21.12.2013

TV-SHOWSWünsch dir Spaß

Der deutschen Fernsehunterhaltung fehlen frische Gesichter und Ideen für neue Shows. Nicht nur ARD und ZDF, sondern auch Privatsender wie RTL, das im Januar 30. Geburtstag feiert, sehen gerade ziemlich alt aus.
Die Krise hat ein Gesicht. Es ist das Gesicht von Oliver Pocher. Pocher ist überall und steht für nichts.
Bei RTL war er dieses Jahr zu sehen mit "Alle auf den Kleinen" und "5 gegen Jauch", auf Sat.1 mit "Mein Mann kann" und "Der große Führerschein-Test". Nach dem Ende seines Vertrags mit Sky beschäftigt ihn nun Kabel Eins als Fußballreporter.
Dabei sprechen weder die Quoten noch seine Auftritte für Pocher. "Promi Big Brother", das er und Cindy aus Marzahn im September präsentierten, gilt bei Sat.1 als Ärgernis des Jahres, wobei Pocher nicht das einzige Problem des lieblos zusammengeschusterten Dschungelcamp-Imitats war. Zur Meisterschaft trieb er das Vergeigen von Moderationen eine Woche später bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, wo er nicht einmal die Namen der prämierten Sendungen parat hatte und sich bei Pointen selbst dann verhaspelte, wenn er sie ablas.
Bei ProSieben machte daraufhin der Scherz die Runde, man könnte den Sender bewerben mit: "garantiert Pocher-frei".
Den gediegenen Herrschaften an den Spitzen von RTL oder ProSiebenSat.1 gilt der 35-Jährige als jung und frech. Sie sehen in ihm alles, was ihnen selbst abgeht. Womöglich hat auch deshalb sein Förderer Günther Jauch einen Narren an ihm gefressen. Vor allem muss man erst mal jemanden finden, der so bekannt ist wie Pocher, und sei es nur für ein unstetes Privatleben oder Twitter-Pöbeleien gegen Boris Becker.
Pochers Allgegenwart zeigt den Notstand der deutschen Fernsehunterhaltung. Der mangelt es nicht nur an frischen Gesichtern, sondern auch an Ideen für zugkräftige Shows. Anstatt Neues zu wagen, setzen die Sender auf Köpfe von gestern und auf Formate von vorgestern. Erfolg durch Risikovermeidung.
So ist das bei ARD und ZDF, zu deren ausgeprägten Eigenschaften Wagemut bekanntlich nicht zählt. Aber auch bei Privatsendern wie RTL, das im Januar mit einer zweiteiligen Gala seinen 30. Geburtstag feiert und gerade ziemlich alt aussieht.
RTL, das waren in den vergangenen zehn Jahren hauptsächlich Günther Jauch und Dieter Bohlen. Der Sender lebte gut von dem Smarten und dem Harten, und beide lebten gut von ihm. Inzwischen gehen Jauch und Bohlen stramm auf die sechzig zu und müssen immer ärger strampeln, um noch erfolgreich zu sein, vor allem bei jungen Leuten.
Dass das Publikum von Shows wie "Wer wird Millionär" zunehmend älter wird, kann auch die Mediengruppe RTL nicht ändern. Stattdessen hob sie die Zielgruppe ihrer Sender im März einfach um zehn Jahre an, auf 14- bis 59-Jährige. Bohlen wiederum versucht den Quotensturz von "Deutschland sucht den Superstar" aufzuhalten, indem er für die im Januar startende elfte Staffel Marianne Rosenberg als Jurorin engagiert hat, eine Schlager-Ikone der siebziger Jahre.
So macht man's im Showgeschäft, wenn die alten Raketen nicht mehr zünden: Man brennt neue ab - mit der Gefahr, so krachend zu scheitern wie ProSieben in diesem Jahr mit Claudia Schiffers Designer-Wettstreit "Fashion Hero". Oder man besinnt sich auf traditionelle Unterhaltungsformate, so wie RTL.
