18.11.2013

MUSIKGlücklich, unterm Strich

Mit ihrer Band „Wir sind Helden“ eroberte Judith Holofernes die Charts und wurde zu einem Idol. Wie überfordert sie war, wusste niemand. Nach zwei Jahren kehrt sie mit einem Soloalbum zurück. Wird sie durchhalten?
Durch den Görlitzer Park von Berlin-Kreuzberg, dessen Eingänge neuerdings rund um die Uhr von Drogendealern besetzt sind, streift verloren ein Ritter, die Rüstung aus Wolle, ein schaukelndes Filzpferd, groß wie ein Pony, mit Gurten um den Leib geschnürt. Musik ist zu hören von irgendwoher, keuchende Gitarren und eine Frau, die singt: "Gib mir ein leichtes Schwert, für meine müde Hand, eins, das tanzt wie ein Schmetterling, tanzt ..."
Es nieselt, der November ist da, die Dealer, nervöse, dunkle Gestalten, wissen nicht, ob sie lachen oder davonlaufen sollen, sie werden gerade Teil einer Kunst, Teil eines Musikvideos. Teil des Comebacks von Judith Holofernes.
Ein dürrer Kameramann in Zehenschuhen aus genopptem Gummi folgt ihr über den nassen Rasen, die Musik kommt aus einer Minianlage in einer seiner Hosentaschen. Judith Holofernes, im Ritterkostüm, wollte sie unbedingt hören während des Drehens, nah bei sich, um ganz exakt im Takt zu schreiten. Sie kann sehr penibel sein, gerade jetzt. Nach zwei Jahren Funkstille, nach dem vorläufigen Ende ihrer Band "Wir sind Helden" werden Ende dieser Woche neue Lieder von ihr im Radio zu hören sein, weitere folgen über den Winter, ein paar Videos dazu, ein paar ins Internet gestreute "Teaser", dann kommt im Februar das neue Album auf den Markt: "Ein leichtes Schwert". Von Judith Holofernes. Sie ist wieder da.
Vier Tage vor dem Videodreh im Görlitzer Park, am ersten Montag im November, hat sie die Masterbänder, nach monatelanger Kleinarbeit, morgens um neun hektisch in die Produktion geschickt. In der Nacht zuvor stieß sie die Reihenfolge der Lieder noch einmal um. Sie will ein Album vorlegen, auf dem endlich "alles genau so klingt, wie ich es will", sagt sie, das Visier aus Filz und Wolle für einen Moment geöffnet, das Gesicht gerötet von der Last des falschen Pferds.
Sie hat, auf den ersten Blick, noch immer die anrührend klaren Augen des Mädchens, das sie vor 15 Jahren war, in der Zeit vor dem Ruhm, vor den "Helden", vor der Heirat, vor den Kindern. Die blauen Augen der entschlossenen jungen Frau, die damals auch schon 22 war und die bei ihren allerersten Auftritten in vergammelten Kneipen ihren Traum besang, ein Popstar zu werden, auf der ganz großen Bühne, mit der schönen, größenwahnsinnigen Zeile: "Ich will mich da oben sehn."
Sie konnte nicht wissen, wie es sich anfühlen würde "da oben", im Licht, auf Platz eins der Charts, auf Festivals vor 80 000 zahlenden Zuschauern, wie es sich sitzt in den Fernsehstudios bei Maybrit Illner, bei Harald Schmidt, als er noch groß war, wie es ist, dem Dalai Lama die Hand zu schütteln. Sie ahnte nicht, welche Wellen es schlägt, wenn sich jemand wie sie frontal mit der "Bild"-Zeitung anlegt, was sie tat, als sie sich nicht für deren Werbekampagne mit Prominenten hergeben wollte und ihre Absage an die Werbeagentur Jung von Matt mit den Worten begann: "Ich glaub, es hackt." Sie wusste nicht, wie erbarmungslos der Rummel um den Ruhm sein kann, wie tief Müdigkeit geht, wie schnell sich alles so anfühlt, "als würde man sich selbst nicht mehr gehören". Judith Holofernes ahnte nicht, dass Popstar werden leichter ist als Popstar sein.
