28.10.2013

KRIEGSVERBRECHERSühne

Der liberianische Warlord Butt Naked mordete jahrelang. Dann wurde er Priester. Heute besucht er Opfer und Angehörige und verlangt Vergebung.
An einem Dienstag, vor knapp sechs Jahren, kam es zum Versuch, die Schuld Joshua Milton Blahyis zu beziffern. Die Präsidentin seines Heimatlands Liberia setzte eine neunköpfige Kommission ein. Menschenrechtler, Anwälte, Journalisten und Priester sollten herausfinden, was er während des Bürgerkriegs getan hatte. Gegen Anfang dieser 132-minütigen Befragung stellten sie ihm eine Frage: "Wie viele Opfer waren es?" Die Kamerabilder des Verhörs zeigen Blahyi, wie er dasitzt in weißer Hose, in weißem Hemd, mit weißen Schuhen und überlegt. Wie viele hatte er umgebracht?
Er schaute nach vorn, unter dem Gold und Brokat der großen Halle, in der die Befragung stattfand, und wirkte gleichzeitig konzentriert und völlig entspannt. Während des Kriegs lagen dort, wo nun die Kommission saß, ein umgestoßener Präsidententhron, ein Haufen Kot und ein schwarzglänzender Steinway-Flügel, dessen drei Beine so sorgsam abgetrennt waren, wie ein Chirurg ein Bein amputiert. Es war die Zeit, als er die Straßen Monrovias beherrschte und sein Name ein anderer war.
In jenem Krieg, zwischen 1989 und 2003, starben 250 000 Menschen. Eine Million Menschen verließen ihre Heimat, bis zu 20 000 Kinder wurden als Soldaten rekrutiert. Reporter brachten Bilder von kämpfenden Minderjährigen nach Hause, die Halloween-Masken und Frauenperücken trugen, die menschliche Herzen aßen und Straßenkreuzungen mit Knochen dekorierten. Familien bezahlten für Schutz- und Blutmagie mit Geld oder mit der Opferung eines Familienmitglieds. Die Kampfnamen der Anführer klangen, als seien sie Filmen, Anschlägen oder Alpträumen entnommen, was sie oft auch waren: General Rambo, General Bin Laden, General Satan.
Blahyi hatte den Ruf, schlimmer zu sein als andere Armeeführer. Jeder, den man fragt, kennt seinen Kampfnamen, über den er selbst sagt, dass er ihn nie wieder loswird: General Butt Naked. General Nacktarsch. Ein Kannibale, der bevorzugt Babys opferte, weil ihr Tod den größten Schutz versprach. Ein Armeeführer, der nackt in den Krieg zog, nur mit Turnschuhen und einer Machete bekleidet, weil er glaubte, es mache ihn unverwundbar, und den tatsächlich nie eine Kugel traf. Ein Mann, dessen Soldaten bei Schwangeren wetteten, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei, und dann den Bauch aufschnitten, um zu sehen, wer recht hatte. Ein Mann, der jetzt Priester ist und jeden Samstag zu seinem Schachverein geht.
Nach seinen Opfern befragt, drehte er den Kopf zur Seite, wischte sich den Nacken. Er sprach erst seit wenigen Jahren Englisch. Er formulierte vorsichtig. Seine Wangen, seinen massigen Schädel hatte er sich kahlrasiert, der Schweiß rann ihm auf die Stirn hinab. Schließlich sagte er: "Ich weiß nicht die ganze ... die ganze ... die ganze Zahl ... aber wenn ich ... wenn ich ... es kalkulieren wollte ... alles, was ich getan habe ... wären es ... es sollten nicht weniger als 20 000 sein."
Es gibt ein paar Menschen auf der Welt, die einer ähnlichen Zahl von Morden beschuldigt werden wie Blahyi. Aber niemand verhält sich dazu wie er. Kaing Guek Eav, der Leiter des Foltergefängnisses der Roten Khmer in Kambodscha, in dem etwa 15 000 Menschen starben, sprach von sich als einem "einfachen Sekretär". Er habe gehorcht, "wie jeder andere in der Maschinerie". Der bosnisch-serbische General Ratko Mladić, angeklagt wegen Völkermord mit 8000 Toten in Srebrenica und weiteren 11 000 in Sarajevo, sagte, das seien "monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe". Und General Augustin Bizimungu, der an den Todeslisten von Ruanda mitschrieb, schwieg einfach.
