21.12.2013

INTERNET Peinliche Post für Papa

Der Regensburger Anwalt Thomas Urmann hat Zigtausende Porno-Konsumenten abgemahnt. Es ist ein Geschäft mit der Scham - auch für die gegnerischen Anwälte.
Im Auge des Orkans ist es still und ziemlich hässlich. Abmahnanwalt Thomas Urmann empfängt in einem Betonklotz mit einem Mosaik aus scheußlichen grünen Fliesen in der Eingangshalle, dunklen Fluren, in die kein Tageslicht fällt, und einem Besprechungszimmer, in dem zur vollen Siebziger-Jahre-Glückseligkeit bloß die Kunstpalme fehlt.
Urmann ist ein vielgehasster Mann derzeit. Vor einer Woche hat seine Kanzlei mehrere zehntausend Briefe an deutsche Porno-Nutzer geschickt. Inhalt: Abmahnbegehren wegen angeblich illegalen Abgreifens des Schmuddelkrams bei der Plattform Redtube. Der Vorgang ist juristisch umstritten und technisch kompliziert, für die Empfänger von Urmanns Massenwurfsendung ist er vor allem beschämend.
Um zu ermessen, welche qualvollen Debatten diese Briefe unter deutschen Dächern ausgelöst haben, muss man nur ein paar Minuten neben Urmanns Assistentin am Empfang stehen und ihr beim Telefonieren zuhören. Aus ihren Antworten ist leicht zu kombinieren, was gerade am anderen Ende der Leitung geschieht: Die Leute bitten und barmen, sie schmeicheln und drohen, sie schreien und weinen.
"Ihr Sohn sagte, er habe den Film nicht gesehen?" - "Irgendjemand hat Ihren Anschluss gehackt? Wie kommen Sie darauf?" - "Lassen Sie mich bitte ausreden, dann erkläre ich es Ihnen gern." - "Wenn Sie nicht wissen, welche Gefahren im Internet lauern, sollten Sie vielleicht mal einen Computerkurs machen." - "Ich denke, ich beende das Gespräch jetzt besser."
Die peinliche Post für Papa mit der Forderung über 250 Euro kam nicht nur kurz vor Weihnachten, sie traf die mutmaßlichen Konsumenten des Stöhn-Gewerbes vor allem völlig unvorbereitet. Bislang konnten sie davon ausgehen, dass sie niemandes Rechte verletzen, wenn sie die Filme nicht herunterladen, sondern bloß als sogenannte Streams schauen (siehe Grafik). Bislang konnten sie sich sicher fühlen, dass sie nichts Illegales tun - und dass deshalb niemand vor Gericht die Herausgabe ihrer Namen und Adressen bewirken konnte.
Seit einer Woche ist das anders. Das Kölner Landgericht ordnete an, dass die Deutsche Telekom massenhaft Kundenidentitäten preisgeben muss. Urheberrechtlich macht es keinen Unterschied, ob es sich um das Streamen von Arthaus-Filmen, Popmusik oder eben Pornos handelt. Emotional offenbar schon.
Am Telefon der Assistentin klebt ein Zettel mit Nummern der Menschen, die regelmäßig anrufen, um sie zu beschimpfen. Vergangene Woche kam ein Brief mit einem weißen Pulver drin. Es gab Morddrohungen. Und trotzdem geht es ruhig zu, routiniert. Den anbrandenden Ärger abzufangen ist Teil des Geschäftsmodells von Anwalt Urmann. Im Urheberrecht-Abmahn-Business ist er seit 2006.
Abmahnanwälte sind in der Internetszene so beliebt wie Waffenhändler beim Treffen einer Ortsgruppe von Amnesty International. "Wenn ich mich auf Partys vorstelle, sage ich lieber, ich bin Bestatter", sagt Urmann. Jahrelang überzogen Juristen wie er Internetnutzer millionenfach mit ihrer unangenehmen Post. Forderten oft gleich mehrere hundert Euro von Leuten, die sich Musik, Filme, Spiele, Pornos illegal aus dem Netz heruntergeladen hatten.
