16.12.2013

FINANZINDUSTRIE

Die Macho-Falle

Von Seith, Anne

Die Chefetagen der Wall Street werden von Männern beherrscht, daran hat auch die Finanzkrise nichts geändert. Viele Frauen resignieren, die Branche verliert wertvolle Talente.

Wenn die Investmentbankerin Ginny Clark vom ersten Handelsgeschäft ihres Lebens spricht, klingt ihre Stimme weich, als wäre sie frisch verliebt.

Damals, als sie ihre ersten Lektionen an der Wall Street lernte, bat ein Kunde sie, 800 000 Aktien auf einen Schlag für ihn zu kaufen. "Meine Kollegen wurden ganz hysterisch", sagt die 70-Jährige mit dem blonden Pagenkopf und dem eleganten Designerkleid. "10 000 waren in diesen Zeiten schon eine große Nummer."

Clark liebt die Aufregung des Geschäfts und seine Schnelligkeit noch immer. Bei einer kleinen Brokerfirma in Manhattan hockt sie jeden Tag vor dem Computerbildschirm, wenn am New Yorker Aktienmarkt der Handel eingeläutet wird. Vor ihrem Schreibtisch steht ein Fitnessfahrrad, auf dem sie eigentlich täglich sitzen sollte. Arthritis. Die Kurse und Zahlenkolonnen auf ihren Bildschirmen findet Clark jedoch spannender. "Handel passiert in Minuten, in Sekunden", sagt sie. "Ein Gang zur Toilette kann da schon sehr teuer werden."

Dank dieser wilden Begeisterung für das Geschäft hat Clark eine rasante Karriere vorzuweisen, bei berüchtigten Investmentbanken wie Salomon Brothers und Merrill Lynch. Damit ist sie in New York nicht nur eine Legende, sondern bis heute die absolute Ausnahme.

Denn in den obersten Etagen der Wall Street und den Handelsräumen der Branche, dort also, wo das richtig große Geld bewegt wird, ist die Zahl der Frauen anhaltend gering. Und ihre Aussichten sind seit der Finanzkrise eher schlechter denn besser geworden.

Während Konzerne wie der Getränkehersteller PepsiCo oder der Internetriese Yahoo mittlerweile wie selbstverständlich von Frauen geführt werden, sind die Chefsessel der großen US-Banken ausschließlich mit Männern besetzt. Der Frauenanteil in den obersten Führungsgremien von Versicherern und Banken ist zwischen 2012 und 2013 nach Zahlen der Non-Profit-Organisation Catalyst von 18,6 auf 17,6 Prozent gesunken.

Und bei einer Umfrage der Vermögensverwaltung RegentAtlantic Capital unter 700 Frauen gaben 47 Prozent der Befragten an, ihre Aufstiegschancen hätten sich seit der Finanzkrise verschlechtert. Vor zwei Jahren sagten das lediglich 43 Prozent.

Der ungebrochene Macho-Kult wird für die Branche zum Problem, weil Frauen nicht selten die vorsichtigeren Banker sind. Etliche Studien haben gezeigt, dass weibliche Finanzmanager tendenziell risikoscheuer sind als männliche Kollegen. Das ist ein Vorteil in einer Branche, die wieder mehr Wert auf Solidität und Sicherheit legt als auf den Drang nach der schnellen Rendite.

Das beste Erfolgsrezept seien Chefetagen, in denen Manager unterschiedlicher Herkunft und beiderlei Geschlechts sitzen, sagt auch Mary Schapiro, von 2009 bis 2012 Chefin der Finanzaufsicht SEC. "Sie schneiden nach fast allen Maßstäben besser ab - Leistungsfähigkeit, verantwortliches Handeln, Aktienkursentwicklung, Rendite."

Der Frauenmangel an der Wall Street hat inzwischen sogar Bankenaufseher auf den Plan gerufen: Sechs US-Kontrollbehörden wollen gemeinsame Standards für die Industrie erarbeiten. Doch können wohlfeile Erklärungen und Anreizprogramme wirklich etwas ausrichten?

Schließlich umgarnen Banken ihre weiblichen Mitarbeiter schon jetzt mit Zusatzangeboten wie Frauenclubs oder Notfalldiensten für die Kinderbetreuung. Selbst Zuschüsse für Fitness- und Weight-Watchers-Programme gibt es.

