09.12.2013

OLYMPIADer Coverboy

Der schwule Eissprinter Blake Skjellerup posiert nackt für Szenemagazine. Bei den Winterspielen in Sotschi will der Provokateur für die Rechte Homosexueller kämpfen.
Wenn sich Blake Skjellerup bei Starbucks einen Kaffee holt, begleiten ihn neuerdings TV-Kameras. Der amerikanische Fernsehsender CNN dreht eine Dokumentation über den Shorttracker, der im Februar bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi starten wird.
Dabei ist Skjellerup kein Champion in seinem Sport. Bei den vergangenen Weltcup-Rennen waren seine besten Platzierungen die Ränge 26 und 29. Er sei "oft pleite", sagt Skjellerup. Er wohnt bei seinem Cousin in Calgary, weil er sich keine eigene Wohnung leisten kann, und fährt jeden Morgen mit dem Bus zum Training. Trotzdem ist er zurzeit ein gefragter Sportler.
Blake Skjellerup, 28, ist schwul und kämpft seit Jahren für die Rechte Homosexueller. Es gibt nicht viele Sportler, die sich so stark politisch engagieren wie er. Weil in Russland im Juni ein umstrittenes Anti-Homosexuellen-Gesetz verabschiedet wurde, wollen jetzt alle von ihm wissen, wie er mit dem Thema bei Olympia umgeht.
Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben: Mit dem Thema hat sich der Sport stets schwergetan. Lesbische und schwule Spitzenathleten bekannten sich früher allenfalls nach dem Ende ihrer Karriere zu ihrer Neigung. Doch die Krusten brechen langsam auf. Inzwischen wagen auch aktive Profis ein Outing, wie zuletzt der Boxer Orlando Cruz aus Puerto Rico, der britische Turmspringer Tom Daley. Nie zuvor jedoch hat sich ein schwuler Sportler derart exponiert und seine Sexualität so zelebriert wie Skjellerup.
Im Sommer, kurz nachdem in Russland das Anti-Homosexuellen-Gesetz erlassen worden war, ließ er sich für das britische Schwulenmagazin "Gay Times" ablichten. Das Heft hob den "Skaterboy" auf sein Cover, es zeigt Skjellerup mit geöffnetem Mund und nackt - nur mit einem Schlittschuh vor dem Schritt.
Seither ist der Neuseeländer eine Ikone der Schwulenbewegung, er gilt als der Athlet, der bei Olympia gegen Putin aufstehen wird.
Das russische Gesetz gegen Homosexualität ist zum großen Thema vor den Winterspielen geworden. Es verbietet "Propaganda unter Minderjährigen für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen". Mit anderen Worten: Wer in Russland zeigt, dass er schwul ist, kann dafür bestraft werden.
Athleten wie Skjellerup könnten den Mund halten, sich auf ihren Wettkampf konzentrieren und danach schnell wieder nach Hause fahren. Die lesbische Skispringerin Daniela Iraschko aus Österreich zum Beispiel, in Sotschi eine Favoritin auf die Goldmedaille, möchte sich lieber nicht zu den Verhältnissen in Russland äußern. Sie werde daran ohnehin nichts ändern können, sagt Iraschko.
Skjellerup sieht das anders. Im November trat er beim Weltcup in Kolomna südöstlich von Moskau an. Aktivisten aus der lokalen Szene erzählten ihm, wie zwei Schwulenhasser vor einem Moskauer Homosexuellen-Club um sich geschossen hatten. Skjellerup war schockiert. Und er ist wütend. Er sagt: "Ich werde mich nicht verleugnen, nicht für irgendein falsches Gesetz und auch nicht für Olympia." Er gehe in Sotschi nicht nur für sein Land an den Start, sondern "auch für alle Homosexuellen, für eine weltweite Gemeinschaft, die hart für ihre Rechte kämpfen muss".
Skjellerup stammt aus Christchurch, einer Stadt auf der Südinsel Neuseelands. Als Zehnjähriger begann er mit dem Eisschnelllaufen, mit 16 realisierte er, dass er wohl nicht auf Mädchen steht. Seine Mitschüler schikanierten ihn, beschimpften ihn als Schwuchtel. "Wenn sie mich verprügelt hätten, okay", sagt Skjellerup, "aber die Sprüche waren die Hölle." Abends im Bett habe er dafür gebetet, am nächsten Morgen als Hetero aufzuwachen. Er wollte, dass es aufhört, aber es hörte natürlich nicht auf.
"Damals dachte ich, Schwulsein und die Olympischen Spiele, die beiden Dinge passen nicht zusammen", sagt Skjellerup, "ich dachte, ein Schwuler kann kein Leistungssportler sein." Trotzdem trainierte er hart. Skjellerup wurde sechsmal neuseeländischer Shorttrack-Meister, startete im Weltcup, 2010 qualifizierte er sich erstmals für Olympia.