Ihre Augen spiegeln diese Erfahrung heute, auf den zweiten Blick, eine Spur von Zweifel liegt manchmal in ihnen, eine kleine, kichernde Angst, wenn sie sich die Reaktionen auf ihre neue Platte ausmalt, die Gemeinheiten, mit denen sie rechnen muss. In der Jauchegrube der Internetforen hat sie schon Kommentare gefunden, die ihr die Aufhübschung mit Botox nachsagen. Sie lacht darüber, leidet aber darunter. Sie kann, sagt sie, schlechte Kritiken, Bösartigkeiten schlecht parieren. Sie liest, leider, alles. Dünn ist ihre Haut geblieben, ihr Panzer nur aus Wolle und Filz.
Wer Judith Holofernes ein wenig begleitet, lernt schnell, dass sie mitten im Glück, das ihr geschenkt war, nicht selten sehr unglücklich gewesen sein muss, dass das Wunder, das sich an ihr vollzog, das Märchen, das sie lebte, so erfüllend war, wie es sie zugleich aushöhlte. Das ist ein Paradox, aber das Leben ist so uneindeutig, zumal das einer Frau mit dem Künstlernamen Judith Holofernes, in dem Schönheit und Tod immer miteinander ringen.
"Immer im roten Bereich" habe sie sich bewegt, sagt sie, "immer die Angst des Rennfahrers im Nacken, das Steuer zu verreißen und an die Wand zu klatschen." Sie erzählt von den rasenden Jahren ihres Lebens in den Drehpausen, im Mietbus des Filmteams, in ihrer "Hasenwohnung" an der Hasenheide, wo sie arbeitet. Erinnert sich an die Zeiten, in denen die Band manchmal 33 Konzerte in sechs Wochen spielte. Sie trinkt Kaffee mit Sojamilch, weil sie gegen Kuhmilch und alles Mögliche sonst allergisch ist, gegen Roggenmehl, Katzen und Nüsse, sie bringen ihr Asthma. Was ist geworden aus ihren Popstar-Träumen? Hat sie das Glück gefunden? "Ja", sagt sie, "und das Unglück."
Viele Konzerte hat sie mit Fieber und Halsweh gesungen, vollgestopft mit Paracetamol. Noch als ihr Sohn im Dezember 2006 geboren war, als ihre Tochter im August 2009 auf die Welt kam, absolvierte sie große Tourneen mit gleich zwei Babysittern im bedrückend engen Tourbus, rüttelnde Fahrten, Tausende Kilometer weit, mit manchmal nicht schlafenden, zeitweilig kränkelnden, häufig schreienden Kindern, immer zwischen Windeln und Westerngitarren.
Oft musste sie direkt vom Mikrofon, von der Rampe weg zum Stillen hinter die Bühne hetzen. Oft wollte Judith Holofernes, zwischen Konzerten in München, Hamburg, Köln und Berlin, zwischen Auftritten in Hannover, Nürnberg, Wien und Frankfurt einfach nur nach Hause. Auf der Couch liegen. Fernsehserien gucken. Früh schlafen. Aber das wollte niemand wissen. Und keiner zulassen.
Die Fans nicht, die Medien nicht, die Musikmaschine nicht, sie bastelten sich ihre Judith zurecht, nach Belieben, einen Starschnitt ihres Popstars, erst als Sternchen und Girlie, bald als Bannerträgerin einer "neuen Neuen Deutschen Welle". Sie bekam mit den "Helden" Preise und Plaketten verpasst, "Klassensprecher der Nation", sie wurde zur modernen Übermutter, zur konsumkritischen Superheldin einer neuen Zeit. Wenn sie diesen zugeschriebenen Bildern in Interviews zu widersprechen versuchte, klang es kokett, es klang undankbar, weil ein Popstar in dieser Welt ein Popstar zu sein hat, das heißt größer, schöner, strahlender als ein normaler Mensch.
Das kleine Filmteam verlegt sich vom Görlitzer Park zur Oberbaumbrücke, Judith Holofernes überquert als Ritter aus Fleisch und Filz die Spree. Die Passanten reagieren belustigt oder beleidigt, eine grantige Pflegerin, die eine Alte vor sich herschiebt, ruft durch den Regen, feindlich, Richtung Ritter: "Vorsicht, hier kommt 'n Rollstuhl." Durch die Stahlträger der Brücke bietet sich ein Panorama der elenden Berliner Hässlichkeit, mit Fernsehturm und Baukran, ein Postkartenbild des chronisch Unfertigen, auf das die Stadt so stolz ist.
