11.11.2013

LINGUISTIKDorf der Wunder

In Australien haben Aborigines-Kinder eine neue Sprache erfunden. Nur wer jünger als 35 ist, spricht „Light Warlpiri“. Entstanden ist es aus Baby-Gebrabbel.
Fernab in der australischen Wüste, umgeben von rotem Sand und kargen Büschen, liegt Lajamanu, ein Ort der Wunder.
An einem Tag im Februar 2010 prasselten hier plötzlich Fische vom Himmel. Ein Tornado hatte die Tiere aus den Flüssen in die Luft emporgewirbelt. In den Wolken gefroren sie zu Eis, der Sturm trug sie über die Wüste, wo sie auftauten und auf die Blechhütten des Dorfs klatschten.
Drei Jahre nach dem Fischregen interessiert sich nun die Wissenschaft für diesen Ort am Ende der Welt, denn erneut hat sich dort Wundersames ereignet. Begonnen hat es mit einer seltsamen Beobachtung von Carmel O'Shannessy.
Als Lehrerin sollte sie die Kinder des Dorfs in Englisch und in Warlpiri unterrichten, einer Sprache der Aborigines. Doch ihre Schüler, bemerkte sie, sprachen ein befremdliches Kauderwelsch, in das auch noch Elemente einer aus der Kolonialzeit stammenden Sprache namens Kriol eingeflossen waren, die auf einem Simpel-Englisch basiert.
Die Schulkinder wechselten scheinbar zwischen den drei Sprachen hin und her, auch mitten im Satz, offenbar einem Muster folgend. Dabei gebrauchten sie Wörter, die O'Shannessy nicht kannte.
Mit einem Tonband zeichnete die Lehrerin das Gebrabbel auf, transkribierte viele Stunden Material und enträtselte schließlich den Sprachcode.
Kochen hieß auf einmal nicht mehr "purra" wie im Original-Warlpiri, sondern "kuk". Das Abendessen nannten die Kinder nicht mehr "kuyu-ju", sondern "sapa-ju".
Es dauerte eine Weile, bis die Lehrerin begriff: Ihre Schüler redeten nicht einfach nur eine Mischung aus Warlpiri, Englisch und Kriol; vielmehr hatten sie eine neue Sprache erfunden. O'Shannessy hatte entdeckt, wovon Linguisten träumen: Wörter, so jung, dass ihre Erfinder noch leben; O'Shannessy wurde Zeuge, wie eine neue Sprache entstand. "Light Warlpiri" nannte sie ihren Fund.
Vier Jahre lang blieb die Linguistin im Outback. Später zog die Australierin in die USA, forschte an der University of Michigan. Doch bis heute kehrt sie möglichst jedes Jahr zurück nach Lajamanu.
Im Laufe der Zeit sah sie zu, wie die Kinder aufwuchsen, selbst Kinder bekamen und die Sprache weitergaben. Wie sie untereinander Light Warlpiri sprachen und nur dann in die Sprache der Alten wechselten, wenn jemand Fremdes hinzutrat. Wie seitdem eine Sprachgrenze das Dorf teilt: Nur wer jünger ist als 35, spricht Light Warlpiri. Die Älteren bevorzugen das ursprüngliche Warlpiri.
600 Aborigines leben heute in der Siedlung. Es ist ein künstlicher Ort, seine Bewohner sind die Nachfahren zwangsumgesiedelter Familien. Eines Tages waren Laster angerollt gekommen, Männer hatten Familien gepackt, dann waren die Aborigines in die Wüste verschleppt worden. Australiens weiße Regierung hatte die Deportationen angeordnet. Einige Regionen seien überbevölkert, angeblich drohten dort Dürren und Hungersnöte. Es waren die fünfziger Jahre, es waren Lügen.
Manche versuchten, zu Fuß in ihre Heimat zurückzukehren. Wurden sie aufgegriffen, karrte man sie zurück. Weit draußen in der Tanami-Wüste entstand so zwangsweise der Ort Lajamanu, nicht mehr als eine Ansammlung aus Blechhütten mit einer Flugzeugpiste.
Nur wenige Bewohner finden heute Arbeit im einzigen Laden des Orts, in der Klinik oder der Polizeistation; die meisten leben von Sozialhilfe. Zweimal pro Woche entlädt ein Flugzeug Post, einmal pro Woche liefert ein Laster Lebensmittel, sonst bleiben die Menschen isoliert: Die nächste Ansiedlung ist 600 Kilometer entfernt.
Es herrschen ideale Bedingungen für ein Sprachlabor: reichlich Vokabeln aus unterschiedlichen Quellen und kaum Störungen von außen.
Im Fachblatt "Language" hat O'Shannessy Light Warlpiri jetzt der Weltöffentlichkeit präsentiert. Die Verben stammen demnach aus Warlpiri und dem Englischen, die Nomen im Wesentlichen aus Kriol. Wie O'Shannessy anhand vieler Beispiele nachweist, ist Light Warlpiri eine ungewöhnlich erfindungsreiche Sprache.
