14.10.2013

ESSAYDie neuen Großmächte

China, Indien und Brasilien erobern die Welt - doch mit dem Wohlstand wächst auch das Selbstbewusstsein der Bürger dieser Staaten. Von Erich Follath
Welches sind die Zukunftsstädte der Welt? Die amerikanische Fachzeitschrift "Foreign Policy" untersuchte gemeinsam mit dem McKinsey Global Institute Kriterien wie Wirtschaftswachstum und Technologiefreundlichkeit. Das Ergebnis: Shanghai steht vor Peking und Tianjin, dann folgt als erste nichtchinesische Mega-City São Paulo in Brasilien. Keine westeuropäische Metropole schafft es unter die Top Ten der "dynamischsten Städte". Berlin, Frankfurt am Main und München tauchen nicht einmal unter den ersten 50 auf. Dafür aber noch andere aus China, Indien und Brasilien - glaubt man der Studie, spricht die Menschheit im Jahr 2025 in ihren urbanen Zentren Mandarin, Hindi und Portugiesisch. Die Experten sagen: "Wir sind Zeugen der größten ökonomischen Transformation, die die Welt je gesehen hat."
Welches sind derzeit die konkurrenzfähigsten Staaten für industrielle Produktion, welche werden es in Zukunft sein? Die Unternehmensberatungsfirma Deloitte Touche Tohmatsu konstatiert, dass China vor Deutschland, den USA und Indien liege. Schon 2017 aber wird sich die Rangfolge nach der Projektion wesentlich verschoben haben. Deutschland und die USA fallen aus den Medaillenrängen - auf dem Siegertreppchen stehen laut der Studie, für die 550 Top-Manager führender Firmen befragt wurden, keine "alten" Mächte mehr. Sondern, in dieser Reihenfolge: China, Indien, Brasilien.
Im "Bericht über die menschliche Entwicklung", den die Vereinten Nationen 2013 herausgegeben haben, heißt es: "Der Aufstieg des Südens vollzog sich in beispielloser Geschwindigkeit und in einem nie zuvor erlebten Ausmaß." Zum ersten Mal seit 150 Jahren habe jetzt die gemeinsame Wirtschaftskraft von China, Indien und Brasilien mit den klassischen Industriemächten - USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada - gleichgezogen. Dazu wird Peking in diesem Jahr erstmals mehr Öl aus den Opec-Staaten importieren als die USA.
Es ist ja nicht nur die schiere Quadratkilometergröße, die gewaltige Zahl der Konsumenten dieser drei Staaten, in denen fast 40 Prozent der Menschheit leben. China, Indien und Brasilien verblüffen mit überraschenden Höchstleistungen in vielen Bereichen, auch in der Forschung und der Hochtechnologie. Der größte Bierbrauer der Welt ist ein Brasilianer - der Milliardär Jorge Paulo Lemann hat das US-Unternehmen Anheuser-Busch übernommen. Und das südamerikanische Land gilt auch als internationaler Spitzenreiter der Nahrungsmittelforschung. São Paulo nebst Umgebung ist weltweit Standort Nummer eins für deutsche Konzerne, es gibt rund 800 deutsche Firmendependancen. Brasilien hat abgehoben, auch im Wortsinn: Nach Boeing und Airbus ist Embraer der größte Flugzeugbauer. Dass Rio eine Party-Hochburg ist, bleibt angesichts der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und Olympia 2016 ohnehin unbestreitbar.
Im indischen Mumbai steht das teuerste Privathaus der Welt, es gehört dem Unternehmer Mukesh Ambani. Wer mit einem Jaguar über die Straßen gleitet oder im Land Rover durchs Gelände brettert, fährt indisch, Tata Motors hat das britische Traditionsunternehmen gekauft. Das Land ist der größte Polyester-Produzent - und führend bei den regenerativen Energien: Der Windkraftanlagen-Produzent Suzlon aus Pune hat die Hamburger REpower übernommen. Bei der Computersoftware und in der Weltraumtechnologie gehört Neu-Delhi zur internationalen Spitze. Und noch ein Rekord, allerdings ein fraglicher: Kein zweites Land gibt so viel für Waffenimporte aus.
