11.11.2013

MEDIZIN Der russische Patient

Eine Milliarde Euro setzen deutsche Kliniken im Jahr mit ausländischen Patienten um. Sarkis Sargsjan ist einer von ihnen, und wie so viele ist der krebskranke Russe in die Klauen eines dubiosen Vermittlers und gieriger Ärzte geraten. Doch die Politik schaut weg.
Wie Granatsplitter sind die Metastasen in seinem Körper verstreut. Die deutschen Ärzte haben sie ihm auf schattierten Computerbildern gezeigt. Helle Formationen in seiner Leber, in seiner Lunge, in seinem Gehirn.
Ein Freitag im Juli 2013. Sarkis Sargsjan, 46 Jahre alt, russischer Staatsbürger, liegt auf einem Behandlungstisch im Klinikum rechts der Isar in München. "Linearbeschleuniger III" steht draußen an der Tür. Eine Maske aus hartem, blauem Plastik umhüllt seinen haarlosen Schädel und sein Gesicht. Zwei Frauen in weißem Kittel fixieren Sargsjans Kopf so, dass die roten Laserkreuze des Bestrahlungsgeräts exakt die Markierungen der Maske treffen.
Sarkis Sargsjan hat die Hände auf dem Bauch gefaltet, die Augen geschlossen. Ganz ruhig liegt er da in seinem schwarzen Trainingsanzug. Die Frauen stellen die Maschine an. Ein leises Summen ertönt. Die Strahlen feuern nun auf den Feind in seinem Kopf.
Die Geschichte von Sarkis Sargsjan ist eine Geschichte von Not, Verzweiflung und von Hoffnung. Und eine Geschichte von falschen Versprechungen, grandiosen Profiten und brutaler Skrupellosigkeit. Sie beginnt im September 2012, als der Familienvater Blut in seinem Stuhl entdeckt. Er sucht eine Moskauer Klinik auf, in der eine Darmspiegelung vorgenommen wird. "Sie haben ein Geschwür im Darm", sagt der Arzt mit ernstem Blick, "es sieht nicht gut aus." Und fügt hinzu: "Wenn Sie Geld haben, fahren Sie nach Deutschland. Da wird man Ihnen helfen."
Die Worte des Arztes beruhigen ihn, denn sie klingen wie eine Versicherung. Der Familie Sargsjan gehört in Moskau ein kleines Hotel mit Restaurant. Für die Behandlung werde das Geld schon reichen. Denkt Sarkis.
Er recherchiert im Internet nach deutschen Kliniken und Ärzten, seine Frau Nelly, 38, und sein Bruder Derenik, 49, unterstützen ihn.
Wer im russischsprachigen Netz das Stichwort "Behandlung in Deutschland" eintippt, stößt auf drei Millionen Einträge - und im selben Moment auf Menschen, die darin einen Markt erkannt haben. Ein Heer von Patientenvermittlern dient sich an. Es offeriert den Kranken, Sprachbarrieren zu überwinden, ihnen Visa, Flüge und vor allem Termine in den besten Kliniken zu organisieren. "Bei denen müssen Sie aufpassen", hatte der Arzt in Moskau noch gewarnt.
Ein Bekannter empfiehlt Sargsjan die Münchner Agentur IMZ. Das Kürzel steht für Innovation Medizin Zentrum, das klingt gut. Sein Bruder Derenik schildert am Telefon den Krebsverdacht. Der Arzt am anderen Ende der Leitung heißt Arsen B. Er hat seinen Doktor in Armenien gemacht, wo die Sargsjans geboren sind. "Kommen Sie. Dann hat Ihr Bruder seine Krankheit bald vergessen", soll er gesagt haben.
Nur Tage später steigen Sarkis, Nelly und Derenik in ein Flugzeug nach München, nicht ahnend, wie lange diese Reise dauern wird. Nicht ahnend, dass ihnen die schlimmste Zeit ihres Lebens bevorsteht.
Ein globaler Milliardenmarkt
Die Globalisierung hat auch die Medizin erreicht. Wie die Sargsjans lassen sich jedes Jahr weltweit Hunderttausende Menschen in einem fremden Land behandeln. Deutsche Kliniken und Ärzte erlösen mit diesem Medizintourismus eine Milliarde Euro per annum. 2011 wurden hierzulande 82 854 ausländische Patienten stationär und etwa 123 000 ambulant behandelt. Die größte Patientengruppe außerhalb der EU bilden mit 6000 stationären Patienten pro Jahr die Russen. Ihr Anteil hat sich seit 2003 fast versechsfacht. "Und das Interesse steigt und steigt und steigt", weiß Wladimir Pjatin, stellvertretender Generalkonsul in Bonn.
