12.04.1999

Germanias Hammelsprung

Beispiellos reich schmückt sich der Staat mit Gegenwartskunst. Für acht Millionen Mark statten Maler und Objektemacher den Berliner Reichstag mit Auftragswerken aus.
Alles in schönster Ordnung", meldet der Künstler Lutz Dammbeck über Handy aus dem Reichstagsgebäude. Er hat den ihm zugeteilten Raum, wie versprochen, sauber geweißelt vorgefunden. Gleich wird er anfangen, seinen aus Hamburg herangekarrten Collagenzyklus "Herakles-Notizen" aufzuhängen. Er liegt gut in der Zeit.
Viele Kollegen sind keineswegs weiter. In der Cafeteria beispielsweise, aus der Dammbeck gerade spricht, fehlt noch der hier vorgesehene sechs Meter lange Geschichtsfries des Ex-DDR-Meisters Bernhard Heisig.
Botschaften aus einem Sperrbezirk. Während, in der vorigen und noch bis zum Ende dieser Woche, eilige Kunsttransporte anrollen und die Macher oder ihre Hilfskräfte Bilder und Objekte in Position bringen, hat der Ältestenrat des Bundestags Heimlichtuerei wie vor einer Weihnachtsbescherung verfügt: Erst wenn die Abgeordneten am 19. April das dann fertig eingeräumte Haus bezogen haben, sollen die Medien es nach eigenem Augenschein schildern und bewerten dürfen. Also auch die Kunst im Bau.
Dabei ist sie längst im Gerede - kein Wunder. Rund 8 Millionen Mark (denen bei anderen Berliner Staatsbauten gut 60 weitere Millionen folgen werden) wirft der Bund hier für die Anschaffung zeitgenössischer Werke aus, fast doppelt soviel wie erst vor wenigen Jahren beim Bonner Plenarsaal-Neubau. Wohl nie hat sich ein modernes Staatswesen so entschlossen mit der Kunst seiner Zeit geschmückt.
Für einen vergleichbaren Batzen Geld hätten Barockfürsten einen führenden Meister angestellt, um sich Wände und Decken mit einer flotten Herrscherallegorie bemalen zu lassen. In einer Demokratie am Ende des 20. Jahrhunderts tut der Souverän sich schwerer: Nach vielen Debatten und Proporz-Erwägungen hat der aus zunächst zehn, jetzt zwölf Abgeordneten formierte "Kunstbeirat" des Bundestags seine Entscheidungsbefugnis zu Aufträgen an 19 Künstler und zu Ankäufen bei 7 weiteren genutzt.
"Auf hohem Niveau zusammengerauft" habe sich das Gremium, rühmt der Tübinger Kunsthallenchef Götz Adriani, der gemeinsam mit der früheren Mülheimer Museumsdirektorin Karin Stempel die Parlamentarier beraten durfte. Vornehmlich, so erklärt Adriani einen Grundsatz der Kür, sollten "jene herausragenden Persönlichkeiten" zum Zuge kommen, die seit langem "das Bild der Kunst in Deutschland maßgeblich bestimmen"; später, bei Parlamentsnebenbauten, wird die Besetzung bunter. Logische Folge des Auswahlprinzips: Die Malerstars Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz trumpfen im Reichstagsentree mit Großformaten auf.
Sonderstatus genießen daneben - eine leicht verkrampfte Reverenz vor den Siegermächten von 1945 - drei Ausländer aus den USA, Frankreich und Rußland. Für die Briten muß der Architekt Norman Foster einstehen, der, wie in seiner Zunft verbreitet, freie Künstler nur "knurrend" akzeptiert hat (so ein Beiratsmitglied) und der ihnen durch starkfarbige Wandpaneele das Leben nach Kräften schwermacht. Ein einziges Mal mußte er ein Gelb zu Grau umspritzen lassen, um das auf den betreffenden Sitzungssaal zugeschnittene abstrakte Bild von Gotthard Graubner nicht zu erschlagen.
Entweder formal oder aber mit Bildinhalten sollten die Künstler auf die Besonderheit des Ortes eingehen - eine Vorgabe, die Richter, dem Maler der RAF-Selbstmörder, schwer zu schaffen machte. "Ich versuche was", beschloß er, als ihn der Kunstbeirat vor zwei Jahren ansprach. Richter experimentierte mit Foto-Vorlagen zur Reichstagsgeschichte und zum Holocaust
* "Friedrichs Frau am Abgrund".
und fand schließlich: "Geht alles nicht."