Die Kinder haben die Bausteine der Ursprungssprachen nicht nur vertauscht, sondern neu zusammengesetzt. So erfanden sie eine neue Zeit, die in keiner der Quellsprachen vorkommt: die Nichtzukunft - ein Konstrukt, das einen Vorgang beschreibt, der in der Vergangenheit und Gegenwart liegen kann, aber niemals in der Zukunft.
Der Linguist Nikolaus Himmelmann von der Universität Köln findet Light Warlpiri "eine aufregende Entdeckung". Seine Kollegin Susanne Michaelis vom Leipziger Max-Planck-Institut spricht von einem "historischen Glücksfall, der für die Forschung von enormer Wichtigkeit ist". Die Beobachtung aus dem Outback könne helfen, ein zentrales Rätsel der Linguistik zu lösen: Warum und auf welche Weise kommt eine neue Sprache in die Welt?
O'Shannessy gibt darauf eine überraschende Antwort: "Angefangen hat alles mit Baby Talk."
Gemeint ist jenes Gebrabbel, das auf der ganzen Welt zu hören ist. In allen Kulturen neigen Erwachsene dazu, beim Anblick von Säuglingen in alberner Weise zu plappern. Ihre Stimmlage hebt sich, sie vermeiden schwierige Wörter und wiederholen jeden Satz. Deutsche etwa fragen gern, ob das Kind "Happa Happa" wolle.
Was die Aborigines-Kinder in ihren ersten Lebensjahren aufschnappten, muss ein Baby Talk gewesen sein, der einfache Vokabeln aus den drei Sprachen um sie herum verballhornte. Danach folgt die Spielphase: Sobald sie laufen können, bleiben Kinder in Lajamanu fast nur noch unter sich, Erwachsene sehen sie tagsüber selten. Die Kinder spielen und toben miteinander, kommen nur heim, wenn sie hungrig sind oder müde. Wann sie zurückkehren, entscheiden sie selbst. Manchmal beobachtete O'Shannessy schon Vierjährige dabei, die zu einem mehrere Kilometer entfernten Brunnen marschierten.
Einzelne Kinder, vermutet O'Shannessy, fingen schließlich an, mit den Sprachbausteinen zu experimentieren. Die anderen imitierten die neuen Formen, bis ein eigener Code entstand. Wer ihn beherrschte, gehörte dazu.
"Es klingt ungewöhnlich", sagt die Leipziger Linguistin Michaelis über diese Theorie, hält sie aber für durchaus plausibel: "O'Shannessy war praktisch beim Entstehen der Sprache zugegen und kennt die Umstände in Lajamanu wie sonst niemand."
Außergewöhnliche Kreativität, Freiheit und Isolation - in Lajamanu traf alles zusammen. "Vielleicht ist es unter diesen Umständen gar nicht so überraschend, dass gerade hier eine neue Sprache entstanden ist", spekuliert O'Shannessy.
Denn auch im Alltag spielen die Aborigines gern mit Wörtern. Stirbt einer von ihnen, stirbt auch sein Name. Er wird tabu - ebenso wie Wörter, die ähnlich klingen. Gleichnamige werden nur noch mit Initialen angesprochen oder heißen "kumunjayi": "kein Name".
Trauernde Witwen verfallen gar ganz in Schweigen, manchmal für Monate, einige sogar für Jahre. Sie wechseln zu einer Gebärdensprache, die jeder Aborigine zusätzlich beherrscht. Man sieht sie etwa auf der Jagd gestikulieren, wenn Laute das Wild verschrecken könnten. Oder wenn sie ein Erlebnis erzählen, für das sie großen Respekt ausdrücken möchten, so sehr, dass selbst Flüstern nicht statthaft wäre.
So lernen die Kinder schon früh, dass sie Wörter formen müssen - so wie Kinder anderswo in der Welt lernen, Figuren zu kneten. Doch ihr Sprachspiel, das vermutlich ohne Absicht begann, hat für die jungen Dorfbewohner inzwischen große Bedeutung erlangt. Sie nennen ihre Sprache den "Lajamanu Stail". Wer den Lajamanu-Style beherrscht, ist jung, modern, einer von ihnen.
Einige Ältere im Dorf sind darüber nicht glücklich. Zwar verstehen sie Light Warlpiri - so, wie ein Schwede einen Norweger versteht. Aber sie fürchten das Verschwinden ihrer ursprünglichen Sprache. "Rampaku" nennen sie das Light Warlpiri abfällig: "schwach". Aber noch, sagen die Älteren, hätten sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die jungen Leute beizeiten zur Besinnung kommen.
Stirbt ein Warlpiri, stirbt auch sein Name. Gleichnamige heißen nur noch "kumunjayi": "kein Name".
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 46/2013
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