04.11.2013

Türkisiert

HOMESTORY Warum ich nie zu einer richtigen Deutschen wurde
Würdest du auch mit jemandem schlafen, der nicht beschnitten ist? Ich war 14 und gerade erst angekommen auf dieser Party bei meiner Freundin Marie. Es war eine der ersten Fragen an diesem Abend, es folgten weitere: Darfst du einen deutschen Freund haben? Redet dein Vater mit dir über Sex? Willst du vielleicht doch mal von dem Schweinefleisch probieren? Viele neue Menschen, viele alte Fragen.
Na ja, sie wollten mich kennenlernen, dachte ich. Wie immer. Auch Jahre später. Ich war 23 und hatte ihm gerade erst die Hand gegeben, er sah gut aus, seinen Vornamen hatte ich nicht richtig verstanden, es war zu laut auf der Party: "Total schön, dass du so spät noch rausdarfst", schrie er. "Ja, schön", sagte ich. Du Spinner, dachte ich, es war erst 21.30 Uhr. Aber ich sagte nichts. Es waren normale Partygespräche. Deutsche Partygespräche mit Türkenmädels wie mir.
Es war egal, dass ich besser hamburgern konnte als er. Es war egal, dass er gerade aus seinem türkenfreien Dorf auf die Reeperbahn gezogen war, auf der mein Gastarbeiter-Opa schon vor 50 Jahren spazieren gegangen war.
Für mich war es Routine, dass ich in meiner Heimat Hamburg wieder Integrationsfragen von Deutschen beantworten musste. Wir Migrantenkinder lernen früh, deutsche Fragen positiv zu sehen, die Deutschen, sie haben halt diese böse Vergangenheit und jetzt ein großes Interesse an "fremden Kulturen". Ich lernte schnell: Wenn deine Eltern Migranten sind, heißt es auf Deutsch eigentlich nur, dass du keine Privatsphäre hast. Es gibt keine Hemmschwelle. Keine Frage, die man dir nicht stellen darf. Oder wurden Sie auf einer Party schon mal gefragt, ob Sie Männer mit oder ohne Vorhaut bevorzugen? Drei Minuten nach dem Handschlag tauchen die Deutschen ein. In deine Religion. Deine Familie. Dein Schlafzimmer. Schlägt dich dein Vater? Oder schlägt er nur deine Mutter?
Wir Migrantenkinder beantworten solche Fragen immer fleißig. Deutschen zu gefallen ist wichtig. Das bringen Gastarbeiter ihren Kindern früh bei. Mein Opa war Anfang der Sechziger an den Hamburger Hafen gekommen, um Schiffswerften zu reinigen. Deutsche Integrationsfragen haben in meiner Familie eine lange Tradition. Mein Vater wurde auf Betriebsfesten seiner Firma, einer deutschen Bausparkasse, immer gelobt, weil seine türkische Frau tanzen durfte, ihre Röcke kurz waren und sie Whisky trank. Meine Eltern bekamen das höchste Lob der Deutschen: "Ihr seid aber andere Türken, oder?"
Andere Türken. Auch ich hatte meine "Andere-Türken-Kassetten", die ich immer abspulte. Sie hörten sich ungefähr so an: Meine Eltern haben schon vor ihrer Hochzeit geknutscht. Ja, sie waren sogar sieben Jahre lang zusammen, bevor sie heirateten. Sie waren einander nicht versprochen, ihre Ehe war nicht arrangiert. Sie schrieben sich Liebesbriefe und hielten Händchen, am Bosporus, ohne Trauschein. Ja, sie durften auch ins Kino. Geschichten, die beweisen sollten, dass wir "andere Türken" waren. Moderne Türken. Nette Türken. Fast Deutsche. Aber so schnell ging das nicht mit dem Deutschwerden.
Als ich in der fünften Klasse aufs Gymnasium kam, meldete ich mich nie, ich quatschte einfach dazwischen, und ich tat es oft. Ich störte. Ein klarer Fall, glaubte meine Klassenlehrerin, Frau K. Also lud sie meinen Vater zum Elterngespräch ein.