Hier ist Judith Holofernes zu Hause, hier kam sie, im alten West-Berlin, als Judith Holfelder auf die Welt, der Kiez zwischen "Görli" und "Schlesi", zwischen Görlitzer Bahnhof und Schlesischem Tor, ist Heimat. Mit ihrer Kleinfamilie, den zwei Kindern und ihrem Mann Pola Roy, der bei den "Helden" das Schlagzeug spielte, wohnt sie in der Nähe des Urban-Krankenhauses. Es gibt die kleine Wohnung an der Hasenheide, es gibt ein Studio an der Skalitzer Straße. Wer die Gegend kennt, fragt sich, wie Judith und die "Helden" aus dieser Lebenswelt so viel Schönheit schöpfen konnten.
Beglückende Popsongs sind ihnen gelungen, "Ein Elefant für dich", "Müssen nur wollen", "Aurélie", "Denkmal". Berückende Liebeslieder wie "Außer dir", "Bist du nicht müde", "Du erkennst mich nicht wieder". Judith Holofernes und die "Helden" hatten Erfolg, weil sie sich und vielen anderen aus dem Herzen sangen und weil Judith Holofernes Zeilen auf unsere Zeit dichtete und vertonte, die bleiben werden. Weil sie mit Wörtern spielte wie kaum ein deutscher Popstar vor ihr, weil sie perfekte Lieder zum perfekten Zeitpunkt ablieferte, ironische Hymnen auf Deutschland, "das Land der begrenzten Unmöglichkeiten".
Dass sie mit solchen Zeilen, mit dem großen Schuss Intellekt, so viel Erfolg haben konnte, wundert Judith Holofernes manchmal selbst. Es wundert sie so sehr, dass sie sich fragt, ob vielleicht manches ein Missverständnis war zwischen ihr und ihrem Publikum. Aber wer wird, im Erfolg, lange danach fragen.
Das erste Album der "Helden", "Die Reklamation" aus dem Jahr 2003, hielt sich 94 Wochen in den Charts und verkaufte sich 600 000-mal, das zweite, "Von hier an blind", stand 59 Wochen in den Hitparaden, brachte zweifach Platin und wurde allein in Deutschland 450 000-mal verkauft. Judith Holofernes, die sich um vieles viele Sorgen macht, hatte bald, was man ein sorgenfreies Leben nennt.
Auf die ersten Plätze stiegen danach auch die letzten "Helden"-Alben "Soundso" und "Bring mich nach Hause". Nur war mittlerweile, dank Web 2.0, iTunes, Spotify und Co., die alte Musikindustrie überholt und mit ihr der Zwang und die gute Sitte, ganze Alben zu kaufen, statt einzelne Hits per Mausklick im Internet downzuloaden.
Judith Holofernes' Lieder waren plötzlich nicht mehr Teil eines durchdachten, mühsam kalkulierten Werks, sondern nur noch Treibholz im großen, billigen "Stream". Die beiden letzten Alben der "Helden", erschienen 2007 und 2010, verkauften sich, verglichen mit den vorherigen Triumphen, nur noch um die 150 000-mal. Das war immer noch sehr viel, dafür gab es immer noch Gold, aber es hatte jetzt einen deutlich dumpferen Glanz.
Auch der Erfolg von Judiths neuem Soloalbum wird sich nicht so einfach messen lassen. Wer weiß, was die Platte bringen wird, zählbar, da draußen auf dem zerfaserten Markt. Wer sie aber, wie früher, von vorn bis hinten hört, kann sich freuen über ein schnelles, helles Werk. Judith Holofernes hat die Müdigkeit abgestreift oder hat sie verwandelt in Popmusik zum Tanzen und mit echtem Text.
Sie singt jetzt vom Elternsein und vom Kinderhaben, von der Unschlüssigkeit ihrer Generation, in einem irren Stakkato rattert sie in "MILF" ihre Plattensammlung herunter. So tonlos hingeschrieben klingt das fade, aber "Hasenherz" und "Liebe Teil 2" haben das Zeug zum Hit. Es gibt Lieblingslieder namens "Pechmarie" und "Brennende Brücken" und diesmal nur eine einzige schwarze Ballade mit dem Titel "Havarie".