Vor den Winterspielen in Vancouver klärte er seine Familie über seine Homosexualität auf. Sein damaliger Freund begleitete ihn zu den Wettkämpfen nach Kanada. Skjellerup belegte über 1000 Meter Platz 16. Nach Olympia outete er sich auch öffentlich, durch ein Interview in einem australischen Magazin. Inzwischen kennt fast jeder in seiner Heimat seine Geschichte. Skjellerup versteht sich als Aktivist. Er besuchte Highschools und erzählte den Schülern, wie er gemobbt wurde, von seiner Zerrissenheit, seinen Ängsten. Als Botschafter von "Athlete Ally", einer Organisation, die Homophobie im Sport bekämpft, hält er Vorträge und beteiligt sich nun auch an einer Kampagne gegen das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz.
Shorttracker sind harte Kerle. Sie kämpfen bei den Rennen mit allen Tricks, manchmal auch mit den Ellenbogen. Die spektakulären Kurvenfahrten bei Tempo 50 enden oft mit Massenstürzen.
Skjellerup wird in Sotschi über 500 Meter starten. Er liebt die Sprintdistanz, man braucht eine gute Technik, Kraft, Mut. Aber seine Ambitionen als Sportler verschwinden hinter seinem politischen Auftrag, der immer größer wird.
Vor eineinhalb Wochen trat er zum Tag der Menschenrechte als Gastdozent an der Universität in Calgary auf. Davor hatte sein Manager zu einem Pressetermin nach London eingeladen. Aus der ganzen Welt kamen Reporter und Fotografen, Skjellerup saß in einem Nebenraum eines Restaurants in der Nähe des Hyde Park. Niemand interessierte sich für seinen Sport, es ging nur um die Kampagne.
Wie sein Protest in Sotschi aussehen werde, wurde er gefragt. Blake Skjellerup, gegelte Haare, gebleichte Zähne, lächelte. Ja, er habe einen Plan. Vor seinem Rennen werde er sich einen Pin in Regenbogenfarben anstecken, es ist das Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung. Über alles Weitere könne er nicht sprechen.
Elf Schwulen- und Lesbenverbände unterstützen den Olympiaauftritt des Shorttrackers. Bei einer Spendenaktion für seine Mission Sotschi kamen 30 000 Dollar zusammen. Die Erwartungen sind riesig.
In der Schwulenszene wird Skjellerup mit Jesse Owens verglichen. Der farbige US-Leichtathlet gewann bei den Sommerspielen 1936 in Berlin vor den Augen Adolf Hitlers vier Goldmedaillen. Nun soll Skjellerup aus Christchurch die russische Politik bloßstellen.
In der Weltrangliste über 500 Meter liegt Skjellerup im Moment auf Platz 50, in dieser Form würde er in Sotschi wohl im Vorlauf ausscheiden, er müsste Olympia durch die Hintertür verlassen, die Kampagne würde untergehen.
Er sagt, es sei höchste Zeit, mit der Vorbereitung zu beginnen.
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 50/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 50/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OLYMPIA:
Der Coverboy

Video 00:58

Tödliche Schüsse in Charlotte Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen

  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Schlepper: Die Ware Mensch" Video 01:56
    Schlepper: Die Ware Mensch
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste
  • Video "Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: Wie eine tickende Zeitbombe!" Video 02:38
    Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: "Wie eine tickende Zeitbombe!"
  • Video "Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern" Video 08:02
    Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern
  • Video "Razzia in Polen: Polizei hebt Potenzpillen-Großlabor aus" Video 00:49
    Razzia in Polen: Polizei hebt Potenzpillen-Großlabor aus
  • Video "Brennpunkt Calais: Polizei setzt Tränengas gegen Flüchtlinge ein" Video 01:42
    Brennpunkt Calais: Polizei setzt Tränengas gegen Flüchtlinge ein
  • Video "North Carolina: Protest gegen Polizeigewalt eskaliert" Video 01:14
    North Carolina: Protest gegen Polizeigewalt eskaliert