Blahyi beantwortete jede Frage gewissenhaft, auch die nach dem Geschmack von Menschenfleisch. Im Nationalarchiv Liberias findet sich sein Vernehmungsprotokoll, in dem er mit seinen Aussagen noch einmal konfrontiert wird.
",Ich rekrutierte Kinder, die neun bis zehn Jahre alt waren.' Ist dies korrekt?"
"Ja."
",Ich pflanzte Gewalt in sie. Ich machte ihnen verständlich, dass das Töten von Menschen ein Spiel war.' Ist dies korrekt?"
"Korrekt."
",Den Feinden, die angeschossen waren, riss ich den Rücken auf und aß ihre Herzen lebend.' Ist dies korrekt?"
"Da möchte ich präziser sein ... Ich legte auch den Körper hin und ließ meine Kindersoldaten die Person zerhacken, damit sie kein Gefühl für Menschen bekommen."
"Sind Sie derselbe Joshua Milton Blahyi, den sie nun den Evangelisten Blahyi nennen?"
"Ja, Ma'am."
"Warum haben Sie sich entschieden, angesichts dieser ... Vergangenheit, zur Wahrheitskommission zu kommen?"
"Für meinen Glauben. Man sagte mir, ich solle die Wahrheit sagen, und die Wahrheit wird mich befreien."
Fünf Jahre nach der Anhörung tritt Blahyi vor seine Gemeinde. Es ist ein Sonntag im Juli. Der Geruch von Schlachtabfall weht in die Kirche in Monrovia, draußen entleert sich ein Kind in den Sand. Es ist Regenzeit, aber der Kirchensaal ist voll: junge Frauen in bunten Kleidern, Geschäftsmänner mit Krawatte, Eltern mit Kindern auf dem Arm. Drei Stunden schon haben sie gesungen, getanzt und gebetet. Es war kein Dienst an einem Gott, es war ein Fest, und jetzt, am Höhepunkt, kommt der, auf den sie gewartet haben: Pastor Blahyi. Er trägt eine weiße Weste. Er nimmt das Mikrofon. "Nehmt eure Plätze ein", sagt er. "Halleluja. Ich möchte mit euch über Segen reden. Preiset den Herrn."
Er nennt sich jetzt Joshua, nach dem Heerführer Moses. Er predigt das Wort Gottes. Er hat eine Mission für ehemalige Kindersoldaten errichtet, die er von der Straße holt, und schenkt ihnen Essen und Kleidung. Er hat drei Kinder adoptiert. Er hat auf Facebook über 2500 Freunde. Er ist dankbar, wenn er gelobt wird, er freut sich wie ein kleines Kind, wenn ihn jemand in den Arm nimmt. "Ein lieber Junge", sagt seine Mutter, die jetzt für die ehemaligen Kindersoldaten kocht. "Großzügig und lustig", sagen seine Kinder, die bei ihm wohnen. "Ein neuer Mensch", sagt seine Frau.
Kann es sein, dass ein Kriegsverbrecher zu einem Mann Gottes wird? Oder ist er ein Betrüger? Das ist der Verdacht: Jeden Sonntag streift er sich die Maske eines Priesters über, aber unter der Maske ist er ein Mörder geblieben.
Blahyi sitzt auf der Terrasse hinter seinem Haus im Norden Monrovias. Ein dicker Mann, 42 Jahre alt, der mal den Körper eines Kämpfers hatte. Nachbarn hängen Wäsche auf. Von nebenan klingt Kindergeschrei herüber. Es gibt bald Hühnchen zum Essen. Seine Töchter haben Ferien, sie zupfen in der Küche den Salat. Blahyi hat gern seine Familie um sich. Er spricht von seinem ältesten Sohn Joshua, zwölf Jahre alt, der bald in die Highschool eingeschult wird und Flugzeugingenieur werden will. Er schaut einem Schmetterling zu, der über den Palmen fliegt. Seine Augen werden sanft, wenn er über seine Kinder spricht. "Ich glaube, sie sind stolz auf mich", sagt er.
