18.11.2013

ERMITTLUNGENEingefrorene Rotoren

Die HSH Nordbank hat mit 225 Millionen Euro einen Windpark in Kalabrien finanziert. Italienische Staatsanwälte halten das Projekt für eine Geldwaschanlage der Mafia.
Bei ihm landen die Fälle, die sich kein Bankmensch wünscht: Rüdiger Volk, promovierter Ökonom, Managing Director bei der HSH Nordbank, dunkelgrauer Dreiteiler, rahmenlose Brille, akkurater Scheitel, seit 35 Jahren im Geldgeschäft, auf seiner Visitenkarte steht: "Leiter Sanierung".
Volk, 53, ist der Mann fürs Toxische. Für Problemkredite, für leistungsgestörte Projekte, für notleidende Kredite - die Welt der Wirtschaft hat viel Phantasie, wie man einen miesen Deal vornehm umschreiben kann. Bei dem Darlehen in Höhe von 225 Millionen Euro, das den Chefsanierer derzeit umtreibt, spricht man in Volks Abteilung von einer hohen "Reputationsproblematik".
Übersetzt heißt das: Die Bank hat sich, in gutem Glauben, mit Leuten und Firmen eingelassen, denen sie wohl besser nicht so viel Geld hätte geben sollen.
Volks Sorge gilt einem Windpark an Italiens südlicher Spitze: 48 Windmühlen, die im Küstenort Isola di Capo Rizzuto rund 250 Gigawattstunden jährlich produzieren, Strom im Wert von rund 30 Millionen Euro per annum. Das Problem ist nur: Vor 16 Monaten hat die Staatsanwaltschaft Catanzaro die Anlage beschlagnahmt. Mit jeder Drehung der Rotoren, so der Verdacht, werde schmutziges Geld der Mafia in saubere Gewinne aus Ökoenergie verwandelt.
Anfangs gaben sich die Manager der HSH Nordbank gelassen. Dass die 'Ndrangheta, wie die Mafia in Kalabrien heißt, die Region wirtschaftlich und politisch im Griff hält, hatten sie an der Waterkant durchaus gewusst. "Die Investoren waren deutsche und skandinavische Unternehmen", betont Volk. "Es war ein klassisches Projektfinanzierungsgeschäft."
Als gutes Zeichen mochte man auch werten, dass das Gericht in Catanzaro den Einspruch der Windparkeigentümer gegen die Beschlagnahme annahm. Vor vier Monaten folgte jedoch die Ernüchterung: In zweiter Instanz bestätigten die Richter die Sicherstellung der 48 Windmühlen - und das Einfrieren der Erlöse.
Spätestens jetzt schwant den Managern der Bank, die mehrheitlich dem Land Schleswig-Holstein und der Stadt Hamburg gehört, dass damals, also beim Projektstart 2006, nicht genau genug hingeschaut wurde.
Volk war seinerzeit noch nicht bei der HSH, aber die Akten, die er zum Fall des 225-Millionen-Kredits gewälzt hat, sind für ihn eindeutig: "Das Projekt wurde nach den damaligen, für alle Institute verbindlichen Richtlinien geprüft. Heute, nach der Lehman-Pleite, nach der Finanzkrise von 2008, sind die Vorgaben schärfer." Für den Chefsanierer ist klar: "Heute würde es so ein Geschäft bei uns nicht geben."
Heute ließe man sich womöglich mit keinem Mann ein, der wegen seiner Schulden nicht mal mehr einen Wohnsitz in Deutschland hat: Martin Frick, 62, der Erfinder des Windparks an Kalabriens stürmischer Küste.
Frick hat Spuren hinterlassen im Laufe seiner Karriere als Politiker, als Anwalt, als Geschäftsmann. Die HSH Nordbank hätte die Spuren lesen, hätte sie - auch vor dem Lehman-Donner - bewerten können.
