18.11.2013

Der Drache und der Strauß

Chinesische Unternehmen erobern den Schwarzen Kontinent und sichern sich so den Zugriff auf Rohstoffe. Afrikas Staaten profitieren von der Wirtschaftsförderung aus Fernost - in der Bevölkerung wächst das Misstrauen gegenüber den neuen Investoren.
Alles ist so, wie es immer war. Kariöse Häuserzeilen, verwitterte Türstöcke mit arabesken Schnitzereien, schlaglöchrige Lehmwege, am Strand morsche Fischerboote und mittendrin die Boma, die steinerne Festung der deutschen Eroberer: Bagamoyo, ein Küstenstädtchen in Tansania, gleichgültig unter der Tropensonne dahindämmernd.
Bagamoyo war einmal die Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika, von 1888 bis 1891, dann wurde der Verwaltungssitz nach Daressalam verlegt, weil das Gestade für einen richtigen Seehafen zu flach war. Seither scheint hier die Zeit stehen geblieben.
"Aber bald wird in Bagamoyo nichts mehr so sein, wie es immer war", sagt Marie Shaba. "Denn jetzt kommen die neuen Herrscher der Welt, die Chinesen."
Die 65-jährige Radiojournalistin trägt eine Kitenge in leuchtendem Mangogelb, das traditionelle Kleid der tansanischen Frauen. Sie nennt sich Kulturaktivistin. Seit Jahren kämpft sie dafür, dass Bagamoyo, dieser im 19. Jahrhundert bedeutsame Schauplatz des Sklavenhandels und der Kolonialgeschichte, zum Weltkulturerbe erklärt wird.
Nun befürchtet Shaba, dass der verträumte Ort in den Wellen des Fortschritts versinken wird.
Denn im Frühjahr tauchte Bagamoyo plötzlich in den internationalen Wirtschaftsnachrichten auf: Weltweit berichteten über 400 Zeitungen, dass China für den Bau eines modernen Containerterminals 15 Kilometer südlich der Stadt einen zinsgünstigen Kredit von zehn Milliarden Dollar bereitstelle und darüber hinaus die Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone im Hinterland des Hafens finanzieren wolle.
"Das ist gut für Tansania, sehr gut. Das arme Land wird einen gewaltigen Sprung machen", sagt Janson Huang. Es ist auch gut für ihn und seine Firma. Der 36-jährige Manager leitet die Niederlassung des chinesischen Bauunternehmens Group Six International in Daressalam. Der kleine, drahtige Mann mit dem schütteren Oberlippenbart ist leger gekleidet: offenes, grau-weiß gestreiftes Hemd, dunkle Hose. Huang spricht gutes Englisch, und er redet offen und direkt.
Das ist ungewöhnlich, normalerweise sind chinesische Investoren medienscheu, sämtliche Anfragen des SPIEGEL bei anderen in Tansania registrierten Unternehmen wurden abgelehnt oder erst gar nicht beantwortet.
Die Firma im Gewerbegebiet von Mikocheni war nicht leicht zu finden, die ungeteerte Zufahrtsstraße hat noch keinen Namen. Ein unscheinbarer Komplex hinter hohen, mit Stacheldraht bewehrten Mauern. Gegenüber dem Materiallager zwei rote Lampions, der Zugang zum wenig einladenden Wohnheim der chinesischen Vorarbeiter. Gleich daneben das Büro des Chefs, Kunstledersessel, Aktenschränke, kahle Funktionalität.
Janson Huang, gelernter Ingenieur, arbeitet seit zehn Jahren in Ostafrika, erst in Kenia, dann in Tansania. Er mag seine neue Heimat, er will mit seiner Familie bleiben und wünscht sich ein zweites Kind, einen Sohn.
Es sei nicht einfach gewesen, in Tansania Fuß zu fassen, sagt er, "aber wir Chinesen scheuen kein Risiko. Wir sehen Afrika mit anderen Augen als der Westen, nicht als verrotteten Kontinent, sondern als einen Wirtschaftsraum mit enormem Potential".
