02.12.2013

VORURTEILE Die Frau am Fenster

Joyce Kinsey und Edward Snowden waren Nachbarn. Sie beobachtete ihn Tag und Nacht. Jetzt, da er weg ist, hält sie Gericht über ihn. Sie blickt aus enger Vorstadtperspektive auf die Welt - so wie viele Amerikaner. Von Alexander Osang
Joyce Kinsey, die in einem lehmfarbenen Holzhaus in den Laubwäldern Marylands lebt, schaut durch zwei Öffnungen in die Welt. Die eine ist ihr Flatscreen-Fernseher, die andere das Küchenfenster. In einer Öffnung sieht sie Natursendungen, Kurzkrimis und Fox News, in der anderen die Jahreszeiten, die Nachbarn und das Wetter. Bis vor kurzem konnte Joyce Kinsey ihre beiden Fenster in die Wirklichkeit gut voneinander trennen. Aber dann mischte sich alles. Küchenfensterbilder erschienen auf dem Fernsehschirm, Fernsehleute erschienen vor dem Küchenfenster. Joyce Kinsey lief zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, überall die gleichen Bilder. Und manchmal sah sie sich selbst im Fernseher wie in einem Spiegel.
Das war im Sommer, als Edward Snowden mit seinen Enthüllungen die Welt erschütterte.
Snowden war einmal Joyce Kinseys Nachbar. Es ist ein bisschen her, aber sie hat nichts vergessen. Er lebte auf der anderen Seite des schmalen Weges, der zwischen ihrem und seinem Küchenfenster entlangläuft. Zwölf Fuß trennten sie, sagt Joyce Kinsey, vielleicht ist es eine Schätzung, vielleicht hat sie es nachgemessen. Für eine gewisse Zeit schien die Entfernung von weltpolitischer Bedeutung zu sein.
Die Nachbarin wurde zur Zeugin. Sie bezeugt, wie weit sich der amerikanische Bürger Edward Snowden und sein Volk voneinander entfernt haben. Mit jeder Faser ihres Körpers bezeugt sie das. Der stille junge Mann ist eine Bedrohung für Amerika geworden und damit für sie. Die Mehrheit des amerikanischen Volkes glaubte im Sommer, dass Snowden strafrechtlich verfolgt werden müsse. In Joyce Kinseys Altersgruppe ist die Zustimmung am höchsten.
Sie war ihm so nah. Sie saßen sich praktisch gegenüber. Auf der einen Seite Edward Snowden, auf der anderen Joyce Kinsey, zwei Amerikaner, die oft zu Hause waren und wenig schliefen. Snowden konnte sich offenbar kaum vom Computer lösen. Kinsey leidet an Neuropathie, einer Erkrankung des Nervensystems, das Laufen fällt ihr schwer. Es gibt in ihrer Umgebung auch nicht viele Orte, zu denen sie laufen könnte.
Die Siedlung vor ihrem Fenster heißt Woodland Village. Sie besteht aus 309 Wohneinheiten, alle wurden im selben Jahr gebaut, zweistöckige Holzhäuser, an einer Stichstraße aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. Manche sind braun, manche sind blau, manche grün. Little Boxes, wie aus dem Song, in dem sich Malvina Reynolds einst über die amerikanischen Vorstädte lustig machte. There is a blue one and a yellow one, and they all look just the same. Woodland Village ist Teil von Ellicott City, einer Gemeinde, die aus lauter kleinen Perlenkettensiedlungen mit hübschen Namen besteht. Man kann hier verlorengehen wie in Treibsand.
Am Eingang von Woodland Village steht ein Schild, das für Orientierung sorgen soll: Privatgelände.