Die politische Karriere des Martin Frick im Rosenheimer Stadtrat bekam einen Knacks, als sich der CSU-Mann in seiner Funktion als Anwalt, statt Honorar zu kassieren, ein Grundstück überschreiben ließ, das kurz darauf Bauland wurde. Frick saß damals im Bauausschuss. Seine juristische Karriere strandete, als er wegen Veruntreuung von Mandantengeldern verurteilt wurde - und seine Zulassung als Anwalt einbüßte. Und als Geschäftsmann lernte ihn die Volksbank Mittweida auf unangenehme Art kennen. Frick schuldete ihr eine halbe Million Euro, bis das Geldinstitut die Forderung als uneinbringbar an ein Inkassounternehmen verkaufte.
Ebenjener Martin Frick, Wahlschweizer mit Zweitwohnsitz in Österreich, sah im fernen Kalabrien seine Zukunft. Hier, in einem vom Wind umtosten Zipfel im Ionischen Meer. In einer Branche, die aus Luft Reichtum macht.
Die Idee dazu, so erzählt es Frick, sei ihm gekommen, als er einen Freund in Kalabrien bei der Jagd begleitet habe. Und über diesen Freund habe er dort Kontakt erhalten zu einem Mann, dessen Verwandtschaft in der Region viele Grundstücke besitze: Nicola Arena.
Der heute 49-Jährige entstammt einer Familie, von der es heißt, dass sie ihr Geld mit Drogengeschäften, Erpressung und dem Abkassieren bei öffentlichen Aufträgen macht. Sein Onkel ist der 76-jährige Clan-Chef Nicola Arena, den er regelmäßig im Gefängnis besucht. Ein naher Verwandter kam 2004 im Auto ums Leben, getötet von einer Panzerfaust. Wegen der Verflechtung örtlicher Politiker mit dem organisierten Verbrechen stand die Gemeinde Capo Rizzuto zeitweise unter Zwangsverwaltung.
Martin Frick hat das offenbar nicht gestört. Arena sei von Anfang an ein wichtiger Partner des Projekts gewesen. "Er hat mit offenen Karten gespielt", sagt Frick. Er habe darauf hingewiesen, ein Neffe des gleichnamigen 'Ndrangheta-Bosses zu sein, aber versichert, nichts mit dessen krummen Geschäften zu tun zu haben.
So legten sie los, der Windpark-Impresario und sein lokaler Adjutant. Frick ließ Fachleute die Windverhältnisse analysieren, gab geologische Gutachten in Auftrag, sondierte Grundstücke, holte Genehmigungen ein. Und er beteiligte Mitglieder der Arena-Familie an dem Projekt mit 10 Prozent, später habe er den Anteil auf 15 Prozent erhöht. Nicht für Geld, sondern für deren Mitarbeit, wie er sagt. Die Arenas hätten sich "um die Belange vor Ort" gekümmert.
Was nun noch fehlte, waren Investoren. Auf der Suche nach ihnen lernte Frick einen Finanzmakler aus Twist im Emsland kennen: Ludwig Nyhuis. Die Idee sei es gewesen, den Windpark als Generalunternehmer schlüsselfertig zu bauen und dann mit Gewinn zu verkaufen, so berichtet es Nyhuis.
Der Plan schien auch aufzugehen, als eine dänische Firma namens Scan Energy mit 74 Millionen Euro in die Windkraftanlage einsteigen wollte. Die HSH Nordbank, die an Scan Energy beteiligt war, finanzierte die Restsumme.
Doch 2009 stellte sich heraus, dass sich Scan Energy mit seinen Projekten übernommen hatte, ein Börsengang scheiterte. Die HSH Nordbank sprang mit zusätzlichen Krediten ein, um das Investment in Kalabrien zu retten.
Seitdem schuldet die von Frick, Nyhuis und ein paar weiteren Teilhabern eigens für den Windpark gegründete Firma Vent1 Capo Rizzuto dem norddeutschen Geldhaus die komplette Kreditsumme: "225 Millionen Euro inklusive Umsatzsteuer", bestätigt Bankmanager Volk.
