11.11.2013

KONZERNEWarhols Modelle

Daimler lässt ein Werk aus seiner Kunstsammlung bei Christie's versteigern. Es ist wohl eines der profitabelsten Investments in der Geschichte des Autobauers.
Kunstliebhaber haben es nicht leicht in einem Automobilkonzern wie Daimler. Da machen sich Manager gern mal über die Arbeit von Renate Wiehager lustig. Die leitende Angestellte kann sich für Dinge begeistern, über die andere Daimler-Manager allenfalls schmunzeln. Über mehrere Reihen kleiner Striche in Rot und Gelbtönen beispielsweise. Mit ihnen hat die Künstlerin Danica Phelps ihre Geldausgaben über mehrere Wochen protokolliert. Jede Farbe steht für einen Verwendungszweck des Geldes, für Nahrungsmittel, Kleider, Wohnung, Benzin.
Renate Wiehager hat einige Werke der amerikanischen Künstlerin erworben und in dem Verwaltungsgebäude in Stuttgart-Möhringen aufgehängt. Dort arbeiten Juristen und Controller. Ein Finanzexperte lästert: "Wofür wir Geld ausgeben."
In dieser Woche allerdings wird die Arbeit der Renate Wiehager, der Leiterin der Daimler Kunst Sammlung, auch bei hartnäckigen Kunstverweigerern für Aufsehen sorgen. Bei Christie's in New York wird am Dienstag eines der rund 2000 Werke der Sammlung versteigert, ein Warhol, für den ein Schätzpreis von 12 bis 16 Millionen Dollar angesetzt ist.
Das Bild war nie als Investment gedacht. Es ist Teil einer Kunstsammlung, die Edzard Reuter, der später Konzernchef wurde, 1977 gründete. Dennoch dürfte das Warhol-Bild, das den Formel-1-Rennwagen aus dem Jahr 1954 ("Stromlinie") zeigt, eines der profitabelsten Investments in der Geschichte des Autokonzerns sein. Der erwartete Verkaufspreis, sagt Reuter, "liegt Lichtjahre entfernt von dem, was wir damals bezahlt haben".
Daimler hatte Andy Warhol 1986 den Auftrag gegeben, nach
Fotos wichtiger Modelle des Konzerns eine Serie von insgesamt 80 Bildern zu gestalten. Von der Motorkutsche Gottlieb Daimlers bis zum Mercedes 300 SL.
Warhol starb, nachdem er 35 Bilder und 12 Zeichnungen vollendet hatte. Insgesamt zahlte Daimler nach Reuters Erinnerung einen Betrag von einer bis zwei Millionen Mark. Jetzt soll es mindestens zwölf Millionen Dollar für das eine Werk geben. Eine solche Rendite fährt keine S-Klasse ein.
Aber warum verkauft Daimler das Werk? Zählt nur noch Profit, Profit, Profit? Und darf ein Konzern eine Auftragsarbeit, die für ihn erstellt wurde, einfach an den Meistbietenden verscherbeln?
Erklärungen für dieses Geschäft finden sich in den Arbeitsbedingungen, unter denen Daimlers Kunstchefin ihren Job ausüben muss. Wiehager hat einen festen Etat, vier Planstellen, das war es. Aber Wiehager treibt ein kaum zu bändigender Ehrgeiz, die Daimler-Sammlung weiterzuentwickeln, neue Werke zu erwerben, Ausstellungen zu organisieren. Die Kunst soll nicht zum Wandschmuck für Vorstandsbüros verkommen.
Daimler-Boss Dieter Zetsche hat einen Schlemmer, einen Baumeister und eine Skulptur von Max Bill in seinem Büro. Aber wenn Wiehager eines der Werke für eine Ausstellung benötigt, muss der Konzernchef es rausrücken.
Zurzeit sind im Verwaltungsgebäude in Stuttgart-Möhringen, in dem rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt sind, 20 Warhols ausgestellt. Die Bilder hängen auch in der Kantine, direkt neben den Mittagstischen. "Unsere Mitarbeiter sollen Berührungsängste verlieren", sagt Wiehager, "vielleicht regt es den einen oder anderen an, auch mal in die Staatsgalerie zu gehen."
Rund 150 Werke schickt Wiehager seit einigen Jahren auf Welttournee. Sie werden in den USA, in Südafrika, Südamerika und Asien ausgestellt. Zudem erweitert die Kunstexpertin die Sammlung. Doch all dies kostet mehr, als der Konzern ihr zur Verfügung stellen will. Wiehager ist gezwungen, gelegentlich ein Bild zu verkaufen.
In den zwölf Jahren ihrer Tätigkeit hat sie rund 30 Werke verkauft und 1000 erworben. Vor drei Jahren ließ Wiehager eine Skulptur von Jeff Koons versteigern. Konzernmanager hatten auch über dieses Werk, das in Berlin aufgestellt war, gelästert: "Kinder klettern drauf rum, Tauben scheißen drauf." Die Skulptur, einst für 1,8 Millionen Mark erworben, erlöste 15 Millionen Dollar.
Aber warum verkauft Wiehager jetzt den Warhol? Das Werk ist gut vier mal viereinhalb Meter groß. Es ist zu groß, um es häufiger zu Ausstellungen zu transportieren. Die Leinwände müssten aus den Rahmen genommen und später neu gespannt werden. Das Bild würde leiden. Und außerdem hat Daimler ja noch all die anderen Warhols.
Was Wiehager mit dem Erlös macht? Neue Ausstellungen konzipieren, neue Bilder erwerben. Ein Daimler-Manager sagt: Die Leiterin der Kunstsammlung agiere, als führte sie die wichtigste Einheit im Konzern.
Man kann auch sagen: Sie zeigt eine Begeisterung für neue Trends, die manchem Entwickler bei Mercedes-Benz in den vergangenen Jahren fehlte. Oder warum haben sie sonst den größten Trend ihrer Branche, den Erfolg kleiner Geländewagen, jahrelang verschlafen?
* "Stromlinie", 1954.
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 46/2013
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