"Schlafen Sie nachts gut?"
"Ich bin gesegnet mit einem guten Schlaf."
"Sind Sie glücklich?"
"Ja, sehr."
"Kommen Sie in den Himmel?"
"So steht es in der Bibel. Wer an Jesus glaubt, wird nicht gerichtet."
Blahyi ist für seine Verbrechen nie bestraft worden. Die Wahrheitskommission hatte nur den Auftrag, seine Verbrechen aufzuklären. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag ist erst für Verbrechen seit seiner Gründung zuständig, seit dem Jahr 2002. Ein Sondergericht, das auch frühere Verbrechen bestrafen kann, wie für Ruanda, Kambodscha oder Jugoslawien, ist nie eingerichtet worden.
Es könnte durch eine Resolution des Uno-Sicherheitsrats geschaffen werden. Aber Fälle wie Liberia sind bei der Uno nicht klar geregelt. Oft gibt es eine Abwägung zwischen Gerechtigkeit und Stabilität. Würde man jeden in Liberia des Mordes anklagen, der jemanden umgebracht hat, würde sich das Land wahrscheinlich in ein zweites Somalia verwandeln. Also hat man sich gegen die Gerechtigkeit entschieden. Blahyi glaubt, dass es irgendwann trotzdem zu einem Sondergericht für Liberia kommen wird.
"Wären Sie bereit, für den Rest Ihres Lebens ins Gefängnis zu gehen?"
"Ich würde es bereitwillig annehmen, auch die Todesstrafe. Selbst wenn ich weglaufen könnte, würde ich nicht weglaufen. Mein Meister Jesus sagt: ,Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist.'"
"Wie sühnen Sie?"
"Ich besuche die Leute, die ich verletzt habe, die Opfer meiner Taten. Ich versuche, ihnen zu helfen."
"Sie bitten um Vergebung?"
"Ja. Das ist der härteste Moment. Früher konnte ich gar nichts fühlen. Jetzt fühle ich ihren Schmerz."
"Wovor haben Sie Angst?"
"Dass ich morgen den Herrn treffe, und er sagt: ,Du hast die Chance verschwendet, die ich dir gegeben habe.'"
Lyn Westman, eine amerikanische Psychologin, die ihn mehrere Jahre begleitet hat, erzählt von einer Begegnung Blahyis mit einem ehemaligen Feind, der ihn mit einer Machete bedrohte. Blahyi sank auf die Knie und sagte, er wäre bereit zu sterben, wenn es dem Mann helfen würde. Schließlich ließ der Mann von ihm ab.
Seine Frau meint: "Es gibt keine Spur seines alten Lebens mehr." Aber das stimmt nicht. Seit Jahren besucht Blahyi seine Opfer. Bis sie ihm vergeben. Und er wünscht sich keine einfache Vergebung. "Volle Vergebung", sagt er, aus der Tiefe ihres Herzens müsse sie kommen. So wünscht es Gott. Epheser, Kapitel 4, Vers 32: "Seid aber untereinander freundlich und herzlich, und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus." 19 von 76 Opfern hätten ihm verziehen, sagt er. Die meisten seiner Opfer aber wollen mit ihm nichts zu tun haben, sie prügeln auf ihn ein, beschimpfen ihn oder gehen grußlos.
Faith Gwae ist das 77. Opfer, das er besucht. Er kennt nur ihren Vornamen, der Pfarrer ihrer Gemeinde hat es ihm erzählt, der das Treffen arrangiert hat. Gwae stimmte zu, weil der Pfarrer ihr versprochen hatte, dass ihr nichts passieren würde, sie nichts tun müsste, aber der Schmerz ihres Verlusts nachlassen würde, wie bei einer Therapie. Blahyi weiß, dass er ihr Leid angetan hat, aber er weiß nicht mehr welches. Gwae wohnt am Ende eines Feldwegs, ohne Strom und fließendes Wasser. Hier stehen nur noch wenige kleine Hütten, dazwischen krähen Hähne auf verdorrtem Gras. Öl schimmert in den Pfützen. Sie verdient umgerechnet 20 Euro im Monat, als Lehrerin in einem der schlimmsten Viertel Monrovias.