Es ist ein Novembermittag, der Himmel hängt tief und grau über Maryland, Joyce Kinsey öffnet ihre Wohnungstür einen Spalt weit und blinzelt in den Tag. Sie trägt einen dunkelblauen Pullover mit Sternen und Schneeflocken, die Vorweihnachtszeit beginnt früh in der amerikanischen Vorstadt. Joyce Kinsey blickt auf die leere Straße, die Luft ist rein, in der Ferne bläst ein Laubstaubsauger. Sie schließt die Tür. Ihr Stuhl steht vor dem Küchenfenster. Einer dieser amerikanischen Esszimmerstühle, es ist ihr Hochstand. Die Jalousien sind heruntergelassen und nur leicht angeklappt. Durch die Schlitze sieht man das Fenster der Snowdens.
Edward Snowden zog vor zwölf Jahren ein. Zwei Jahre lang lebte er allein, ein Jahr mit einem Mitbewohner, dann zog seine Mutter Wendy dazu. Später lebte Edward Snowden in der Schweiz, in Japan und auf Hawaii, seine Mutter ist immer noch hier.
Wendy Snowden ist auf der Arbeit, sie ist Gerichtsangestellte. Joyce Kinsey hat heute Morgen beobachtet, wie sie losging. Sie wird später sehen, wie sie wiederkommt. Manchmal treffen sich die beiden Frauen auf dem Weg zwischen ihren Häusern. Früher haben sie bei der Gelegenheit ein paar Worte gewechselt. Das Wetter, die Kinder, der Hund, die Krankheiten. Wendy Snowden ist Epileptikerin, Joyce Kinsey hat Diabetes. Inzwischen aber reden sie nicht mehr. Der Sohn ihrer Nachbarin sei ein Landesverräter, sagt Joyce Kinsey, sie ist überzeugt, dass seine Mutter und seine Schwester von seinen Plänen gewusst haben. Kurz bevor er das Land verließ, haben die beiden ihn auf Hawaii besucht. Sie wollten Abschied nehmen, sagt Joyce Kinsey. Sie weiß es, von wem sie es weiß, sagt sie nicht. Ihre Lippen sind schmal. Man kann so ein Verhalten nicht rechtfertigen, sagt sie.
Sie senkt jetzt den Kopf, wenn sie Wendy Snowden begegnet. Sie streichelt den Hund der Snowdens. Cinder. Ein guter Hund. Labrador. Er kann nichts dafür.
Als sie das letzte Mal miteinander sprachen, fragte Wendy Snowden Joyce Kinsey, warum sie ausgerechnet einem Journalisten verraten musste, dass sie, Snowdens Mutter, Epileptikerin ist. Das könne ihr berufliche Nachteile bringen.
"Ich nehme mal an, sie wollte mir Schuldgefühle einreden", sagt Joyce Kinsey. "Aber das hat nicht funktioniert. Ihre Krankheit ist ja wohl kein Geheimnis. Ich frage mich vielmehr, wieso sie noch Auto fahren darf."
Sie nickt hinüber zum Fenster der Snowdens. Man kann nicht viel sehen, die Vorhänge sind zugezogen. Bevor er nach Hongkong floh, hatten sie nie Vorhänge, sagt Joyce Kinsey. Sie fand das immer seltsam. Vielleicht aber hat sie auch jetzt erst beschlossen, dass sie es immer seltsam fand. Joyce Kinsey will sich einen Standpunkt zu ihrem rätselhaften Nachbarn erarbeiten. Sie versucht, die Bilder vor ihrem Fenster und die Bilder im Fernseher zu synchronisieren. Die große und die kleine Welt, die heile Vorstadt und den Hochverrat. Auf der einen Seite Hongkong, Moskau und die europäisch-amerikanischen Beziehungen, auf der anderen Seite die Blätter, die ihre Farbe wechseln.
Sie hat 1367 Einträge im Internet gefunden, die sie gemeinsam mit Edward Snowden erwähnen, sagt sie. Sie hat das mal gezählt wie den Abstand zwischen ihren Häusern.