Sich in Deutschland behandeln zu lassen gilt in Russland von jeher als Privileg. Dichterfürst Fjodor Dostojewski kurte in Baden-Baden, der Schriftsteller Nikolai Gogol suchte in Travemünde Heilung von seiner Melancholie, Ex-Präsident Boris Jelzin ließ seine fünf Bypässe regelmäßig im Deutschen Herzzentrum Berlin prüfen, die leukämiekranke Raissa Gorbatschowa vertraute auf Ärzte der Uni-Klinik Münster.
Die Gründe für den aktuellen Boom sind simpel: Das staatliche Gesundheitssystem in Russland ist ausgeblutet. Die Zahl der Krankenhäuser hat sich seit dem Jahr 2000 fast halbiert. Viele unterbezahlte Ärzte haben ihr Land verlassen. Es fehlt an Geräten, die Hygiene in den Kliniken ist katastrophal. Nur 35 Prozent der Russen sind mit der medizinischen Versorgung zufrieden.
Deutschland präsentiert sich dagegen als Paradies: Topausgebildete Ärzte arbeiten mit modernster Technik in blankgewienerten Krankenstationen - und sie hofieren ihre russischen Patienten, denn für sie sind die Selbstzahler eine lukrative Einnahmequelle. Im Grunde genommen ist es eine perfekte Win-win-Situation.
Wären da nicht die Vermittlungsagenturen, die ihre Kundschaft oft schamlos ausbeuten. Ihnen überhöhte Rechnungen stellen, sie zu überflüssigen Untersuchungen drängen und sie im schlimmsten Fall schlecht behandelt wieder nach Hause schicken. Wären da nicht die Kliniken, die vor alldem die Augen schließen, des Profits wegen. Und wären da nicht die Politiker, die um den rechtlichen Graubereich wissen, in dem sich der Medizintourismus bewegt - die sich aber blind, taub und stumm geben.
Der Retter wartet im Sheraton
Am 16. September 2012 landete Sarkis mit seiner Frau und seinem Bruder in München. 3500 Euro hätten sie der Agentur IMZ vorab überwiesen als Behandlungsvorschuss und für die Visumkosten, erzählen die Sargsjans. Sie seien zu dem Vermittler ins Münchner Sheraton-Hotel im Arabellahaus gefahren. Das IMZ-Büro befand sich neben der Rezeption.
Ein Mann im Anzug erwartete sie: Arsen B., auf seiner Visitenkarte findet sich eine exotische Kombination: "Prof. Dr. med. Dr. h. c. med., Neurochirurg - Orthopäde, Direktor - Oberarzt". B. versprach, ein Netzwerk aus Privatkliniken und niedergelassenen Ärzten um Sarkis herum zu arrangieren. Die Familie wähnte sich ihrem Retter gegenüber.
Sarkis sitzt in einer möblierten Zweizimmerwohnung im Münchner Norden, als er von seinen ersten Tagen in Deutschland berichtet. Auf seinem Schoß liegt noch die blaue Maske, soeben ist er von der Bestrahlung zurückgekehrt.
Karatekämpfer sei er gewesen, stark wie ein Blitz, sagt seine Frau Nelly, eine kleine, freundliche Frau. Seit 21 Jahren sind sie verheiratet. Die Beschreibung ist unvereinbar mit der Gestalt auf dem Sofa: Die Haut unter den Augen ist dunkel, der Blick erschöpft und traurig; es ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann jemals in seinem Leben gelacht hat.
Sarkis erzählt, wie der erste Termin ihn in die Arabella-Klinik führte. Erneut wurde sein Darm gespiegelt. Diagnose: "Ein derber Tumor, der nicht passierbar ist." Eine Gewebeprobe ergab: Die Geschwulst war bösartig. Ärzte fanden in Leber und Lunge Metastasen. Ein Dolmetscher der Agentur übersetzte. "Die Nachricht war schlimm", sagt Sarkis. "Aber ich habe den Ärzten vertraut." Und Arsen B., der für alles einen Plan zu haben schien.
