11.11.2013

DEBATTEDie Männerfrage

Die deutsche „Emma“ fordert die Abschaffung der Prostitution, Freier in Frankreich kämpfen gegen Bestrafung. François Ozon bringt einen Film über eine junge Hure ins Kino.
Margot Käßmann und der Autor Frank Schätzing haben unterschrieben, die Schauspielerin Fritzi Haberlandt ebenso wie die Künstlerin Rosemarie Trockel. Sie sind auf dem Titel der neuen "Emma"-Ausgabe abgebildet, denn sie sind gegen Prostitution. Noch einmal macht Alice Schwarzer mobil. Sie veröffentlichte einen Aufruf, in dem sie die Prostitution mit der Sklaverei vergleicht. "Auch die Abschaffung der Sklaverei galt vor gar nicht so langer Zeit noch als Utopie", heißt es, gefordert wird eine Gesetzesänderung, "die der Deregulierung von Frauenhandel und Prostitution schnellstmöglich Einhalt gebietet".
Bis zum Freitag vergangener Woche hatten auf der Website der "Emma" mehr als 3800 Männer und Frauen den Aufruf namentlich unterstützt.
Schwarzers großes Verdienst war der Kampf für die Neuregelung des Paragrafen 218 in den siebziger Jahren. Nun arbeitet sie dafür, dass die nächste Regierung das Prostitutionsgesetz von 2002 verschärft. "Eine Welt ohne Prostitution ist denkbar", schreibt sie.
Frankreich, das Land, dem wir scharfe feministische Debatten und die Idee eines flüchtigeren Liebeslebens verdanken, streitet ebenfalls über das Thema Prostitution. Die sozialistische Regierung von François Hollande ist bereits einen Schritt weiter, sie will den Kauf sexueller Dienstleistungen verbieten und Freier bestrafen. Wer zum ersten Mal mit einer Prostituierten erwischt wird, soll 1500 Euro zahlen, die Strafe für Wiederholungstäter würde doppelt so hoch liegen.
Auch in Frankreich gibt es einen Aufruf, allerdings mit dem Ziel, das Prostitutionsgesetz noch abzuwenden. "343 Dreckskerle" schreiben, sie seien "zu den Huren" gegangen, sie wehren sich gegen das gesetzliche Vorhaben, "Normen für ihre Begierden und Lüste" zu schaffen.
Darauf muss man erst mal kommen, beim Thema Prostitution die Sorge um die männliche Lust in den Mittelpunkt zu rücken, eine eigenwillige Perspektive. Und tatsächlich zogen einige der Unterzeichner ihren Namen vor der Veröffentlichung im Magazin "Causeur" wieder zurück.
Mitten hinein in diese kontroversen Diskussionen startet in deutschen Kinos ein französischer Film mit dem Titel "Jung & Schön". Erzählt wird darin von der 17-jährigen Isabelle (Marine Vacth). Der Film umfasst ein Jahr ihres Lebens, im Sommerurlaub schläft sie zum ersten Mal mit einem Jungen, wenige Wochen später beginnt sie, Sex mit fremden Männern zu haben und dafür Geld zu verlangen.
Gedreht hat den Film der französische Regisseur François Ozon ("Acht Frauen", "Swimming Pool"); "Jung & Schön" lief bei den Festspielen in Cannes und ist einige Zeit vor den aktuellen politischen Auseinandersetzungen über ein Prostitutionsverbot entstanden, das perfekte Timing beweist aber das Gespür des homosexuellen François Ozon für relevante Themen.
"Jung & Schön" ist ein Film über Adoleszenz, die Prostitution ist hier ein gewalttätiger Akt des Mädchens gegen sich selbst und gegen seine Familie. Isabelle braucht kein Geld, sie kommt aus einem begüterten Pariser Haushalt, sie versucht aber herauszufinden, wie viel sie wert ist. Und dass Männer sich den Sex mit ihr 300 Euro kosten lassen - mehr als dreimal so viel, wie der Therapeut, den ihre Eltern engagieren, für eine Gesprächsstunde verlangt -, das bedeutet ihr etwas.
"Es ist heute leicht, als Prostituierte zu arbeiten", sagt Ozon, "eine zusätzliche Telefonkarte, zwei Klicks im Internet, und man findet Freier, man kommt an Geld, das gab es nicht, als ich Teenager war. Ich sage nicht, es ist gut, oder es ist schlecht. Ich wollte zeigen, wie leicht es heute sein kann."
Ozon zeigt eine luxuriöse Variante der Prostitution, aber auch dieser Aspekt gehört zum Thema, dessen Schwierigkeit ja darin besteht, dass es so viele verschiedene Frauengeschichten umfasst: Die nach Deutschland verschleppte junge Frau gehört dazu, die in einem Apartment gefangen gehalten und zum Anschaffen gezwungen wird; das Mädchen auf dem Straßenstrich, aber auch die Studentin, die mit sporadischer Sexarbeit ihr Studium finanziert, oder das Luxus-Callgirl.
Ozon erzählt eine einzelne Geschichte, das macht seinen Film angreifbar und interessant. Es unterscheidet ihn von den Aufrufen in Deutschland und Frankreich, die von "den Prostituierten" sprechen, von "den Huren". Schwer zu sagen, wie viele Isabelles es heute unter deutschen oder französischen Schülerinnen gibt. Zahlen im Zusammenhang mit Prostitution basieren weitgehend auf Schätzungen.