Mit der Meinung, dass "Nichtsnutz" den Auftakt des Albums machen müsse, ein Lob des Müßiggangs, war sie allein, gegen alle - ein Gefühl, das sie kennt. Gleich am Anfang ihrer "Helden"-Karriere rieten ihr Manager, sich von der Band zu trennen, aus Gründen besserer Vermarktbarkeit, aber sie kannten Judith Holofernes schlecht. Niemals hätte sie die Freunde einfach so in die Wüste geschickt, und nie hat sie sich um ihre "Vermarktbarkeit" geschert. Erfolg heißt für sie, "dass ich Sachen gemacht habe, die ich machen wollte. Und die haben auch noch den richtigen Leuten aus den richtigen Gründen gefallen". So sprechen Künstler, und nichts anderes will Judith sein: Popstar, ja, aber Künstlerin dabei, kompromisslos konzentriert. Vermarktbarkeit? Fuck it.
Wer sie im Studio erlebt, bekommt einen Eindruck von ihrem Ernst, davon, wie schwer es ist, das poppige Leichte, das schwere Schöne herzustellen. Bis ein Lied wirklich schwingt und "federt" und "atmet", wie sie im Studio sagen, bis der Eindruck des Unbemühten, lässig Hingeworfenen, irgendwie Zugeflogenen erreicht ist, müssen die Musiker und Produzenten lange Wege gehen. "Ein leichtes Schwert" entstand in diesem Jahr während zweier langer Arbeitsblöcke im Frühjahr und Sommer. Anfang Juli arbeitete sich Judith Holofernes quälend lang an einer Ballade ab, "Oh Henry", die am Ende noch nicht einmal den Weg ins Album fand.
Vor der schalldichten Scheibe saß Ian Davenport, ein lustiger Engländer mit Koteletten, der schon die letzte "Helden"-Platte produziert hatte. Im Studio drinnen, in einem Hinterhaus an der Skalitzer Straße, war Judith Holofernes zu sehen mit einer Martin-Gitarre und flauschigen Hausschuhen an den Füßen, und eigentlich klappte gar nichts. Die bis dahin eingespielten Versionen waren zu schwer, zu hohl, zu breit, zu dünn, manche klangen unfreiwillig komisch, manche klangen nach gar nichts.
An seinen Reglern, an einem Mischpult, so groß wie ein ausgezogener Esstisch, versuchte Davenport, die Musiker auf den richtigen Weg zu bringen, aber über Musik zu sprechen, ganz genau, im Detail, ist schwer. Davenport, der auf Deutsch nicht viel mehr sagen kann als "Guten Tag" und "Danke sehr", wünschte sich den Bass ein bisschen mehr "smoky", er wünschte sich das Schlagzeug "jazzy without being jazzy, you know", er riet den Leuten hinter der Scheibe, das "Tom Waits thing" zu machen, und sie mühten sich ab. Zehnmal, zwölfmal. Noch einmal.
Am späten Vormittag saß Judith Holofernes draußen vor der Scheibe bei Davenport, sie hörten die Takes gemeinsam durch. Sie zweifelte jetzt, spürbar, an ihrem Lied, fand es selbst "klaustrophobisch". Die Musik zog den ohnehin bleischweren Text noch weiter nach unten, statt ihn aufzufangen, ihn irgendwie aufzulockern. "Die Welt spielt ein Wiegenlied aus Lärm und Sirenen ...", nicht einfach, diese Welt in die Leichtigkeit zu holen.
Aber Davenport hatte so seine Ideen und Tricks; im Lauf des Nachmittags fing das Lied doch noch zu klingen an, nach 30, 40 weiteren Versuchen hatten sie einen vorzeigbaren Song, einen guten sogar, da sagte Judith Holofernes: "Ich will aber den Gesang noch mal neu machen." Und Ian Davenport sagte, nach zwölf Stunden Stückwerk, sein Gesicht eine Maske: "No problem."
Judith Holofernes ging nach Hause, schlief ein bisschen, gegen neun am Abend kam sie zurück, um den Gesang neu zu machen, das dauerte bis Mitternacht. Es ist ein Prozess, der an eine Häutung erinnert. Denn bei den ersten Takes sang sie zuerst wie irgendeine Judith, die gerade zu Hause ein bisschen geschlafen hatte und eben von der Skalitzer Straße wieder hereingekommen war. Beim dritten Versuch erst hatte sie diesen Alltagsmenschen abgestreift, so wirkte es, hörbar, sie war eine andere, und jedenfalls sagte Ian Davenport nach Take drei: "Now you're in the zone. Go on." Und sie sang.
