07.10.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ein schmutziges Geheimnis“

Familienministerin Kristina Schröder, 36, über die Leiden einer berufstätigen Mutter, ihren Kampf gegen Alice Schwarzer und andere Feministinnen sowie die Frage, warum sie so viel Hass und Spott auf sich gezogen hat
SPIEGEL: Frau Ministerin, geht's jetzt endlich heim an den Herd?
Schröder: Ihre Frage ist natürlich SPIEGEL-mäßig ironisch, aber tatsächlich glauben ganz viele Leute, dass ich mich aufs Familienleben beschränke, nur weil ich mein Ministeramt aufgebe. Natürlich bleibe ich als Bundestagsabgeordnete voll berufstätig, genauso wie jede andere Bundestagsabgeordnete auch. Offensichtlich tragen Frauen, die beruflich auch nur etwas kürzertreten, in Deutschland gleich den Heimchen-am-Herd-Stempel auf der Stirn.
SPIEGEL: In Ihrer Abi-Zeitung haben Sie geschrieben, Sie wollten "Ehe, Kinder und Karriere unter einen Hut bringen, ohne dass irgendein Teil darunter leidet und ohne jemals zur Feministin zu werden". Was davon ist Ihnen gelungen?
Schröder: Das meiste. Natürlich leidet am Ende immer etwas. Der Tag hat leider nur 24 Stunden, deshalb sollte niemand so tun, als könnte man eine so zeitintensive Führungsposition problemlos mit Kindern vereinbaren. Bei mir hat es zwar ganz gut funktioniert. Die Frage war nur: Will ich das weiter so machen?
SPIEGEL: Sie sind die erste Bundesministerin, die in ihrer Amtszeit ein Kind bekommen hat. Wie lautet Ihr Fazit: Lassen sich Familie und Spitzenpolitik miteinander vereinbaren?
Schröder: Ja, das habe ich die letzten Jahre über gelebt. Mein Mann und ich wurden dabei sehr von meinen Eltern und Schwiegereltern unterstützt. Wir haben das Glück, eine gesunde und relativ pflegeleichte Tochter und dazu seit einiger Zeit einen Platz bei einer tollen Tagesmutter zu haben. Die Frage war trotzdem: Was ist mir wichtiger? Ich habe viele schöne Momente mit meiner Tochter verpasst. Oft hatte ich das Gefühl, zu wenig Zeit mit der Kleinen zu haben. Künftig möchte ich mehr von meiner Familie haben.
SPIEGEL: Gehört nicht auch zur Wahrheit, dass Sie in keinem Fall eine Chance gehabt hätten, dem neuen Kabinett anzugehören? Schließlich hat sich die Union im Frühjahr für eine feste Frauenquote ausgesprochen. Und gegen die haben Sie immer gekämpft.
Schröder: Nein. Ich habe der Kanzlerin schon Anfang 2013, also Monate vor der Entscheidung der CDU für die Quote, gesagt, dass ich nach der Wahl nicht mehr als Ministerin arbeiten werde.
SPIEGEL: Wie sah in den zwei Jahren nach der Geburt Ihrer Tochter Ihr Alltag aus?
Schröder: Viele Eltern, beide berufstätig und unter starker beruflicher Belastung, kennen die Situation. Und weil es bei mir als Abgeordnete und Ministerin keine Elternzeit gibt, bin ich nach dem Mutterschutz wieder eingestiegen. Mir ist das ziemlich schwergefallen. Dazu das Schlafdefizit, die unterbrochenen Nächte, die Stillzeiten. Das kennen alle Mütter.
SPIEGEL: Ihr Mann Ole Schröder ist Staatssekretär im Innenministerium. Wie klappten die Absprachen zwischen Ihnen?
Schröder: Es gibt in der Politik so viele kurzfristige Verschiebungen von Terminen, das macht jede Planung zum zerbrechlichen Gesamtkunstwerk, erst recht, weil wir berufsbedingt drei Wohnsitze haben, in Wiesbaden, Pinneberg und Berlin. Wenn sich ein Termin nur um eine Stunde verschob und ich den Flieger nicht erwischt habe und meinen Mann nicht ablösen konnte, der nach Brüssel musste, um den Innenminister zu vertreten, war das am Ende meist ganz schön stressig.
SPIEGEL: Worunter haben Sie mehr gelitten? Dem Stress der Terminkoordinierung oder dem Gefühl, zu wenig Zeit mit Ihrer Tochter zu verbringen?
