09.12.2013

Am Ende des Regenbogens

Wie der Afrikanische Nationalkongress das Erbe Nelson Mandelas ruiniert
Schon als Säugling sollen den kleinen Siener van Rensburg seltsame Träume heimgesucht haben, Träume von der Zukunft seines Volkes. 1864 in der heutigen Nordwest-Provinz als Sohn von Buren geboren, sah van Rensburg angeblich Katastrophen und Glücks-fälle voraus - er wurde ein afrikanischer Nostradamus.
Noch heute hat van Rensburg Anhänger, die aus seinen rund 700 überlieferten Visionen Erstaunliches meinen herauslesen zu können: So soll er 1920 für die Zeit nach dem Tod Nelson Mandelas eine "Nag van die lang messe" vorhergesagt haben, eine Nacht der langen Messer, in der die Schwarzen die Buren auslöschen würden.
Eine solche Racheaktion hatten viele Weiße schon gleich nach dem Ende der Apartheid befürchtet. Heute glauben nur noch ausgesprochene Rassisten an so etwas, schreibt der Publizist und weiße Anti-Apartheid-Kämpfer Max du Preez. Außerdem: "Längst haben Klassen-Ressentiments die Rassen-Ressentiments abgelöst."
Fast 20 Jahre nachdem Nelson Mandelas Afrikanischer Nationalkongress ANC die Vorherrschaft der Weißen gebrochen hat, kämpft das Land mit enormen wirtschaftlichen Problemen, verstärkt durch Korruption und Machtmissbrauch. Der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten in Südafrika ist extrem geworden, Dritte Welt und Erste existieren hier Tür an Tür. Experten schätzen die Arbeitslosigkeit auf mehr als 40 Prozent, Tendenz steigend. Und Schuld trägt vor allem der Nationalkongress, er regiert noch immer unangefochten, ist aber auf dem besten Weg, das politische Erbe seines berühmtesten Mitglieds zu verspielen.
Die Partei Mandelas ist moralisch am Ende. Wie tief gespalten ihr Land mittlerweile ist, zeigte sich am deutlichsten, als im August 2012 schwarze Polizisten protestierende schwarze Arbeiter in der Marikana-Mine zusammenschossen. Das Gemetzel mit 36 Toten weckte Erinnerungen an die Massaker des Apartheid-Regimes. Bis jetzt hat die von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission nicht geklärt, wie es zu dem Blutvergießen kommen konnte.
Heute gilt das Kürzel ANC als Synonym für schlechte Amtsführung, für Vetternwirtschaft, Inkompetenz, Bestechlichkeit. Besonders innerhalb der "born free"-Generation - unter jenen jungen Menschen also, die die Zeit der Rassentrennung nicht miterlebt haben - verblasst der historische Nimbus des Sieges über die weißen Buren.
Mandelas Nachfolger als Präsident, Jacob Zuma, steht wie kaum ein anderer für das neue, schlechte Image des ANC: Seine Privatvilla ließ er mit Hubschrauberlandeplatz, Tennis-Courts und anderem Luxus ausstatten, für umgerechnet bis zu 25 Millionen Euro aus Steuergeldern.
Schon vor seinem Amtsantritt stand Zuma, der einst mit Mandela auf Robben Island in Haft gesessen hatte, wegen Vergewaltigung vor Gericht. Ein Korruptionsverfahren wurde gerade noch rechtzeitig vor der Wahl eingestellt. Schlagzeilen machte auch Zumas Empfehlung, dass man nach dem Geschlechtsverkehr nur heiß duschen müsse, um einer HIV-Infektion vorzubeugen.
Trotz allem wählte der ANC Zuma vor einem Jahr mit großer Mehrheit wieder zum Vorsitzenden. Damit ist ihm eine zweite Amtszeit auch als Präsident des Landes praktisch sicher. Innerparteiliche Gegner wie den Vizepräsidenten Kgalema Motlanthe hat Zuma kaltgestellt, seine Gefolgsleute beherrschen den Sicherheitsapparat und wichtige Stellen in der Justiz.