Um einem Darmverschluss vorzubeugen, bekam Sarkis einen künstlichen Ausgang. Bei niedergelassenen Ärzten folgte der erste Zyklus Chemo- und dann Strahlentherapie. Sein Bruder kümmerte sich ums Finanzielle, zahlte dafür 10 000 Euro im IMZ-Büro. Weil er das per Kreditkarte tat, kamen noch mal fünf Prozent obendrauf. "Vielen Dank für Ihr Vertrauen", steht auf diesen Kundenbelegen.
Die 10 000 Euro sollten laut Kostenvoranschlag die Chemo und die Bestrahlungen abdecken. Doch schon bald sollte der Bruder 20 000 Euro nachzahlen. Die Ärzte hätten vergessen, die Medikamente zu berechnen. Ohne Bezahlung keine Behandlung, habe Arsen B. erklärt. So berichtet es Derenik Sargsjan.
Arsen B. sagt: "Die Patienten werden von Anfang an darauf aufmerksam gemacht, dass die tatsächlichen Arztkosten in aller Regel höher sind als der vorläufige Kostenplan."
In einer Therapiepause zu Jahresbeginn reiste die Familie zurück in die Moskauer Heimat. Nach zwei Wochen fiel Sarkis zu Hause plötzlich um. Er gab merkwürdige Laute von sich, wirbelte die Wörter durcheinander. "Benzin, ich brauche Benzin", sagte er und zeigte auf ein Wasserglas.
Die Moskauer Ärzte vermuteten Metastasen im Kopf. Sein Bruder Derenik rief im IMZ-Büro in Deutschland an. "Kommen Sie sofort zurück", habe die Antwort gelautet.
Die Agentur ist seit Dezember 2011 mit einer Facebook-Seite im Internet vertreten. Der Name IMZ ist clever gewählt: Unter der Abkürzung findet sich im Internet schnell die Startseite des Isar Medizin Zentrums, einer renommierten Münchner Privatklinik. Auch das Logo ist täuschend ähnlich: drei parallel geschwungene Bögen. De facto haben die Agentur und das Isar Medizin Zentrum nichts miteinander zu tun. Deshalb zeichnet sich ein Rechtsstreit ab. Die Klinik sieht ihre Marke "massiv verletzt".
Auf der russischen Website wirbt die Agentur mit blumigen Slogans wie: "Das Leben geht weiter, und wir sorgen dafür, dass Krankheiten Sie nicht daran hindern, es in vollem Maße zu genießen." Und: "Die Welt wird Sie noch erfreuen mit ihren Farben."
Die Staatsanwaltschaft München hat mehrfach wegen Verdacht auf Betrug gegen B. ermittelt. So wurde ihm im Jahr 2011 vorgeworfen, für die Behandlung eines armenischen Jungen Beratungskosten in Höhe von rund 25 000 Euro ergaunert zu haben. Der Zwölfjährige, der inzwischen gestorben ist, litt an Knochenkrebs. Laut dessen Vater habe B. zugesichert, für die Vermittlung nichts zu berechnen.
Arsen B. hielt laut Staatsanwaltschaft dagegen, es sei klar gewesen, dass seine Leistungen nach der Gebührenordnung für Heilpraktiker abgerechnet werden sollten. Im Behandlungszeitraum von Juni 2010 bis Januar 2011 hatte er für fast jeden Tag ein Honorar in Rechnung gestellt. Das Verfahren wurde im Juli dieses Jahres eingestellt. Die Anwältin der Familie hat dagegen Beschwerde eingelegt. B. äußert sich zu dem Verfahren mit Hinweis auf seine Schweigepflicht nicht.
Der unheilvolle Pakt
Es gibt nur grobe Schätzungen darüber, wie viele Agenten in Deutschland ausländische Patienten vermitteln. "Ich kenne einige hundert", sagt Jens Juszczak. Der Dozent für Health-Marketing an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg gilt als Deutschlands versiertester Experte für Medizintourismus. Wirklich seriöse Anbieter gebe es nur sehr wenige, sagt er.
Die Mehrheit der Firmen ist nicht registriert, viele bestehen aus einer einzigen Person, einem Mobiltelefon und einer Website, mal ertönt sanfte Musik, mal flattern Schmetterlinge über den Bildschirm. Die Firma Baden-Tour wirbt mit 256 Partnerkliniken auf ihrer russischen Website, die meisten Krankenhäuser wissen nichts von ihrem Glück.