Schröder: Das Termin-Tetris ist auszuhalten. Schwerer waren die Tage, an denen ich meine Tochter weder morgens noch abends wach erleben konnte. Das hing dann schon am Vortag wie eine schwarze Wolke über mir. Und selbst wenn man eine Stunde mit der Kleinen hat, ist das unglaublich wenig. Ich habe oft das Gefühl, ich verpasse einfach zu viel.
Im Moment explodiert bei ihr die Sprache, sie kann jeden Tag neue Worte sagen. Ich fühle mich nicht wohl damit, sie nach zwei Tagen wiederzusehen und zu merken: Die hat einen richtigen Sprung gemacht, und ich habe das nicht mitbekommen! Das tut mir weh, und deswegen ist mir immer klarer geworden: Ich kann in meinem Leben noch viel erleben, vieles auch nachholen, aber diese besonderen Stunden mit meiner Tochter kommen nie wieder. Wenn ich meine gesamte intensive Familienphase so verbringe wie die vergangenen Jahre, werde ich das irgendwann bereuen.
SPIEGEL: Haben Sie sich manchmal kleine Lügen fürs Büro ausgedacht, wenn Ihre Tochter Sie partout nicht gehen lassen wollte?
Schröder: Nein, ich habe es geradezu als meine Pflicht als Ministerin verstanden, offensiv zu meinen familiären Verpflichtungen zu stehen. Auch Menschen in zeitraubenden Führungspositionen müssen offen sagen dürfen: Ich muss heute Abend zum Laternenumzug. Trotzdem gab es Situationen, in denen die Arbeit, der Dienst einfach vorgehen musste: wenn die Kanzlerin auch am Sonntag zu Verhandlungen ruft. Und beim Bundesparteitag fünf Monate nach der Geburt, da war meine Tochter mit meinen Eltern eben direkt hinter der Bühne. Sie hat das alles gut mitgemacht.
SPIEGEL: Wurde in den letzten beiden Jahren genügend Rücksicht auf den Umstand genommen, dass Sie sich auch um Ihre Tochter kümmern mussten?
Schröder: Viele hatten Verständnis, manche offen, manche etwas versteckter, aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Gerade von Journalistinnen war manchmal wenig Nachsicht zu erwarten. Ein Beispiel: Ich war erst einige Wochen aus dem Mutterschutz zurück, als ein Treffen der Frauen Union weitab von Berlin stattfand. Ich konnte da wegen Lotte partout nicht hin, doch in einigen Medien hieß es sofort: Jetzt schiebt sie ihre kleine Tochter vor, in Wahrheit ist ihr Frauenpolitik eben völlig egal. Oder: In Zeitungen wurden Statistiken publiziert: Welcher Minister hat am häufigsten bei Kabinettssitzungen gefehlt? Ich stand damals auf Platz 2, aber der Hinweis, dass ich wegen des Mutterschutzes nicht im Kabinett gewesen war, fehlte natürlich.
SPIEGEL: Anne-Marie Slaughter, eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen der ehemaligen amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton, sagte einmal: "Man kann nicht gleichzeitig über Jahre politischer Planungsdirektor in Washington sein und nebenbei noch eine erfüllte Mutter." Gilt das auch für Berliner Ministerinnen?
Schröder: Ja, da hat Slaughter einen richtigen Punkt getroffen. Wir sollten bei der Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf ehrlicher sein. Die Politik kann zwar viel tun, insbesondere für eine gute Kinderbetreuung sorgen, aber auch die besten Rahmenbedingungen können das Dilemma, dass es bei jeder Entscheidung auch Nachteile gibt und man andere Dinge womöglich verpasst, nicht wegzaubern.
SPIEGEL: Steckt in Ihrem Rückzug nicht auch eine Botschaft der Entmutigung für viele Frauen, nämlich: Familie und eine große Karriere lassen sich doch nicht vereinbaren?
Schröder: Nein. Es geht bei meinem Schritt nur darum, dass ich meine ganz persönlichen Prioritäten neu setze. Ich stehe für eine Frauen- und Familienpolitik, die Frauen zutraut, für sich selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich habe das Bedürfnis, für eine Weile etwas mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Andere Frauen setzen andere Prioritäten. Genau so soll es sein können. Ich habe in meiner Amtszeit immer dafür gekämpft, keinen Standardlebensentwurf für alle vorzugeben. Jeder muss selbst wissen, was er will. Ich weiß es für mich.
