25.11.2013

ESSAYDie große Erschöpfung

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in diesem Land immer noch ein Traum.
Emma brüllt und zappelt, ihr Vater Konrad ist gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, in der Wohnung herrscht Chaos, das Au-pair-Mädchen liegt mit Schwangerschaftsübelkeit im Bett, die andere, große Tochter hat Hunger, und mit Christine, der Mutter, ist erst in Stunden zu rechnen, sie arbeitet als Anästhesistin im Krankenhaus. Der erschöpfte Konrad nimmt seine fünfjährige Tochter, drückt ihr einen Glasbehälter voller Schokoriegel in den Arm, setzt sie vor einen Laptop und schaltet irgendein Computerspiel ein. Ruhe. Wenigstens für einen Augenblick.
Robert Thalheims großartiger Kinofilm "Eltern" ist Komödie und Horrorfilm in einem. Er erzählt von einer Woche aus dem Leben einer Familie mit zwei berufstätigen Eltern, er zeigt Überforderung und Liebe, Streit, Vernachlässigung und Verzweiflung, er zeigt, wie es zugeht in Familien, in denen die Mutter und der Vater Vollzeit arbeiten, mindestens acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche. Irgendwann sind alle grenzenlos erschöpft.
In diesem Land wird seit mehr als 30 Jahren über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert, politisch ist das Thema längst vom Gedöns zum Dauerbrenner aufgestiegen. Und trotzdem haben Millionen Männer und Frauen das Gefühl, persönlich daran zu scheitern. Über 60 Prozent der Eltern fühlen sich durch ihren Job gestresst, das ergab eine Studie der Techniker Krankenkasse, die Ende Oktober veröffentlicht wurde. Nahezu
die Hälfte der Befragten leidet unter den Anstrengungen durch familiäre Konflikte und unter den Belastungen der Kindererziehung. Vor allem Frauen der sogenannten Sandwich-Generation, die 35- bis 45-Jährigen, kennen das Gefühl "Es ist zu viel".
Es geht vieles durcheinander bei diesem Thema: ideologische Ziele und persönliche Scham, die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, und die Sehnsucht, mehr Zeit für die eigenen Kinder zu haben. Jeder von uns nimmt teil an sehr unterschiedlichen Diskussionen. Da ist das politische Gerede über das Betreuungsgeld und über Kita-Plätze. Da sind die Gespräche bei Abendessen, in denen andere Eltern ihre glücklichen Kinder preisen und in feiner Bescheidenheit auf berufliche Erfolge hinweisen. Dann gibt es die Streitigkeiten am heimischen Küchentisch über unerledigte Schularbeiten; und schließlich ist da eine innere Stimme, besonders laut in schlaflosen Nächten, die flüstert: "Ich hätte, ich sollte, ich müsste."
Für die große Erschöpfung ist nicht allein die Politik verantwortlich, diese Erschöpfung entsteht auch im Privaten. Sie entsteht, weil es zu wenig erlebte Erfahrung gibt für einen Alltag mit zwei berufstätigen Eltern und Kindern. Viele 40-Jährige versuchen, dieses Leben irgendwie hinzubekommen, aber ihnen fehlen die Vorbilder. Sie sind oft noch in Alleinverdienerfamilien groß geworden, mit klarer Rollenverteilung und einer Mutter, die mittags ein warmes Essen bereithielt.
Das Thema Hausarbeit ist unendlich unattraktiv, es taugt für kein Tischgespräch, und in Beziehungen führt es garantiert zum Streit. Waschen, Spülen, Putzen. Auch in einem Haushalt, in dem niemand mehr eine Hausfrau ist, muss die Hausarbeit erledigt werden. Nur: von wem? Die Statistik zeigt, auch bei Paaren, bei denen beide Vollzeit arbeiten, übernimmt die Partnerin den größeren Teil der Familienarbeit, das geben die Männer ganz offen zu - in einer Studie zum Thema Gleichberechtigung des Instituts für Demoskopie Allensbach aus diesem Herbst. Über 60 Prozent der befragten Männer glauben, dass Frauen für Hausarbeit ein besonderes Talent besäßen, und über 80 Prozent der 18- bis 44-Jährigen meinen, Frauen könnten besonders gut bügeln.