Ozon hat sich für seine Protagonistin eine süßliche Wendung einfallen lassen, einen alten Herrn, der sie regelmäßig bestellt, der sie zunehmend verehrt und ihr die Schulter küsst, bevor er mit ihr schläft. Die 300 Euro legt er dezent für sie bereit. Dieser Herr stirbt zwar beim Sex mit Isabelle am Herzinfarkt, aber die idealisierte Beziehung der beiden lässt Isabelles Job durchaus attraktiv erscheinen.
Auf die Frage, ob sein Film junge Frauen auf die Idee bringen könne, es Isabelle gleichzutun, reagiert Ozon gereizt. Das sei eine ähnliche Diskussion wie bei Gewaltfilmen; natürlich bestehe immer die Gefahr, dass ein Phantasma in die Wirklichkeit umgesetzt wird, aber die Verantwortung dafür liege nicht beim Künstler.
Im Januar kommt ein anderer Film ins Kino, in dem einer Prostituierten eine wichtige Nebenrolle zukommen dürfte. In Charlotte Roches zweitem Roman "Schoßgebete" besucht die Protagonistin Elizabeth Kiehl zusammen mit ihrem Mann ein Bordell, und wenn sich der Film (der bisher noch nicht vorgeführt wurde) nicht vor den Herausforderungen des Romans wegduckt, müsste darin eine ausschweifende Sexszene zu sehen sein. Das Ehepaar Kiehl, so schreibt es Roche in ihrem schnoddrig-anrührenden Ton, sei schon bei 18 Prostituierten gewesen.
In aktuellen Büchern und Filmen wird das Thema gern romantisiert, selbst in Clemens Meyers Roman "Im Stein". Entwürdigung und Gewalt kommen nur am Rande vor. Alice Schwarzer behauptet in der "Emma", dass die Armuts- und Zwangsprostituierten in der Realität dagegen 90 Prozent ausmachen. Sie gibt dafür allerdings keine Quellen an.
Dass Befürworter und Gegner des Prostitutionsverbots die Zahlen interpretieren, wie es ihren Zielen entspricht, gehört zwangsläufig zu dieser Diskussion, weil ein großer Teil des Gewerbes im Verborgenen stattfindet. Prostitution ist nach wie vor ein schambesetztes Thema. Welcher Mann spricht schon offen und gegenüber Frauen darüber, dass er ins Bordell geht? Und warum gehen Männer ins Bordell? Das ist eine große Frage, die viel zu selten und mit zu wenig Nachdruck gestellt wird. Es überschattet das Verhältnis von Männern und Frauen, wenn die einen die anderen für Sex bezahlen.
Bis 2002 galt die Prostitution in Deutschland als sittenwidrig; seither ist die Förderung dieses Gewerbes nicht länger strafbar. Und daran scheiden sich die Geister. Alle an der Diskussion Beteiligten können sich wenigstens darauf verständigen, dass Menschenhandel ein Verbrechen ist.
Die Anklage von Alice Schwarzer und ihren Mitstreitern lautet, dass die legalen Arbeitsbedingungen seit 2002 die Verschleppung von Mädchen aus EU-Ländern wie Bulgarien nach Deutschland noch befördern. Aber nicht jede Migrantin, die hier als Prostituierte arbeitet, ist verschleppt worden.
Auch wenn die allermeisten Frauen sich nie freiwillig entscheiden würden, Sex für Geld anzubieten, gibt es unter den Prostituierten selbstverständlich auch jene, die sich diesen Job ausgesucht haben. Ihnen das Recht auf Eigenverantwortlichkeit abzusprechen ist anmaßend.
Genau das tut Alice Schwarzer, wenn sie schreibt, dass angeblich 90 Prozent aller Prostituierten als Kinder missbraucht wurden, dass sie also immer schon Opfer waren und aus dieser Rolle nie herausgefunden haben. Die Empörung der Betroffenen darüber ist verständlich.
Am Ende ist der Streit über dieses Thema unlösbar, weil es "die Prostituierte" nicht gibt. Die Lebenswege jener Frauen, die mit Sex Geld verdienen, sind zu unterschiedlich.
Ob die Prostitution in Deutschland abgeschafft werden kann, ist äußerst zweifelhaft, ob eine Welt ohne Prostitution denkbar ist, wie Schwarzer schreibt, erst recht. In Schweden, einem Land mit strengeren Gesetzen, starten Flugzeuge mit Sextouristen Richtung Thailand. In Deutschland kommen Reisebusse mit Männern aus Frankreich oder Italien an, die eine Flatrate fürs Ficken gebucht haben.
In einer globalisierten Welt schiebt jedes Land, das dieses Problem gern gesetzlich verbieten würde, es nur seinen Nachbarn zu. Auf anonymen Sex zu verzichten scheint für viele Männer ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
Der Aufruf von "Emma" mag missionarisch sein, und natürlich trifft der Vorwurf zu, dass Schwarzer sich die Welt so baut, wie sie ihr gefällt, wenn es nur ihren Absichten hilft. Aber der Aufruf "Prostitution abschaffen" könnte neben einer Reform des Gesetzes dazu beitragen, dass wir beginnen, darüber zu reden, warum Männer zu Prostituierten gehen. Alice Schwarzer hätte dann noch einmal viel erreicht. ◆
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 46/2013
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