Ihre Stimme ist anrührend, selbst wenn sie nur durchs Studio geht und summt oder wenn sie an einem Tisch gegenüber sitzt und einfach redet. Aber wenn sie wirklich ganz bei sich ist, wenn sie aufgeht in ihrer eigenen Musik, stellen sich magische Momente ein, sprachloses Zuhören. Das galt im Juli für die Takes vier bis acht von "Oh Henry", danach wollte sie wieder zu viel oder nicht genug, schwer zu sagen. Von den 30, 40 Takes, die sie einspielte, blieben am Ende 2, 3 übrig, bei denen es ihr gelungen war, sich selbst auszuloten, 2, 3 Takes, von denen Davenport sagte: "I can work with that."
Spürbar genießt es Judith Holofernes in diesen Monaten, dass sich alles nur um sie allein dreht. Sie ist froh, nach zwölf Jahren mit der Band wieder "ihr eigenes Ding" zu machen. "Wir sind Helden" war nicht nur eine Popgruppe, sondern auch ein basisdemokratisches Experiment von Menschen, die alle in der Mitte der siebziger Jahre geboren wurden. Judith Holofernes (Gitarre, Gesang), Jean-Michel Tourette (Keyboards, Gitarre), Mark Tavassol (Bass, Gitarre) und Pola Roy (Schlagzeug) mühten sich darum, alles immer gemeinsam zu entscheiden, einstimmig am besten, und es gab viel zu entscheiden.
Auf dem Hochplateau ihrer Karriere, in den Jahren 2003 bis 2006, hätten sie an 365 Abenden im Jahr in drei verschiedenen Städten gleichzeitig auftreten können, aber sie machten sich die Auswahl doppelt schwer, weil sie nie die Moral, nie ihre Ideale verraten wollten. Politisch "falsche" Auftraggeber schieden aus, Veranstaltungen für gute Sachen mussten immer erwogen werden, selbst wenn im Terminplan keine Lücke mehr frei war.
Die "Helden" sangen auf Festivals gegen die Atomkraft, aber im Traum nicht für die CDU. Sie suchten, ausgerechnet in der zynischen Zirkuswelt des Musik- und Tourneebusiness, nach dem richtigen Leben im falschen. Sie waren kritisch. Sie waren clean. Eistee statt Alkohol, DVD-Gucken statt Drogen, und alles politisch korrekt. Dass Rock'n'Roll anders geht, dachten sie selbst manchmal, andere schrieben es, vor allem jene, die lange vor 1970 geboren wurden und deren Musik heute nur noch auf Oldie-Sendern läuft. Ihnen antworteten die "Helden" mit einem beleidigten Lied: "Wütend genug", und fragten zurück: "Bin ich nicht wütend genug für dich und deine Leute?"
Den Fans gefiel das, das Kritische und Korrekte, das Demokratische auch, aber im Alltag der Gruppe wurde die Gleichheit und Brüderlichkeit zur Last. Judith Holofernes, unbestritten das kreative Zentrum der "Helden", der Star der Show, musste ihr Licht unter den Scheffel stellen, damit die anderen nicht zu kurz kamen. Interview-Anfragen wurden abgelehnt, wenn sie nur ihr galten und nicht der ganzen Band. In den Videos mussten krampfhaft immer alle vier "Helden" möglichst gleich lang durch die Bilder tanzen, obwohl das Publikum viel lieber viel mehr von Judith gesehen hätte.
Das Kollektiv traf falsche Entscheidungen, etwa als 2007 das Album "Soundso" erschien und Judith Holofernes mit der Band beschloss, das starke, aber verstörend unmelodische Lied "Endlich ein Grund zur Panik" als erstes auszukoppeln. Es wirkte damals, als wolle die Gruppe mit Gewalt aus dem Mainstream ausscheren, Kante zeigen, nicht mehr clean sein. Es schien, als fingen sie an, sich gegen einen als falsch empfundenen Erfolg bei den falschen Leuten zu wehren. Die "Helden" begannen, gegen den eigenen Erfolg anzuspielen. Sie wollten fallen. Sie hatten schlechte Laune.
