16.12.2013

TREIBHAUS BERLINBlondinen-Falle

Mein besonderer Dank gilt in dieser Woche Helle Thorning-Schmidt, der dänischen Ministerpräsidentin. Sie hat unserer Bundeskanzlerin einen großen Dienst erwiesen und damit natürlich ganz Deutschland.
Merkel hat lange gebrütet, wie sie Barack Obama heimzahlen kann, dass ein amerikanischer Geheimdienst ihr Handy abhören durfte. Sie wollte keine plumpe Rache. Als Wissenschaftlerin wollte sie etwas Ausgeklügeltes, eine Strafe, die mit der Untat in Verbindung steht. Es war nicht so leicht, etwas zu finden. Dann kam sie auf Thorning-Schmidt.
Ich habe hin und wieder gesehen, wie unsere Bundeskanzlerin die Dänin bei Gipfeln in Brüssel beobachtete. Thorning-Schmidt, genannt "die schöne Helle", ist dort immer der Star, bevor die Sitzung beginnt. Einige der männlichen Staats- und Regierungschefs übertreffen sich an Galanterie, um ihr zu gefallen. Thorning-Schmidt reagiert darauf mit blondinenhafter Koketterie.
Während die Dänin vorher die Komplimente absahnt, muss sich Merkel in den Sitzungen mit widerspenstigen Kollegen herumschlagen, vor allem mit David Cameron, dem britischen Premierminister, der nie richtig mitmachen will. Cameron, Thorning-Schmidt, Obama, das sind die Kollegen, über die sich unsere Bundeskanzlerin seit einiger Zeit ihre Gedanken macht, nicht die allerschönsten, was vor allem für Obama gilt. Dann kam die Trauerfeier für Nelson Mandela und für Merkel die Stunde der Rache.
Es gibt eine politische Disziplin, die heißt taktisches Fernbleiben. Ein Beispiel ist die "Politik des leeren Stuhls", mit der Frankreich in den sechziger Jahren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft aushebelte. In diese Tradition stellt sich nun Merkel.
Sie schaute sich die Sitzordnung für die Trauerfeier in Südafrika an und entdeckte ihre Chance. Wenn sie fernbliebe, würden Cameron, Thorning-Schmidt und Obama nebeneinandersitzen. Merkel konnte sich ausmalen, was dann passieren würde, und sagte ab. Die Falle schnappte zu, so macht man Weltpolitik.
Cameron, Thorning-Schmidt und Obama waren trotz des traurigen Anlasses bald munterster Stimmung und flirteten heftig. Michelle Obama saß daneben und zog eine gewaltige Flunsch der Eifersucht.
Das alles konnte die ganze Welt sehen, denn Fotografen haben die Szene eingefangen. Merkels Plan wurde so vollendet. Obama widerfuhr das, was der amerikanische Geheimdienst unserer Bundeskanzlerin und Millionen anderen angetan hatte.
So wie niemand möchte, dass sein Handy abgehört wird, dass seine Mails mitgelesen werden, so möchte ein Obama nicht bei einem Flirt auf einer Trauerfeier beobachtet werden. Naiverweise dachte er wohl, sicher zu sein. Aber so naiv waren wir lange ja auch. Inzwischen haben wir erkannt: Es gibt keinen intimen Austausch mehr. Wie unangenehm das ist, weiß jetzt auch der amerikanische Präsident. Alle drei stehen blöd da: die großäugelnde Thorning-Schmidt, die gockelhaften Kavaliere Obama und Cameron - das lustige Trio von der Trauerfeier. Merkel hat ihre Genugtuung, am meisten wahrscheinlich durch den Rückflug nach Washington. Da musste Obama sehr lange auf kleinstem Raum mit seiner Michelle klarkommen. Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 51/2013
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