Die Neuauflage des "Familien Duells", das in den neunziger Jahren bei dem Kölner Sender lief, kam bei den Zuschauern im Sommer so gut an, dass es nun in der kommenden Woche fortgesetzt wird.
Der erfolgreichste Show-Neustart von RTL in diesem Jahr knüpfte gar an die goldenen achtziger Jahre im ZDF an: "Die 2 - Gottschalk & Jauch gegen alle". Eine nicht sehr aufregende Quiz- und Spielesendung, in der Fotos aus der großen Zeit des Duos eingeblendet wurden.
Für Februar hat RTL eine weitere Show mit Thomas Gottschalk angekündigt; der gelernte Lehrer soll Prominente zum Treffen mit ihren ehemaligen Klassenkameraden bitten. So etwas gab es bereits Ende der achtziger Jahre, ebenfalls im ZDF, moderiert von Dieter Kronzucker und später vom bärigen Wim Thoelke.
Verkehrte Fernsehwelt. Während RTL sich aus der Mottenkiste des ZDF bedient, scheitert dieses beim dem Versuch, ein bisschen RTL zu spielen.
Im Irrglauben, dem angejahrten "Wetten, dass ...?" damit wieder Frische zu verleihen, holte der Sender im Sommer die RTL-Knallchargen-Familie Geiss auf die Couch. Dafür wurde das ZDF von Zuschauern und Kritikern abgestraft. Vor lauter Schreck machte die Redaktion dann die Rolle rückwärts. Nun sieht "Wetten, dass ...?" biederer aus als je zuvor: Die jüngste Ausgabe begann damit, dass der ölige Michael Bublé und die piepsige Michelle Hunziker zwischen geweißelten Tannen "Winter Wonderland" sangen, dazu rieselte es Kunstschnee.
Auch der zweite Anlauf des ZDF, RTLig zu werden, ging schief: Der tägliche Talk mit Inka Bause, die für den Privatsender alleinstehende Landwirte bloßstellt, floppte. Die letzte Anstrengung zur RTLisierung soll nun Restauranttester Christian Rach unternehmen, der nächstes Jahr zum Zweiten wechseln wird.
Wie groß beim ZDF die Sehnsucht nach neuen Köpfen ist, zeigte vorige Woche die Ankündigung seines Intendanten Thomas Bellut, der digitale Ableger ZDFneo solle künftig verstärkt nach Talenten und Sendergesichtern suchen.
So ähnlich hört es sich an, wenn das Gesundheitsministerium zur Initiative für mehr Prävention am Arbeitsplatz aufruft. Nur dass die Aktion des ZDF nicht mehr präventiv ist. Bei der Mainzer Anstalt hat Nachwuchsförderung lange Zeit schlicht nicht stattgefunden. Viele Jahre hatte der Sender sich auf die Strahlkraft Thomas Gottschalks verlassen, der beim gesetzten Publikum auch mit über sechzig noch als jugendlich durchging. Als man einen Nachfolger brauchte, wurde offensichtlich, dass da niemand war. So kam Markus Lanz zu "Wetten, dass ...?". Wer wiederum könnte Lanz von seiner erkennbar schweren Bürde erlösen?
Stefan Raab? Wird den Teufel tun, seinen gottähnlichen Status bei ProSieben aufs Spiel zu setzen. Hape Kerkeling? Macht bereits einen erschöpften Eindruck, wenn er einmal im Jahr die "Goldene Kamera" moderiert. Kerner? Wäre nur eine blonde Variante von Lanz. Oder doch Joko und Klaas?
Wahrscheinlich würde nur Gottschalks Rückkehr die Quoten anheben. Vielleicht an der Seite von Spezi Jauch, dessen ARD-Vertrag zunächst bis kommenden Sommer läuft. Aber der möchte ja als großer Polit-Talker in die Geschichte eingehen, auch wenn er sich mit dem Politischen schwerer tut als mit dem Leichten.
