21.12.2013

WOHLTÄTIGKEITAnsturm der Armen

In vielen Städten fällt es den Tafeln schwer, ihre stetig wachsende Kundschaft noch zu versorgen. Mittlerweile verabschieden sich Anbieter von ihrer Gratis-Strategie.
Mitte Oktober in einem Gemeindesaal in Wetzlar: Rund 200 Besucher sitzen in engen Stuhlreihen, lehnen mit verschränkten Armen und düsterer Miene an den Wänden, stehen vor der geöffneten Saaltür, um wenigstens ein paar Wortfetzen mitzuhören von jener Veranstaltung, mit der sie so viele Hoffnungen verbinden. Einige stehen symbolisch unter aufgespannten Schirmen mit dem Motto: Lasst uns nicht im Regen stehen.
Es geht an diesem Abend in der hessischen Stadt nicht um die Zukunft eines mittelständischen Unternehmens oder um Studiengebühren, es geht um die Gratis-Angebote der Wetzlarer Tafel. Die Organisation braucht dringend Geld für Fuhrpark und Helfer. Rund 4200 Hartz-IV-Empfänger, Asylbewerber und andere Bedürftige hängen quasi am Tropf der wohltätigen Organisation. "Wir kommen allein nicht mehr klar", ruft ihr Leiter Harald Würges in den Saal, "wir brauchen eine Lösung, damit wir nicht verhungern."
Derlei markige Wortmeldungen gibt es etliche an diesem Abend, und sie hinterlassen Eindruck bei den Kommunalpolitikern, die an einem langen Tisch sitzen. Anfang Dezember sagt die Stadt Wetzlar 14 000 Euro für die Tafel zu. "Das ist ein guter Anfang", meint Würges, "aber ganz über den Berg sind wir damit noch nicht."
Die Angst um die Zukunft einer Idee verbindet Würges mit vielen anderen Vertretern der 917 deutschen Tafeln. Quer durch die Republik schlagen die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter Alarm, weil die Spendengelder nicht mehr ausreichen für Lagerräume, Lieferwagen und Mieten. Außerdem gerät mancherorts der Lebensmittelnachschub ins Stocken. In Hamburg etwa mussten in den vergangenen Wochen bereits Bedürftige abgewiesen werden.
Tafel-Mitarbeiter erklären die Notlage in erster Linie damit, dass immer mehr Menschen auf die Gratis-Unterstützung angewiesen seien; außerdem sei die Hemmschwelle gesunken, sich zu seiner Armut öffentlich zu bekennen und die Ausgabestellen aufzusuchen.
Doch die zunehmende Zahl der Tafel-Besucher ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Tafel-Bewegung hat sich auch Fehler geleistet, die selbst ein gestandenes Wirtschaftsunternehmen in die Knie zwingen könnten: zu schnelles Wachstum und eine Abkehr vom Kerngeschäft.
Mancherorts übernahmen die Wohltätigkeitsvereine Aufgaben des Sozialstaats. Ob in Wetzlar oder Wuppertal, in Bochum oder Hamburg: In vielen Städten wurden die Angebote ausgeweitet, gibt es bei der Tafel nicht nur Kartoffeln und Tomaten, sondern Bewerbungstrainings für Hartz-IV-Empfänger, Kochkurse oder Kinderbetreuung für alleinerziehende Mütter.
Mit jener rührigen Feierabend-Initiative, die vor zwei Jahrzehnten in größeren Städten entstand, hat die Tafel-Bewegung oft nur noch wenig gemein. Damals zogen ein paar Menschen mit Privatautos und Körben los, um in Supermärkten und gastronomischen Betrieben Lebensmittel für Bedürftige einzusammeln: Brot vom Vortag, Obst mit kleinen Schönheitsfehlern, Molkereiprodukte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum nahte. Sie wollten etwas Gutes tun, Pensionäre, Hausfrauen, Arbeitslose, Unternehmergattinnen, sie wollten anpacken, helfen. In Berichten über sie war von Almosen die Rede, von Armenspeisung, vom unteren Rand der Gesellschaft. Es war ein Nischenprojekt.
Doch dann kam Hartz IV.
Aufgewühlt von Reportagen über die Grausamkeiten der neuen Gesetzgebung gründeten wohlmeinende Bürger überall in Deutschland Tafel-Vereine, sogar in Dörfern mit nicht einmal 10 000 Einwohnern und einer Erwerbslosenquote von unter fünf Prozent. So wuchs die Tafel zu einem Sozial-Giganten mit heute 60 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern, Fuhrparks und rund 3000 Ausgabestellen heran - ein Filialnetz, das dichter ist als das der Billigmarktkette Penny.
Angebot und Nachfrage schaukelten sich hoch. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Menschen, die regelmäßig kostenlos oder gegen einen geringen Obolus versorgt werden, auf knapp 1,5 Millionen erhöht und damit in etwa verdoppelt.
Das wäre kaum dramatisch, wenn die Spenden der Lebensmittelhändler im gleichen Maße gestiegen wären. Doch große Supermarktketten und kleine Lebensmittelgeschäfte planen professioneller, sortieren viel weniger aus und verkaufen Waren, die bald ablaufen, für einen niedrigen Preis. "Obst und Gemüse" landeten noch genügend in den Lieferwagen, sagt Heike Vongehr, Chefin der 1994 gegründeten Düsseldorfer Tafel. Bei Nudeln, Molkereiprodukten und Fleischwaren jedoch verknappe sich das Angebot von Jahr zu Jahr. Dabei seien genau das die Waren, die Tafel-Kunden stark nachfragten.