Ein paar hundert Meter vor der Hütte steigt Blahyi aus dem Jeep. Es hat geregnet, seine Turnschuhe balancieren über den Schlamm, nur ein paar Zementsäcke auf dem Pfad verhindern sein Einsinken. Vor der Rückseite der Hütte hält er an. Er schaut in den grauen Himmel, dann auf seine Füße im Dreck. "Das ist mein Weg", sagt er, "ich wünschte, ich hätte Alternativen."
Als er kommt, dreht sie sich um, und ihr Blick ist überrascht. Das letzte Mal traf sie ihn vor 22 Jahren, er sah damals anders aus. Sie war 16, er war 19 Jahre alt. Das ist die Geschichte, die sie mit langen Pausen ein paar Tage später erzählt, ohne Blahyi: Juli 1991, ein Vorort von Zwedru, im Osten Liberias. Ihre Familie stellt den Kanal von BBC ein, aus dem Radio tönen die Nachrichten des Kriegs. Fliehen oder bleiben? Die Regenzeit hat die Flüsse anschwellen lassen, und der Cavally, der Grenzfluss zur Elfenbeinküste, ist unpassierbar. "Der Krieg wird nicht lange dauern", sagt ihre Mutter. Also bleiben.
Eine Gruppe vom Stamm der Krahn ist auf der Suche nach Feinden im eigenen Land, was im Bürgerkrieg jeder Angehörige eines anderen Stammes ist. Ihr großer Bruder Daniel versteckt ein Kindermädchen vom Stamm der Gio. Es ist schon seit Jahren bei der Familie. "Alles wird gut", sagt die Mutter. Faith hört die Schreie vor den Hütten, als sie kommen. Ein nackter Mann steht dort, der nur eine Machete in der Hand hält. "Wieso ist der Mann nackt?", fragt sie sich. Dann sieht sie die anderen Männer, etwa 25, schätzt sie heute, Gewehre in der Hand.
Sie hätten gehört, im Dorf sei eine Gio-Frau. Daniel stellt sich schützend vor das Kindermädchen. Er sagt zu Blahyi: "Sie ist ein Mensch, wie du und ich." Blahyi antwortet mit einem Befehl. Einer der Jungen tritt vor, er hackt ihrem Bruder den Fuß ab, dann hackt er ihm den Unterschenkel ab, dann den Oberschenkel, dann die Hüfte, langsam arbeitet er sich nach oben. Irgendwann verstummt ihr Bruder.
Blahyi sagt, dass sich jetzt alle auf den Boden legen sollen. Seine Männer vergewaltigen ihre Mutter und ihre Schwestern. Die Männer töten sie. Faith Gwae sagt: "Sie haben mich nicht vergewaltigt, aber sie haben Dinge mit mir gemacht, die ich nicht erzählen will. Sie haben einen Makel an mir hinterlassen, der bleiben wird." Irgendwann sagt Blahyi, dass es zu langsam vorangehe, es gebe noch andere militärische Operationen. Von diesem Zeitpunkt an macht er selbst mit.
Warum sie vom Tode verschont wurde, fragt Gwae sich manchmal. Vielleicht war es Gott. Vielleicht dachten die Männer, sie wäre tot.
Jetzt ist Blahyi wieder da. Er geht zu ihr, hat die linke Hand in der Tasche, mit der rechten lehnt er sich an die weißgekalkte Säule der Veranda. Er wirkt, als habe er etwas verloren. Faith Gwae sitzt auf einer Mauer, ihm den Rücken zugewandt. Beide warten. Schließlich atmet Blahyi lange aus und sagt: "Schwester, ich bin nur hier, um zu sagen: Es tut mir leid. Das ist alles, was ich sagen will. Das ist alles."
Dann kniet er sich hin. Er legt seinen massigen Schädel auf ihr dünnes Knie. Er umfasst mit seiner rechten Hand ihren Fuß mit dem rosafarbenen Strumpf. Er fängt an zu weinen. Und da kommt ein Geräusch aus Gwaes Brustkorb, ein Schluchzen, das klingt, als ob etwas in ihr zerspringt. "Bitte vergib mir", flüstert Joshua. Dann wartet er einfach nur, er kniet und wartet, und es passiert gar nichts.