Wie blöd sind wir Frauen eigentlich, dass im Jahr 2013 bei der Mehrzahl der Männer noch solche Überzeugungen herrschen? Wieso lassen wir uns um den Preis der eigenen Erschöpfung einreden, wir seien begabt für sinnlose Tätigkeiten? Einerseits fordern wir mehr Frauen in Führungspositionen, und andererseits bemühen wir uns, faltenfreie Hemden zu bügeln?
Hausarbeit ist eine Frage der Organisation. Und das gilt leider für das ganze Familienleben berufstätiger Eltern. Wenn es halbwegs rundlaufen soll, muss unentwegt geplant und im Voraus an unendlich vieles gedacht werden, damit nicht wie im Film "Eltern" die Mutter im Krankenhaus Dienst hat und der Vater ein neues Theaterprojekt startet, während die Kinder Herbstferien haben und 14 Stunden am Tag beschäftigt sein wollen.
Hausarbeit ist auch deshalb ein solches Reizthema, weil sie Zeit raubt, die Väter und Mütter lieber anders verbringen würden, viele von ihnen am liebsten mit ihren Kindern.
Das Gefühl "Ich sehe meine Kinder zu selten" ist vermutlich der ständige Begleiter der allermeisten berufstätigen Eltern. Und es geht bei diesem Gefühl nicht nur darum, die sogenannte Quality-Time zu erfüllen, irgendwelche Standards, die Kinderpsychologen in Ratgebern empfehlen, wie: "Nehmen Sie sich am Geburtstag einen Tag frei." Es ist im großen Reden über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bisher viel zu kurz gekommen, wie viel Spaß es macht, mit den eigenen Kindern zusammen zu sein. Dass man ihnen gern mal nach der Schule die Haustür öffnet, um auf den ersten Blick zu wissen, dass die Lateinarbeit nicht so gut gelaufen ist, und um mit einer Umarmung die Sache etwas leichter zu machen. Es geht darum, dass Kinder von wichtigen Dingen nie auf Knopfdruck erzählen, sondern eher so nebenbei. Und darum, dass ein gemeinsam vertrödelter Nachmittag Nähe und Glück bedeuten kann. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Quality-Time ist Schwachsinn. Die existiert nur auf dem Papier irgendwelcher Soziologen. In Familien führt der Druck, Quality-Time miteinander verbringen zu müssen, zu Anspannung und Streit.
Das Leben berufstätiger Eltern ist überfrachtet mit Ansprüchen an sich selbst. Im Job möchten sie nicht hinter den Kollegen ohne Kinder zurückstehen; eine interessante Aufgabe abzulehnen mit der Begründung, der Kindergarten habe gerade geschlossen und es bliebe einem zu wenig Zeit und Konzentration, ist nicht nur unprofessionell, sondern auch frustrierend. Und im Privaten wird besonders an Kindergeburtstagen oder in der Vorweihnachtszeit gebacken und gebastelt, um anderen Eltern zu demonstrieren, wie liebevoll man sich um die Kleinen kümmert. Den Kindern ist das meistens übrigens herzlich egal. Zurück bleiben Mütter und Väter, die während der Abendnachrichten auf dem Sofa einschlafen.
Viele Frauen, die heute gerade dreißig sind, wollen es deshalb anders machen. Schon werden unter jüngeren Frauen wieder Stimmen laut, die von einem reichen Ehemann phantasieren und von kreativer Arbeit daheim. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" schrieb Antonia Baum: "Ich wünschte, mein Mann wäre so reich, dass ich nicht arbeiten müsste und zu Hause bleiben könnte, wo ich, in ganz langsamer Arbeit, Bücher schreiben würde, von denen ich nicht leben kann." Hm. Und wenn der reiche Mann sich irgendwann in eine andere kreative Frau verliebt?
