04.11.2013

BESCHÄFTIGUNGWeg ins Abseits

Obwohl es so viele Jobs gibt wie nie zuvor, steigt die Zahl der Arbeitslosen. Menschen ohne Berufsausbildung haben kaum eine Chance, eine Stelle zu finden.
Ein Kasten. Ein Koffer. Kasten. Kasten, wieder ein Koffer. Das Laufband rasselt. Den Blick auf den Monitor gerichtet, schiebt Monika Lenzner, 58, die Gepäckstücke über die Rollstäbe.
Sie hat den Job am Röntgengerät in der Abflughalle des Berliner Flughafens Tegel allein gefunden, ohne Jobcenter. Sie ist Luftsicherheitsassistentin, nach zwölf Jahren Arbeitslosigkeit, vielen erfolglosen Schulungen und Bewerbungen.
Monika Lenzner hat Glück gehabt, ihr Fall ist eher die Ausnahme als die Regel. Denn obwohl der Arbeitsmarkt boomt und die Zahl der Jobs so hoch ist wie nie zuvor, steigt die Zahl der Arbeitslosen.
Der Blick auf die aktuelle Arbeitsmarktstatistik zeigt eine eigentümliche Dissonanz: Im August stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs gegenüber dem Vorjahr um 353 000, etwa die Hälfte davon Vollzeitarbeitsplätze. Zugleich sind 240 000 Menschen in Rente gegangen. Normalerweise hätte die Arbeitslosenzahl sinken müssen, tatsächlich ist sie im Oktober gegenüber dem Vorjahr um 48 000 angewachsen.
Das klingt paradox, ist aber einfach zu erklären: Es gelingt zunehmend, die sogenannte stille Reserve zu heben - Menschen, die mangels Chancen die Arbeitsplatzsuche aufgegeben hatten, und Frauen, die früher nicht berufstätig waren. Gleichzeitig scheiden Ältere immer später aus dem Berufsleben aus. Sie alle haben eines gemein: Sie tauchten vorher nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Zudem drängen 270 000 überwiegend qualifizierte Zuwanderer in diesem Jahr auf den Markt.
42 Millionen Arbeitsplätze gibt es in Deutschland, das ist ein historischer Höchststand. "Das Risiko, arbeitslos zu werden, wenn man einen Job hat, ist in den vergangenen Jahren gesunken. Es liegt bei monatlich 0,84 Prozent", sagt Thomas Bauer, Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.
Die Kehrseite: Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose, vor allem die älteren, haben weniger Chancen, einen Job zu finden. RWI-Ökonom Bauer rechnet "mit einem weiteren Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit, die derzeit etwas mehr als eine Million Menschen betrifft".
Der Arbeitsmarkt ist kein statisches Gebilde, jeden Tag werden in Deutschland 20 000 Arbeitsverhältnisse gekündigt und ebenso viele eingegangen. Wer qualifiziert ist, bleibt nicht lange arbeitslos. Eng wird es für die mehr als 1,2 Millionen Menschen ohne Berufsausbildung. Je länger sie ohne neuen Job sind, umso größer wird ihr Risiko. Einfache Tätigkeiten sind in einer hochspezialisierten Industriegesellschaft längst Mangelware.
Jörg Schäfer fand seit seiner Ausbildung zum Heizungsbauer vor zehn Jahren nie eine feste Stelle. Für seinen Lebensunterhalt jobbte er als Recyclinghelfer, Steinmetzhelfer oder Hausmeister. Im Winter war er oft arbeitslos, der Weg ins Abseits war vorgezeichnet.
Jetzt ist er wieder Lehrling, in der Tischlerei Kielburger im rheinländischen Winterbach. Geschreinert hat er immer gern. Der Geselle, der ihm zeigt, wie er die CNC-Maschine bedienen muss, ist 25, fünf Jahre jünger als er, der Azubi.
Seine zweite Chance verdankt Schäfer einem Pilotprojekt der Arbeitsagentur Bad Kreuznach. Die hatte im Spätsommer 2012 begonnen, Arbeitslose im Alter von 25 bis 35 Jahren zur Ausbildung zu ermuntern. Nun kann er von seinem Arbeitslosengeld und den 400 Euro, die von der Ausbildungsbeihilfe übrig bleiben, Miete und Auto bezahlen.
Mittlerweile ist aus dem Versuch in Bad Kreuznach die bundesweite Initiative "Spätstarter" geworden. Bis 2015 will die Bundesagentur für Arbeit (BA) 100 000 junge Menschen ohne Qualifikation zu einer Berufsausbildung motivieren. "Wir müssen statt auf kurzfristige Maßnahmen noch stärker auf langfristige Qualifizierung setzen", sagt BA-Vorstand Heinrich Alt.
Allerdings lässt sich nicht aus jedem Arbeitssuchenden ein voll wettbewerbsfähiger Arbeitnehmer machen. Viele haben gleich mehrere Vermittlungshemmnisse. Sie bilden den harten Kern der Arbeitslosigkeit. Rund 300 000 Menschen haben seit Einführung der Grundsicherung 2005 keinen Tag sozialversicherungspflichtig gearbeitet.
"Für Menschen, bei denen es im ersten Schritt nicht für eine klassische Ausbildung reicht, brauchen wir mehr Möglichkeiten, über Ausbildungsmodule und Teilqualifikationen wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu fassen", sagt Holger Bonin, Ökonom am Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW. Flexible Lösungen sind auch gefragt, um die stille Reserve des Arbeitsmarkts weiter zu heben - Menschen wie Katharina Dries. Die 40-jährige Rechtsanwaltsfachangestellte hat fünf Jahre Jura studiert.
Dries war fast zwölf Jahre lang nicht berufstätig. Der Mann verdiente das Geld als Opernsänger, sie kümmerte sich in Simbach am Inn um die drei Kinder. Sie tat, was die Frauen im Ort eben so tun. Sie leitete den Kinderchor, organisierte Mutter-Kind-Gruppen und den Elternbeirat der Grundschule. Im Juli zog sie mit ihrem Mann nach Hannover. Jetzt sucht sie einen Job.
Die Ausbildung ist lange her. Für die Arbeitsagentur gilt Dries als Ungelernte. Um wieder einsteigen zu können, braucht sie eine Betreuung für ihre schulpflichtigen Kinder und eine Weiterbildung, die neben der Familie möglich ist. In Teilzeit oder Abendkursen etwa.
Von Markus Dettmer und Kristiana Ludwig

DER SPIEGEL 45/2013
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