Joyce Kinsey ist 63 Jahre alt, sie wuchs in Florida auf und folgte ihrem Mann später nach Maryland. Sie hat eine Friseurlehre gemacht, aber nie gearbeitet. Früher hat sie ihrem Mann die Haare geschnitten, heute schneidet sie sich nur noch die eigenen. Das Stehen falle ihr schwer, sagt sie, und die meisten Menschen seien nicht in der Lage, die Frisur zu beschreiben, die sie gern hätten. Das sorge nur für Missverständnisse. Die vergangenen 30 Jahre ihres Lebens saß Joyce im Wesentlichen zu Hause vor dem Fenster, schaute hinaus und wartete, dass ihr Mann von der Arbeit kommt. Ihr Mann arbeitet als Qualitätsprüfer in einer Fabrik, die Kolben- und Dichtungsringe herstellt, in Baltimore, sein Fahrtweg beträgt exakt neun Minuten. Sie haben das gestoppt. Er ruft an, bevor er losfährt. Sie haben keine Kinder. Dienstags gehen sie bowlen. Sonntag grillen sie. Es gab wenig Überraschungen in Joyce Kinseys Leben, bis Edward Snowden sich aus Hongkong zu Wort meldete.
Sein Schicksal hat einen Lichtspot auf sie gerichtet. Aber nun ist er weg, und es wird schon wieder dunkler.
"Es ging nie um mich, sondern immer nur um den Mann dort drüben", sagt sie.
Sie schaut durch die Lamellen, das Novemberlicht färbt ihr Gesicht grau.
Sie rutscht nervös auf dem Küchenstuhl hin und her. In letzter Zeit fühlt sie sich hier auf ihrem Hochstand nicht mehr so sicher wie früher. Es gibt einen Nachbarn, der sie beschimpfte, weil sie mit den Medien geredet hat. Er wohnt schräg über den Snowdens. Ein Hitzkopf, das hat ihr die Polizei bestätigt, die einmal nach einem Streit mit seiner Freundin kam, um ihm seine Waffen abzunehmen. Sie hatte damit gerechnet, dass er heute arbeitet, aber er ist wohl da. Seine Vorhänge bewegen sich. Eine Zeitbombe, der Typ, sagt Joyce.
Sie zieht den Kopf von den Jalousien weg. Der Nachbar wohnt erst seit kurzem in der Siedlung, er kannte Edward Snowden überhaupt nicht, sagt Joyce Kinsey. Sie und ihr Mann dagegen wohnen schon seit über 16 Jahren hier, länger als die meisten Bewohner des Woodland Village. Und sie war ja immer da. Oft sogar nachts um zwei oder um drei. Sie schläft schlecht, seit sie die Krankheit hat. Sie ist an beiden Füßen operiert worden. Die Schmerzen halten sie wach, sagt sie. Sie sah in den Fernseher oder aus dem Fenster. Da saß er am Computer, sagt sie. Immer am Computer.
Sie steht auf, tritt ein paar Schritte vom Fenster weg.
"Ich habe allen nur gesagt, was ich wusste. Nie mehr. Der Gentleman von CNN und auch die Herren von NBC haben mir gesagt, es sei so angenehm, mit jemandem zu reden, der wirklich weiß, wovon er spricht. Ich widerspreche mir nicht, ich wackle nicht, ich erfinde nichts. Ich sage nur das, was ich wirklich gesehen habe."
Sie holt die Ausgabe des "People"-Magazins, in dem sie vorkommt. Eine Nachbarin hat ihr das mitgebracht. Es ist vom Juni, auf dem Titel ein Bild der Schauspielerin Jennifer Aniston und die Frage: Liegt ihre Hochzeit auf Eis? Auf Seite 80, nach einer längeren Fotostrecke über die Schwangerschaftskleidung von Prominenten im Wandel der Zeit, tauchen schließlich Edward Snowden und Joyce Kinsey auf. Sie ist die Klammer des kurzen Textes. Am Anfang sagt sie: Er war ein netter, unscheinbarer Mann, der immer am Computer saß. Am Ende sagt sie: Seine Mutter hat gestern Abend zum allerersten Mal die Vorhänge zugezogen.