SPIEGEL: Haben Sie je gedacht, dass es bei Ihrer Entscheidung zum Rückzug um mehr als um Sie allein geht? Dass Sie damit auch ein politisches Signal senden?
Schröder: Ich habe vier Jahre lang bewiesen, dass sich Ministeramt und Familiengründung vertragen, und ich bleibe ja auch künftig voll berufstätig. Das ist ein politisches Signal. Ich halte aber eine Politik für falsch, die versucht, Männer und Frauen, Väter und Mütter dahin zu treiben, spätestens ein Jahr nach der Geburt beruflich konstant Vollgas geben zu müssen, und eine durchgehende Vollzeiterwerbstätigkeit als Norm vorgibt. Weil sie an den Wünschen vieler Eltern vorbeigeht. Wir sind ein wirtschaftlich so starkes Land, wir arbeiten meist über 40 Jahre lang. Da muss es für Frauen und Männer doch möglich sein, für drei, vier Jahre beruflich etwas zurückzustecken. Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, in intensiven Familienphasen Zeit füreinander zu haben. Dafür brauchen wir mehr gesetzlich abgesicherte Möglichkeiten.
SPIEGEL: Warum ist Ihr Mann nicht den Schritt zurückgegangen zum einfachen Abgeordneten, um Ihnen den Rücken frei zu halten?
Schröder: Ganz einfach: Das hätte mir nicht mehr Zeit mit meiner Tochter verschafft.
SPIEGEL: Aber Ihre Tochter hätte insgesamt mehr von ihren Eltern - wenn auch in erster Linie vom Vater.
Schröder: Es ist nicht so, dass unsere Tochter in den letzten zwei Jahren zu kurz gekommen ist. Ich selbst war unzufrieden.
SPIEGEL: Was meinen Sie: Ist es ein Klischee oder zutreffend, dass Frauen stärker unter der zeitlichen Trennung von ihrem Kind leiden als Männer?
Schröder: Ich glaube, dass uns Frauen diese Trennung direkt nach der Geburt weit schwerer fällt. Meine Erfahrung ist: Während der Schwangerschaft, der Geburt und der Stillzeit entsteht begreiflicherweise ein besonderes Näheverhältnis oder Näheverlangen zwischen Mutter und Kind. Mariam Lau von der "Zeit" hat das einmal als ein kleines schmutziges Geheimnis in der Frauenpolitik bezeichnet. Aber so ist es nun mal.
SPIEGEL: Warum ist das ein "kleines schmutziges Geheimnis"?
Schröder: Weil es eine starke Richtung in der Frauenpolitik gibt, die sagt: Wir sind erst dann am Ziel, wenn es überall eine Fifty-fifty-Verteilung gibt. Und damit verneint, dass es auch bestimmte Unterschiede in den Präferenzen zwischen den Geschlechtern gibt. Ich glaube, dass ein Teil der Unterschiede in der Tat von der Gesellschaft anerzogen ist. Ich glaube aber auch, dass es einen kleinen Unterschied gibt, der nicht veränderbar ist.
SPIEGEL: Und Sie meinen, gewisse Frauen leugneten diesen Unterschied, um politische Ziele durchzusetzen?
Schröder: Jedenfalls wird von manchen Feministinnen gern die Position vertreten, dass praktisch alles ein soziales Konstrukt sei. Das hat mich nie überzeugt.
SPIEGEL: Haben Sie Angela Merkel vor dem Amtsantritt gefragt, ob sie Ihnen eine Schwangerschaft als Ministerin genehmigen würde?
Schröder: Als sie mich anrief und fragte, ob ich Ministerin werden wolle, habe ich ihr offen gesagt, dass wir in Kürze eine Familie gründen wollen. Die Kanzlerin meinte, ein Kind sei aus ihrer Sicht kein Problem, sie habe da Erfahrungen in ihrem Umfeld. Dann hatte ich eine Stunde Bedenkzeit. Als wir dann erneut telefonierten, hat sie mir klar gesagt, dass wir das versuchen sollten - und dass ich ihre volle Rückendeckung hätte.
SPIEGEL: In jedem Porträt über Sie, in jedem Interview mit Ihnen taucht früher oder später ein Vergleich mit Ursula von der Leyen auf. Wäre es leichter gewesen, wenn Sie nicht im Schatten dieser Überfrau gestanden hätten?
