30.09.2013

JOURNALISTENIpos Ego

Als Chefin der „taz“ spaltet Ines Pohl vor allem die eigene Redaktion. Zu wirtschaftlichen Problemen der Zeitung kommen neuerdings handwerkliche Pannen.
Im Alter von elf Jahren wollte Ines Pohl Bundeskanzlerin werden. Dafür plante sie die Gründung einer eigenen Partei; ein Programm gab es noch nicht, aber bereits einen Namen: "IPD" schrieb Pohl mit Edding auf ihren Schulranzen: "Ines Pohl für Deutschland".
Die Idee verflüchtigte sich, Pohl wurde Journalistin. Seit Sommer 2009 ist sie Chefredakteurin der linken Tageszeitung "taz", für die sie kurz vor der Bundestagswahl ihren Mädchentraum vom Kanzleramt aufschrieb. Ihr Fazit: "Das mit der Partei wurde damals nichts. Darüber bin ich heute sehr froh."
Regieren kann sie auch so. "taz"-ler schildern die 46-Jährige als Technikerin der Macht. Ipo, wie sie intern heißt, locke und verstoße, schenke Vertrauen und entziehe es wieder. Diskussionen würge sie gern mal ab, dabei zählen die zu den Grundbedürfnissen der "taz"-Redakteure. Inhaltlich sei die Chefin schwer fassbar. Lautet ihre Agenda am Ende doch nur: Ines Pohl für Deutschland? Und wo bleibt dabei die "taz"?
Der Zeitung geht es nicht gut. Finanziell nicht, weshalb die Genossenschaft, der das Blatt gehört, voriges Jahr eine Million Euro zuschießen musste. Auch publizistisch läuft es nicht rund in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße. Den größten Schaden richtete die Debatte um einen Beitrag über Pädophilie an, den Pohl nicht drucken wollte. In dem Stück vertrat der langjährige "taz"-Autor Christian Füller wenige Wochen vor der Wahl die These, Pädophilie sei einst in der Ideologie der Grünen angelegt gewesen und Daniel Cohn-Bendit, Hausheiliger der Partei wie auch der "taz", der "populärste grüne Verherrlicher von kindlicher Sexualität".
Tatsächlich finden sich in dem Text handwerkliche und inhaltliche Grobheiten, die sich jedoch schnell hätten beheben lassen. Auch Pohl sagt heute, sie habe ihn "zum Überarbeiten zurückgegeben, weil er den Standards nicht genügte". Dem Autor hingegen mailte sie damals, der Text fliege aus der Ausgabe, weil er "voller falscher Tatsachenbehauptungen und ohne jeden aktuellen Kontext" sei.
Für die Maßstäbe der "taz", wo man als Schreiber so ziemlich alles darf, roch das nach Zensur. Wollte Pohl vermeiden, dass der damalige Ober-Grüne Jürgen Trittin dem Blatt wieder öffentlich "Schweinejournalismus" vorwirft wie vergangenes Jahr nach einem abfälligen Text über den Bundespräsidenten? Oder hat sie schlicht überreagiert, weil ihr Blatt just an jenem Tag zur Zahlung von 20 000 Euro verdonnert worden war? Anlass war eine Polemik, die man so lesen konnte, dass dem Rechtspopulisten Thilo Sarrazin der Tod gewünscht wurde; gegen das Urteil hat die "taz" vorige Woche Rechtsmittel eingelegt.
Nachdem der Krach mit Füller öffentlich geworden war, stellte Pohl ihn als Autor und Verantwortlichen der Bildungsseite kalt, angeblich "aus arbeitsrechtlichen Gründen". Füller, der auch für SPIEGEL ONLINE und die "F.A.S." arbeitet, verglich sich mit "einer Leiche, die in einem Sack auf dem Hinterhof entsorgt wird".
Unsicherheit konterkariert man gern durch Lautstärke. Ein paar Wochen nach der Füller-Affäre versuchte die "taz", sich als Gralshüter der Pressefreiheit zu gerieren: Weil FDP-Chef Philipp Rösler ein Interview nicht autorisieren wollte, druckte man empört nur die Fragen. Da die sich um Rassismus drehten, las es sich blöderweise so, als habe die "taz" etwas gegen vietnamesischstämmige Politiker. Der obligatorische Shitstorm richtete sich eher gegen die "taz" als gegen Rösler. Das muss man erst mal hinkriegen.