Die Überschrift des Textes lautet: Edward Snowden: Held oder Verräter?
Joyce Kinsey schaut auf die Seite. Die "People"-Fotografen hatten auch ein Bild von ihr gemacht, aber sie haben es nicht verwendet. Es gibt nur ein paar Porträts von Snowden, die sie alle drucken, und ein Foto von dem Haus in Hawaii, in dem er zuletzt mit seiner Freundin wohnte. Darunter steht, dass sie es besenrein hinterließen. Die Vermieter fanden nur einen Staubsauger und einen Eispickel. Joyce schaut auf das Bild von Edward Snowden, schon jetzt eine Ikone wie Che Guevara.
"Er ist kein Held", sagt sie. "Er bedroht nicht nur meine Sicherheit, sondern die des gesamten Landes und die anderer Länder. Er ist ein Verräter, er sollte vor Gericht gestellt, verurteilt und ins Gefängnis gesteckt werden. Ein Leben lang. So wie andere Verräter auch. Tut mir leid."
Es ist nicht das, was sie im Artikel sagt. Es ist auch nicht das, was sie in all den Fernseh- und Radiobeiträgen gesagt hat. Ihr Ton hat sich verändert. Er beschreibt die Haltung, die sie sich in den vergangenen Monaten gemeinsam mit ihrem Ehemann erarbeitet hat. Eine Haltung zu dem Mann, der Amerika lächerlich macht. Der Mann, den sie aus dem Fenster beobachtete, war dann doch nicht so nah, wie er schien. Snowden hat sich ihr entzogen wie dem Land. Joyce Kinsey hat sich von einer Zeugin in eine Richterin verwandelt. Sie verurteilt ihn als Landesverräter zu lebenslanger Haft, in Abwesenheit.
"Wir haben am Anfang gedacht: Im Zweifel für den Angeklagten. Aber nach ein paar Wochen hat sich das geändert. Als er im Fernsehen auftauchte und sagte, er sei stolz, ein Spion zu sein. Er ist nicht intelligent. Er kennt sich vielleicht mit Computern aus", sagt sie.
Sie hatte ja immer gedacht, er sei ein Genie, so wie er da nachts saß und in seinen Computer starrte, bis sie herausfand, dass er nicht mal einen Highschool-Abschluss besitzt. Er hat die Highschool nicht zu Ende gemacht und hat auch das College nach kurzer Zeit hingeschmissen. Er hat die Army ausprobiert, aber auch die nach der Grundausbildung verlassen. Sie erinnert sich nicht mehr genau, woher sie das alles weiß. Vielleicht hat es ihr einer der Reporter erzählt. Oder sie hat es im Fernsehen gesehen.
Joyce schaut Fox und CNN. Ihr Mann sieht jeden Tag eine Stunde Nachrichten. Er hat einen hohen Lehnstuhl, der direkt vor dem Fernseher steht. Sie sitzt hinter ihm auf der Wohnzimmercouch oder ist in der Küche. Dann erzählt er ihr, was er gesehen hat. Es ist ja doch immer dasselbe. Sie haben die "Baltimore Sun" abonniert, die "Washington Post" kommt ihrem Mann nicht ins Haus, die "New York Times" schon gar nicht. Diese Zeitungen kreieren ihre eigene Wirklichkeit, sagt ihr Mann. Die hat nichts mit ihrer Wirklichkeit zu tun. So entsteht ihr Blick in die Welt.
Wie Joyce Kinsey wissen viele Amerikaner vor allem diese Sachen über Edward Snowden: Er war nicht gut in der Schule. Er konnte nichts zu Ende machen. Seine Freundin arbeitete als Tänzerin in einem Stripclub. Er sitzt in Russland, weil ihn niemand anderes haben will. Es sind Informationen aus dem Leben eines Mannes, den man nicht ernst nehmen muss.
