18.11.2013

„Die Löwen brechen auf“

Afrika boomt - eine neue Mittelschicht entsteht, und ein Kontinent wird digital.
Die Frontseite war pechschwarz. In der Mitte, gerahmt von den Umrissen Afrikas, ein grimmiger Buschkrieger, der mit einer Panzerfaust herumfuchtelte. Über dem Bild stand: "Der hoffnungslose Kontinent".
Die Titelgeschichte des britischen "Economist", des einflussreichsten Wirtschaftsmagazins der Welt, erschien im Mai 2000. Es war ein zutiefst pessimistisches Dossier, das den miserablen Ruf Afrikas vollends ruinierte: ein verlorener Erdteil, auf ewig geplagt von Stammeskriegen, Hungersnöten und Massenarmut.
Seit der Jahrtausendwende wird Afrika anders wahrgenommen. Das liegt an einem Wirtschaftsaufschwung, der nicht mehr in das übliche Zerrbild passen will. Dem oftmals totgesagten Kontinent wird eine Wiedergeburt prophezeit: Afrika, ein erwachender Riese mit schier unermesslichen Naturschätzen (rund 40 Prozent der weltweiten Rohstoffreserven, 60 Prozent des unkultivierten Agrarlands), schnellwachsenden Absatzmärkten und einer jungen, hochmotivierten Bevölkerung.
"Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert Afrikas", verkündete der damalige Präsident Nigerias, Olusegun Obansanjo.
Die Fakten jenseits der Fiktionen: Kein anderer Erdteil hat im vergangenen Jahrzehnt so rasant zugelegt wie Afrika. Das reale Wirtschaftswachstum betrug zwischen 5 und 10 Prozent pro Jahr, in Ölstaaten wie Angola 2007 sogar 22,6 Prozent - weltrekordverdächtig.
In einer Studie der Weltbank kommen 17 der 50 Volkswirtschaften mit den größten wirtschaftlichen Fortschritten aus Afrika. Das Bruttoinlandsprodukt des Kontinents - über 1,7 Billionen Dollar - entspricht fast dem Russlands.
Afrika zeige jetzt sein wahres Potential und biete "Myriaden von Gelegenheiten", so die deutsche Beratungsagentur Roland Berger; Investoren könnten es sich nicht mehr leisten, dies zu ignorieren.
Weil in Europa und Amerika infolge der Finanzkrise und der Sparpolitik momentan nicht viel zu holen ist, entdecken Kapitalanleger und Spekulanten den afrikanischen Kontinent. Investmentfonds, die mit Bodenschätzen, Nahrungsmitteln oder Ackerland zocken, verheißen märchenhafte Renditen.
Historiker sprechen schon von einem zweiten "Wettlauf um Afrika", vergleichbar dem am Ende des 19. Jahrhunderts, als die europäischen Kolonialmächte den "dunklen Erdteil" unter sich aufteilten und plünderten. Im Zeitalter des global entfesselten Kapitalismus sind neue Konkurrenten hinzugekommen: Indien, Brasilien und kleinere Schwellenländer wie die Türkei, vor allem aber China.
Die Großmacht aus Fernost hat den Westen überholt, sie ist der wichtigste Wirtschaftspartner Afrikas, das chinesisch-afrikanische Handelsvolumen betrug im Vorjahr fast 200 Milliarden Dollar. Angetrieben vom unstillbaren Hunger nach Rohstoffen und Massenmärkten, erobern die Chinesen den Erdteil so zielstrebig, dass afrikanische Intellektuelle schon vor einem "gelben Kolonialismus" warnen. Doch die meisten Afrikaner sehen im Engagement der neuen Global Player eine Chance, sich aus der Armut zu befreien.
Der Boom lässt sich an vielen Indikatoren ablesen, an der Autodichte und den infernalischen Verkehrsstaus in den Metropolen, an glitzernden Shopping-Malls oder an infrastrukturellen Großprojekten. Schnellstraßen, Bahntrassen, Flughäfen, Staudämme, Kraftwerke, Pipelines und Fabriken werden gebaut, in den Megastädten Lagos, Nairobi, Addis Abeba entstehen Industrieparks und Sonderwirtschaftszonen.
Eine neue Gründerzeit ist angebrochen, viele Afrikaner wirken so zuversichtlich wie seit dem Ende der Kolonialära in den frühen sechziger Jahren nicht mehr. Ökonomen führen das auf drei Hauptfaktoren zurück: politische Stabilität, wirtschaftliche Reformen und einen technologischen Innovationsschub, der den gesamten Kontinent erfasst hat.
Viele Länder werden inzwischen besser regiert, Afrika ist friedlicher und demokratischer geworden. Am Ende des Kalten Krieges gab es nur in 3 von 53 afrikanischen Staaten halbwegs funktionierende Demokratien, heute sind es 25 von 54. Jenseits der chronischen Konfliktzonen im Kongo, Sudan oder in Somalia hat die Zahl der Bürgerkriege, Militärputsche und Gewaltexzesse abgenommen.