Schröder: In mein Verhältnis zu Ursula von der Leyen wurde viel hineinpsychologisiert. Wir haben nun mal unterschiedliche Positionen und ziemlich unterschiedliche Blickwinkel.
SPIEGEL: Als wir im Bekanntenkreis erzählten, dass wir ein Interview mit Ihnen führen, hieß es gleich: "O Gott, die Schröder!" Was ist Ihre Erklärung: Warum lösen Sie solche Aggressionen aus?
Schröder: Es gibt kein zweites Feld, das ähnliche Emotionen auslöst wie die Familienpolitik, das war schon immer so. Jeder hat eine Familie, und deshalb kann auch jeder gut mitreden.
SPIEGEL: Ursula von der Leyen hat nicht solche Wut losgelöst, die war ebenfalls Familienministerin.
Schröder: Sie hat bei anderen Zeitgenossen Unverständnis ausgelöst. Das Seltsame bei mir ist doch, dass ich dieses Aufsehen mit einer urliberalen Botschaft in der Gesellschaftspolitik verursache. Ich finde nicht, dass der Staat den Menschen Vorschriften machen sollte. Wenn eine Mutter ihr Kind in die Kita bringt, ist das in Ordnung. Wenn sich eine Frau entscheidet, ihr ein- oder zweijähriges Kind anders als in einer öffentlichen Kita zu betreuen, verdient das aus meiner Sicht ebenfalls Respekt. Aber offenbar reicht eine solche freiheitliche Botschaft schon aus, um in der Familienpolitik öffentlich als reaktionär gebrandmarkt zu werden. Es hieß, ich wolle die Frauen zurück an den Herd bringen. Was für ein Unsinn!
SPIEGEL: Unter all den Anfeindungen, welche war die schlimmste für Sie?
Schröder: Die sehr einseitige Berichterstattung über die Präsentation meines Buches. Ich habe "Danke, emanzipiert sind wir selber" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg vorgestellt. Die Satiresendung "Extra 3" machte sich einen Spaß daraus, mir dort von Darstellern eine "Goldene Küchenschürze" überreichen zu lassen. Ich mag "Extra 3", und wenn die einen Scherz auf meine Kosten machen, ist das okay. Wenn diese inszenierte Satireaktion in den Medien aber dann als Beleg dafür genommen wird, wie groß und spontan der Widerstand des Publikums gegen meine Politik angeblich war, finde ich das schwierig. Dann ist ein Grad an Selbstreferenzialität erreicht, der für die Glaubwürdigkeit der Medien nicht gesund ist.
SPIEGEL: War der Hass, der Ihnen entgegenschlug, auch ein Grund für Ihren Rückzug vom Ministeramt?
Schröder: Das hat mir die Entscheidung jedenfalls nicht erschwert. Ich habe mir in den letzten zwei Jahren ein ziemlich dickes Fell zugelegt. Aber Frauenfeindlichkeit im Gewand von Intellektualität ärgert mich. Dass mich zum Beispiel Hans-Ulrich Jörges vom "Stern" als "törichtes Mädchen" bezeichnete, fand ich ziemlich sexistisch. Muss sich ein Mann, der in meinem Alter ist, anhören, er sei ein "törichter Junge"?
SPIEGEL: Sie klagen gern über andere. Aber was haben Sie denn selbst falsch gemacht?
Schröder: Natürlich hätte ich es mir manchmal taktisch einfacher machen können, etwa bei der Frauenquote. Aber wenn ich von etwas nicht überzeugt bin, dann mache ich es nicht, auch wenn ich mir damit Feindinnen mache.
SPIEGEL: Im Internet kursiert ein populäres YouTube-Video, das Sie bei einem Fernsehinterview zum Thema "Deutschenfeindlichkeit" zeigt. Sie stammeln da ziemlich herum, und man hört leise, wie Ihr Mann Ihnen einen Text souffliert. Konnten Sie nicht für sich selbst sprechen?
Schröder: Wenn wir jetzt doch bei der Abteilung Irrungen sind: Auf dieses Interview hätte ich gern verzichtet. Das war sicher kein Höhepunkt meines Medienschaffens. Aber mein Mann hat nicht souffliert, sondern einfach nur reingequatscht. Seitdem ist klar, die Einzige, die mir heute noch in Interviews reinquasseln darf, ist meine zweijährige Tochter.