In China werden längst mehr Volkswagen verkauft als in Deutschland; allein in diesem Jahr sollen im Reich der Mitte fünf neue Werke eröffnen. Aber umgekehrt investieren die Chinesen auch hierzulande, besitzen Autozulieferfirmen und haben sich bei den Perlen des Mittelstands eingekauft - der schwäbische Betonpumpenhersteller Putzmeister etwa wurde von Sany in Changsha übernommen. Die Monteure der Londoner Taxis, so typisch britisch wie Bobbys oder Plumpudding, hören auf chinesische Chefs, ebenso wie viele Arbeiter im Hafen von Piräus in Griechenland. Nichts geht mehr, so scheint es, ohne die Krösusse in Fernost, sie haben die größten Devisenreserven angehäuft. Und auch der schnellste Computer der Welt gehört den Aufsteigern in Peking.
Politisch zeigen sich die neuen Großmächte China, Indien und Brasilien zunehmend selbstbewusst - und präsentieren sich zuweilen als gemeinsame Front gegen den Westen. China blockiert im Uno-Sicherheitsrat jede missliebige Nahost-Resolution und lässt mit seiner Flotte auf den fernöstlichen Meeren die Muskeln spielen. Indien stockt gegen den Trend sein Atomwaffenarsenal auf. Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff sagt wegen der Abhörpraktiken der NSA demonstrativ eine USA-Reise ab und lässt ein Treffen mit Barack Obama platzen - schwer vorstellbar, dass Angela Merkel ein ähnlich düpiertes Deutschland ähnlich entschieden vertritt.
Die drei Schwellenländer haben sich, gemeinsam mit Russland und Südafrika, schon vor einigen Jahren zu der BRICS-Gruppe zusammengeschlossen. Ihre Staatschefs beschlossen im März eine eigene Entwicklungsbank, Startkapital 100 Milliarden Dollar, sie ist wohl als Gegenmodell zur US-dominierten Weltbank gedacht. Gemeinsam versuchen sie auch, strengere Umweltschutzauflagen für ihre Industrien zu verhindern und in den traditionellen internationalen Machtzentren an Einfluss zu gewinnen: Mit den Stimmen aus Peking und Neu-Delhi - und gegen den Wunsch der USA - wurde der Brasilianer Roberto Azevêdo im Mai zum neuen Chef der Welthandelsorganisation WTO gewählt und kann nun die Warenströme mitbestimmen.
Vor 40 Jahren war Brasilien noch eine bankrotte Militärdiktatur, Indien ein rückständiger Agrarstaat, China stöhnte unter der Kulturrevolution, kein Privatauto fuhr auf den Straßen. Wir stehen am Vorabend einer neuen Zeitenwende.
Aber das ist nur die eine Seite der Geschichte, die Erfolgsstory, die in Peking, Neu-Delhi und Brasília ständig und stolz wiederholt wird und die auch internationale Institute gern erzählen. Die andere Wahrheit ist unangenehm: China, Indien und Brasilien werden derzeit von inneren Turbulenzen erschüttert, in allen drei Staaten gehen die Menschen gegen Korruption, Vetternwirtschaft oder ineffiziente Staatsführung auf die Straße - und parallel dazu erlebt der Wirtschaftsaufschwung eine Delle.
Die Schwellenländer haben ausgerechnet in diesen Monaten, in denen sie am "alten" Westen vorbeiziehen, ökonomisch erheblich zu schwächeln begonnen. Verglichen mit dem Boomjahr 2007 werden die Wachstumsraten 2013 wohl so ziemlich halbiert: in China von über 14 Prozent auf etwa 7,5; in Indien von etwa 10 Prozent auf um die 5 Prozent; in Brasilien von 6 Prozent auf geschätzte 2,5. Das sind immer noch bessere Werte als in den USA und der EU, aber sie können den Selbstansprüchen der Aufholjäger nicht genügen. Und weil der Glanz verblasst, treten auch Gegensätze wieder in den Vordergrund: Die neuen großen drei mögen sich beim Kampf gegen die westliche Dominanz und ein mögliches Diktat in Sachen CO2-Emissionen meist einig sein, ansonsten trennt sie politisch ziemlich viel.
