keine Verhaltensweisen, um die es hier geht, wird einem anderen absichtlich unzumutbarer und über das Maß des Lebensüblichen hinausgehender Schaden zugefügt."
Es sei ja, schrieb er, "der Nachweis nicht erbracht, dass Kinderseelen unheilbaren Schaden nähmen vom Schock der ersten Begegnung mit einer Manifestation des Sexuellen, also etwa dem vielzitierten guten Onkel, der mit Schokolade lockt und dann: ja, was eigentlich macht?". Und könne die "Angstpsychose, die in Kindern erregt werden kann durch dauernde Warnungen vor Sexualverbrechen", so Leonhardt, dem "davon betroffenen Kind nicht viel mehr schaden als der Kontakt mit dem bösen guten Onkel"?
Es ist eine Argumentation, wie sie in Pädophilenmagazinen zum Standardrepertoire zählt: Sex mit Kindern als "Verbrechen ohne Opfer", stets der irrigen Annahme folgend, dass es so etwas wie "einvernehmlichen" und damit gewaltfreien Sex zwischen Kindern und Erwachsenen geben könne.
In ihrer nächsten Ausgabe wolle sich die "Zeit" mit der Causa Leonhardt beschäftigen und die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten versuchen, auch mit Zeitzeugen aus der Redaktion, wie dem langjährigen Chefredakteur Theo Sommer, kündigt di Lorenzo an.
Leitmedien sind immer Produkte der Gesellschaft und Ära, in der sie gemacht werden. Sie provozieren mit dem, was gerade als anstößig empfunden wird. In den siebziger und achtziger Jahren wurden die Grenzen der bis dahin repressiven Sexualmoral neu ausgelotet, auch in "Stern", SPIEGEL und "Zeit". Manches davon wirkt Jahrzehnte später eher lächerlich und anachronistisch, wie die "Stern"-Serie "Mädchen, die alleine wohnen" aus dem Jahr 1968, in der junge Frauen von dem damals skandalösen Umstand erzählen, weder bei den Eltern noch beim Ehemann zu leben. Anderes wirkt verschwitzt, wie der "Stern"-Titel "Mit 15 sind die Mädchen reif", der mit den Worten anfängt: "Das Jahr 1955 war ein ausgezeichnetes Mädchenjahr". Manches wiederum wirkt unangenehm reißerisch, wie der SPIEGEL-Titel von 1977: "Kinder auf dem Sex-Markt: Die verkauften Lolitas" - mit einer nackten Zwölfjährigen auf dem Cover.
Der Text dazu ist in seiner Haltung zwar klar: voller Abscheu. Aber zugleich bekam der Leser über Gebühr Gelegenheit, sich an Bildern nackter Kinder in aufreizenden Posen zu weiden. Die damalige Veröffentlichung war problematisch und ist es heute noch - auch wenn dem SPIEGEL 1977 nach einer Anzeige staatsanwaltschaftlich bestätigt wurde, dass der Text "in geradezu bedrückender Weise ein Licht auf jenen Teil sexueller Verwirrungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens" werfe, "in dem nicht davor zurückgeschreckt wird, Kinder zum Handelsobjekt sexueller Gelüste zu machen".
In einer Ausgabe des "Zeit-Magazins" von 1973 fehlte selbst diese journalistische Distanz. Unter der Überschrift "Doktorspiele" werden auf fünf Seiten Fotos ausgebreitet, die kleine Kinder zeigen. Es war die Dokumentation eines Projekts in einer Kindertagesstätte in Berlin. Einer der Pädagogen schrieb dazu im Begleittext: "Drei bis sechs Jahre alte Jungen und Mädchen überwinden, einmal freigelassen, die Tabus der Großen im gemeinsamen Spiel ... Sie zeigen Kinder, die sich zärtlich streicheln, ihre Brustwarzen mit Niveacreme einschmieren, mit sechs Jahren ihren Penis erigieren und die Beine spreizen."
Am eindeutigsten ging es jedoch in der "taz" zu, dem Blatt, zu dessen Gründern Dietrich Willier gehörte, der als Lehrer an der Odenwaldschule 12- bis 14-jährige Jungen missbraucht hatte. In der Zeitung arbeitete zudem der bekennende Pädosexuelle Olaf Stüben, der im November 1979 den Beitrag "Ich liebe Jungs" veröffentlichte, das "Manifest eines Pädophilen", wie die "taz" zwei Jahrzehnte später einräumt. Auf Leserbriefseiten und in redaktionellen Texten wurde bekennenden Pädophilen eine Plattform geboten. Innerhalb der Redaktion war das umstritten. Aber es ist doch erstaunlich, wie lange in dem Blatt pädofreundliche Positionen gedruckt wurden. Noch 1995 schrieb "taz"-Kolumnist Elmar Kraushaar über die "Pädos": "Noch keine 20 Jahre her, da gehörten sie wie selbstverständlich zur großen Gemeinschaft der Perversen, und voll Stolz verwies man auf die prominenten Ahnen aus der Minderheit in der Minderheit."
Die "taz" müht sich seit geraumer Zeit, ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber auch sie tut sich schwer, die Dinge beim Namen zu nennen. Als sich das Blatt 2011 von Willier distanzierte, geschah dies teils immer noch in einem verharmlosenden Ton: "Didi, wie ihn seine Schüler nannten, mochte die Jungen. Und die Jungen ihn."
* Das damalige Original erschien ungepixelt.
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 40/2013
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