Huangs Privatunternehmen war am Bau zahlreicher Gebäude beteiligt, zuletzt hat es den Crystal Tower im Zentrum Daressalams hochgezogen. "Wir investieren und schaffen Arbeit, es ist eine Win-win-Situation für beide Seiten."
Der einzige Schmuck in Huangs Büro sind gerahmte Fotos an der Wand, sie zeigen ihn bei der Übergabe von Firmenspenden für humanitäre Zwecke. Besonders stolz ist er auf ein Gruppenbild mit seinem Präsidenten Xi Jinping. Huang steht direkt hinter der schönen First Lady: ein junger Wirtschaftspionier aus China.
Das Foto wurde beim Staatsbesuch von Xi aufgenommen, Ende März dieses Jahres. Chinas frischgekürter Präsident unterzeichnete die Investitionsabkommen für den Hafen von Bagamoyo und die Sonderwirtschaftszone sowie 17 weitere bilaterale Verträge. Der Staats- und Parteichef kam gerade aus Moskau, und es war kein Zufall, dass die zweite Station seiner ersten Auslandsreise in Afrika lag.
China, die Wirtschaftsgroßmacht aus Asien, ist hungrig nach Bodenschätzen, Energie, Nahrungsmitteln und Absatzmärkten. Afrika hat all das zu bieten: rund 40 Prozent der weltweiten Rohstoffreserven, 60 Prozent des unkultivierten Agrarlandes, eine Milliarde Einwohner mit steigender Kaufkraft und eine Reservearmee billiger Lohnarbeiter.
"Unsere Beziehungen stehen an einem neuen historischen Ausgangspunkt", sagte der chinesische Präsident den tansanischen Gastgebern. Afrika gehöre zu den am schnellsten wachsenden Weltregionen, es presche voran wie ein "galoppierender Löwe".
Xi erinnerte an das herzliche Verhältnis zwischen dem Großen Vorsitzenden Mao Zedong und dem tansanischen Gründervater Julius Nyerere, pries den brüderlichen Kampf gegen den Imperialismus und beschwor die gemeinsamen Interessen aller Entwicklungsländer. "Wir sind wahre Freunde, wir behandeln uns als gleichwertige Partner."
Zuvor hatte Xi Jinping ein monumentales Konferenzzentrum, das ein chinesischer Baukonzern schlüsselfertig in die Wirtschaftsmetropole Daressalam gestellt hat, in einer symbolischen Geste an den tansanischen Präsidenten übergeben. Anschließend fuhr er zum BRICS-Gipfel nach Durban, Südafrika, um Geschäfte mit Indern, Brasilianern, Russen und Südafrikanern zu machen.
Tansania zählt zu den Schwerpunkten der chinesischen Globalisierungsstrategie in Afrika. Im Jahr 2011 investierte ein Großunternehmen hier drei Milliarden Dollar in Kohle- und Eisenerzminen. Von strategischem Interesse sind die enormen Gasvorräte vor der Küste des Landes, geschätzte 40 Billionen Kubikfuß, angeblich mehr als in den Niederlanden. Die China National Petroleum Corporation verlegt gerade eine 532 Kilometer lange Pipeline von Mtwara nach Daressalam.
Im Hafen von Bagamoyo sollen dann Supertanker das auf minus 164 Grad Celsius heruntergekühlte Flüssiggas aufnehmen und nach Fernost transportieren. Auch Erze und Agrargüter aus Tansania, Sambia und dem Kongo sollen von hier aus verschifft werden. Zudem sollen die Chinesen einen Marinestützpunkt planen, um ihre Wirtschaftsinteressen am Indischen Ozean militärisch zu sichern.
"Die Geschichte wiederholt sich", sagt Marie Shaba, die Kulturaktivistin. "Früher wurden über Bagamoyo Elfenbein und Sklaven exportiert, heute sind es Bodenschätze."
Bagamoyo bedeutet: "Wirf dein Herz weg." So tauften einst die Sklaven den Ort. Wer es auf dem Weg zur Küste nicht geschafft hatte, den Menschenjägern zu entfliehen, war hier endgültig verloren.