Was ihre eigenen Entwicklungsmodelle angeht, könnten die ja unterschiedlicher kaum sein: China ist eine zentralistische Einparteiendiktatur mit deutlichen Zügen eines brachialen Kapitalismus; Indien eine föderale, chaotische, sich oft selbst ausbremsende Demokratie; Brasilien ein präsidentielles Regierungssystem mit einer verkrusteten Parteienlandschaft. Für Hunderte Millionen Menschen auf dem Land hat sich empörend wenig verändert, die Bauern sind überwiegend die Verlierer des Booms. Aber es hat sich eine neue städtische Mittelklasse gebildet, sie schien durch die stetige Steigerung ihres Lebensstandards politisch ruhiggestellt. Da nun für sie ökonomische Grundbedürfnisse gestillt sind und der wirtschaftliche Aufschwung zumindest vorübergehend gebremst ist, verschieben sich die Prioritäten. Die Menschen nehmen verstärkt die Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaften wahr, die Vetternwirtschaft, die Funktionäre reich macht, das schlimme Gefälle zwischen Arm und Reich.
Gerade diejenigen, von denen die Herrschenden wohl glaubten, Dankbarkeit oder wenigstens stillschweigende Unterstützung erwarten zu können, gehen jetzt auf die Straße - ein Beleg für die These des französischen Weltreisenden Alexis de Tocqueville, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, es seien meist nicht die verarmten Massen, die Veränderungen anführten, sondern die Menschen, die etwas zu verlieren hätten. Sie protestieren gegen neue Dreckschleuderfabriken und eine träge Justiz (Indien), gegen vergiftete Lebensmittel und Kader-Privilegien (China), gegen mangelnde Bildungschancen und sündhaft teure Prestigeprojekte (Brasilien). Sie verlangen von ihren Politikern zunehmend selbstbewusst Rechenschaft, Verantwortlichkeit, "Good Governance".
Welches der drei Modelle kann mit dem wirtschaftlichen Rückschlag am besten umgehen, am flexibelsten im Sinne seiner Bürger reagieren - sind autoritäre Systeme besser für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet als demokratische? Handelt es sich nur um eine vorübergehende ökonomische Schwäche, oder sind die bisherigen Vorhersagen für die drei neuen Mächte doch zu euphorisch? Und was bedeutet das für die USA und Europa - fallen sie zurück, oder steht der Westen womöglich vor einem Comeback?
Manche Experten machen uns glauben, wir bekämen die Grippe, wenn Peking, Neu-Delhi und Brasília nur hüsteln. Aber muss sich Deutschland wirklich auf eine steigende Arbeitslosigkeit einstellen? Oder können wir den Immer-noch-Vorsprung bei den anspruchsvollen Jobs und in der Hightech-Forschung sogar ausbauen?
Die Welt ordnet sich neu: And the winner is - Germany?
Ein Besuch bei Amartya Sen, dem indischen Wirtschaftsnobelpreisträger und Harvard-Professor, in seinem Büro auf dem Gelände der Elite-Universität nahe Boston. Für den Mitbegründer des Human Development Index der Uno sind das Bruttoinlandsprodukt und das Pro-Kopf-Einkommen wichtige, aber keinesfalls alleinentscheidende Kriterien zur Lebensqualität. "Entwicklung bedeutet für mich materiellen Wohlstand ebenso wie Zugang zu Bildung, medizinische Grundversorgung ebenso wie das Recht auf freie Religionsausübung, Möglichkeit zur politischen Einflussnahme ebenso wie Schutz vor Polizeiwillkür."
Und da sieht der feinfühlige Intellektuelle erhebliche Defizite bei den neuen Global Players. "Die Schwäche des einen ist dabei die Stärke des anderen. China hat größere Erfolge beim Ausbau der gesundheitlichen Grundversorgung und Schulbildung erreicht, die Lebenserwartung ist hoch, die Analphabetenrate niedrig. Indien schneidet besser ab beim Schutz der Bürgerrechte. Die Regierenden müssen begreifen, dass Entwicklung Freiheit heißt - Freiheit von Armut und von Tyrannei." Nach Sens Überzeugung hat sich, trotz vieler Rückschläge, die Demokratie als Staatsform im Großen und Ganzen bewährt. Anders als die Autokratie helfe sie dabei, extreme Fehlentwicklungen zu korrigieren.