Auch Judith Holofernes. Sie stand länger schon fast nur noch als Texterin der "Helden" da, obwohl sie auch die meisten Songs komponierte. Und dieser dauernde Zwang zur Rücksicht auf die anderen "Helden", auch wenn er selbstverordnet war, kann ihr nicht gefallen haben. Sie beklagt sich darüber nicht. Sie rührt das Thema kaum an. Aber sie wirkt, im November 2013, befreit. Ein künstlerischer Single. Text und Musik: allein von ihr.
Es war nicht einfach, die verrückte Doppelbelastung als junge Mutter und Pop-Idol abzustreifen, die Heldenrolle abzulegen. Eigentlich, sagt sie, fühlte sie sich schon früh am Ende, 2006, 2007 schon, aber da ging ihre Karriere noch jahrelang weiter, immer lauter begleitet von der anschwellenden Ahnung, zur Beute eines totalen Burnouts zu werden. "Ich wollte nicht mehr", sagt sie, "ich wollte nichts mehr."
"Bring mich nach Hause" heißt folgerichtig das letzte Album der "Helden", es ist vielleicht das beste, das sie gemacht haben. In den Liedern steht sie da, offen, verletzlich, erschütternd, Judith Holofernes, den Kopf geneigt zum Nackenbiss. Als die Platte erschien, im August 2010, konnte man den Titelsong nicht anders als programmatisch verstehen, die Zeilen: "Bring mich nach Hause / Ich bin schon zu lang hier draußen / Komm und trag mich, frag nicht wieder / wohin ich will, nach Hause", und wer das hörte, mitsamt der dunkel getönten Musik, und wer ein Fan war, der konnte Angst bekommen um Judith Holofernes.
Jetzt geht sie als leichter Ritter durch den Berliner November, sie hat im Studio auch schon ein buntes, fröhliches Video zu "Liebe Teil 2" aufgenommen. Eigentlich wollte sie nach dem Ende der "Helden" lange pausieren. Der Plan war: fünf Jahre lang. Sie trug sich mit dem Gedanken, ein Buch zu schreiben. Oder nur noch Tiergedichte. Oder zu bloggen. Nichts mehr zu wollen oder zu sollen. Aber sie hatte zu viel Musik im Kopf.
Tatsächlich fing sie schon ein paar Monate nach dem "Helden"-Ende mit dem Dichten wieder an, das ist zwei Jahre her. Und bald fummelte sie sich in die Software "GarageBand" hinein, lernte bunte Blöcke und Tonspuren zu verschieben, mit den schicken gespeicherten Instrumenten zu hantieren - und machte schon wieder, was sie seit 20 Jahren macht, Musik, Worte, Lieder. Die Live-Auftritte, die das Leben aus ihr gesogen hatten, begann sie als Erstes zu vermissen. Ausgerechnet.
Aber was in einer vollen Halle geschieht, sagt sie, hat mit Liebe zu tun, "mit Verständigung, da ist ein tiefes, schönes, gegenseitiges Verständnis". Sie will das wieder haben. Sie wird wieder auf Tour gehen. Sie ist gerührt, sagt sie, vom Interesse, das viele Leute nie an ihr verloren haben. Von den Fans, die schreiben und sich neue Lieder wünschen. Von Radioleuten, die sich bei ihr melden und nicht darauf warten können, sie wieder zu spielen.
Also geht alles wieder von vorn los? Die Überforderung? Die Müdigkeit? Sie sitzt im Restaurant "Mädchen ohne Abitur", nicht weit vom Berliner Südstern, und isst Salat. Sie ist noch ein wenig blass um die Nase, nach der Ritter-Nummer, die den ganzen Tag gedauert und bis nach Treptow und zur Britzer Mühle geführt hat.
"Es wird einfacher werden jetzt", sagt sie, die Konzerte werden kleiner sein, die Kinder sind jetzt größer, der Sohn ist bald sieben, die Tochter schon vier. Sie hat auch viel auf der Gitarre geübt und keine Angst mehr danebenzugreifen. Sagt sie. Und schließlich ist sie keine "Heldin" mehr. Und sie wird auch, nach vielen Schmerzen, nicht mehr versuchen, eine zu sein. Von jetzt an nur noch Judith Holofernes. Solo. Glücklich, unterm Strich. ◆
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 47/2013
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