Irgendwann presst sie heraus: "Es ist okay." Es ist keine Vergebung, sie will nur, dass er aufhört. Sie schüttelt den Kopf. Sie hebt die Hand. Später wird sie sagen, sie fühlte sich, als ob sie sterben würde. Blahyi richtet sich auf und lässt sich auf den einzigen Stuhl auf der Veranda fallen, einen alten, schwarzen Bürostuhl.
Nach ein paar Minuten sagt Gwae: "Ich möchte nichts hören. Ich möchte nichts sagen. Bitte geh. Frage mich nichts mehr. Lass mein Herz in Ruhe."
Doch Blahyi geht nicht, er kann nicht aufgeben. Er bietet ihr Geld, sie lehnt ab. Er fragt sie, wo ihre Verwandten sind, ob sie verheiratet ist, warum sie allein hier ist. Sie schüttelt nur den Kopf. Er weiß noch nicht, dass er ihre Familie umgebracht hat.
Er sagt: "Ich weiß, ich kann nichts machen für dich. Aber wenigstens ... lass mich den Bruder, den Vater spielen, irgendjemanden. Ich kann die Familie spielen, wenn möglich." Gwaes Knie fangen an zu zittern. Man möchte Blahyi am liebsten wegtragen, so falsch fühlt sich alles an.
Er versucht, sie zu erreichen, indem er von sich selbst erzählt: "Es tut weh. Ich spielte neulich mit meinen Kindern, und wir lachten. Und ich fing an nachzudenken: Jetzt lachen meine Kinder. Was ist mit den anderen Kindern, die ich getötet habe?" Er macht eine Pause. Dann sagt er: "Diese Dinge kommen zu mir. Jeder Tag ist eine Herausforderung. Ich weiß, ich kann nicht jeden erreichen. Ich hoffe einfach."
Und gerade dieser kleine, selbstmitleidige Satz in diesem missglückten Versuch von Sühne lässt so etwas wie ein Gespräch zu. Die schmale Faith Gwae öffnet den Mund und sagt: "Es ist etwas, was nicht sofort passiert. Es ist ein Prozess. Lass mich mit mir allein. Nach einiger Zeit ... ich werde darüber nachdenken. Ich werde nicht aufwachen und sagen: Oh ja. Ich vergebe dir. Das ist unmöglich, weißt du."
"Ich weiß", sagt er.
"Ich weiß nicht", sagt sie.
Es gibt in der Beurteilung Blahyis zwei Möglichkeiten. Die erste ist: Er spielt seit 17 Jahren ein zynisches Spiel, das Spiel des frommen Mannes. Doch in einem Land mit völliger Straflosigkeit für Kriegsverbrechen ergibt das wenig Sinn. "Hier ehren sie die Leute ohne Ehre", sagt selbst Blahyi. General Prince Johnson, der dem damaligen Präsidenten die Ohren abschneiden und ihn dann verbluten ließ und dabei mit einer Dose Budweiser am Schreibtisch zusah, ist heute Senator im liberianischen Parlament. Über seine ehemaligen Verbrechen sagt er: "Es war Krieg. Ich war Soldat." Warum sollte Blahyi so tun, als ob er Priester sei, und einer Vergangenheit nachspüren, die niemanden wirklich interessiert? Er hätte in die Politik gehen können, eine Autowerkstatt gründen, niemand in Liberia hätte sich darüber gewundert.
Die zweite Möglichkeit wäre: Blahyi hat sich wirklich geändert.
Der Mann, der die Wahrheit wissen könnte, heißt Bischof John Kun Kun von der Soul Winning Church in Monrovia. Er machte den Massenmörder zum Gottesmann. In Liberia ist er ein angesehener Mensch und Vorsteher einer der einflussreichsten Kirchen. Er befindet sich in diesen Tagen in Robertsport, einer kleinen Küstenstadt, 80 Kilometer nordwestlich von Monrovia. Er ist hier für ein Treffen von Kirchenführern aus dem ganzen Land.