Es gibt Agenturen, die Organtransplantationen anbieten, obwohl diese in Deutschland Menschen mit russischem Wohnsitz in der Regel nicht offenstehen. Andere werben mit der Zerstörung von Gallensteinen ohne Herausnahme der Gallenblase - und verschweigen, dass sich die Steine erneut bilden können.
Von der Basisversorgung bis zu Rund-um-sorglos-Offerten kann alles gebucht werden. Die Angebote werden zu Paketen geschnürt. Wie viel die Behandlung kostet und wie viel die Agentur kassiert, bleibt intransparent. Es ist ein skrupelloses Geschäft mit der Not - das niemand reglementiert, niemand kontrolliert.
Und es ist ein Geschäft, in dem sich deutsche Krankenhäuser gern als Partner andienen. "Kliniken, die neu in diesen Markt einsteigen, sind oft in Goldgräberstimmung", sagt Fachmann Juszczak.
Das Profitstreben ließ sich Anfang September aus der Nähe beobachten: In den Hörsälen der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg trafen sich Politiker, Ärzte und Patientenvermittler zur größten deutschen Konferenz über Medizintourismus. In Vorträgen und Diskussionen ging es vor allem um den russischen Patienten, besser: um den russischen Kunden, den kranken Selbstzahler. Die 150 Kongressteilnehmer sprachen über Marketing und Marktanteile, über Akquise, Umsatzerlöse und Prozessmanagement.
Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende der Universitätsklinik Bonn erklärte den Zuhörern, wie schwer es heutzutage sei, eine Klinik in einem Land zu leiten, in dem die Hälfte aller Krankenhäuser vom Ruin bedroht sei. Die rund sechs Millionen Euro, die ausländische Patienten in diesem Jahr in seine Kasse spülten, seien überlebenswichtig für seine Klinik.
Als Einnahmequelle wurde der Medizintourismus Ende der neunziger Jahre entdeckt. Der Umsatz mit den Selbstzahlern aus der Fremde ist für die Krankenhausmanager eine der wenigen Möglichkeiten, zusätzlich zu den mit den Kassen vereinbarten Budgets Einnahmen zu erzielen. "So lassen sich etwa neue medizinische Geräte finanzieren, was sonst nicht drin wäre", erklärt Juszczak.
Der Staat fördert das Zusatzgeschäft. Fünf Millionen Euro hat die bayerische Staatsregierung in das Projekt "Bavaria - a better state of health" investiert. Es richtet sich an kranke Ausländer, die sich für eine Behandlung in Bayern interessieren - der Heimat von Europas "Medical Valley", wie die Initiatoren schreiben.
Auch die Bundesregierung beteiligt sich an der Akquise. In der Hochglanzbroschüre "Medizinreisen" wirbt die Deutsche Zentrale für Tourismus mit dem hiesigen Gesundheitswesen. Auflage: 50 000 Stück. Den Prospekt gibt es auf Deutsch, Englisch, Russisch und Arabisch.
Die Hamburger Tourismusbehörde wiederum empfahl in einer 60-seitigen Beilage der "Moskauer Deutschen Zeitung" die Elbmetropole als "ideale Gesundheitsstadt". Die PR-Schrift trug das Gütesiegel der Bundesregierung und der deutschen Volksvertreter.
Große Kliniken haben längst eigene "International Offices" eingerichtet, die sich um Dolmetscher, Visa und Unterkünfte für ihre ausländischen Patienten und deren Angehörige kümmern. Kleinere Häuser und Privatkliniken hingegen suchen den Zusammenschluss mit Agenturen, um die Kunden am besten gleich am Flughafen abzugreifen.
Am Terminal 1 in München landen die Flüge aus Russland und der Ukraine. In Halle C wirbt eine Reklametafel in kyrillischen Buchstaben: "Express-Check 5 Stunden, Kardio-Check 8 Stunden, Krebs-Check 2 Tage". Ein Ärztepaar lächelt, darunter sind zwölf Kliniken aufgelistet, die mit der Agentur "Doktor Mjunchen" zusammenarbeiten, etwa die Atos Privatkliniken und das Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut.