Vongehr, 70, ist eine Pionierin der Bewegung - und sie befürchtet, dass sich die Situation in den kommenden Jahren noch verschärft. Unter anderem, weil in Düsseldorf und anderen Universitätsstädten auch immer mehr Studenten die Tafel in Anspruch nehmen. Ihnen die Leistung zu verweigern wäre ungerecht: Rein statistisch betrachtet, verfügt der durchschnittliche Hochschüler in Deutschland über 864 Euro im Monat. Er gilt damit gemäß den Kriterien des Statistischen Bundesamts genauso als "armutsgefährdet" wie Hartz-IV-Empfänger oder viele Rentner.
Mit Sorge beobachten die Tafel-Verantwortlichen auch, dass von Beginn kommenden Jahres an die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen gilt. "Da kommt einiges auf uns zu", glaubt Vongehr. Eine Möglichkeit sei es, allen Kunden ein bisschen weniger zu geben. Doch die Düsseldorferin weiß, dass diese Lösung heikel ist: Schon jetzt gibt es mancherorts Beschwerden über das Angebot. Weil es bei der Ausgabe zuweilen ruppig zugeht, wurden Tafel-Mitarbeiter in Berlin schon zu Seminaren in Konfliktmanagement geschickt.
Etwas entspannen ließe sich die Situation, wenn die einzelnen Tafeln die eingesammelten Lebensmittel besser untereinander aufteilen würden. In manchen Regionen liefern sich Tafeln und andere wohltätige Organisationen sogar einen Konkurrenzkampf um die Gunst der Lebensmittelhändler. Wer verliert, muss seine Kunden mit Mini-Portionen nach Hause schicken. Wer gewinnt, kann seine Produktpalette weiter ausbauen.
Einer, der seine Kunden bestens bedient, ist Wolfgang Nielsen. Morgens um neun Uhr hat der Vorsitzende der Wuppertaler Tafel zum Rundgang über das weitläufige Gelände der Organisation im Stadtteil Barmen geladen. Als Erstes steuert er die Kantine an. Sie ist fast so groß wie eine Turnhalle, aus den Lautsprechern erklingt dezent Schlagermusik, am Frühstücksbuffet haben die Gäste die Wahl unter neun Wurst- und Käsesorten. Und weil die Zusammenarbeit mit den örtlichen Backstuben, wie Nielsen voll Begeisterung erwähnt, "ganz toll" laufe, gebe es bei der Wuppertaler Tafel "die beste Brot- und Kuchenauswahl im Bergischen Land".
Wer sich hier nach dem Aufstehen satt essen will, muss keinen Cent bezahlen und sich auch nicht als Hartz-IV-Empfänger oder Niedriglöhner ausweisen. Theoretisch kann jeder Bürger der Stadt kommen und direkt bis zum Mittagessen bleiben: Das ist ab zwölf Uhr angerichtet und ebenfalls gratis, genauso wie das Abendessen.
Nielsen, 63, und seine Leute geben in ihrer Kantine an jedem Tag der Woche "um die 1000 Portionen" aus und betreiben eine separate "Kindertafel": Dort können Hartz-IV-Empfänger und andere als bedürftig geltende Eltern nach der Schule ihren Nachwuchs betreuen lassen. "Das Angebot ist beliebt", sagt Nielsen. Wer selbst für die Kinder kochen will, bekommt natürlich auch Lebensmittel mit nach Hause. Nielsen erzählt, dass die Kriminalitätsrate in Wuppertal durch die Tafel gesunken sei: Seit die Menschen kostenlos bei der Tafel essen könnten, gebe es viel weniger Ladendiebstähle, berichte die Polizei.
Rund 500 Kilometer entfernt sitzt Jochen Brühl, der neue Vorsitzende des Tafel-Bundesverbands, in einem Konferenzraum in Berlin und fremdelt ein bisschen mit der Wuppertaler All-inclusive-Welt. Eigentlich, gibt er zu bedenken, sollte die Tafel "kein Vollversorger" sein. Der 47-Jährige stellt fest, dass "die Versorgungslage regional sehr unterschiedlich" sei. Besonders im Osten der Republik falle es inzwischen schwer, alle Kunden zu bedienen.
Brühl und seine Kollegen beim Bundesverband mühen sich um eine zukunftsfähige Struktur. Sie betreiben Öffentlichkeitsarbeit, betreuen Großlieferanten wie Lidl oder Rewe und schulen Ehrenamtliche in Spendenakquise. Weisungsbefugt gegenüber den Tafeln vor Ort sind sie so gut wie gar nicht.
Brühl hat gute Erfahrungen mit einem Modell gemacht, das in seiner Heimat-Tafel im schwäbischen Ludwigsburg praktiziert wird: Dort gibt es, ähnlich wie mittlerweile bei etlichen anderen baden-württembergischen Tafeln, keine Gratis-Lebensmittel mehr.
Jede Ware hat einen eigenen Preis: Der Joghurtbecher geht für 5 Cent über die Theke, das Brot für 20, eine Portion Obst für 30 Cent. Die Erfahrungen mit dem neuen System seien "durchweg positiv", sagt Brühl. Unter anderem darum, weil die Tafel-Besucher nun echte Kunden seien.
Auch in München haben sich die Chefs von alten Tafel-Grundsätzen verabschiedet. Bisher galt eigentlich die Regel: nur verteilen, was Lebensmittelproduzenten, Supermärkte und andere Händler nicht mehr verkaufen wollen. Um das Niveau für die wöchentlich rund 18 000 Kunden zu halten, sieht man sich in der bayerischen Metropole zu einem Weg gezwungen, der früher mal als Verrat an der Idee geächtet wurde: Lebensmittel werden im großen Stil zugekauft - finanziert aus Spendengeldern.
Von Kleinhubbert, Guido

DER SPIEGEL 52/2013
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