04.11.2013

ZEITGESCHICHTEMüller-Märchen

Heinrich Müller, von 1939 an Chef der Gestapo, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er starb vor 68 Jahren, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Müller wurde in einem Massengrab auf einem jüdischen Friedhof in Berlin beigesetzt. Die Belege dafür entdeckte der Historiker Johannes Tuchel, Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, wie vorige Woche bekanntwurde. Damit steht fest: Ermittler, Agenten und Journalisten suchten jahrzehntelang nach einem Toten.
Juni 1948: Die Alliierten führen Müller auf der Fahndungsliste "Final Consolidated Wanted List".
29. Juli 1960: Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg bittet das US-Generalkonsulat in Stuttgart um Hilfe: "Es muss angenommen werden, dass Müller bei Kriegsende geflüchtet ist, sich jetzt unter falschen Personalien im In- oder Ausland aufhält."
7. Januar 1961: Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten erlässt einen Haftbefehl.
Frühjahr 1961: Ein polnischer Geheimdienstüberläufer erzählt der CIA, Müller sei in Moskau.
Mai 1961: Auf Antrag der bayerischen Polizei überwachen die US-Streitkräfte 90 Tage lange die Familie Müllers.
4. Oktober 1963: "Gestapo-Müller ist tot" ("Bild"-Zeitung); "Lebt Gestapo-Müller noch?" ("Süddeutsche Zeitung")
18. November 1963: "Vor einem Jahr lebte er in einem deutschen Gästehaus in einem Slum in Kairo" ("Daily Express")
12. Januar 1964: "Gestapo-Müller lebt in Albanien" ("Stern")
16. August 1964: "Die Spur führt nach Südamerika. Gestapo-Müller hat sich abgesetzt" ("Stern")
Anfang November 1967: Zwei israelische Agenten brechen in die Wohnung der Witwe Müllers in München ein. Sie werden ertappt, zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt und abgeschoben.
13. November 1967: Ein Belgier behauptet, ein Straßenhändler in Panama-City sei Müller. Die Bundesregierung stellt ein Auslieferungsbegehren, die Geheimpolizei Panamas nimmt den Mann fest. Er ist US-Amerikaner.
8. Januar 1968: "Er und eine junge Italienerin führen ein Eisenwaren- und Lebensmittelgeschäft in einem Vorort von Natal im Nordosten Brasiliens" (der britische Journalist Antony Terry in einem Gastbeitrag im SPIEGEL)
um 1968: Die Stasi notiert: Müller führt den Decknamen "Armin Abdel Mogid", er "ist in Salvador (Brasilien) als Touristenführer gesehen worden".
17. Juli 1995: "Exklusiv: Prager Agenten holten den für tot erklärten Gestapo-Chef Müller aus Argentinien - Ex-Minister lüftet Moskauer Staatsgeheimnis" ("Focus")
18. Februar 2001: "Recherchen ergaben: Er wurde von der CIA eingesetzt und vor der Strafverfolgung geschützt" (ZDF-Historiker Guido Knopp in der "Welt am Sonntag")

DER SPIEGEL 45/2013
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