Seine Not- oder Patentlösung sind riesige Glasplatten, rückseitig in den Nationalfarben beschichtet und zum 21 Meter hohen Flaggen-Image angeordnet. Daß die Abgeordnete Antje Vollmer, Beiratsmitglied erst seit der jüngsten Bundestagswahl, das längst akzeptierte Projekt nun zur "Scharlatanerie" erklärt, findet der Maler "ein bißchen spät - oder zu früh". Recht hat er: Erst an Ort und Stelle kann sich zeigen, ob das "schön fragile" Material mit seinen Spiegeleffekten überzeugt oder ob das Ganze "danebengegangen ist".
Beim Gang von Stockwerk zu Stockwerk, zwischen Eingangs- und Wandelhallen, Restaurants und Lobbys, werden sich Politiker und Besucher eine ganze Galerie von Deutschland- und Reichstagserinnerungen zusammensuchen können.
Die Gäste aus dem Ausland helfen den Deutschen nach. So läßt die Amerikanerin Jenny Holzer Leuchtschrift-Bänder mit den Texten historischer Parlamentsreden senkrecht über alle Seiten eines hohen Viereckpfeilers laufen. Und der Franzose Christian Boltanski archiviert in rund 7500 Metallschachteln Namen und Lebensdaten von deutschen Abgeordneten.
Unter den deutschen Künstlern will Polke der strengen Farbgeometrie Richters im selben Raum Vexierbilder entgegensetzen, die nach dem Prinzip changierender "Wackelpostkarten" dem vorübergehenden Betrachter mal die Germania vom Niederwald-Denkmal, mal den Hammel- als sportlichen Bocksprung vorgaukeln. Baselitz greift in den Motivschatz der nationalen Romantik und hängt Caspar David "Friedrichs Frau am Abgrund" sowie "Friedrichs Melancholie" (so seine Werktitel) kopfüber ins Bild. Markus Lüpertz bringt eine Mosel-Landschaft des reisenden Briten William Turner von 1840 mit eigenen Emblemen vom Stahlhelm bis zum Totenkopf zusammen - "ein Lesebild, wie ich es sonst nicht mache".
Hingegen hat Bernhard Heisig genau das gemalt, was von ihm zu erwarten war: Er liefert im bestellten Strip-Format und in aufgewühlter Pinselsprache ein deutsches Geschichtspandämonium, das Rollen für den Alten Fritz, für Bismarck und für Hitler bereithält. Dem Beirat schien der Vorzeigemaler der verblichenen DDR als Ost-Kunst-Zeuge im Reichstag unentbehrlich, Dissidenten von damals sagten ihm "kreative Anbiederung" nach und protestierten, vergebens, gegen seine Nominierung. Heisig selber hat diesmal das seinerzeit gewohnte "Reibungsfeld" vermißt, auf dem sich Künstler und öffentlicher Auftraggeber zu treffen pflegten. Grenzenlose künstlerische Freiheit ist ihm nach wie vor verdächtig.
Keiner aus dem alten Westen dürfte staatliche Einwürfe oder gar Eingriffe entbehrt haben. Wohl die meisten haben die offizielle Aufgabe distanziert und zugleich ein bißchen geschmeichelt angepackt. Auch Dammbeck schwankt zwischen diesen Empfindungen.
Der Leipzig-Aussiedler von 1986, seither in Hamburg ansässig, doch neuerdings zudem mit einer Dresdner Akademieprofessur ausgestattet, verkörpert demnach so etwas wie einen deutschen Ost-West-Spagat. Ihm hat der Bundestag keinen Auftrag für Berlin erteilt, sondern ein seit Ende der achtziger Jahre entstandenes Schlüsselwerk abgekauft.
Diese 100 "Herakles-Notizen" im DIN-A4-Format, auf denen Stefan George und die Geschwister Scholl, Skulpturen Arno Brekers und Apparate des Brutal-Orthopäden Daniel Schreber auftauchen und die mit einem Heiner-Müller-Text unterlegt sind, stilisieren ihren Helden zu einem Prototyp zwischen Eigensinn, Disziplinierung und Anpassung. Der griechische Mythos wird zur deutschen Parabel.
Daß er seine Blätter nun in eine Reichstagslobby hängen darf, findet Dammbeck unbedingt "ehrenvoll". Wer aber wird sich da in die verschlungene Bilderwelt vertiefen? Eigentlich wüßte er die Arbeit doch lieber in einem Museum. JÜRGEN HOHMEYER
* "Friedrichs Frau am Abgrund".
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 15/1999
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