Chinas ökonomische Offensive in Afrika begann vor der Jahrtausendwende, zunächst ganz langsam und unmerklich. Seit 2000 aber verzwanzigfachte sich das chinesisch-afrikanische Handelsvolumen; 2012 betrug es an die 200 Milliarden Dollar. Das Reich der Mitte stieg zum wichtigsten Wirtschaftspartner Afrikas auf, es hat die alten Großmächte - Großbritannien, Frankreich, die USA - überholt.
Seit Jahren pflegt China eine intensive Besuchsdiplomatie. Präsidenten, Regierungschefs und Minister haben fast alle Subsahara-Staaten bereist, die ihre Politik unterstützen und Taiwan nicht anerkennen. Sie erließen Schulden, gewährten Milliardenkredite, besiegelten Rüstungsgeschäfte, verteilten großzügige Entwicklungsgeschenke. Vor allem aber sicherten sie sich den Zugriff auf Afrikas Rohstoffe.
Der "Einfall" Chinas sei "die dramatischste und wichtigste Veränderung in den Außenbeziehungen des Kontinents seit dem Ende des Kalten Krieges", befand Christopher Clapham vom Centre of African Studies in Cambridge.
Mittlerweile sind mehr als 2000 chinesische Firmen und weit über eine Million chinesische Staatsbürger in den Subsahara-Staaten aktiv. Sie begegnen einem in den großen Städten, in den Bergbauzentren, auf Ölfeldern, Plantagen und selbst in den hintersten Urwalddörfern. Es sind Manager und Militärberater, Ärzte und Agronomen, Ingenieure und Importeure, fliegende Händler, Kleinstunternehmer und Vertragsarbeiter, die auf zahllosen Großbaustellen beschäftigt sind.
Allerorten setzen die Chinesen unübersehbare Zeichen ihrer Präsenz: Präsidentenpaläste, Ministerien und Kasernen, Kongresshallen, Museen, Sportstadien, Rundfunkanstalten, Hotelkomplexe und agroindustrielle Großbetriebe. Sie renovieren Eisenbahnlinien, asphaltieren Tausende Straßenkilometer, bauen Flughäfen, Staudämme, Kraftwerke, Krankenhäuser. Sie erneuern einen Großteil der Infrastruktur des Kontinents.
Zwischen 2000 und 2011 habe China ungefähr so viel Hilfe geleistet wie die USA im selben Zeitraum, schätzt das Center for Global Development in Washington: rund 75 Milliarden Dollar für insgesamt 1673 Projekte. Allerdings ist die Grenze zwischen profitablen Investitionen und uneigennützigen Initiativen fließend.
Die Konkurrenz aus dem Westen hat oft das Nachsehen. Chinesische Staatsunternehmen arbeiten unbürokratischer, schneller und billiger, und in der Regel liefern sie die Finanzierung der Projekte durch zinsgünstige Kredite der Staatsbanken gleich mit.
Für den Ausbau der Infrastruktur erhalten sie im Gegenzug lukrative Lizenzen zur Ausbeutung von Rohstoffen und fossilen Energieträgern. So wurde zum Beispiel ein gestern noch marginalisiertes und kriegsgeplagtes Land wie Angola zu einem der wichtigsten Erdöllieferanten Chinas - es konkurrierte mit Saudi-Arabien um die Spitzenposition.
Auch andere aufstrebende Schwellenländer haben Afrika entdeckt oder wiederentdeckt: Indien, Brasilien, die Türkei zählen dazu, doch keines breitet sich zwischen Khartum und Kapstadt so schnell aus wie China. Lamido Sanusi, Gouverneur der Zentralbank Nigerias, verspürt schon einen "Hauch von Kolonialismus".
Der senegalesische Intellektuelle Adama Gaye geht noch weiter - er warnt vor einer zweiten Welle der Eroberung. In seiner Kampfschrift "Le dragon et l'autruche" stehen sich China, der gefräßige Drache, und Afrika, der einfältige Strauß, als höchst ungleiches Duo gegenüber. "Sie nehmen, was sie kriegen können", sagt Gaye über die Chinesen. Er wirft ihnen sogar vor, durch soziale Abkapselung "so etwas wie eine Kultur der Apartheid" zu schaffen.