Frau K. hatte sich vorbereitet. Sie wusste jetzt alles: über die Frau im Islam, meine Mutter. Über das Patriarchat, meinen Vater, Unterdrückung, Ehrenmord, Aufgabenteilung und Redeanteile von Mann und Frau in einer türkischen Familie, also meiner. Jetzt erklärte sie es meinem Vater: "Herr Gezer, ich kenne Ihre Herkunft und verstehe Ihre Kultur - aber wenn Sie das Mädchen zu Hause so unterdrücken und nicht reden lassen, nur weil es ein Mädchen ist, dann lässt es alles in der Schule raus." Mein Vater schwieg, die Lehrerin nicht. Sie hatte Telefonnummern rausgesucht, von Praxen, die solche Problemfamilien mit Migrationshintergrund wie uns therapierten. Mein Vater ist ein geduldiger Mensch, irgendwann unterbrach er sie doch: "Frau K., wenn Sie wüssten, wie viel Özlem zu Hause spricht, dann wären Sie glücklich mit dem, was sie hier in der Schule spricht", sagte er, stand auf und ging.
Frau K. hatte ihm das alles auf "Tarzan-Deutsch" erklärt. Tarzan-Deutsch nennen es Türken, wenn Deutsche falsches Deutsch mit ihnen sprechen, weil sie hoffen, dass Türken sie dann besser verstehen. Tarzan-Deutsch spricht man langsam. Lässt alle Artikel weg. Duzt. Dekliniert die Verben nicht und baut die Sätze falsch. Es sind Sätze wie: "Herr Gezer, du wissen, Tochter nicht schlagen, weil ich reden mit dir." Mein Vater hat die Theorie, dass Tarzan-Deutsch schuld daran ist, dass manche der alten Türken nie richtig Deutsch lernen werden.
Im laufenden Schuljahr wurde mein Vater Elternsprecher, meine Mutter verkaufte die Pausenmilch. Ich blieb Türkin.
Es waren die Neunziger. In der Türkei töteten Türken Kurden und Kurden Türken. PKK-Anhänger besetzten die SPD-Zentrale in Hamburg. In Mölln und Solingen wurden Türken von Nazis verbrannt. "Warum warst du am Samstag nicht auf der Demo, ging doch um euch?", fragte mich ein Klassenkamerad.
Ich spielte zu der Zeit Handball, beim SC Teutonia. Am Wochenende hatte ich ein wichtiges Turnier. Meine Eltern waren auf einem Rock'n'Roll-Festival in der Heide. "Özlem, was ist denn da los bei euch?", fragte meine Klassenlehrerin jetzt. Mit "bei euch" meinte sie die türkisch-syrische Grenze.
Für mich war "bei uns" immer der Wohlerspark, ein ehemaliger Friedhof in Hamburg-Altona. Der Grandplatz, wo mein Vater die Jungs von St. Pauli trainierte. Für mich war "bei uns" meine Handballhalle. Die Bücherhalle unten im Hochhaus. Da ist meine Heimat, da komme ich her. Da habe ich das erste Mal geknutscht. Da habe ich heimlich geraucht. Egal wo auf der Welt ich bin, wenn ich Heimweh habe, denke ich an das Hochhaus auf St. Pauli.
Es interessierte niemanden. Ich war jetzt die Expertin. Eine Art diplomatische Vertretung der Türkei auf dem Klassenstuhl.
"Özlem, ihr habt den Kurden ihr Land weggenommen, so geht das nicht", schrieb mir meine Freundin Marie in einem Fünf-Seiten-Brief mit schwarzer Tinte. Ich war 1981 in Hamburg-Eppendorf geboren worden und hatte niemandem etwas weggenommen. Mein kurdischer Klassenkamerad zeichnete jetzt Kurdistan an die Tafel. Ich wusste nicht, wo es lag. Für sie war ich die ignorante Tochter türkischer Nationalisten. Ich wusste vieles über Hitler, kaum etwas über Atatürk. Ich wusste nicht mehr über den Konflikt in der Türkei als Stefanie oder Timo.