Joyce Kinsey ist eingefallen, dass Edward Snowden ihr nie in die Augen schauen konnte. Ihr Vater habe ihr einst gesagt, sie solle nie jemandem vertrauen, der ihr nicht in die Augen schauen kann.
Ihr Vater ist vor acht Jahren gestorben. Er war Elektronikingenieur und ist jetzt, in einer Zeit, da sie nach einem Urteil sucht, ihre moralische Instanz. Eine Art Gutachter der amerikanischen Seele. Ihr Vater gründete zusammen mit ein paar Leuten eine Firma, die Bauteile für Langstreckenraketen lieferte. Sie arbeiteten vor allem für die Air Force. Ihr Vater war ein intelligenter, aber auch ein verschwiegener Mann, sagt sie. Er musste oft zu Raketentests nach Arizona oder New Mexico, in der Wüste. Er hat nie darüber gesprochen. Er reiste mit seinen Sprengköpfen nach Japan, nach Finnland, Island und Deutschland, und wenn man ihn fragte, was er mache, sagte er: Ich bin Ingenieur.
Er nahm seine Geheimnisse mit ins Grab. Joyce hat auf der Beerdigung mit einem seiner Partner gesprochen, der bedauerte, dass sie keine Möglichkeit hatten, die Dinge zu sichern, die in seinem Kopf waren. Er hatte nie Papiere, sagt Joyce, er hatte alles im Kopf. Er starb ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Welche Kenntnisse er auch hatte, er verriet sie nie. Er ist ihr Gegenbild zu Edward Snowden, der das Rampenlicht sucht, wie sie sagt.
"Der Bursche wollte berühmt werden. Das ist alles, was er wollte. Ich habe Nachbarn, die bei der NSA arbeiten und damit nicht angeben wie Snowden. Sie haben dafür unterschrieben", sagt Joyce Kinsey. "Ich frage da auch nicht nach. Ich kenne das Spiel. Ich wusste von klein auf, was es heißt, ein Geheimnis zu bewahren. Von Daddy."
Joyce Kinsey sitzt auf der Sesselkante im Wohnzimmer, jederzeit bereit aufzuspringen. Ihre Augen tasten den halbdunklen Raum ab wie Scheinwerfer. Es ist eine fleckenlose Umgebung. Der Teppichbelag ist eierschalenfarben, auf dem Couchtisch stehen kleine Schälchen, sie sind mit Süßigkeiten gefüllt, die von Halloween übrig geblieben sind. Ein Schälchen mit Schokoküssen, eins mit Reese's Erdnussbuttertalern und eins mit kleinen Tafeln Hershey-Vollmilchschokolade. Der Kamin sieht aus, als hätte dort nie ein Feuer gebrannt, auf dem Sims die Bilder der Neffen und Nichten, auch zwei Fotos ihres Mannes. Er sieht schmal aus, jünger als sie, und trägt einen Schnurrbart. Einmal hat er ihn abrasiert, er sah aus wie ein Junge, sagt Joyce, im Supermarkt hielten sie ihn für ihren Sohn. Da musste er ihn wieder wachsen lassen. Von ihr gibt es keine Bilder. Sie sieht auf Fotos immer unvorteilhaft aus, sagt sie, so als wäre sie betrunken, dabei trinke sie keinen Alkohol, nie, keinen Schluck.
Es riecht süßlich sauber, so wie es in amerikanischen Möbelgeschäften oder Weihnachtsläden riecht, ein blumiger, zimtiger, kaugummihafter Duft, mit dem man die Welt auf Distanz hält.
Die CIA rief bei Joyce und ihren Geschwistern an, wenn ihr Vater eine Reise vorbereitete. Die Reisen hießen Missions. Sie stellte immer die gleichen Fragen. Sind Sie im Ausland gewesen? Planen Sie, ins Ausland zu gehen? Hatten Sie Besuch aus dem Ausland?
Sie fragte ihren Vater: Warum, Daddy?