Dass trotz solcher PR-Peinlichkeiten und handwerklicher Fehler der Aufstand gegen Pohl ausblieb, hängt vermutlich damit zusammen, dass auch "taz"-Autor Füller intern umstritten ist. Er gilt als Bollerkopf, der wenig Rücksicht auf die Linie des Blattes nimmt. Ein weiterer Grund für die Grabesruhe mag sein, dass ein zaghafter Putschversuch gegen Pohl erst im Dezember gescheitert war und ihre Kritiker nun ermattet sind. Damals ging eine Mail durchs Haus, die ihre Absetzung hätte einleiten können. Auslöser waren ein Machtkampf bei der Besetzung der Ressortleiterstelle von taz.de und die umstrittenen Pläne für die neue Wochenendausgabe. In dem von mehreren Redakteuren verfassten Aufruf hieß es: "Wir sorgen uns um die Zukunft der ,tageszeitung'. In der Rudi-Dutschke-Straße herrscht ein ungutes Klima, das mittlerweile unsere Zukunft gefährdet."
Und weiter: "Engagierte Leute, die an zentralen Stellen des Hauses tätig waren, sind gegangen - zum Teil aus Frust, weil sie für sich keine Perspektive mehr sahen, weil sie sich missachtet fühlten." Ein Neuanfang sei schwierig bis unmöglich, "wenn es eine Vertrauenskrise gibt und Leute Angst haben, ihre Meinung zu sagen". Durch eine Indiskretion landete der Text vorzeitig im Intranet. Die Revolution fand nicht statt. Aber die Frage blieb: Ist die freiheitsliebende "taz" eine Ipo-Diktatur?
Besucht man Ines Pohl in ihrem Büro, wirkt sie wenig furchterregend. In dem Glaskasten mit roter Couch und Michelle-Obama-Pappfigur stellt sie schnell Nähe her. Pohl sagt: "Das Schwierigste an dem Job ist die Einsamkeit." Sie habe lernen müssen, "dass man als Chefin nicht mit seinen Mitarbeitern befreundet sein kann". Nach dem Aufruhr im vorigen Jahr sei sie aber endgültig angekommen in der "taz": "Ich bin jetzt Teil der Redaktion."
Im Gespräch hingegen wirkt Pohl noch wie auf der Suche. Nach ihrer Rolle. Nach Positionen. Gern relativiert sie, was sie gerade gesagt hat, mit dem nächsten Satz. Im Haus heißt es, sie sei beeinflussbar. Man müsse zusehen, dass man sie vor einer Entscheidung als Letzter spreche, dann habe man sie auf seiner Seite.
Die neue Chefin war einst als Kumpel gekommen. Sie schritt singend über die Flure. Manchmal massierte sie Kollegen nach einem harten Tag den Nacken. Ihre Biografie war wie für die "taz" gestrickt: Geboren in Mutlangen, war sie in die Demonstrationen gegen die dort stationierten Pershing-II-Raketen geraten; sie ist lesbisch; an der Universität Göttingen war sie Frauenbeauftragte. Dass sie vom konservativen Münchner Ippen-Verlag kam - Schwamm drüber.
Schnell zog sie Kollegen ins Vertrauen. Darunter auch jene Redakteure, die den hinteren, etwas lebendigeren Teil der Zeitung prägen. Man traf sich in der Kneipe, mancher machte sich Hoffnung, etwas zu werden. Ressortleiter. Oder Pohls Stellvertreter. Bald wurde daraus ein Rennen: Wer darf mit Ipo Bier trinken?
Am Ende schaffte es eine ganz andere, Sabine am Orde, Vize-Ressortleiterin Inland. Die Macher der hinteren Seiten fühlten sich verraten. Anstatt den Riss zwischen den beiden Hauskulturen zu kitten, hat Pohl daraus einen Graben gemacht.
Längst definiert man sich intern darüber, ob man Pro- oder Anti-Ipo ist. Einflussreichste Fürsprecherin ist Ulrike Herrmann, Autorin im Wirtschaftsressort, laut eigener Aussage eine der wenigen wirklich Linken im Haus und nach Schilderung ihrer Kollegen so etwas wie die intellektuelle Einflüsterin Pohls. Manche nennen sie "Schatten-Chefredakteurin".
Herrmann gehört dem fünfköpfigen Vorstand an, der die Chefredaktion bestellt und abberuft. Wenn man sie fragt, was Pohl zur Chefredakteurin befähige, nennt sie deren Gaben zuzuhören und zu entscheiden. Im Wesentlichen aber lobt sie Pohls Durchhaltevermögen.
Es klingt, als sei das Führen einer Redaktion ein Rodeo, bei dem es darauf ankommt, nicht vom Pferd zu fallen.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 40/2013
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