Die meisten Bankchefs "würden sich krummlegen, um mehr Frauen in die Führungszirkel zu bekommen", versichert Karen Peetz, die mit dem Titel einer "Präsidentin" bei der 50 000-Mitarbeiter-Bank BNY Mellon unter anderem das weltweite Kundenmanagement und das globale strategische Wachstum leitet.

Im Alltag tun sich viele aber schwer, die guten Vorsätze umzusetzen. "Ich glaube, es gibt eine Tendenz unter Managern, Mitarbeiter einzustellen, mit denen sie sich wohlfühlen - die ihnen ähnlich sind", sagt Ex-SEC-Chefin Schapiro.

Gerade in Krisenzeiten sind es deshalb auch oft Frauen, die als Erste gehen müssen. Boris Groysberg von der Harvard Business School hat das anhand des Börsen-Crashs von 1987 nachgewiesen. Seitdem habe sich in der Branche "nicht wirklich etwas verändert", sagt er.

In der vergangenen Finanzkrise mussten erneut etliche weibliche Stars der Branche ihren Schreibtisch räumen - was die Aussicht auf eine Frau an der Spitze einer US-Großbank erneut in weite Ferne rücken ließ.

Erin Callan, einstige Kaderfrau der Investmentbank Lehman Brothers, wurde etwa 2008 kurzfristig als Finanzchefin eingesetzt, weil kein anderer den Job machen wollte. Zoe Cruz, die Kronprinzessin von Morgan Stanley und "Cruz Missile" genannt, musste abtreten, nachdem das Haus 2007 einen Verlust von 3,7 Milliarden Dollar verkündet hatte.

Sallie Krawcheck, vom "Forbes"-Magazin 2006 noch zu den zehn mächtigsten Frauen der Welt gezählt, wurde in der Finanzkrise gleich zweimal vor die Tür gesetzt. Sie galt als Star der Branche, befehligte schon mit Ende dreißig mehr als 10 000 Broker bei der Citigroup. 2004 wurde sie Finanzchefin des Bankenriesen. Dann verbrannten hauseigene Hedgefonds der Citi die Vermögen etlicher Kunden.

Nach schlaflosen Nächten fing Krawcheck schließlich an, intern für Entschädigungszahlungen zu streiten. "Den Kampf gewann ich, meinen Job verlor ich", fasst sie die Konsequenzen zusammen. Die Bank schweigt dazu.

2011 musste Krawcheck dann den nächsten Posten räumen: Nach zwei Jahren als Chefin der Vermögensverwaltung der Bank of America wurde ihre Stelle im Zuge einer Umstrukturierung wieder gestrichen.

Krawcheck, die mittlerweile das Frauen-Networking-Unternehmen "85 Broads" gekauft hat, analysiert die damaligen Vorkommnisse ähnlich nüchtern wie einst ihre Geschäftszahlen. Es gehe in der Branche vor allem um eins, sagt sie: Allianzen schmieden, Förderer finden. "Wenn ich einen hatte, hat das meine Karriere extrem beschleunigt", sagt sie. "Bei der Bank of America hatte ich keinen."

Auch heute noch unterschätzten viele Frauen die Bedeutung solch interner Beschützer, sagt Jane Newton. Die 53-Jährige war 17 Jahre bei JPMorgan, ist mittlerweile Partnerin bei der Vermögensverwaltung RegentAtlantic und hat für die Firma vor vier Jahren die Veranstaltungsreihe Wall Street Women Forum aufgebaut. Vor dem letzten Treffen gaben nur klägliche 20 Prozent der 700 Teilnehmerinnen auf Nachfrage an, aktive Unterstützer in ihrem Berufsleben auf ihrer Seite zu haben. "Bei Männern haben das mehr als die Hälfte", sagt Newton.

"Studien legen nahe, dass Minderheiten in schwierigen Zeiten den Kürzeren ziehen", warnt auch Ex-Bankerin Krawcheck. "Natürlich sagt keiner: Lasst uns die Frauen loswerden", fügt sie hinzu. Aber wenn das Klima im Unternehmen rauer werde, umgäben sich Manager mit ihresgleichen. Um sich gemeinsam zu "verschanzen".

Denn die Sitten der Branche sind traditionell ruppig, vor allem dort, wo die wirklich großen Summen bewegt werden: "Es ist ein Umfeld, in dem Aggressivität belohnt wird", sagt die 39-jährige Bankenanalystin eines New Yorker Hedgefonds. "Ich wurde permanent auf die Probe gestellt", sagt auch Händlerinnen-Legende Clark über ihre Karriere.

