12.04.1999

GESTORBENGiulio Einaudi

87. Am Anfang war die Bibliothek seines Vaters, des bibliophilen Wirtschaftstheoretikers und späteren italienischen Staatspräsidenten Luigi Einaudi: "Der Geruch nach Büchern, das Herumschnuppern haben in mir den Wunsch aufkommen lassen, Verleger zu werden", erinnerte sich Giulio Einaudi. Seine Leidenschaft für Literatur und Intelligenz war unverwüstlich. Je mehr die Bücher, die er produzierte, ihre Leser forderten, und je mehr sie den Widerstand gegen Mussolini oder andere Mächtige förderten, um so zäher hielt er an ihnen fest. "Der Geist kocht das Härteste weich", lautete das Motto im Emblem seines berühmten, 1933 gegründeten Verlags Einaudi. Schon ein Jahr danach wurde er von der faschistischen Geheimpolizei observiert und 1935 in die Verbannung geschickt, 1943 rettete er sich in die Schweiz. Nach dem Krieg brachte sein Verlag, zu dessen Beratern bedeutende Köpfe wie Italo Calvino und Norberto Bobbio gehörten, die internationale Kultur nach Italien (zurück): Gramsci und Brecht, Adorno und Borges, Goethe und Gogol wurden bei Einaudi heimisch. Den Gesetzen des Marktes gegenüber verhielt sich der Verleger freilich, nach eigener Aussage, "etwas hochmütig": Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten wuchsen, Giulio Einaudi wurde 1987 wegen Bilanzfälschung - in Italien eher ein Kavaliersdelikt - zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Am Ende mußte der libertäre Linke seinen Verlag ausgerechnet an den Rechtsausleger und Medien-Tycoon Berlusconi verkaufen. Der neue Eigentümer hatte sich mit dem weißmähnigen, an Gelddingen merkwürdig desinteressierten alten Herrn eine kulturelle Trophäe eingehandelt; gleichsam im Raritätenkabinett von Berlusconis Imperium durfte Giulio Einaudi noch als "Senior editore" Bücher seiner Wahl machen. Im Kreise von lauter dynamischen Jungmanagern blieb er ein Dinosaurier internationaler Buchkultur, unantastbar in seinem Stolz und seiner Würde. Giulio Einaudi starb am 5. April in seinem Landhaus bei Rom.

DER SPIEGEL 15/1999
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