Kun Kun ist ein ruhiger Mann mit klarem Blick. Er bewegt sich athletisch wie ein Sportler, aber spricht bedächtig wie ein alter Mann. Das ist seine Geschichte: Als im April 1996 der Bürgerkrieg erneut aufflammt, beschließen er und andere Kirchenführer, etwas gegen den Terror zu unternehmen. Sie wollen das tun, was sie in einem Land, in dem der Glaube alles ist, am besten können: missionieren. Nur sollen diesmal die Armeeführer bekehrt werden. Das Los fällt auf Kun Kun, er soll mit General Butt Naked reden. Also geht er hin, klopft an die Tür von Blahyis Militärbaracke im Süden Monrovias und tritt ein. Er findet einen ruhelosen Mann vor, der behauptet, keine Zeit für ihn zu haben, und seine Maschinenpistole auseinander- und wieder zusammenbaut.
Warum lebte Blahyi ein Leben, das aus Töten bestand? Kun Kun sagt: "Es war die einzige Sache, die er kannte. Ich glaube, er genoss es, dass Leute Angst vor ihm hatten. Er genoss es, zu kommandieren. Menschen waren von ihm abhängig."
Kun Kun sagt ihm: "Ich wollte dir nur sagen, dass Jesus dich liebt und dass er einen besseren Plan für dein Leben hat." Blahyi schaut ihn an und sagt nichts. Dann spricht Kun Kun ein Gebet und bittet Blahyi, die Augen zu schließen und es nachzusprechen. Der schließt nicht die Augen, aber spricht es nach. Danach geht Blahyi zu seinem Bodyguard und schießt ihm in beide Knie, weil er den Bischof reingelassen hat. Auch die Familie des Bodyguards wird Blahyi später um Vergebung bitten. Kun Kun überlegt sich, ob es wirklich eine gute Idee ist, noch einmal vorbeizukommen.
Aber er kommt wieder. Er lernt einen Mann kennen, der tief in sich eine große Angst verspürt, der denkt, er sei von einem Dämon besessen, und der nach einem Ausweg sucht. Kun Kun kann ihm diesen Ausweg bieten. "Lass uns gemeinsam beten", sagt er ihm.
Blahyi findet eine Lieblingsstelle in der Bibel, Johannes-Evangelium, Kapitel 3, Vers 16: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Und weiter: "Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet." Blahyi hat vielleicht die einzige Religion gefunden, die ihm tausendfachen Mord vergeben kann, vollständig vergeben kann, und die darin noch die Größe ihres Gottes erkennt. "Gott hat die Macht, jeden zu verändern", sagt Kun Kun, "sogar Butt Naked."
Sonntags in der Kirche, vor seiner Gemeinde, spricht der Prediger Blahyi vom Leid Hiobs, von den Träumen Jakobs, von den Wundern Jesu. Seine Zuhörer schließen die Augen, recken die Hände. Seine Stimme wird immer lauter, am Ende schreit er, läuft zwischen den Zuschauerreihen entlang, er streckt seinen Arm in die Höhe und ruft in das Mikrofon: "Gott, zeige mir meine Bestimmung. Zeige mir meine Bestimmung, Gott. Zeige mir den Grund, warum ich geboren wurde." Es sind jetzt Schatten hinter ihm zu sehen, die die hochgereckten Hände seiner Zuhörer auf die Wand werfen. Es sieht aus, als ob große, schwarze Hände nach ihm greifen wollen, denen er immer wieder entwischen kann.
Seine Bestimmung, das sagt er am nächsten Tag, sieht er so: "Ich glaube, dass Gott mich als ein Zeichen benutzen will. Egal wie weit ein Mensch geht, er hat das Potential, sich zu ändern."
Vielleicht gibt es noch eine dritte Möglichkeit, außer dass Blahyi eine Maske trägt oder ein wirklich Geläuterter ist. Vielleicht glaubt Blahyi einfach nur fest daran, sich geändert zu haben. Und das Land, in dem er lebt, glaubt es ihm auch. Und wenn alle es glauben - stimmt es dann nicht auch? Wenn Blahyi tatsächlich jeden Sonntag eine Maske trägt, dann hat sich die Haut darunter an die Maske angepasst. Und dann bleibt Blahyi ein Verbrecher ohne Richter auf Erden.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 44/2013
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