25.11.2013

BILDUNGTiger mit „ie“

Viele deutsche Schüler lernen, nach Lauten zu schreiben - oft mit katastrophalen Spätfolgen für die Orthografie. Daran dürfte sich in Zukunft wenig ändern. Etliche angehende Lehrer haben selber Schwierigkeiten mit ihrer Muttersprache.
Andrea Krug wollte wissen, was ihre achtjährige Tochter in der Schule eigentlich den ganzen Tag über so macht. Deshalb hospitierte sie, wie dies auch andere Eltern gelegentlich tun, im Unterricht.
Zunächst war Krug (die ihren echten Namen zum Schutz der Tochter hier nicht nennen will) ziemlich begeistert. Die Kinder zeigten sich fröhlich, lernwillig und konzentriert, die Lehrerin war außerordentlich nett und das Thema im Sachunterricht spannend, es ging um Katzen.
"Welche Katzen gibt es?", war eine der Fragen, zu der die Kinder Antworten sammelten, die die Lehrerin dann an die Tafel schrieb. Unter "Hauskatze", "Löwe" und "Siamkatze" schrieb sie "Tieger".
Tiger mit "ie".
Krug hielt die Luft an. "Um es milde auszudrücken", sagt sie, "ich war befremdet."
Dass sich die Rechtschreibleistung von Schülern in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verschlechtert hat, belegen inzwischen mehrere Studien. Viele Experten machen das lautgetreue Schreiben in den ersten Schuljahren dafür verantwortlich. Unter viel Lob bringen die Kinder nach diesem Konzept Wörter wie "fil" (statt "viel") zu Papier, "ir" ("ihr") oder "ser" ("sehr"). Eltern und Wissenschaftler, ja sogar einige Schüler fordern inzwischen die Rückkehr zu einem Unterricht, bei dem von Anfang an auf korrekte Schreibweise geachtet wird.
Doch die ersten Jahrgänge fröhlicher Rechtschreibanarchisten sind inzwischen erwachsen geworden - und einige von ihnen Lehrer. Es deutet vieles darauf hin, dass etliche von ihnen gar nicht mehr die Voraussetzungen dafür mitbringen, Kindern richtiges Schreiben beizubringen.
Das belegt auch eine teilweise noch unveröffentlichte Studie der Universität Duisburg-Essen: Die Forscher haben Lehramtsstudenten dreier nordrhein-westfälischer Hochschulen jeweils zwei verschiedenen Tests unterzogen. Mit dem ersten wurden die allgemeinen Sprach- und Rechtschreibfähigkeiten von fast 2900 Studenten geprüft. Dabei erwies sich jeder fünfte angehende Lehrer als stark oder sehr stark förderbedürftig.
Im zweiten Test, an dem fast 300 Studenten teilnahmen, sollte ein Zeitungsartikel mit eigenen Worten zusammengefasst werden. Jeder achte künftige Pädagoge gebrauchte dabei vielfach Wörter im falschen Sinnzusammenhang, mehr als jeder dritte machte häufig Grammatikfehler. Studierende mit Migrationshintergrund, die noch schlechter abschnitten, sind dabei nicht mitgerechnet.
"Der Test war leichter als eine Abituraufgabe", sagt Studienautor Dirk Scholten-Akoun vom Zentrum für Lehrerbildung der Universität Duisburg-Essen. Trotzdem hätten viele Teilnehmer offenbar die Struktur des Zeitungstextes gar nicht verstanden. "Und Orthografie und Kommasetzung waren oft katastrophal."
Verzweifelte Studenten wenden sich gern an Peter Kruck, der als freier Lektor Seminar- und Examensarbeiten "aufpoliert", wie er sagt. Was er, auch von Lehramtsstudenten, auf den Schreibtisch bekommt, klingt dann zum Beispiel so: "Folgedessen hat sich die Medienpädagogik in den letzten Jahren zu einer wichtigen Abteilung gereift." Oder so: "Vermutlicher weise sind die ankündigten Schlüsse eine vielmehr allgemeine negative Sichtweise des Fernsehverbrauchs von Kindern wiederspiegeln."
Eine SPIEGEL-Umfrage, auf die 22 Hochschulen mit dem Studienangebot Grundschullehramt antworteten, ergab, dass zwar einige Universitäten Rechtschreibkontrollen im Studium durchführen - dass aber an keiner der Unis ein Rechtschreibtest vor dem Studium bestanden werden muss. "Dabei wären solche Tests eine Chance, Studenten, die Probleme haben, rechtzeitig zu erkennen und in Vorkursen auf das für Lehrer erforderliche Niveau zu bringen", glaubt Kruck.