Die tüchtigen Humoristen der "heute-show" allein jedenfalls werden die ZDF-Unterhaltung nicht retten. Und der lässig gehässige Jan Böhmermann, der bei ZDFneo bekannt wurde, muss erst noch zeigen, ob er, wie es Raab vorgemacht hat, vom Außenseiter zum Familienunterhalter werden kann. Vorausgesetzt, er will das überhaupt.
"Es ist nicht so, dass gute Nachwuchsmoderatoren bei uns Schlange stehen würden", sagt ZDF-Unterhaltungschef Oliver Fuchs. "Der Job eines Showmasters ist sauschwer, du musst üben, üben, üben. Das Problem ist, dass es kaum noch langfristige Übungsplätze gibt."
Früher waren das die inzwischen eingestellten täglichen Krawall-Talks der Privatsender, mit denen Pilawa oder Kerner sich auf Betriebstemperatur brachten, bevor sie als einfühlsame öffentlich-rechtlich Interviewer Karriere machten. Und Musiksender wie Viva, wo etwa Stefan Raab laufen lernte, spielen in Zeiten von YouTube keine Rolle mehr.
ZDF-Unterhaltungschef Fuchs sagt, vielleicht entstünden die Stars von morgen gar nicht bei den Sendern. Sondern im Internet. "Vielleicht nimmt YouTube uns bald die Rolle als Ausbilder ab."
Vor ein paar Wochen hatte Fuchs Besuch von einem Handelsreisenden in Sachen Nachwuchsförderung, dem Show-Veteranen Frank Elstner, der seit März in einer Meisterklasse 14 junge Moderatoren und Entertainer ausgebildet hat, die bisher hauptsächlich im Netz in Erscheinung treten.
Einer von ihnen, der 23-jährige Florentin Will, war vorige Woche bereits bei Jan Böhmermann auf ZDFneo zu sehen, wo er mit "Marderfucker", einem Hassgesang auf Marder, die Rockband Rammstein parodierte.
"Wenn ich solche jungen Leute sehe, ist mir um die Fernsehunterhaltung nicht bang", sagt Elstner. "Die Sender dürften nur nicht so ängstlich sein."
Dass noch einmal, wie zu Elstners großen Zeiten, eine Show die Familie vor dem Fernseher vereinen würde, ist allerdings nicht absehbar. Wenn eine Sendung Gemeinschaft stiftet, dann der "Tatort". Der 43 Jahre alten, sich ständig erneuernden ARD-Reihe ist es gelungen, eigene Stars zu erschaffen. Den exaltierten Börne und den schluffigen Thiel, die in Münster ermitteln. Das Münchner Team. Die Kölner. Die Stuttgarter. Selten schalten weniger als acht Millionen Zuschauer ein, bisweilen sind es zwölf - und mögen die Fälle noch so hanebüchen oder öde sein.
Der "Tatort" hat sich zur Ein- oder Zwei-Mann-Show mit integriertem Mord gewandelt. Den meisten ARD-Shows dagegen würde nicht einmal ein Mord zu Spannung verhelfen. Da vermögen auch sensationsheischende Adjektive wenig auszurichten, die ein Ratespiel zur "verrückten Wissensshow" machen und aus einem Wettstreit einstiger Spitzensportler "Die Show der unglaublichen Helden".
Die erfolgreichste neue Unterhaltungssendung im Ersten war in diesem Jahr übrigens ein Spektakel, bei dem Florian Silbereisen seinen Kopf möglichst lange unter Wasser halten musste und Heiner Lauterbach in einer Weinpresse Ballons zerstampfte. Die Show heißt "Das ist Spitze" und ist das Remake von "Dalli Dalli". Das Konzept stammt von 1971.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 52/2013
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