Zugleich vollzieht sich eine Revolution im Informations- und Kommunikationssektor: Afrika vernetzt sich auf modernen Daten-Highways mit der Welt. Nirgendwo breitet sich das Internet so flächendeckend aus wie zwischen Kairo und Kapstadt, nirgendwo nimmt die Zahl der Mobiltelefone so explosiv zu; 650 Millionen Afrikaner benutzen ein Handy - mehr als in Nordamerika!
In Kenia entwickeln junge einheimische IT-Experten innovative Anwendungen der Mobiltelefonie und leisten globale Pionierarbeit. Entwicklungsexperten sprechen von Leapfrogging: Afrika holt die Modernisierung nach, überspringt dabei das industrielle Zeitalter und landet in der digitalen Zukunft. Der freie Zugang zu Informationen fördert die wirtschaftliche Aktivität, stärkt die Zivilgesellschaft und führt vor allem in den Großstädten zu sozialen Umwälzungen. Die Jugend und die Frauen Afrikas emanzipieren sich.
Das Antriebsaggregat des Fortschritts ist die neue Mittelschicht. Sie umfasst mehr als 310 Millionen Menschen, schätzt die African Development Bank - so viele, wie die USA Einwohner hat.
Wer in die afrikanische Mittelklasse aufgestiegen ist, entspricht nicht mehr dem Klischee des hilflosen, bettelarmen Afrikaners. Es sind selbstbewusste Bürger, die Arbeit haben, Wohnungen kaufen und in die Ausbildung ihrer Kinder investieren - wie Mittelschichten in aller Welt.
"Die Löwen brechen auf", heißt nun die neue Losung der afrikanischen Eliten - eine Anspielung auf die asiatischen Tigerstaaten. Nach jahrzehntelanger Talfahrt hoffen sie auf die demografische Dividende, die den großen Sprung in Südkorea oder Taiwan ermöglicht hat. Schon im Jahr 2050 werden mindestens zwei Milliarden Menschen auf dem Kontinent leben und ein Viertel des weltweiten Arbeitskräftepools stellen.
Skeptiker aber fragen sich, ob das derzeitige Wirtschaftswunder nur ein Strohfeuer ist, das hauptsächlich durch die hohen Rohstoffpreise genährt wird und an dem sich nur eine schmale Oberschicht wärmt. In ressourcenreichen Ländern wie Gabun oder Angola empfinden viele Menschen den Segen als Fluch: Während sich die Machthaber hemmungslos bereichern, sind sie so arm wie eh und je.
Millionen Afrikaner gehen nach wie vor hungrig ins Bett. Millionen leiden an Krankheiten und Seuchen. Millionen Kinder besuchen miserable Schulen.
Dennoch trägt das Wachstum erste Früchte: Vielerorts haben sich die Lebensbedingungen sichtbar verbessert. Die Kindersterblichkeit, die Zahl der Analphabeten, die Rate der Aids-Infektionen gehen zurück, die Lebenserwartung ist um zehn Prozent gestiegen.
Selbst Afrika-Pessimisten stellen erstaunt fest, dass sich der Kontinent, der kranke Koloss, allmählich aufrappelt. Vermutlich haben die wirtschaftlichen Erfolge in den vergangenen zehn Jahren mehr bewirkt als Afrikas Anteil an der gesamten Entwicklungshilfe von geschätzten 2,3 Billionen Dollar, die in einem halben Jahrhundert geflossen sind.
Afrika, der Zukunftskontinent? Experten wie Robert Kappel und Birte Pfeiffer vom Hamburger GIGA-Institut für globale Studien loben zwar die Fortschritte in einzelnen Ländern, dämpfen aber die Euphorie. Die Mehrzahl der 48 Subsahara-Staaten liege auf der weltweiten Wohlstandsskala noch ganz unten, nur wenige hätten tatsächlich Anschluss gefunden, stellen die beiden Wirtschaftswissenschaftler fest. Überschwängliche Vergleiche mit den asiatischen Tigern halten sie für "wenig angebracht".
Denn die hausgemachten Probleme könnten die jüngsten Errungenschaften schnell wieder zerstören: Staatsversagen, Misswirtschaft, Nepotismus, endemische Korruption, Kapitalflucht. Wenn die Wende nachhaltig sein soll, müssen sich die Afrikaner endlich von ihren Kleptokraten befreien.
In einer dreiteiligen Serie beschreibt der SPIEGEL, beginnend in diesem Heft, drei Triebkräfte des Aufschwungs: die Wirtschaftsoffensive Chinas, die digitale Revolution und den Kampf der afrikanischen Frauen für eine bessere Zukunft.

KASTENÜBERSCHRIFT

AFRIKA (I)
Schafft der Kontinent den Sprung in die Zukunft? Wer profitiert von dem Reichtum, den Afrika birgt? Wie verändern Handys und Laptops den Alltag der Menschen? Und was wäre Afrika ohne seine starken Frauen, die endlich auch teilhaben AFRIKA (I) Schafft der Kontinent den Sprung in die Zukunft? Wer profitiert von dem Reichtum, den Afrika birgt? Wie verändern Handys und Laptops den Alltag der Menschen? Und was wäre Afrika ohne seine starken Frauen, die endlich auch teilhaben

DER SPIEGEL 47/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Löwen brechen auf“