Wir gingen jetzt in die ersten richtigen Clubs. Ich mochte Alkohol nicht. "Verbieten es dir deine Eltern?" Wenn ich mal früher gehen wollte, war Zapfenstreich bei Türken. "Sie darf halt nicht so lange", erklärten dann Fremde Fremden über mich. Also blieb ich bis zum Schluss, auch an Abenden, wo die Party schlecht und die Musik unerträglich war. Ich trank Bier, auch wenn ich den Geschmack hasste.
Es begann eine Zeit, in der ich mich geschmeichelt fühlte, wenn sie sagten: "Ich dachte, du bist Italienerin? Oder vielleicht Brasilianerin?" Interessanter Akzent. Schöne Strände. Nackte Frauen. Bester Fußballer der Welt. Kein Ehrenmord. Keine geschlagenen Frauen. Es gefiel mir. Es hielt nicht lange. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Wenn ich jetzt gefragt wurde: "Wo kommst du her?", sagte ich immer: Türkei. Mein Leben wurde einfacher. Wenn die türkische Nationalmannschaft spielte, war ich jetzt für die Türken. An türkischen Feiertagen blieb ich zu Hause, gegen den Willen meiner Eltern, aber meine Lehrer fragten sonst: Warum feiert ihr nicht eure Feiertage? Ich wurde zur Türkin mit deutschen Wurzeln.
Sehnsüchte blieben. Nach einer Bockwurst aus Schweinefleisch. Meine Handball-Leute bestellten immer Rind für mich. Sie fragten nicht. Ich sagte nichts. Was würden die Deutschen denken, wenn die Türkin Schwein isst?
Mein Vater hat irgendwann mal gesagt: "Die Deutschen haben meine Kinder türkisiert, nicht wir."
Auch wenn es manche Integrationsexperten wundern wird, wir haben noch nie am Küchentisch gesessen und über den Grad unserer Integration diskutiert. Gelungen oder nicht? Ob Deutschland jetzt unsere Heimat ist oder nicht? Die Fragen beantworten wir immer nur draußen.
"Warum hat es bei euch geklappt?" In Deutschland gibt es zwei Arten von Migranten. VM und PM. Vorzeigemigrant und Problemmigrant. Du musst dich früh entscheiden, später zu wechseln geht schwer. Ich war mit den Jahren immer mehr zur Vorzeigemigrantin geworden. Fast Deutsche. Ich hatte mich dann aber an das Türke-Sein gewöhnt. Es gefiel mir inzwischen sogar gut.
Vor ein paar Wochen bekam ich einen Brief. Es ging um die Proteste in der Türkei. Der Brief ist von einer verzweifelten Mutter. Ihr Sohn müsse jetzt immer in der Schule das Handeln des türkischen Premiers erklären.
Ich habe gern von den Protesten in der Türkei berichtet. Von einer Türkei, in der Kurden und Türken gemeinsam kämpften. Für Pluralismus. Demokratie. Wo Demonstranten Tango tanzten gegen Pfeffergas und junge Aktivisten Nelken auf Wasserwerfer feuerten. Ich war berührt, ich teilte ihre Wut. Aber vor allem war ich das erste Mal in 32 Jahren richtig stolz darauf, etwas über Türken erzählen zu dürfen. Kein Ehrenmord. Keine Schlägerei. Es war so westlich. So modern. Andere Türken halt.
Stellen Sie sich vor, Sie ziehen nach Istanbul. Ihre Tochter kommt an eine türkische Schule. Am ersten Schultag wollen ihre Klassenkameraden sie kennenlernen: "Sag mal, hast du auch schon mit zwölf Sex gehabt? Wie oft hast du abgetrieben? Warum trinkt ihr Deutschen so viel Bier? Warum vergewaltigen eure Priester kleine Jungs? Und die deutschen Politiker, sind die eigentlich alle pädophil? Hoffentlich schmeißen dich deine Eltern nicht mit 16 raus, damit du lernst, auf eigenen Beinen zu stehen. Und sag mal, warum steckt ihr eure Alten immer ins Heim? Und warum ermordet ihr Türken, weil sie Türken sind? Sag mal, was ist da eigentlich los bei euch?"
Sie fragen: Redet dein Vater mit dir über Sex? Schlägt er deine Mutter?
Von Özlem Gezer

DER SPIEGEL 45/2013
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