Bis heute hat der Nationalkongress den Sprung in die moderne Demokratie nicht geschafft, er agiert immer noch wie eine konspirative Kampforganisation: Nach außen demonstriert er Einheit, im Innern kennt die Partei keinen offenen Wettstreit der Argumente. Wer auf Wahllisten landet, wer ein lukratives Amt erhält - all das kungeln die Parteioberen aus.
ANC-Leute haben sich Schlüsselpositionen im Staatsapparat und vor allem in der Wirtschaft gesichert. Das ANC-Programm des "Black Economic Empowerment" war einst dafür gedacht, den Schwarzen Teilhabe am nationalen Reichtum zu sichern. Wo immer beispielsweise Schürflizenzen oder öffentliche Aufträge zu vergeben waren, sollten Firmen von Schwarzen bevorzugt werden. Doch in Wirklichkeit wurde dadurch eine kleine Schicht treuer Parteigänger unermesslich reich. In manchen Provinzen würden mehr als 70 Prozent der öffentlichen Aufträge von ANC-Politikern an Verwandte oder Freunde vergeben, schätzen Experten.
Immer wieder decken Zeitungen neue Skandale auf. Deshalb brachte der ANC unlängst ein Gesetz "zum Schutz staatlicher Informationen" durch das Parlament. Dessen Paragrafen sind so elastisch gestaltet, dass kritische Berichterstattung damit unmöglich gemacht werden kann. Aus Protest erschienen Zeitungen wie der eigentlich loyale "Sowetan" mit geschwärzten Seiten. Das Gesetz wurde daraufhin wenigstens teilweise entschärft.
Eine Schmach wurde der Regierungspartei im März in der Zentralafrikanischen Republik beigebracht, als Rebellen dort den korrupten Präsidenten François Bozizé stürzten: Auf dem Weg zu dessen Palast töteten sie 13 südafrikanische Soldaten. Eine Tragödie, aber auch ein Skandal - denn was hatten Südafrikas Kämpfer dort zu suchen?
Die Soldaten seien auf einer Ausbildungsmission gewesen, hieß es offiziell vom ANC. Im Übrigen solle es die Presse unterlassen, "auf die Gräber der toten Soldaten zu urinieren" - etwa indem sie spekuliere, ob der ANC die Männer nicht doch eher entsandt haben könnte, um die Geschäftsinteressen einiger schwarzer Unternehmer in dem rohstoffreichen Land zu sichern.
Noch gewinnt der ANC trotz solcher Vorwürfe landesweite Wahlen, doch kann er sich seiner Mehrheiten immer weniger sicher sein: Die Demokratische Allianz unter Führung der Weißen Helen Zille hat ihm die Provinz um Kapstadt bereits abgejagt.
Mamphela Ramphele, eine populäre Armenärztin, hat angekündigt, 2014 mit der neuen Formation Agang - "Wir bauen auf" - gegen den ANC antreten zu wollen. Die 65-Jährige war einst die Freundin des Anti-Apartheid-Aktivisten Steve Biko. 1977 hatten Polizisten Biko totgeprügelt - und damit die ganze Welt gegen die rassistische Diktatur Südafrikas aufgebracht.
"Die Großartigkeit unserer Gesellschaft wird von massivem Regierungsversagen untergraben", sagt Ramphele: "Unser Land hat die moralische Autorität und den internationalen Respekt verloren, den es genoss, als es eine Demokratie wurde."
Im Mai wandte sich noch ein weite-rer Weggefährte Mandelas von der Partei ab - und das schmerzt besonders, denn der Mann ist selbst eine Legende, eine Autorität. "Ich werde den ANC nicht wiederwählen", sagte Desmond Tutu, Südafrikas schwarzer Erzbischof.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 50/2013
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