Azaveli Lwaitama, 61, sieht das gelassener: "Die Chinesen bleiben unter sich und ziehen einfach ihr Ding durch." Der Philosophiedozent spricht für das Vision East Africa Forum, einen Think-Tank, der sich über die Zukunft Ostafrikas Gedanken macht. "Wir werden gerade globalisiert und erleben den beschleunigten Verteilungskampf um unsere Ressourcen." Der Kapitalismus zeige dabei nur ein anderes, "ein chinesisches Gesicht".
Man kann die Worte des Dozenten kaum verstehen, nebenan dreschen Rammen mit ohrenbetäubendem Lärm Stahlpfosten in den Boden. Eine chinesische Baustelle. Ganz Daressalam ist eine Baustelle, aus der City schießen Wolkenkratzer, Bürokomplexe, Bankentürme. In den Straßen herrscht Dauerstau, jeder zweite Passant rennt mit einem Handy herum.
"Wir sind in der modernen Welt angekommen, das sieht alles vielversprechend aus, aber man sollte sich nicht täuschen lassen", gibt Lwaitama zu bedenken. Denn die Mehrheit der 45 Millionen Tansanier habe trotz eines Wirtschaftswachstums von rund sieben Prozent im Jahr 2012 bislang nicht viel vom Aufschwung; im Gegenteil, die Kluft zwischen Armen und Reichen sei größer geworden.
"Die afrikanischen Führer haben China, die attraktivste Braut auf dem Weltmarkt, geheiratet, und nun jammert der Westen über den unerwünschten Rivalen", sagt Lwaitama. Dabei würden die Chinesen genauso wie Amerikaner oder Europäer von Profitinteressen getrieben. "Aber sie haben einen entscheidenden Vorteil, sie sind zäher als ihr Weißen, sie kommen aus der Armut und können unter schwierigsten Verhältnissen überleben."
"West is best" - das war einmal. Enttäuscht von Europa und Amerika, wo ihr Kontinent oft als hoffnungsloser Fall abgeschrieben wird, schauten die Afrikaner in den Fernen Osten. Dort fanden sie einen starken Verbündeten - einen, der vor allem Big Business machen möchte und sich nicht in ihre inneren Angelegenheiten einmischt. China knüpft keinerlei politische Konditionen an die wirtschaftliche Zusammenarbeit, im Gegensatz zum Westen, der zumindest auf dem Papier gute Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und den Schutz der Menschenrechte einfordert.
Deshalb schätzen auch Despoten wie Simbabwes Präsident Robert Mugabe die Genossen aus China so: Die Kooperation füllt die leeren Haushaltskassen und sichert ihre Macht. Und Afrikas Diktatoren werden nicht geschurigelt, wenn sie ihre Völker unterdrücken und ausplündern.
Als zum Beispiel das Regime im Sudan einen verbrecherischen Vertreibungskrieg in Darfur führte, störte das Peking nicht weiter. Es lieferte weiterhin Waffen und blockierte Resolutionen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Hauptsache, das Öl floss, der Sudan ist nach Angola Chinas zweitwichtigste Bezugsquelle in Afrika.
Mit der wirtschaftlichen Dominanz Chinas erodiert allmählich auch der politische Einfluss des Westens. In autoritären Staaten wie Äthiopien, Uganda oder Ruanda ist das Leitbild der chinesischen Entwicklungsdiktatur längst eine willkommene Alternative zur liberalen Demokratie: mehr Wachstum, weniger Freiheit.
Zugleich schwindet die kulturelle Deutungsmacht Europas und Amerikas. Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua unterhält mittlerweile 28 Büros in Afrika, mehr als jeder westliche Konkurrent. Das Staatsfernsehen CCTV, das im Vorjahr eine neue Propagandazentrale in Nairobi eingerichtet hat, zählt immer mehr Zuschauer. Denn statt der üblichen Katastrophenberichte verbreitet der Sender überwiegend "good news" aus Afrika und präsentiert China als "wahren Freund".