Zwölf Stiche am Hinterkopf
Im Februar dieses Jahres landete Sarkis Sargsjan wieder in München. Arsen B. habe sie dann ins Klinikum Bogenhausen geschickt, berichtet Derenik. Ein neuer Kostenvoranschlag listet auf: 31 700 Euro für die Behandlung, 1000 Euro Verwaltungsgebühr plus 10 000 Euro Risikozuschlag - was immer damit gemeint ist.
Computertomografie, Magnetresonanztomografie, Röntgen. Wieder einmal lief der ganze Apparat an. Die Ärzte fanden eine Metastase im Kleinhirn, eine im linken Schläfenlappen. Innerhalb von sieben Tagen wurde Sargsjan zweimal vom Chefarzt operiert. Schon kurz nach den Eingriffen war er wieder klar bei Verstand. "Ich habe dem Arzt die Hände geküsst", sagt sein Bruder Derenik leise. "Sarkis ging es sofort viel besser."
Zwölf Stiche über dem linken Ohr, zwölf Stiche am rechten Hinterkopf. Wenn Sarkis so dasitzt, in dieser Wohnung, die ihm kein Zuhause ist, tastet er oft nach den Narben auf seinem glatten Schädel. Sein Blick geht dann ins Leere.
Nach den Operationen folgte der nächste Zyklus der Chemotherapie. "Zu diesem Zeitpunkt hätte längst jemand dem Patienten sagen müssen, dass er unheilbar krank ist", urteilt ein unabhängiger Arzt, der Sarkis später in einer anderen Klinik getroffen hat. Ein anderer Mediziner bemerkt: "In München ist die Konkurrenz groß, alle sind scharf auf ausländische Patienten. Ich habe versucht, die Familie sicher durch dieses Haifischbecken zu manövrieren, leider nicht immer erfolgreich."
Der Vermittler Arsen B. wollte seinen Kunden offenbar nicht verlieren. Laut Familie Sargsjan nährte er die Hoffnung auf Heilung weiter und riet auch dazu, den Darmtumor operativ zu entfernen.
In einem schicken Klinikneubau an der Isar nimmt das Unheil seinen Lauf. Arsen B. hat in der Chirurgischen Klinik Dr. Rinecker einen OP-Termin für Sarkis vereinbart. Die Agentur kalkuliert die Kosten auf 34 292 Euro.
Diesmal präsentiert sich ein Chirurg namens Edward Shang als Retter. Nach einer Woche könne Sargsjan wieder entlassen werden, soll er versichert haben. Was die Familie nicht erfährt: Shang ist in der Privatklinik gestrandet, nachdem ihm die Universität Heidelberg die Lehrbefugnis entzogen hatte. Er soll Studiendaten gefälscht haben. Auf Anfrage teilt er mit, dass er selbst die Publikationen zurückgezogen habe. Zum Fall Sargsjan äußert er sich mit Verweis auf seine ärztliche Schweigepflicht nicht.
Am 26. April setzt Shang das Skalpell an, entfernt den Darmtumor. Nach drei Tagen bekommt Sarkis so starke Schmerzen, dass selbst hochdosierte Mittel nicht wirken. Der Chirurg habe dennoch versichert, alles sei bestens. Und Arsen B.? Lobt Shang angeblich weiterhin.
Am 15. Mai, einen Tag nach seinem Geburtstag, wird Sarkis entlassen. Er kann kaum laufen vor Pein. Im Entlassungsbrief steht: "Patient ist kreislaufstabil, zeigt weiterhin deutliche Schmerzsymptomatik, die momentan jedoch regredient ist." Zurück in der Wohnung brüllt Sarkis vor Schmerzen.
Seine Frau Nelly erinnert sich unter Tränen: "Er hatte hohes Fieber, rief immer: Ich sterbe, ich sterbe. Wir wussten nicht, was wir machen sollen."
Mit dem Taxi fahren sie wieder in die Rinecker-Klinik. Dort sei man dabei geblieben: Alles sei okay. Obwohl die Ärzte sehen, dass eine OP-Naht undicht ist, sich in Sarkis' Drainage-Beutel bereits eitrige, übelriechende Flüssigkeit sammelt. Sein Bruder ruft Arsen B. an. Derenik tobt, schreit, weint. Er hat Angst um Sarkis. B. rät ihnen, ins Klinikum rechts der Isar zu fahren.
