21.12.2013

ZEITGESCHICHTE Mord auf der Krim

Ehrt die Bundeswehr Hans Graf von Sponeck zu Recht als Hitler-Gegner? Ein Historiker beschuldigt den General des Kriegsverbrechens.
Unter den gut 3000 Generälen und Admirälen in Hitlers Wehrmacht gab es nicht viele, die das Zeug zum Helden hatten. Hans Graf von Sponeck war einer von ihnen; im Ersten Weltkrieg hochdekoriert, seit 1940 Ritterkreuzträger. Und sein Auftritt am 29. Dezember 1941 hatte gar militärhistorische Bedeutung.
Sponeck befahl damals das XXXXII. Armeekorps auf der Halbinsel Kertsch, dem östlichen Teil der Krim. Der Vormarsch auf Moskau war gescheitert, die Rote Armee hatte mit dem Gegenangriff begonnen, und Hitler verlangte "fanatischen Widerstand".
Mehrfach bat der kleine, drahtige Generalleutnant um Erlaubnis zum Rückzug. Er fürchtete, die Rote Armee werde seine Truppen einkesseln. Schließlich befahl Sponeck die Räumung von Kertsch auf eigene Faust - und rettete damit Tausenden Soldaten das Leben.
Hitler hingegen tobte und ließ den widerspenstigen Militär durch das Reichskriegsgericht wegen "fahrlässigen Ungehorsams im Felde" zum Tode verurteilen. Zwar wandelte der Diktator die Strafe zunächst in sechs Jahre Festungshaft um, doch nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der General erschossen.
Sponecks Mut und der Zeitpunkt seiner Ermordung brachten ihm in der Bundesrepublik den Ruf ein, dem Widerstand nahegestanden zu haben. In Bremen und Germersheim tragen Straßen Sponecks Namen; in Neustrelitz und Bremen erinnern eine Gedenktafel und ein Stolperstein daran, dass er einst dort wohnte.
Die Bundeswehr präsentiert den aus Düsseldorf stammenden General gar als Verkörperung ihres Ideals des selbständig handelnden und seinem Gewissen verpflichteten Offiziers. Bis heute taucht Sponeck auf diese Weise in Publikationen des Verteidigungsministeriums auf. 1966 wurde sogar die Kaserne in Germersheim nach ihm benannt. Dort werden Offiziersanwärter und Rekruten der Luftwaffe ausgebildet.
Ob die jungen Männer sich den Namen Sponeck noch lange werden merken müssen, ist allerdings zweifelhaft. Der US-Historiker Erik Grimmer-Solem veröffentlicht in der neuesten Ausgabe der "Militärgeschichtlichen Zeitschrift" einen Aufsatz, der Sponecks Vorbildfunktion in Frage stellt: Der General habe Hitlers Weltanschauungskrieg gegen die Sowjetunion gebilligt und trage für zahlreiche Verbrechen die "Mitverantwortung". Daran bestehe "kaum Zweifel".
Mit Grimmer-Solems Aufsatz erreicht eine überfällige Debatte die Öffentlichkeit. Der Amerikaner ist nämlich nicht der Erste, der Sponecks Geschichte verfolgt hat. Nach Recherchen des SPIEGEL hat ein Major der Luftwaffe die belastenden Dokumente im Freiburger Militärarchiv bereits vor knapp zehn Jahren eingesehen. Sein Urteil fiel noch eindeutiger aus als das von Grimmer-Solem. Der Major schrieb dem damaligen Chef des Luftwaffenamts, Sponecks "Mitwisserschaft/Beteiligung an Kriegsverbrechen" stünde "außer Frage". Eine Umbenennung der Kaserne sei unvermeidbar. Doch der Vorstoß verpuffte, der Vorgang blieb geheim.
Es geht um die Monate zwischen dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 und dem Prozess gegen Sponeck Anfang 1942. Bislang nahmen Historiker an, Sponeck sei in dieser Zeit krank ausgefallen. In der Tat litt der Adelige an Ischiasbeschwerden, auch sein Darm quälte ihn. Doch er fehlte nur einige Wochen.
Sponeck unterstand zunächst die 22. Infanterie-Division, die durch die Ukraine auf die Krim vorstieß. Wie überall an der Ostfront ging der Vormarsch mit unzähligen Verbrechen einher. Jüdische Familien wurden erschossen, Kommissare der Roten Armee ermordet, Zivilisten als Geiseln gegen Partisanenangriffe genommen - und umgebracht.
Nun waren die Mörder zumeist nicht Soldaten, sondern kamen aus den Kommandos der Sicherheitspolizei und des sogenannten Sicherheitsdienstes (SD) der SS. Doch Sponeck und Untergebene arbeiteten ihnen zu. So befahl das Divisionskommando, gefangene jüdische Rotarmisten zu erfassen und an SD und Sicherheitspolizei "abzusondern". In dem Befehl ist von "ostischer Mentalität" die Rede; Dolmetscher sollten "als Herrenmensch auftreten". Eine "Ohrfeige usw." könnte "Wunder wirken". Anfang Oktober 1941 ordnete Sponeck persönlich an, verdächtige Zivilisten an SD und Sicherheitspolizei zu übergeben.
Auf der Krim befahl er für das Einsatzgebiet des XXXXII. Armeekorps, alle Juden, also auch Frauen und wohl auch Kinder, "mit Davidstern auf Brust und Rücken kenntlich zu machen" und zur Zwangsarbeit heranzuziehen. Aufgegriffene Rotarmisten oder Partisanen sollten ohne Prozess erschossen werden. Mindestens einen Kommissar ermordeten Soldaten der Division auch selbst.
Zwar handelte Sponeck vielfach in Übereinstimmung mit Befehlen übergeordneter Stellen; doch deren völkerrechtswidriger Charakter war offenkundig. Vor allem aber spricht Sponecks unbestrittene Heldentat von der Halbinsel Kertsch gegen ihn. Er hatte den Mut, sich gegen Hitler aufzulehnen, aber die Verbrechen im Osten waren ihm offenbar nicht wichtig genug, um auch dagegen zu protestieren; billigte er sie sogar?
Vor der Hinrichtung 1944 schrieb er jedenfalls im Abschiedsbrief an seine Frau, er habe "niemals weder gegen den Führer noch gegen den Staat irgendetwas unternommen, was ihnen zum Schaden gereicht oder abträglich ist".
Ein offenbar wahrhaftiger Satz.
Von Wiegrefe, Klaus

DER SPIEGEL 52/2013
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