Er sagte: Sie wollen sichergehen, dass alles in Ordnung ist, Joyce.
Es ist ein Dialog wie aus "Lassie" oder "Unsere kleine Farm". Das Ausland ist in Joyce' Erinnerungen eine fremde, dunkle Macht. Von hier kam die Gefahr, um die sich die CIA kümmern musste. Joyce war nie im Ausland, sie hat keinen Reisepass. Sie braucht ja keinen. Ihre Hochzeitsreise haben sie nach Ocean City gemacht, einem Badeort in Maryland. Und einmal waren sie auf einer Kreuzfahrt durch die Karibik, da reichte ihre Geburtsurkunde. Born in the U.S.A.
36 Prozent aller Amerikaner besitzen keinen Pass, drei von fünf Bürgern der USA können zudem nicht mal Kanada besuchen. Joyce' Fenster zur Welt sind der Discovery Channel, auf dem sie Sendungen über die gefährlichsten Schlangen Nordamerikas sieht, und die Berichte ihres Mannes, der für seine Kolben- und Dichtungsringfirma in China und Polen war. Von ihm weiß sie, dass man Polen und Chinesen in Sachen Qualität ständig auf die Finger gucken muss. Vor allem den Chinesen.
Ihr Mann sagt, wenn ein amerikanisches Flugzeug abstürzt, kann man sich schlecht damit entschuldigen, dass die Dichtungen aus China kommen. Humor muss sein.
Wenn Joyce eine Bewegung hinter den Lamellen ihrer halbgeschlossenen Jalousien wahrnimmt, schießt sie von der Sesselkante und wirbelt mit erstaunlich flinken Sprüngen über die helle Auslegeware zum Fenster. Die Neuropathie ist dann wie weggeblasen, wahrscheinlich dämpft das Adrenalin die Schmerzen. Ihr Blick ist der eines gejagten Tieres, aber meistens ist es nur falscher Alarm. Einmal schleicht ein Mann am Haus vorbei, der die Markierungen für die Parkplätze erneuern soll. Einmal ist es die Post. Und einmal ist es ein Nachbar, der seine Post holt. Wie ein Backenhörnchen hüpft Joyce Kinsey im Streifenlicht der Jalousien.
Dazu singt sie eine Art Moritat von der Wachsamkeit.
Vom Handy Angela Merkels hat sie nichts gehört, aber sie ist der Meinung, dass derjenige, der ein reines Gewissen hat, nichts befürchten muss. Die Franzosen, sagt sie, überwachen doch auch alle. Wenn sie damit Terrorakte verhindern können, sollen sie alles durchsuchen. Das ist Joyce' Meinung. Und nicht nur ihre. Die Mehrheit der Amerikaner glaubt, dass die Arbeit der NSA dazu beigetragen hat, Terroranschläge zu verhindern. Und noch die Hälfte ist der Meinung, die Überwachung von Telefonaten und Internetkommunikation sei im öffentlichen Interesse.
Am 11. September 2001 war Joyce mit ihren Freundinnen in einem Café in Ellicott City. Schrecklich. Die Bilder wird sie nie vergessen. Sie hatte Käsekuchen. Gab es in Deutschland eigentlich auch schon mal einen Anschlag? Nein. Na, bitte schön. Was sie an Snowdens Akt besonders verwerflich findet, ist die Tatsache, dass er die Terroristen mit Informationen fütterte. Von Obama hält sie gar nichts. Ein richtiger Präsident hätte diesen Verräter schon lange zurück ins Land geholt und seiner Strafe zugeführt. Putin, das hat sie gerade gehört, hat doch auch schon die Nase voll von Snowden, der einfach nicht aufhören kann, für Unruhe zu sorgen. Putin spricht sie so aus, wie Präsident Bush Putin aussprach. Puhhtnn.
Und die Chinesen lachen sich ins Fäustchen.
Warum denn das?
