04.11.2013

KUNSTLust auf Krieg

Eine Bonner Schau widmet sich der Avantgarde in den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs. Erstaunlich viele Künstler zogen begeistert in die Schlacht.
Was für ein Bild. Ein Boot auf einem See, dunkel und bunt, eine stimmungsvolle, auch mysteriöse Idylle. Der tschechische Maler František Kupka schuf das Ölgemälde 1909 in Paris. Für damalige Gewohnheiten ist es radikal modern, weil sich die Gegenständlichkeit darauf aufzulösen scheint, weil es den Weg in die befreiende Abstraktion aufzeigt.
Viele bahnbrechende Bilder sind im frühen 20. Jahrhundert geschaffen worden. Sie belegen, welche Energie von der Kunstlandschaft Europas ausging. Eine Auswahl der Produktion aus Vorkriegs- und Kriegszeiten, auch Kupkas Bild, hängt nun in der Bundeskunsthalle in Bonn. Dort beginnt am Freitag die Schau "Die Avantgarden im Kampf".
Der deutsche Expressionismus, der französische Kubismus, der italienische Futurismus waren provozierende Stile. Sie alle prägt eine Ästhetik der Anspannung, der Nervosität. Europas Künstler wollten gefährliche Bilder malen, die alles in Frage stellen, was bis dahin galt, auf der Leinwand und im Leben.
Die Zäsur, die dem Sommer der Kriegserklärungen von 1914 folgte, war echt, tief und blutig. Was der Erste Weltkrieg für die Kunst bedeutete, was den Künstlern dieser Krieg bedeutete, klären nun, bald hundert Jahre später, viele Bücher und Ausstellungen. Der Bonner Beitrag ist in seiner klugen Anschaulichkeit grundlegend.
Kupka, damals ein Mittvierziger, wollte 1914 sofort an die Front. Weil seine Heimat eine neutrale Position einnahm, trat er der sogenannten tschechischen Abteilung der französischen Fremdenlegion bei. Er überlebte diesen Krieg, auch den nächsten, und durfte 1955 sogar an der ersten Documenta teilnehmen.
Zum größeren Mythos wurde der Münchner Maler Franz Marc, der 1916 in der Nähe von Verdun fiel. Auf seinen Leinwänden erscheint die Welt wie eine kristalline Kostbarkeit, als hätte eine veränderte Tektonik zu wahrer Schönheit geführt. Marc forderte auch in der Gesellschaft die völlige Umwälzung, die er Reinigung nannte. "Mein Herz ist dem Krieg nicht böse, sondern aus tiefem Herzen dankbar, es gab keinen anderen Durchgang zur Zeit des Geistes ...", schrieb er von der Front.
Kupka und Marc waren in ihrem Drängen zu den Waffen zeitgemäße Künstler. In Berlin gaben die Galeristen der Moderne Propagandazeitschriften heraus. In Frankreich verließen Maler ihre noch nicht trockenen Gemälde, um in den Krieg zu ziehen. In Italien fieberten die regelrecht kriegslüsternen Futuristen den "Symphonien der Schrapnelle" entgegen.
Es ist diese überspannte Kriegsbegeisterung, die man mit der Kultur der frühen Moderne verbindet. Doch soll in Bonn deutlich werden, dass solche pauschalen Einordnungen nie stimmen können, dass es Abstufungen und auch explizite Gegenstimmen gab, wenngleich diese damals (und in der späteren Rezeption) verhallten. Der russische Maler Wassily Kandinsky beispielsweise warnte seine Freunde, darunter Franz Marc, vor der "stinkenden Schleppe", die sich im Falle eines Krieges über die Erde ziehen würde, er sah "Berge von Leichen" voraus.
Eben noch hatte die Boheme im internationalen Maßstab gelebt, gearbeitet und Freundschaften geschlossen, man besaß eine gemeinsame Passion. Pässe zählten da weniger. Viele, auch Kupka, zog es nach Paris, Kandinsky gründete in München die Gruppe "Blauer Reiter" mit. Eine Kölner Ausstellung präsentierte 1912 die jungen Strömungen aus den diversen Ländern, es sei "das Wildeste versammelt, das in Europa gemalt wird", jubilierte ein Teilnehmer.
Dann seien die Lichter gelöscht worden, das formulierte ein Künstler ein paar Jahre später, 1915. Statt in Pariser Cafés trafen sich die Mitglieder der Avantgarde auf den Schlachtfeldern wieder. Sie kämpften gegeneinander, töteten mit Kanonen, Granaten und Giftgas, in den Pausen zeichneten sie. Ihre Motive: Verwundete, Verkrüppelte, Leichen, Lazarette, Operationen an Kopf und Körper, viel Stacheldraht, wie ausgestorben erscheinende Landschaften, Selbstporträts als Zweifelnde, auch im Morphiumrausch, sogar mit fehlenden Gliedmaßen. Zigarette im Mund, eine fehlende rechte Hand und ein blutiger Stumpf, so sieht das 1915 geschaffene "Selbstbildnis als Soldat" des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner aus. Der Maler George Grosz, gerade Anfang zwanzig, berichtete im selben Jahr, er habe keine Handlung getan, die ihn nicht "im tiefsten Grunde anwiderte".
Die Engländer schickten einen malenden Kriegsberichterstatter, Christopher Richard Wynne Nevinson, ins Feld. Ursprünglich war er in seiner Kunst beeinflusst worden von den Futuristen und ihrer dynamischen, fast verzerrenden Bildersprache. Doch nun, beim Anblick der Gefechte, wurde alles bestürzend ruhig und realistisch. Die Darstellung zweier toter Soldaten ist nicht triumphierend. Und so ordnete das englische Kriegsministerium 1918 an, das Gemälde aus einer Ausstellung in London zu entfernen.
Und doch: Auch das zweite große Klischee, das besagt, die Künstler seien von Befürwortern zu Gegnern des Krieges geworden, stimmt nicht. Nicht wenige Maler betonten, die furchtbaren Erfahrungen brächten sie in ihrer Kunst voran.
Alles aber, was für die Kunst des 20. Jahrhunderts wichtig wurde, war schon vor 1914 vorhanden oder angelegt, vor diesem Experiment mit der Apokalypse. Es waren Kupka und Kandinsky, der Kriegsfreund und der Kriegsfeind, die fast gleichzeitig die ersten rein abstrakten Bilder malten. Wie hätten die Werke der Jahre 1915 oder 1917 ausgesehen, wenn Frieden geherrscht hätte? Welche Richtung hätte die Moderne genommen?
Die Avantgarde verließ die Ateliers. Die deutschen Künstler kämpften für einen Kaiser, der die neue Ästhetik ablehnte und als "Rinnsteinkunst" verhöhnte. Aus Malern wurden Anstreicher. Etliche wurden abkommandiert, bepinselten nun Flugzeuge, Schiffe, Kanonen, Planen in Tarnfarben - auch die Camouflage war eine Erfindung des neuen Jahrhunderts. Es gab Künstler, darunter einen Franz Marc, die für die Tarnung kubistische oder konstruktivistische Stile bemühten. In Bonn ist ein Stahlhelm mit geometrischem Muster ausgestellt; schwarze Striche trennen die Farbfelder.
Doch die Kunst schützte nichts und niemanden, auch Soldaten mit solchen Helmen starben.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 45/2013
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