Dennoch wächst in Südafrika, wo bereits 250 000 Chinesen leben sollen, der Unmut. In den Townships werden die neuen Einwanderer "yellow masters" geschimpft, gelbe Kolonialherren. Die Chinesen seien gierig, rücksichtslos und oft auch rassistisch, heißt es; sie würden Afrika nur ausbeuten, seine Märkte mit Billigprodukten überschwemmen und die ohnehin schwache heimische Industrie ruinieren.
In Angola beklagen Gewerkschafter, dass chinesische Firmen zu wenige Arbeitsplätze für Einheimische schaffen; in der Hauptstadt Luanda hört man Gerüchte über chinesische Strafgefangene, die auf den Großbaustellen Zwangsarbeit leisten müssen.
In Sambia kommt es regelmäßig zu Protesten gegen die Hungerlöhne und inhumanen Arbeitsbedingungen in chinesisch geführten Kohle- und Kupferzechen. Chinesische Sicherheitskräfte schossen in den vergangenen Jahren mehrfach auf streikende Bergleute und richteten ein Blutbad an. Einer der Kumpel, den im Juli 2006 eine Kugel traf, sagte: "Sie betrachten uns einfach nicht als menschliche Wesen." Bei einem Lohnstreit im August 2012 wurde ein chinesischer Manager von wütenden Arbeitern getötet.
In Simbabwe nennt man Waren, die aus China stammen, Zhing-zhong: Schrott-produkte, die schnell kaputtgehen. Auf dem Kariakoo-Markt im tansanischen Daressalam wurden unlängst chinesische Händler attackiert. "Die unterbieten jeden Preis und verderben uns das Geschäft", klagt eine Marktfrau.
"Was soll die ganze Aufregung? Es herrscht doch auf der ganzen Welt freier Wettbewerb", sagt Janson Huang, der Manager des chinesischen Bauunternehmens in Tansania. "Wir nutzen unsere Möglichkeiten und tun genau das, was der Westen seit Jahrhunderten tut." Der Vorwurf, chinesische Firmen würden nur Landsleute einstellen, sei unberechtigt. Sein Baukonzern beschäftige rund 1000 einheimische Arbeiter und 50 Chinesen in leitenden Funktionen. Er hält sie an, die Amtssprache Kisuaheli zu lernen. Man müsse sich kulturell anpassen, sagt Huang.
Der Unternehmer widerlegt das Klischee der räuberischen Chinesen, die über Afrika herfallen. Aber nun hat Janson Huang keine Zeit mehr, seine beiden Smartphones surren. Es geht um Großprojekte in Bagamoyo, die Ausschreibungen laufen, seine Firma rechnet mit lukrativen Aufträgen.
Auch die indische Kumar-Gruppe plant hier ein Gaskraftwerk, ein japanisches Konsortium legte bereits Entwürfe für die Hafenanlage vor. Der deutsche Konzern HeidelbergCement investierte in den letzten Jahren 130 Millionen Dollar in sein Tochterunternehmen in Wazo Hill, einem Ort mitten in der Sonderwirtschaftszone.
In Bagamoyo löst die Goldgräberstimmung gemischte Gefühle aus. "Die Menschen sind verunsichert, weil sie überhaupt keine Informationen erhalten. Selbst die Stadtverwaltung weiß nicht, was da auf sie zukommt", sagt Baraka Kalangahe, 53, Projektleiter einer kleinen Umweltorganisation, die das fragile Ökosystem an der Küste bewahren will.
"Die jungen Leute hoffen auf Arbeit, aber viele glauben nicht mehr daran." Kalangahe erzählt von den Fischern, die um ihre Zukunft fürchten, und von einem kleinen Dorf am Meer, das gerade geräumt wird: "Die Regierung siedelt die Bewohner gegen geringe Entschädigungen einfach um." Es gehe schließlich um ein Projekt von kontinentaler Bedeutung, um den mit Abstand größten Hafen Afrikas, in dem pro Jahr 20 Millionen Container umgeschlagen werden sollen.