Dort notiert der diensthabende Arzt: "Eine ausführliche Anamneseerhebung mit dem Patienten ist nicht möglich, da er weder deutsch noch englisch spricht, ein Dolmetscher war nicht anwesend." Vor ihm steht eine völlig aufgelöste russische Familie, die Hilfe sucht, aber jedes Vertrauen in die schöne, saubere deutsche Klinikwelt verloren hat.
Ein CT zeigt das Leck, aus dem Darminhalt ausgetreten ist. Mit Mühe bekommen die Ärzte die Komplikation in den Griff. Aber sie entdecken neue Metastasen in Sarkis' Kopf.
Erstmals treten Mediziner mit der Wahrheit an das Bett des Todkranken, ein Taxifahrer übersetzt. Sie teilen Sarkis mit, dass sie ihn nicht mehr heilen können. Sie lassen keinen Raum für Zweifel. Sie stellen nur in Aussicht, ihm mit Chemotherapien und Bestrahlungen Zeit zu schenken. Sarkis ist völlig aufgelöst, er bekommt ein Beruhigungsmittel.
Sein Bruder und seine Frau weinen erst, als sie das Krankenzimmer verlassen haben. Sarkis soll ihre Verzweiflung nicht sehen. Am folgenden Tag wird ein Abdruck von seinem Kopf genommen, für die Bestrahlungsmaske. "Es ist ein Verbrechen, was mit dem Mann gemacht wurde", sagt ein Arzt rückblickend.
Acht Monate lang hatte die Sargsjans der Glaube getragen, alles werde wieder gut. Nun wächst das Gefühl, betrogen worden zu sein.
Derenik beginnt, die Krankenhäuser abzuklappern. Er will die Originalrechnungen einsammeln, um sie prüfen zu lassen. Doch schon in der Rinecker-Klinik habe man ihn abgewiesen, behauptet er. Der Vertragspartner sei die Agentur, nicht der Patient.
Rechnung mit Faktor 13
Die Dortmunder Anwälte Maksims Slosbergs und Evgenij Steinberg kennen diesen irritierenden Einwand. Sie führen mehrere Verfahren, in denen kranke Russen in Deutschland augenscheinlich betrogen wurden. Im russischen TV, sagt Slosbergs, seien bereits viele Berichte über Medizinopfer ausgestrahlt worden. Auch im Internet würden sich Patienten über das Geschäftsgebaren zwielichtiger Agenturen auslassen. Nur hierzulande interessiere sich keiner dafür. Dabei sei die Dunkelziffer "unvorstellbar hoch".
Vor Slosbergs stapeln sich die Akten. Er zieht den Fall von Maria V. hervor. Die 37-Jährige hatte sich im Ruhrgebiet an der Hüfte operieren lassen. Der Eingriff war erfolglos. Die Frau wird sich einer zweiten Operation unterziehen müssen. Spitzenklasse war der operierende Professor hingegen bei der Rechnungsstellung. Er verlangte allein an Chefarztzuschlägen über 6000 Euro.
Wie viel ein Chirurg abrechnen darf, regelt eigentlich die Gebührenordnung für Ärzte. Sie dürfen danach höchstens bis zum 3,5fachen Satz berechnen. In Ausnahmefällen auch mehr, wenn der Patient vorher zugestimmt hat - was in diesem Fall nicht geschehen war. Bei Maria V. setzte der Arzt den Faktor 13 an.
Slosbergs erstaunt das nicht. So werde vielerorts abkassiert, sagt er. "Aber in keinem anderen Fall wurde so dreist gelogen wie in dem von Ruslana Fadejewa."
Das achtjährige Mädchen aus Joschkar-Ola, einer Stadt im Herzen Russlands, litt am Burkitt-Tumor, einem rasant fortschreitenden Lymphdrüsenkrebs. Wie die Sargsjans trauten die Eltern dem russischen Gesundheitssystem nicht. Im Internet stießen sie auf die Agentur Medical Travel, die im westfälischen Lüdenscheid sitzt. Diese erlangte im Zusammenhang mit dem Organvergabeskandal Bekanntheit: Sie soll einem alkoholkranken Russen zu einer Lebertransplantation für einen sechsstelligen Betrag in der Uni-Klinik Göttingen verholfen haben.
In Ruslanas Fall schlug der Agent eine Behandlung in Münster vor. Doch die Fadejews konnten die 183 600 Euro Vorkasse nicht aufbringen. Vater Roman besitzt einige Modegeschäfte, aber die Familie hatte nur 20 000 Euro gespart, eine Bank hätte ihnen zusätzlich 80 000 Euro geliehen.