Weil wir alle Schulden bei ihnen haben, sagt Joyce Kinsey.
Die Welt dort draußen ist eine ewige Bedrohung. Nicht umsonst ist Amerika das Land mit dem höchsten Verteidigungshaushalt der Welt. Es gibt mehr Geld für Waffen aus als die folgenden neun Länder zusammengenommen.
Joyce Kinsey hält weiter Wache. Wer soll es denn sonst machen. Ihr Blick verabschiedet Wendy Snowden morgens zur Arbeit und empfängt sie am Feierabend zurück, manchmal kommt die Tochter, aber nur selten, sie ist Anwältin in Washington, sie hat ihr Diplom an der Duke University gemacht, das hat ihr Wendy stolz erzählt, als sie noch miteinander redeten. Duke ist das Harvard des Südens. Zweimal die Woche kommt Snowdens Freundin zu Besuch, die Stangentänzerin. Sie ist aus Laurel, fünf Meilen die Straße hinunter. Ein nettes Mädchen, soweit sie das einschätzen kann, die Haare sind nicht ihr Geschmack, und der Beruf, nun ja, sicher auch eine Art, Geld zu verdienen. Aber sie lacht wenigstens und weicht dem Blick nicht aus wie ihr Freund. Joyce nimmt an, dass sie mit Moskau skypen, beweisen kann sie es nicht, die Vorhänge sind ja nun zu.
Niemand hat die Wohnung der Snowdens je von innen gesehen, selbst die Leute, die sich im Urlaub um ihre Post kümmerten, wurden immer an der Schwelle abgefrühstückt, sagt Joyce Kinsey. Auch seltsam, was? Das Mädchen bleibt immer so fünf, sechs Stunden. Den Vater von Snowden, das einzige Familienmitglied, das sich in den Medien äußert, hat sie hier allerdings noch nie gesehen.
"Der plustert sich jetzt im Fernsehen auf, als der beste Vater der Welt, aber wo war er denn, als Edward ihn brauchte? All die Jahre hat er ihn nicht ein einziges Mal besucht", sagt sie. "Ich hät-te ihn ja gesehen. Ich war ja immer da."
Als die Sonne fällt, wird Joyce unruhig. Ihr Mann kommt in zwei Stunden. Sie muss das Abendbrot vorbereiten. Er ist nicht wählerisch, was das Essen angeht, aber es muss fertig sein. Sie macht Pizza. Der Teig ist aus dem Supermarkt, den Belag macht sie selbst. Sie fängt an, Zwiebeln zu schälen. Morgen ist ihr Reinigungstag, wie jeden Samstag. Der Sonntag gehört dem Football. Ihr Mann ist Fan der Baltimore Ravens. Sie wollte ihm immer mal Tickets für ein Spiel besorgen, aber er bevorzugt den Fernsehsessel. Da hat er den besten Blick und muss sich nicht anstellen, wenn er ein Bier will. Sie wird hinter ihm im Sofa Platz nehmen. Manchmal schläft er ein, sagt sie, weil er so hart arbeitet. Es klingt, als wären das die schönsten Minuten ihres Lebens. Der schlafende, hart arbeitende Mann vorm rauschenden Fernseher, und sie allein auf Wacht. In dieser Woche ist Thanksgiving, sie feiern bei ihrer Schwägerin, sie bringt einen Schinken und eine Terrine Bohnen mit, wie jedes Jahr, und dann beginnt ja auch schon die Weihnachtsvorbereitung. Die Dekoration ist eine wichtige Angelegenheit in den Vorstädten Amerikas. Man kann sich vorstellen, wie ihr Haus leuchtet.
Die Tür fällt ins Schloss. Man sieht keinen Menschen. Es sind 15 Minuten von hier bis zur NSA. Wenn man gut durchkommt, sagt Joyce. Es ist ganz still, nur ein paar Herbstblätter rascheln in den Parkbuchten. ◆
Von Osang, Alexander

DER SPIEGEL 49/2013
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