Aber wird es auch eine Erfolgsgeschichte für Tansania? Die Regierung ist durch den jüngsten "Africa Progress Report" gewarnt. Darin stellt ein Gremium unter der Leitung des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan fest, dass Afrika durch undurchsichtige Rohstoff-Deals und Steuervermeidung jährlich rund 38 Milliarden Dollar einbüßen würde, ein Verlust, der die geleistete Entwicklungshilfe bei weitem übersteige.
Im derzeitigen Boom, der vor allem durch Chinas Offensive beflügelt wird, setzt sich also die alte Asymmetrie fort: Afrika bleibt ein Lieferant von Bodenschätzen, die Wertschöpfung findet anderswo statt.
"Eine kleine Clique bereichert sich, die Massen bleiben arm: Das ist der Fluch des Rohstoffsegens. Aber wir haben die Chance, das zu ändern", sagt Godwin Nyelo, 52, Geologe, Berater der tansanischen Regierung in Bergbaufragen und Vorstandsmitglied eines australischen Urankonzerns. Er wohnt in Wazo Hill, die neueingerichtete Sonderwirtschaftszone beginnt quasi an seiner Türschwelle.
Nyelo ist viel im Ausland unterwegs, um Bedenken zu zerstreuen und Investoren anzuwerben. In einer PowerPoint-Präsentation mit der Überschrift "Ostafrika: Der große Sprung nach vorn?" zeigt er eine Grafik, die aussieht wie eine farbenprächtige Schatzkarte. Darauf sind die Ressourcen seines Landes verzeichnet: Edelsteine, Gold, Kupfer, Nickel, Kobalt, Magnesium, Phosphate, Kaolin, Kohle, Eisenerz, Uran, Erdgas - alles, was die Weltwirtschaft begehrt.
"Die Regierung plant ein transparentes Ressourcenmanagement", erläutert Nyelo. "Wir streben nachhaltige Entwicklung an, der Wohlstand soll allen Tansaniern zugutekommen."
In der Küstenstadt Mtwara, wo die von den Chinesen finanzierte Gas-Pipeline beginnen soll, fühlen sich die Leute schon jetzt betrogen. Sie fordern, dass eine Gasaufbereitungsanlage in der Region gebaut wird, um Arbeitsplätze zu schaffen. Vor rund sechs Monaten brachen hier Unruhen aus, die Regierung verlegte Soldaten nach Mtwara, mehrere Demonstranten wurden getötet. Augenzeugen sprachen von "bürgerkriegsartigen Zuständen".
Die Regierung Tansanias verspricht eine goldene Zukunft, aber die "wananchi", die einfachen Leute, sind misstrauisch geworden. Korrupte Politiker und Geschäftsleute sollen rund 5,9 Milliarden Dollar Schwarzgeld auf ausländischen Konten gebunkert haben, schätzt eine von der Regierung ernannte Kommission.
Marie Shaba, die Kulturaktivistin, befürchtet, dass die gerissenen Unterhändler aus China und anderen Ländern die naiven und bestechlichen Regierungsbeamten über den Tisch ziehen werden. "Die Versuchung ist groß, wir sind doch wie Hühner, die nicht fliegen können."
Afrika werde gerade zum zweiten Mal aufgeteilt, wie damals, 1885, auf der Berliner Konferenz der europäischen Kolonialmächte, sagt Shaba. Die Afrikanerin steht am Bootssteg von Mbegani und schaut über die Mangroveninseln in der türkisgrünen Bucht. Bald wird dieses Idyll der Hafenanlage weichen müssen. Dann werden riesige Schiffe von hier ablegen, beladen mit den Reichtümern des afrikanischen Kontinents.
Lesen Sie im nächsten Heft:
Der digitale Kontinent - wie Mobilfunk und Internet Afrika verändert haben und Unternehmer davon profitieren
Von Bartholomäus Grill

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