21.10.2013

„Gott ist groß“

Wie unter Muslimen in Deutschland auf Spendengalas für den Kampf gegen Assad gesammelt wird
Ibrahim Abou Nagie richtet das Mikrofon, sammelt sich kurz im Scheinwerferlicht. "Jetzt bin ich dran", sagt er. Sein Vorredner hat das Sterben für Allah gepriesen, nun startet der Prediger seinen Appell. "Eure Brüder werden in Syrien abgeschlachtet, und ihr interessiert euch für Fernsehen", schimpft der Palästinenser mit deutschem Pass. Er sagt es mehrmals, damit keiner die Botschaft verpasst.
Jugendliche mit Bärtchen und Männer mit Turban folgen dem Vortrag bei Cola light, Wurst und Pommes im "MK Palast" im Kölner Nordwesten. An der Decke hängen weiße Stoffbahnen, Kronleuchter-Imitate und eine Discolichtanlage. Sonst feiern Paare aus dem östlichen Mittelmeerraum hier Hochzeiten. Heute aber gibt es die Syrien-Gala von "Helfen in Not".
Der Neusser Verein und viele andere Organisationen rufen seit Monaten bei Benefizveranstaltungen zu Spenden für Syrien auf, um Opfern des Bürgerkriegs zu helfen. Der Großteil der gesammelten Mittel dient humanitären Zwecken: Medikamente, Nahrung, Kleidung. Doch einige Veranstalter stehen extremen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, der Hamas oder dem Salafistenmilieu nahe - weshalb sich die Sicherheitsbehörden für die Galas interessieren.
Im "MK Palast" reden Prediger aus der radikalen Szene den ganzen Tag, auch der Salafist Pierre Vogel ist dabei. Als Abou Nagie am Abend spricht, sind rund 200 Männer anwesend, Frauen sind in einem anderen Raum. "Dass ihr hier seid, ist ein Zeichen. Ihr wollt helfen", ruft er in den Saal.
Der Aufruf bleibt in Köln und anderswo selten ungehört. "Die Summen, die bei Benefizveranstaltungen akquiriert werden, sind gegenüber dem Vorjahr erheblich gestiegen", hat der Verfassungsschutz ermittelt, "Quellen berichten von 40 000 bis 50 000 Euro pro Veranstaltung."
In Bonn zum Beispiel wurden sechs Eimer für Barspenden im Saal verteilt. Sie mussten "im halbstündigen Takt in eine große Tasche geleert werden", heißt es in einem Geheimdienstbericht. Allein der Verein "Ansaar Düsseldorf" soll bis Mitte Juni knapp 200 000 Euro eingesammelt haben.
Bei den Events werden auch Handys, Uhren und T-Shirts zu schwindelerregenden Preisen versteigert. In Düsseldorf pries ein Prediger, begleitet von "Allahu Akbar"-Rufen ("Gott ist groß"), ein iPhone 5 an. Es wechselte für 7000 Euro den Besitzer. In Hamburg kam eine Brille für 980 Euro unter den Hammer. Geld sei das Mindeste, was die Gäste geben könnten, mahnte der Moderator.
Die Bereitschaft zu helfen ist groß, auch weil es in manchen Gegenden ums nackte Überleben geht. Fatina Faysal aus Gießen weiß von einer Familie aus einem Vorort von Damaskus: Deren Tochter habe neulich gefragt, ob sie essen dürfe oder ob an diesem Tag eines der Geschwister dran sei. "Darum", sagt sie unter Tränen, "sammeln wir für Lebensmittel, Kleider und Medikamente."
Ihr Mann Ahmad Mutaz Faysal organisiert Hilfslieferungen in das Bürgerkriegsland. In der Garage des Paars stapeln sich Plastiksäcke und Kartons für den nächsten Konvoi. Doch Faysal gilt den Behörden als Aktivist der Muslimbruderschaft. In Syrien soll er einem islamistischen Brigadeführer 12 000 Euro gegeben haben. Einer anderen dschihadistischen Gruppe habe Faysal Geld versprochen.
Faysal sagt, er habe in Syrien an einem Treffen "von etwa 500 Kämpfern verschiedener Gruppen" teilgenommen, um zwischen ihnen zu vermitteln. Geld habe er keines dabeigehabt, und den Brigadeführer kenne er nicht.
Von Hubert Gude und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 43/2013
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