Heilung scheint in den Kreisen der Vermittler vor allem Verhandlungssache zu sein. Nach wenigen Tagen erhielt Roman Fadejew von Medical Travel eine neue Kostenkalkulation - "für die Untersuchung und Behandlung im Zentrum der Kinderonkologie Uni-Klinik Düsseldorf". Diesmal passte der Preis: 100 000 Euro.
Im Juli 2008 kam Ruslana mit ihren Eltern nach Düsseldorf. Im September war sie geheilt. Die Fadejews waren überglücklich, nur die Behandlungskosten erschienen ihnen weiterhin ungewöhnlich hoch. Schließlich hatten die Ärzte nicht einmal operieren müssen. Ruslanas Vater verlangte eine detaillierte Rechnung. Die Uni-Klinik behauptete, sie habe die Daten nicht mehr, die Kostenaufstellung habe sie an Medical Travel geschickt. Die Agentur jedoch wollte die Rechnung nicht herausrücken.
Vor dem Landgericht Hagen klagte Slosbergs auf Auskunft, nach zwei Jahren bekam er recht. Als die Fadejews die Rechnung endlich in Händen hielten, war die Überraschung groß: Ruslanas Heilung hatte nur 39 715 Euro gekostet, inklusive Chefarztbehandlung. Den Rest hatte die Agentur eingestrichen.
Die Vermittler behaupteten nun, die 100 000 Euro seien eine Pauschale gewesen. In dem Vertrag der Fadejews steht aber nichts von einer Pauschale, die Summe ist als "Depositum" deklariert. Slosbergs klagte erneut gegen die Agentur, um die Differenz zurückzubekommen.
Im Oktober gab das LG Hagen den Fadejews recht. Die Agentur muss das Geld plus rund 10 000 Euro Zinsen zurückzahlen. Sie darf nur 15 Prozent der Behandlungskosten als Honorar verrechnen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
"Gebührenrechtlich stark auffällig"
In München sitzt Sarkis neben seinem Bruder am Esstisch. "Jetzt geht es nicht mehr um Vertrauen, jetzt geht es um Wissen", sagt Derenik. Er hat zwei Stapel sortiert: Auf dem einen liegen einige Originalrechnungen, die er mühevoll besorgt hat, auf dem anderen die Kostenvoranschläge und Quittungen der Agentur.
Der Vergleich der Unterlagen offenbart: Die Agentur hat mit Akribie und Phantasie die Leistungen aufgebläht, da wurden diffuse Verwaltungsgebühren und Risikozuschläge erhoben oder die Originalrechnungen der Klinik mal eben mit einem Aufschlag von 100 Prozent versehen. Für die erste Chemotherapie wurden zum Beispiel 12 000 Euro veranschlagt, obwohl der Onkologe nur Originalrechnungen über rund 5400 Euro herausgab.
Eines der IMZ-Papiere enthält die Position "Konsiliarische Erörterungen", für 2500 Euro. Derenik malt ein großes Fragezeichen dahinter. "Konsilium? Was ist das? B. liebt dieses Wort", klagt Derenik.
B. sagt: "Konsiliarische Erörterungen wurden dort durchgeführt, wo es sinnvoll und von den Patienten erwünscht war." Was damit gemeint ist, geht weder aus einer Stellungnahme B.s noch aus den Papieren der Sargsjans hervor. Klar ist nur, dass Arsen B. in Deutschland keine Zulassung als Arzt hat - und damit nicht berechtigt ist, Konsilien im eigentlichen Sinne durchzuführen.
Slosbergs und Steinberg haben sich alle Unterlagen der Sargsjans angesehen. In einer vierseitigen Stellungnahme schreiben sie: "Praktisch alle Rechnungen weisen irgendwelche Mängel auf. Insgesamt lässt sich feststellen, dass wir einen dermaßen großangelegten Abrechnungsbetrug zum ersten Mal zu Gesicht bekamen." Und weiter: "Es scheint auch eine Steuerhinterziehung im erheblichen Umfang vorzuliegen. Immer wieder wird bei Eigenleistungen keine Mehrwertsteuer berechnet." B. versichert: "Mehrwertsteuer wurde dort, wo sie anfällt, ausgewiesen und abgeführt."
