02.12.2013

JUSTIZZu Hause in der Zelle

Weil die Häftlingszahlen sinken, werden Gefängnisse geschlossen - und zu Wohnungen oder Hotels umfunktioniert.
Wenn Thomas Richter-Mendau Skeptiker von seinem Projekt überzeugen will, greift er nach der Bauskizze, stellt sich in die Mitte des Gangs, kickt noch etwas Schutt weg. Dann schnellt sein linker Zeigefinger nach vorn, in Richtung zweier Acht-Quadratmeter-Löcher. "Da, aus diesen beiden Zellen wird ein Schlafzimmer." Leichte Drehung nach links. "Aus den beiden ein Kinderzimmer." Noch eine Drehung. "Da hinten reißen wir die Wände weg, und es kommt 'ne Schiebetür rein. Gibt eine große Wohnküche. Klar, oder?"
Der 45-jährige Investor läuft durch das alte Gefängnis von Stendal in Sachsen-Anhalt. Die geflieste Fixierzelle für suizidgefährdete Häftlinge? Wird ein Wohnzimmer mit Platz für eine große Couch. Die massiven Türen aus Eichenholz, nummeriert von 1 bis 98, die an den Wänden lehnen? "Setzen wir vor die neuen Wohnungen. Als Warnung an die Leute: Bitte sauber bleiben!"
Sägeblätter fräsen sich unterhalb der Zellenfenster in den über hundert Jahre alten Backstein. Sie geben den Blick frei auf den Stendaler Dom nebenan. "Bei der Aussicht", schwärmt er, "würde ich hier sofort einziehen."
Schöne Aussichten im Knast: In etlichen Städten bauen Investoren Gefängnisse zu Wohnungen, Hotels oder Veranstaltungszentren um. Vor wenigen Jahren waren viele deutsche Gefängnisse überfüllt, doch die Häftlingszahlen sinken. Saßen vor zehn Jahren gut 79 000 Gefangene und Sicherungsverwahrte ein, waren es im vergangenen Jahr noch knapp 66 000. Viele Bundesländer nutzen den Rückgang, um ihren Strafvollzug in wenigen Großgefängnissen zu bündeln.
Das bedeutet das Aus für kleine Anstalten wie in Stendal, in der kurz vor der Schließung 2010 nur etwa 50 Kriminelle ihre Strafe verbüßten. In den vergangenen fünf Jahren reduzierte Sachsen-Anhalt die Zahl seiner Gefängnisse um fünf, Berlin ebenfalls um fünf, Baden-Württemberg um drei, Hessen um eines und Niedersachsen gleich um elf. Im Saarland stellten 2011 zwei Gefängnisse ihren Betrieb ein.
Die ehemaligen Anstalten stehen meist in der Provinz, viele stammen aus der Kaiserzeit. Die alten Gemäuer sind oft denkmalgeschützt und marode - es ist teuer, sie zu sanieren. So kommen private Investoren wie Richter-Mendau zum Zug. Zusammen mit seiner Frau kaufte der Unternehmer das Stendaler Gefängnis. 37 000 Euro überwies er für das historische Gebäude mit seinen etwa 3500 Quadratmetern an das Land Sachsen-Anhalt. Aus den Zellen sollen 28 Wohnungen werden, 40 bis 90 Quadratmeter groß. Mehr als zwei Millionen Euro will Richter-Mendau in den Umbau investieren.
Die neuen Nutzer des Gefängnisses im baden-württembergischen Offenburg wollen den Knast-Flair erhalten. Zwei lokale Unternehmer bauen es zu einem Hotel um. "Wir orientieren uns nicht an klassischen Hotelstandards, sondern wollen die Gefängnisstruktur bewahren", sagt Architekt Jürgen Grossmann. Die Türen zu den 50 Zimmern werden nur knapp 1,70 Meter hoch sein, um die Gäste beim Rein- und Rausgehen zu einer demütigen Haltung zu zwingen - wie Gefangene. Fünf Millionen Euro investieren die Unternehmer in die beiden Zellengebäude aus rotem Sandstein, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. 2015 sollen die ersten Gäste kommen.
Das alte Gefängnis in Kassel, wegen seiner Hausnummer "Elwe" genannt, wurde schon als Hotel genutzt - während der Kunstausstellung Documenta vor einem Jahr. Einer der neuen Eigentümer, der Anwalt Christopher Posch, bekannt aus der RTL-Sendung "Ich kämpfe für Ihr Recht", war oft dort, um Mandanten zu besuchen. Er zeigt auf ein grün-weißes Schild. "Fluchtwege mussten wir erst ausweisen", sagt der 37-Jährige. "Im Knast gab es sie naturgemäß nicht."
In den rund 90 Zellen veränderten der Jurist und sein Geschäftspartner fast nichts. Dort stehen jeweils ein Bett, ein Stuhl, ein Waschbecken - und die Toilette mitten im Raum. An den Türen wurden die Schlösser ausgetauscht, um sie auch von innen öffnen zu können. Manche Zellen bekamen einen neuen Anstrich, von Künstlern, die während der Documenta in der "Elwe" abstiegen. Fast 10 000 Übernachtungen zählte Posch am Ende der 100-tägigen Kunstausstellung.
Mittlerweile hat sich die "Elwe" zu einer angesagten Event-Location entwickelt. Auf dem Gelände fanden schon eine Tattoo-Show, ein Basketball-Turnier und das Holi-Festival statt, bei dem sich die Besucher nach indischer Tradition mit gefärbtem Puder bewerfen.
Nicht überall gelingt die Umwidmung. Das Studentenwerk in Frankfurt am Main wollte das ehemalige Abschiebegefängnis in Offenbach zu einem Studentenwohnheim umbauen. Als die Kosten auf 1,3 Millionen Euro stiegen, machte das Studentenwerk einen Rückzieher. Und im saarländischen St. Ingbert hofft der Oberbürgermeister, dass die städtische Musikschule in das 1882 erbaute Gefängnis in Innenstadtlage zieht. Doch dem Stadtrat sind 260 000 Euro für den Kauf und fast eine Million für den Umbau zu viel.
Kleinere Städte müssen sich wegen der hohen Renovierungskosten besonders oft auf private Investoren verlassen. Die Interessen unterscheiden sich dabei gelegentlich, wie in Eisleben in Sachsen-Anhalt, dem Geburts- und Sterbeort Martin Luthers. Dort schwebt der Stadt vor, das 2009 geschlossene Gefängnis in ein preiswertes Pilgerhotel umzuwandeln. Der jetzige Eigentümer kann sich auch anderes vorstellen. Er spricht mit mehreren Interessenten für den ehemaligen Frauenknast - unter anderem mit einem Betreiber von Sadomaso-Clubs.
Von Stephan Degenhardt

DER SPIEGEL 49/2013
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