Gern würden Frick, Nyhuis & Co. den Kredit aus den Stromerlösen bedienen - aber das ist nicht möglich, solange die italienische Justiz die Hand über die Türme hält. Seit Jahren versucht die Staatsanwaltschaft in Catanzaro, das Finanzgeflecht der Windkraftanlage zu durchschauen. "Durch Zufall", erklärt deren damaliger Leiter Eugenio Facciolla, "waren wir bei einer Telefonüberwachung in einem Korruptionsfall auf den Komplex gestoßen."
Das Abhören diverser Telefone, so sieht es Facciolla, erwies sich als ergiebig. Mal erhärtete sich der Verdacht von Schmiergeldzahlungen, als der örtliche Landvermesser "4,5 Prozent vom Umsatz" verlangte. Mal bekamen die Ermittler mit, wie der Arena-Clan darüber beriet, selbst 70 bis 80 Millionen Euro in den Windpark zu investieren. Andere Telefonate lassen den Schluss zu, dass Frick den Arenas dabei half, Bargeld aus Kalabrien in der Schweiz in legale Einnahmen umzuwandeln.
Um Probleme mit Behörden - etwa weil die Türme zu dicht am Flughafen stünden oder den Schiffsverkehr störten - müsse sich niemand Sorgen machen, beschwichtigte bei einem Abendessen das Familienmitglied Pasquale Arena, der zugleich Beamter der Gemeindeverwaltung Capo Rizzuto ist. Solche Hindernisse würden beseitigt. Derselbe Mann versicherte später seinem Cousin Nicola am Telefon: "Die Chefs sind wir."
War der Name Arena in der Bauphase womöglich sehr hilfreich, entwickelte er sich im Laufe der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen für Frick zum Problem. Er mühte sich, die Gesellschaftsanteile über Tarnfirmen zu verschleiern. Nicola Arena erwog sogar, seinen Namen zu ändern. Als dessen Onkel, der im Knast sitzende Clan-Chef, davon erfuhr, wurde er laut Ermittlungsakten stinksauer: "Nur mit meinem Namen hast du alles erreicht. Nenn dich doch Scheiße!"
Als die Windkraftanlage Ende 2009 in Betrieb ging, schickte die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft aus Rom ein Rechtshilfeersuchen nach Kiel. Die Ermittler wollten wissen, wie der Kredit mit der HSH Nordbank zustande gekommen sei, ob es Sicherheiten im Hintergrund gegeben habe.
Vier Jahre später sind die italienischen Strafverfolger von den deutschen Kollegen erkennbar enttäuscht. Statt intensiv zu ermitteln - etwa mit Hausdurchsuchungen -, hätten die Kieler nur zwei DIN-A4-Ordner mit Vertragsunterlagen der HSH Nordbank geschickt.
In Schleswig-Holstein mag man dem Verdacht der italienischen Anti-Mafia-Ermittler nicht folgen. "Ich kann nicht erkennen, wo hier Geldwäsche stattgefunden haben soll", erklärt der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Goos. Da die Anlage zu 100 Prozent finanziert sei, könne kein Geld gewaschen werden.
Die Fronten scheinen verhärtet. Zwischen Kiel und Catanzaro, zwischen der HSH Nordbank und Frick, aber auch zwischen Frick und dem Arena-Clan. Denn innerhalb der Familie herrscht die Meinung, die Deutschen hätten an dem Windpark viel Geld verdient, während sie selbst bislang leer ausgegangen sei.
Vorsorglich hat Martin Frick sein Haus in Österreich, das offiziell seinen Kindern gehört, zu einer Festung ausbauen lassen. Mit einem Tor aus Stahl, hohen Mauern und einer Tiefgarage, die einen direkten Zugang in die Wohnräume ermöglicht.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 47/2013
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