Auch Abrechnungsexperten eines Privatversicherers haben die Papiere der Sargsjans geprüft. "Zum Teil werden nicht die von den Ärzten angegebenen Gebühren an den Patienten weitergegeben, sondern höhere Beträge", stellen sie nach Durchsicht der IMZ-Unterlagen fest.
Auch sie stufen Arztrechnungen als "gebührenrechtlich stark auffällig" ein. An vielen Stellen fehlten Abrechnungsziffern. Zudem hätten Ärzte Sarkis' Behandlung mit einem überhöhten Faktor abgerechnet, der nicht erklärlich sei.
Dabei scheint die Rechtslage eindeutig: Das deutsche Gesetz sieht keine anderen Honorarsätze für ausländische Patienten vor. Die deutschen Krankenhäuser, so hat es das Bundesgesundheitsministerium 2008 in einem Schreiben betont, seien in der "Vergütung für die Behandlung ausländischer Patienten" an die Abrechnung mit Fallpauschalen gebunden, denen zufolge jede Leistung mit einem bestimmten Fixbetrag entlohnt wird. Eine Differenz der Rechnungen "nach der Herkunft des Patienten" sei nicht zulässig.
Viele Kliniken ignorieren das. In einer Umfrage der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg gaben fast zwei Drittel der befragten Krankenhäuser zu, bei ausländischen Patienten höhere Fallpauschalen anzusetzen. Knapp 14 Prozent erklärten, sie würden sich ihren höheren Aufwand durch gesonderte Rechnungen bezahlen lassen.
Der Hochschullehrer Juszczak behauptet, dass Hospitäler den Agenturen mitunter auch "Schlepper-Provisionen" zahlen, damit sie ihnen Patienten zuführen - auch wenn das Landgericht Kiel derartige Verträge bereits 2011 als sittenwidrig bezeichnet hat. Die Argumentation der Richter: Im Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient sei eine solche Kommerzialisierung anstößig. Nicht zu beanstanden, sagt Juszczak, "sind dagegen Zahlungen für wirklich erbrachte Dienstleistungen wie Transporte oder Dolmetscherdienste".
Nach Juszczak sollte der Markt deutlich transparenter und durch klare Vorgaben attraktiver für die Kliniken gemacht werden: etwa bei der Preisgestaltung, durch die Zertifizierung von Vermittlungsagenturen und von den internationalen Büros in den Kliniken. Oder durch eine grundsätzliche Erhöhung des Basisfallwerts für ausländische Patienten, damit die Krankenhäuser ihren Mehraufwand bei deren Behandlung auch offen abrechnen können. Aber bisher finden diese Vorschläge, so Juszczak, "in den zuständigen Ministerien kein Gehör".
Endabrechnung: 191 784,45 Euro
Im August blickt Sarkis in München auf die vergangenen zehn Monate seines Lebens zurück. "Wenn mir jemand gesagt hätte, dass meine Chancen 50:50 sind - ich wäre nicht gekommen", sagt er. "Aber sie haben mir versprochen, dass sie mich gesund machen."
Sein Bruder ergänzt: "Das Geld ist das eine. Was mich umbringt, ist, wenn ich bedenke, was sie alles mit Sarkis gemacht haben." Sie geben ihm noch ein Jahr, flüstert er, als Sarkis den Raum verlassen hat.
Kurz darauf erreicht die Familie eine 41-seitige "Liquidation" der Agentur. Die Gesamtsumme beträgt 191 784,45 Euro.
Laut B. hat der Patient aktuell noch 4177,92 Euro zu zahlen. Seiner Ansicht nach ist die Behandlung von Sarkis Sargsjan im Ganzen erfolgreich abgeschlossen. Zu Details will er sich nicht äußern. Er verweist erneut auf seine Schweigepflicht. Die Vorwürfe wertet er als Versuch, ihn unter Druck zu setzen. Einer etwaigen juristischen Klärung sehe die Agentur "mit größter Gelassenheit entgegen".
Die Sargsjans leben heute wieder in Moskau. Sie haben Sarkis' Unterlagen nach Los Angeles geschickt, zu einer Klinik, die ein neues Therapieverfahren erprobt. Die Ärzte dort sagen, sie müssten Sarkis selbst untersuchen, um ein fundiertes Urteil abgeben zu können.
Von Ludwig, Udo, Schepp, Matthias, Windmann, Antje

DER SPIEGEL 46/2013
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