Als sie begann, zeigten die Wall-Street-Männer ihre Vorbehalte noch völlig unverhohlen. Kollegen schenkten ihr ein lebendes Kaninchen, um sie an ihre vermeintlichen Pflichten als Frau zu erinnern. Ein Chef forderte sie bei einer Geschäftsreise mit eindeutigen Absichten auf, abends in sein Hotelzimmer zu kommen - dies sei der einzige Weg zur Beförderung. Als Clark bei der Investmentbank Merrill Lynch neu anfing, baute sich ihr neuer Vorgesetzter im Handelssaal direkt vor ihrem Schreibtisch auf. Nackt.

So offen würde sich heute niemand mehr trauen, seine Frauenfeindlichkeit zu zeigen, zu streng sind inzwischen die Richtlinien. Aus Angst vor Millionenklagen sind heute sogar Komplimente über Kleidung oder Schuhe in vielen Finanzfirmen tabu, es gibt massenhaft Seminare zum richtigen Umgang mit der sogenannten "Geschlechtervielfalt".

Dass sich an den grundsätzlichen Denkweisen trotzdem wenig geändert hat, zeigen Auftritte wie der des milliardenschweren Hedgefonds-Managers Paul Tudor Jones auf einer Universitätsveranstaltung: Wenn Frauen Kinder bekämen, seien sie für die Branche verloren, erklärte der Vater dreier Töchtern da. "Sobald die Lippen des Babys die Mädchenbrust berühren, kannst du es vergessen."

Zwar ließ seine Entschuldigung nicht lange auf sich warten. "Lasst es bleiben", lautete dennoch der klare Rat eines Wagniskapital-Investors, als eine Studentin der Harvard Business School um Tipps bat, wie man am besten in die Branche einsteigt. Männliche Kollegen wollten Frauen dort schlicht nicht haben.

Um Frauen schon an der Uni besser zu vernetzen und zu fördern, rief Harvard-Präsidentin Drew Gilpin Faust vor drei Jahren ein Coaching- und Unterstützungsprogramm für weibliche Studenten ins Leben. Diese lernen seither von Anfang an, wie sie sich im Unterricht Gehör verschaffen können.

Stenografen protokollieren außerdem den Unterrichtsverlauf, um zu verhindern, dass Frauen benachteiligt werden. Die Maßnahmen für die MBA-Anwärterinnen, die oft schon jahrelange Berufserfahrung mitbringen, mögen teilweise skurril wirken: Die Leistungen der Studentinnen schnellten binnen kürzester Zeit trotzdem nach oben.

Dabei behindern nicht nur die Vorurteile der Umwelt Frauen bei der Karriere. Oft treten die weiblichen Bewerber schlicht zu wenig selbstbewusst auf, so zeigen Studien. Gerade in der Finanzindustrie sei das ein Schlüsselproblem, sagt Bankmanagerin Peetz. "Frauen nehmen sich selbst nicht früh genug als Führungspersönlichkeiten wahr."

Hinzu kämen die extremen Anforderungen des Jobs, mit vielen Reisen und Überstunden, sagt sie. "Ein 12-Stunden-Tag ist das Minimum bei mir, 16-Stunden-Tage sind nicht ungewöhnlich." Gerade das atemlose Tempo der Finanzindustrie macht das Familienleben zumindest schwierig.

Ex-Bankerin Krawcheck erhielt selbst im Wochenbett per Telefon noch Arbeitsaufträge von ihrem damaligen Chef und saß kurz darauf mit dem Säugling auf dem Arm am Computer. Und Ruth Porat, heute Finanzchefin von Morgan Stanley, soll ihre letzten Telefonate vor der Geburt ihres ersten Kindes noch im Kreißsaal geführt haben, versichern Kollegen.

Wie zehrend der tägliche Irrsinn der Branche sein kann, zeigt das ernüchternde Fazit von Ex-Lehman-Bankerin Callan. Fünf Jahre nach ihrem Abschied aus der Branche beschrieb sie in der "New York Times", wie ihre Tage im Laufe der Jahre immer länger wurden, "bis Arbeit alles war, was noch da war". Sie wünsche das niemandem.


DER SPIEGEL 51/2013
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