SPIEGEL: Gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Sie sich ordentlich Ärger eingehandelt, weil Sie sich in einem SPIEGEL-Gespräch mit Alice Schwarzer anlegten und die These kritisierten, wonach heterosexueller Geschlechtsverkehr immer mit der Unterwerfung der Frau einhergehe.
Schröder: Ah, jetzt kommt der "bizarre Sex-Streit", wie die "Bild"-Zeitung damals titelte.
SPIEGEL: Hatten Sie eine Ahnung, in welches Wespennest Sie da gestochen haben?
Schröder: Das war mir klar. Es ging mir ja gar nicht so sehr um Sex, sondern um die Strömung im Feminismus, die im Sinne Simone de Beauvoirs behauptet: Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht. Ich glaube nicht an diese These, ich glaube, dass es Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, die nicht nur anerzogen sind. Logisch, dass das Ärger gab, denn dieser Punkt ist die Gretchenfrage der Frauenbewegung. Aber ich finde, eine Frauenministerin, die zu diesem Punkt nicht klar ihre Haltung sagt, ist fehl am Platze.
SPIEGEL: Nach dem Interview hatten Sie nicht nur Alice Schwarzer gegen sich, sondern fast die gesamte Frauenbewegung in Deutschland. War es nicht dumm, sich als Ministerin gerade mit jenen Bürgern anzulegen, für die man eigentlich Politik machen soll?
Schröder: Mein Amtsverständnis war es nicht, Politik nur für die organisierte feministische Szene zu machen, sondern für alle Frauen. Entscheidend ist, dass Frauen selber bestimmen wollen, wie sie leben. Dazu braucht es zum Beispiel eine gute Kinderbetreuung und einigermaßen erträgliche Arbeitszeiten. Das ist für viele Frauen wichtiger als Debatten in akademischen Zirkeln oder feministischen Internet-Blogs.
SPIEGEL: Sind Sie stolz darauf, in den Jahren im Frauenministerium nicht zur Feministin geworden zu sein?
Schröder: Kommt drauf an, wie man Feminismus definiert. Wenn Feminismus heißt, dafür zu kämpfen, dass Frauen die Chance eingeräumt wird, selbstbestimmt über Familie und Beruf zu entscheiden, dann bin ich durchaus eine Feministin.
SPIEGEL: Warum wollten Sie keine Lobbyistin von Fraueninteressen sein?
Schröder: Das war ich, vom Kita-Rechtsanspruch bis zum Hilfetelefon für gewaltbetroffene Frauen. Aber Frauenpolitik sollte nicht darin bestehen, Männer und Frauen so weit umzuerziehen, dass sie möglichst in allen Punkten dasselbe Verhalten an den Tag legen.
SPIEGEL: Sie haben aber nicht nur die Feministinnen gegen sich aufgebracht, sondern auch Ihren konservativen hessischen CDU-Landesverband. Warum hatten Sie am Ende gar keine Freunde mehr?
Schröder: Ich tauge nicht für Schubladen. Einerseits bin ich keine Nur-Konservative - im Gegensatz zu meinem Landesverband bin ich zum Beispiel für die steuerliche Gleichstellung homosexueller Paare. Andererseits verteidige ich die Freiheit der Entscheidungen von Frauen, wie auch immer sie ausfallen.
SPIEGEL: Im Frühjahr wurde aus Ihrem hessischen CDU-Landesverband die Nachricht verbreitet, Sie seien amtsmüde. Empfanden Sie das als Intrige?
Schröder: Jedenfalls wurde der Versuch unternommen, mir die Deutungshoheit über mein Leben aus der Hand zu nehmen.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Schröder: Ich wollte, dass meine Entscheidung, nicht wieder als Ministerin anzutreten, bis nach der Bundestagswahl vertraulich bleibt, weil sonst meine Autorität gelitten hätte. Deswegen hatte ich darüber mit nur ganz wenigen Leuten geredet. Trotzdem wurde die Entscheidung an die Öffentlichkeit gezerrt.
SPIEGEL: Werden Sie sich als Abgeordnete weiter um Familienpolitik kümmern?
Schröder: Nein, man kommentiert nicht die Arbeit seiner Nachfolgerin.
SPIEGEL: Aber ein zweites Thema, das solche Emotionen weckt, werden Sie nicht finden.
Schröder: Da unterschätzen Sie mich mal nicht.
SPIEGEL: Frau Ministerin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Markus Feldenkirchen und René Pfister in Berlin.
Von Markus Feldenkirchen und René Pfister

DER SPIEGEL 41/2013
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