Zwar können schwache Studenten heute an vielen Hochschulen Rechtschreibwerkstätten oder -kurse besuchen. Aber das reicht oft nicht. "Wie sollen wir diesen Studenten im universitären Rahmen noch helfen?", fragt Albert Bremerich-Vos, Professor für Linguistik an der Universität Duisburg-Essen und Leiter der Studentenstudie. "Das müssten sie doch eigentlich alles in der Schule lernen."
Um Grundschülern Rechtschreibung und Grammatik beibringen zu können, muss man die deutsche Sprache aber nicht nur beherrschen, sondern auch verstehen. Nur wer wisse, dass die 35 häufigsten Wortbausteine 50 Prozent eines Textes ausmachen, sagt Gisela Dorst, Autorin des Sprachbuchs "Lollipop", dem sei klar, wie wichtig es ist, diese Morpheme korrekt schreiben zu können (siehe Interview Seite 136). "Wenn ich das aber nie im Studium gelernt habe, dann bringe ich das den Schülern auch nicht bei."
Doch bei manchen Studierenden hapere es schon bei den einfachsten Fragen, sagt Bremerich-Vos. "Zum Beispiel bei der Bestimmung der Wortart oder der Satzglieder. Das sollte eigentlich spätestens in der sechsten oder siebten Klasse gemacht werden - aber es ist nicht da."
Die SPIEGEL-Umfrage ergab, dass manche Hochschulen immer noch darauf verzichten, Vorlesungen zu den Grundlagen der Sprachwissenschaft für alle Grundschullehramtsstudenten vorzuschreiben. Erst ab 2018, so die Kultusministerkonferenz, sollen "fachwissenschaftliche und -didaktische Studieninhalte aus den Fächern Deutsch und Mathematik" für alle Studierenden verpflichtend sein.
Doch selbst wenn diese Veranstaltungen an einer Universität vorgeschrieben sind, heißt das nicht, dass die angehenden Lehrer mit den dort gelehrten Inhalten auch etwas anfangen können. "Oft ist eine solche Vorlesung viel zu abstrakt", kritisiert Günther Thomé, Sprachdidaktiker an der Goethe-Universität Frankfurt. "Viele Linguistikprofessoren verstehen nichts von Didaktik - aber andererseits die Pädagogikprofessoren auch nichts von Sprachwissenschaft." Es fehle an Sprachdidaktikprofessoren. Sein Fazit: "Die Deutschlehrerausbildung ist mangelhaft."
Allerdings interessierten sich auch nicht alle Studenten für die Sprachwissenschaften, sagt Renate Valtin vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben. Wenn sie in der Vorlesung das Wort "Graphem" erwähnt habe, berichtet die Professorin, "war bei einigen Studenten sofort die Aufmerksamkeit weg." Und bei der Nennung von "Graphem-Phonem-Korrespondenzen", da muss Valtin selbst ein bisschen lachen, "sind die ersten rausgerannt".
Hinzu kommt, dass die Unis der Methode des lautgetreuen Schreibens ohne Fehlerkorrektur nicht viel entgegensetzen - auch wenn dieses Konzept von vielen Experten für die Rechtschreibkatastrophe verantwortlich gemacht wird. Nur zwei Hochschulen, Freiburg und Oldenburg, gaben in der SPIEGEL-Umfrage an, die angehenden Grundschullehrer explizit vor der entsprechenden Methode "Lesen durch Schreiben" zu warnen. Alle anderen Universitäten teilten mit, sie würden den Studenten jenes Konzept lediglich wissenschaftlich mit seinen Vor- und Nachteilen darstellen.
Aber das wappnet die zukünftigen Lehrer womöglich schlecht für die Realität: Schulen, die seit Jahren mit "Lesen durch Schreiben" arbeiten, Fortbildungen mit charismatischen Vertretern des Konzeptes und ein Grundschulverband, der von Verfechtern dieser und ähnlicher Methoden dominiert wird und in seiner Verbandszeitschrift aggressiv gegen Gegner Stellung bezieht.
Vor allem aber ist die Lautschreiberei ohne Korrektur einfach herrlich bequem im Schulalltag. Es gibt sie nun einmal: durchschnittliche und schlechte Lehrer, und "Lesen durch Schreiben" gebe ihnen "ein quasi wissenschaftliches Alibi, sich weniger steuernd und fördernd zu engagieren", sagt Wolfgang Steinig, Sprachdidaktiker an der Uni Siegen.
Denn die Verfechter von "Lesen durch Schreiben" gehen davon aus, dass es sich beim Schreibenlernen um einen natürlichen Entwicklungsprozess handelt, irgendwann könne ein Schüler das dann schon. "Aber viel zu viele Kinder", sagt Steinig, "schaffen es leider nie zu einem einigermaßen angemessenen Niveau."
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 48/2013
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