Und doch überkommt Sen, 79, wenn er über seine Heimat spricht, ein geradezu verzweifelter Zorn. Er beklagt die hohe Kindersterblichkeit, den mangelnden Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu Toiletten. Es gebe vernünftige Sozialprogramme in Indien, aber bei deren Implementierung versagten die Behörden - anders in Brasilien, wo es trotz zahlreicher Probleme immerhin langsam vorangehe. In Sens Uno-Index hat sich der südamerikanische Riese weit vor China und Indien geschoben. Beim Korruptionsindex von Transparency International schneiden allerdings alle drei kläglich ab: Brasilien liegt da auf Rang 69, China nimmt Platz 80 unter den Staaten ein, Indien ist auf Nummer 94 Schlusslicht unter den drei Mächten.
Zu Gast bei Lee Kuan Yew, dem früheren Regierungschef von Singapur und weltweit geschätzten chinesischstämmigen Elder Statesman. Auch die politische Führung in Peking verehrt den Mann, der in seinen 45 Jahren als Premier und Senior Minister die ehemalige britische Kolonie zu einem blühenden Stadtstaat gemacht hat. Und zwar weitgehend autoritär. "Ich werde mir eine intelligente, konstruktive Opposition heranzüchten", sagte er 1986, bei unserem ersten Gespräch.
Lee Kuan Yew, 90, Freund von Helmut Schmidt und Henry Kissinger, sieht schon seit langem eine Verschiebung der Weltpolitik Richtung Asien. "Das 21. Jahrhundert wird ein Zeitalter des Wettstreits zwischen China und den USA. Wie lange die Amerikaner noch vorne bleiben können, das vermag ich nicht vorauszusehen. China ist unaufhaltsam auf dem Weg zur Nummer eins." Die meisten exzessiven Verletzungen der Menschenrechte sieht Lee in Indien, nicht in dem Land seiner Vorväter. "In China beginnt sich allerdings die Idee von den Menschenrechten gerade erst einzunisten. Die Vorstellung, dass der Staat die oberste Instanz ist, die nicht in Frage gestellt werden darf, beherrscht immer noch das Denken." Zeitlebens war Singapurs Staatslenker ein Freund konfuzianischer Werte, und er freut sich, dass der große Philosoph nach langen Jahren der Verfemung wieder hohe Achtung in der Volksrepublik genießt. Lee sieht die Lehren des Weisen allerdings nicht nur als autoritätszugewandt, für ihn steht die Betonung der Ausbildung und die Verantwortlichkeit der Regierenden gegenüber dem Volk bei Konfuzius im Mittelpunkt. Die Abwesenheit rechtsstaatlicher Mechanismen, das Misstrauen der chinesischen Kultur gegenüber einem freien Wettbewerb von Ideen sei auf die Dauer schädlich - erstaunliche Worte für einen Denker, der doch lange in seinem Leben mit der Überlegenheit asiatischer Werte kokettiert hat.
Lee glaubt, dass die neue chinesische Führung unter dem "eindrucksvollen" KP-Chef Xi Jinping begriffen habe, dass sich das System öffnen müsse. Dass dies automatisch zu einem Mehrparteiensystem nach westlichem Muster führt, sieht Lee nicht. Nur durch intensive Verflechtung Pekings mit dem Westen auf allen Gebieten werde eine Konfrontation mit den USA verhindert.
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Sen und der Politik-Profi Lee sind sich in einem einig: Der Westen hat keinen Grund, sich aus dem Wettbewerb der Systeme kleinmütig zurückzuziehen. Wie aber könnte sie denn dann aussehen, die Welt im Jahr 2025? Lassen sich die Vorhersagen von Ökonomen, Wissenschaftlern und Politikern kombinieren, mit eigenen Recherchen zu einer einigermaßen fundierten Vorhersage formen?
China, Indien und Brasilien dürften in der kommenden Dekade ihren Aufstieg fortsetzen. Unaufhaltsam, wenn auch nicht mehr mit Rekordraten, sondern gebremst. Es geht um die nächste, schwierigere Entwicklungsstufe: Die drei werden feststellen müssen, dass der Weg von der Unterklasse der Welt zur Mittelklasse leichter ist als der von der Mitte zur Spitze. Vor allem in Peking ist bis dahin eingetreten, was Wissenschaftler nach einem britischen Ökonomen den "Lewis-Wendepunkt" nennen: Die Billig-Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft, lange ein Vorteil für die Ökonomie, werden zunehmend im Industriesektor absorbiert und nun eher zur Belastung - die Löhne steigen, zudem muss der Staat für Krankenversicherung und Pensionen sorgen. Auch Indien und Brasilien, die durch ihre hohe Geburtenrate zumindest theoretisch einen demografischen Vorteil gegenüber der Volksrepublik und dem Westen haben, sehen sich einem unangenehmen Phänomen ausgesetzt: der "Middle Income Trap", der Falle der mittleren Einkommen - das schnelle, relativ einfache Wachstum stagniert durch steigende Produktionskosten.
