21.10.2013

KOMMENTARSchwarze Schatten

Von Alexander Neubacher
Deutschland steigt um auf Ökostrom? Im Gegenteil. Es rauchen die Kaminschlote. Plus acht Prozent beim Steinkohleverbrauch, so die Bilanz im ersten Halbjahr 2013. Seit Jahren haben die Deutschen nicht so viel klimaschädliches CO2 in die Luft geblasen. Und die Bürger wundern sich. Wieso Kohle? Werden nicht überall Solardächer und Windkraftanlagen gebaut? Was passiert mit den Milliarden aus der Ökostrom-Umlage, die demnächst schon wieder steigen wird? So haben wir uns die Energiewende wirklich nicht vorgestellt.
Die Regierung tut so, als handle es sich um ein Übergangsproblem. Doch das ist falsch. Es geht um Konstruktionsfehler der Energiewende. Ökostrom und Kohle-Boom hängen ursächlich zusammen. Das irre Fördersystem für erneuerbare Energien sorgt dafür, dass mit jedem neuen Solardach und jedem weiteren Windrad automatisch auch mehr Kohle verfeuert und mehr CO2 ausgestoßen wird.
Merkels Energiewende wird so zum Umweltkiller. Sie belastet das Klima, verstärkt den Treibhauseffekt und richtet irreparablen Schaden an.
Das Speicherproblem: Sonne und Wind liefern mal Strom im Überfluss und mal nichts, je nach Tageszeit und Wetterlage. Speichern lässt sich der Strom kaum; es mangelt an geeigneter Technologie und einem Anreiz, diese Technologie zu entwickeln.
Ökoenergie hat immer Vorfahrt im System, so regelt es das Grünstromprivileg im Gesetz. Tun sich nun aber Lücken in der Versorgung auf, müssen konventionelle Kraftwerke einspringen. Bedauerlicherweise handelt es sich in der Regel nicht um Gaskraftwerke, sondern um Kohlemeiler, weil Kohle billiger ist. Solange es keine Speicher für grünen Strom gibt, wirft jedes Windrad und jedes Solardach einen schwarzen Schatten.
Die Investitionsbremse: Früher war der Strompreis zur Mittagszeit wegen der großen Nachfrage besonders hoch, heute ist er oft besonders niedrig, weil viel Solarkraft in die Netze fließt. Der subventionierte und privilegierte Sonnenstrom drängt die anderen Kraftwerke vom Markt. Nur die billige Kohle kann beim Preis mithalten. Fast alle Neubaupläne für bessere, effizientere Kraftwerke liegen auf Eis. Niemand investiert in Anlagen, die sich nicht rechnen. Die Energiekonzerne holen stattdessen das Letzte aus ihren abgeschriebenen Altmeilern heraus.
Das Dilemma der Verschmutzungsrechte: Die deutsche Ökoförderung kollidiert mit dem europäischen Handelssystem für CO2-Verschmutzungsrechte. Jede Kilowattstunde Ökostrom setzt Emissionszertifikate frei.
Diese Zertifikate werden bedauerlicherweise nicht gelöscht, sondern verkauft und an anderer Stelle eingesetzt: in der spanischen Zementindustrie, in polnischen Braunkohlekraftwerken, in deutschen Stahlschmelzen.
Alle Windräder, Solardächer, Wasserkraftwerke und Biogasanlagen Deutschlands zusammengenommen haben den CO2-Ausstoß in Europa bis heute um kein einziges Gramm verringert. Sie haben, im Gegenteil, dazu beigetragen, dass der Preis für Verschmutzungsrechte an den europäischen Börsen sinkt - zur Freude der schmutzigsten Industrien.
Das Bürokratiemonster: Mehr als 4000 verschiedene Vergütungskategorien für Ökostrom haben sich die deutschen Umweltbürokraten ausgedacht, offenbar eher nach dem Prinzip: Was besonders teuer ist, muss besonders üppig subventioniert werden.
Ein großer Teil des Fördergeldes fließt deshalb in besonders ineffiziente Technik, etwa in Solarparks in sonnenarmen Regionen Ostdeutschlands oder in Windräder im Meer weit draußen vor der deutschen Nordseeküste.
Und das bürokratische System behindert auch Innovationen. Wo keine Subventionen winken, wird gar nicht erst geforscht. Der technische Fortschritt: limitiert durch die überschaubare Phantasie von Beamten.
Bedauerlicherweise dreht sich die Debatte zur Energiewende fast nur um die Kosten. Doch die künftige Bundesregierung muss mehr tun, als - wie bislang - über Details bei der Finanzierung zu streiten. Sie muss die fundamentalen Konstruktionsmängel reparieren, andernfalls verliert die Energiewende ihre Legitimation.
Dass der Umstieg auf erneuerbare Energien den Strompreis treibt, ist ärgerlich, aber wohl nicht zu vermeiden. Doch wenn Ökostrom zum Klimakiller wird, wäre es besser, das Projekt endlich zu stoppen.
Sämtliche Windräder und Solaranlagen Deutschlands haben noch kein einziges Gramm CO2 eingespart.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 43/2013
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