Eine handfestere Idee ist, dass Vater und Mutter jeweils nur 80 Prozent arbeiten sollten, so könnte jeder von ihnen an zwei Nachmittagen zu Hause sein. Das schlechte Gewissen käme zur Ruhe, das in unserer Zeit des Über-Psychologisierens so verhängnisvoll sein kann: Weil über uns allen noch das biedermeierliche Ideal der deutschen Mutter schwebt, wird die Begründung für schwierige Phasen der Kinder oft in der Berufstätigkeit der Eltern gesucht.
Es wäre schön, wenn die Anerkennung wachsen würde für Arbeitnehmer, die statt auf eine 40-Stunden-Woche auf eine 32-Stunden-Woche setzen, wenn Führungspositionen geteilt werden könnten und wenn die Männer dabei mitmachen würden.
Kitas in ehemaligen Schlecker-Märkten mit unzulänglich ausgebildeten Erzieherinnen sind jedenfalls keine Lösung. Im Gegenteil. Es erhöht die Belastung aller Eltern, wenn sie ihr Kind nicht gut untergebracht wissen. Bei den Koalitionsverhandlungen werden die großen Themen gerade wieder in kleine Kompromisse zerlegt: Einerseits soll die Teilzeitarbeit mit einem länger ausgezahlten Elterngeld gefördert werden, andererseits wird es vermutlich weiterhin das Betreuungsgeld geben. 195 Milliarden Euro werden in Deutschland jedes Jahr für Familien ausgegeben. Die Politik könnte vielen Familien mit berufstätigen Eltern das Leben erleichtern, wenn sie sich bei der Verteilung des Geldes an deren Alltag im Jahr 2013 orientieren würde. Vielleicht könnten Horst Seehofer, Angela Merkel und Sigmar Gabriel mal ins Kino gehen und sich "Eltern" anschauen.
Es hat sich in den vergangenen Jahren eine Kluft aufgetan zwischen der Realität und den Bildern, die davon produziert werden. Die berufstätige Mutter ist binnen eines Jahrzehnts vor allem in den Städten zu einem anerkannten Rollenmodell geworden, keine Frauenzeitschrift kommt mehr ohne sie aus. Und in einer großen Umfrage für die "Brigitte", geleitet von Jutta Allmendinger, der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, zeigte sich, dass sich 76 Prozent der Männer eine Frau, die nicht berufstätig ist, an ihrer Seite nicht vorstellen können.
Eine große Mehrheit ist anscheinend damit einverstanden, dass auch junge Mütter Karriere machen. Doch die Probleme, zu denen das führt, möge bitte jeder selbst und daheim lösen. Das ist die eigentliche Definition jener Wahlfreiheit, die Kristina Schröder als Familienministerin so unentwegt gepriesen hat. Seit Jahren wird eine große Unentschlossenheit von der Politik an die Familien weitergereicht, darin liegt die wesentliche Ursache für die Erschöpfung.
Familie und Beruf werden sich niemals reibungslos miteinander vereinbaren lassen. Aber zahlreiche Familien in Deutschland sind heute auf zwei Einkommen angewiesen. Und in vielen dieser Familien sind die Kräfte verbraucht, weil die Jahre ins Land gehen, die Kinder vom Kindergarten in die Grundschule kommen und schnell größer werden, während familienpolitisch die Zeit verplempert wird. Nils Minkmar schreibt in seinem Buch "Der Zirkus", die Politik solle den Bürgern dienen und ihr Leben leichter machen. Das gilt besonders für die Familienpolitik.
In der Schlussszene von "Eltern" sagt Christine zu ihrem Mann: "Egal wie es weitergeht, ich bin dir dankbar dafür, dass du mich überredet hast, Kinder zu bekommen." Erschöpfung und Freude, davon ist das Grundgefühl der allermeisten berufstätigen Eltern in diesem Land geprägt. Es wäre schön, wenn die Freude überwiegen könnte. ◆
* Mit Christiane Paul (l.).
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 48/2013
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