Kein Mensch wird im Jahr 2025 mehr vom "Chinesischen Traum" sprechen, den KP-Chef Xi Jinping kürzlich so vollmundig als Alternative zum "Amerikanischen Traum" propagiert hat. Der autoritäre Staatskapitalismus à la Peking dürfte bis dahin für alle sichtbar genauso entzaubert sein wie der "Washington Consensus" der Marktfundamentalisten, die das absolut freie Spiel der Kräfte auf dem Finanzsektor propagierten. Das ideale Entwicklungsmodell werden China, Indien und Brasilien für sich selbst finden müssen. Was sich in den westlichen Gesellschaften bewährt hat, lässt sich nicht unbedingt auf andere Regionen übertragen. Jedenfalls nicht eins zu eins. Aber von ihren zunehmend gutinformierten Bürgern gezwungen, werden sie sich im nächsten Jahrzehnt um die Umwelt kümmern, überprüfbare Institutionen stärken müssen. Russland dürfte den schwersten Weg gehen. Die Bevölkerung schrumpft, die Wirtschaft stützt sich fast ausschließlich auf Rohstoffe, die Bürgerbeteiligung am Gemeinwesen ist längst Zynismus anheimgefallen. In der internationalen Diplomatie war das geschickte Taktieren in der Syrien-Frage nicht mehr als ein letztes Aufbäumen: Von Zentralasien bis Afrika wird die konkurrierende chinesische Macht Moskau ausstechen.
Die USA haben trotz ihres gerade wieder beim "Shutdown" bewiesenen Hangs zur Selbstzerstörung gute ökonomische Aussichten - dass es so ist, lässt sich an einem Wort festmachen: Fracking. Durch diese umweltpolitisch bedenkliche Technik, Erdgas aus großen Tiefen zu fördern, werden die USA im kommenden Jahrzehnt unabhängig von Energie-Einfuhren und können sich auf das "Nation Building" zu Hause konzentrieren.
Das große Rätsel bleibt Europa. Wird der alte Kontinent, dieser "europäische Hühnerhof" (so Ex-Außenminister Joschka Fischer), sich nach blamablen Jahren des kleinkarierten Streits bis 2025 zusammengerauft haben? Berlin kommt dabei im nächsten Jahrzehnt die Schlüsselrolle zu: Die Nachfolger der zögernden Kanzlerin könnten unter strengen Vorgaben einer Vergesellschaftung der Schulden durch Eurobonds zustimmen, die Brüsseler Institutionen könnten effektiver, transparenter, demokratischer geworden sein. Die Banken-Union könnte verwirklicht, die Jugendarbeitslosigkeit auch im Süden wieder stark gefallen sein. Einige Hightech-Jobs dürften nach Deutschland zurückgekehrt sein, weil sich die Rahmenbedingungen im Ausland noch nicht als günstig erwiesen haben.
Das ist das optimistische Szenario. Es könnte aber auch sein, dass Europa in Lethargie verharrt und zum Spielball der neuen Mächte wird. Ein kultureller Freizeitpark, den die Gewinner der Globalisierung aus China, Indien und Brasilien als eine Art guterhaltenes Museum besuchen und bewundern. Die Städte mit der höchsten Lebensqualität weltweit sind nach der Untersuchung der Unternehmensberaterfirma Mercer heute Wien, Zürich, Auckland und München. Ob sie nur gemütlich sein sollen oder auch dynamisch zukunftsgewandt - es ist unsere Entscheidung, wir haben die Wahl. ◆
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 42/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 42/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ESSAY:
Die neuen Großmächte

Video 02:24

Trumps Idee gegen Waldbrand Holt die Harken raus!

  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen" Video 00:54
    Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn" Video 00:45
    Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!