Der Markt war so riesig, dass sich die Kanzleien spezialisierten. Urmann war der Mann der Porno-Branche. Ein richtiges Massengeschäft. In seinen Regalen lagerten zwischenzeitlich 25 000 Sex-Filme, die er als Beweismittel vorhalten musste.
Die Herausforderung des Abmahnwesens ist die schiere Menge. "Zigtausende Briefe herauszuschicken ist noch simpel", sagt Urmann. "Die Kunst ist es, den Rücklauf zu bewältigen." Allein am vergangenen Dienstag kamen 2000 Briefe an, sagt er. Über das Wochenende waren es 10 000 Mails.
Der Hass, der sich auf Urmann entlädt, hat drei Gründe. Erstens mag es niemand, wenn in seinen privaten Vorlieben herumgeschnüffelt wird. Zweitens gibt es den Verdacht, dass Urmanns Mandant die Nutzer zum Streamen seiner Pornos erst verleitet hat, indem er sie gezielt auf das inkriminierte Angebot lenkte. Was Urmann für seinen Mandaten bestreitet.
Drittens aber geht den Leuten die andauernde Rechtsunsicherheit im Internet auf die Nerven. Setzt sich Urmanns Rechtsauffassung durch, dass das Nutzen von Streaming-Angeboten eben doch ein Kopieren ist und somit das Streamen urheberrechtlich geschützter Inhalte illegal, dann hat das weitreichende Folgen, weit über den Kreis der Porno-Gucker hinaus. Dann kann sich der ganz normale Internetnutzer künftig beim Anschauen von jedem YouTube-Filmchen nicht mehr sicher sein, ob er da nicht gerade Rechtsbruch begeht. Es ist ein bisschen so, als hätte Urmann mitten im Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel die Regeln geändert.
In den nächsten Jahren könnte, und das findet Urmann rein professionell keine schlechte Perspektive, eine neue Abmahnflut durchs Land gehen. Und da ginge es dann nicht mehr nur um die vier Porno-Filmchen wie derzeit, um "Amanda's Secret", "Dream Trip", "Glamour Show Girls" und "Miriam's Adventures", sondern wieder um 25 000 Titel. Und um Hunderttausende anderer Videos und Musikdateien.
Und dass es so kommt, müssen sich ausgerechnet diejenigen wünschen, die sich derzeit als Urmanns schärfste Widersacher inszenieren: die Anwälte der Gegenseite, die sich darauf spezialisiert haben, Abmahnopfer zu beraten - und von dieser Beratung leben.
Einer von ihnen ist Christian Solmecke (Kanzleireklame: "Bekannt aus YouTube", "Bekannt aus Facebook"), ein schillernder Typ, der in Sachen Porno-Abmahnung selbst im Frühstücksfernsehen auftritt, bei Google im großen Stil wirbt und auf seiner Website in Videos etwas eitel die Internetwelt erklärt.
Die mediale Präsenz kurbelt sein Geschäft an. 2000 Menschen haben in der aktuellen Redtube-Auseinandersetzung bei ihm angerufen, rund 600 sind nun seine Mandanten. Wendet sich ein Abgemahnter an Solmecke, kann er zwischen zwei "Paketen" wählen. Für 476 Euro gehen Solmecke und seine Kollegen gegen die abmahnende Kanzlei vor, für fast 600 Euro gibt es eine Art Verteidigungs-Flatrate, auch in anderen Fällen, die vor der Beauftragung lagen. "Ich bin knallhart", sagt Solmecke über Solmecke. "Wir halten volle Pulle dagegen."
Für die Urmann-Abmahnungen hat er eigens ein Sonderangebot eingerichtet: 357 Euro für die Abwehr einer Attacke. Ein Schnäppchen ist das nicht gerade. Die Abmahnforderung von Urmann liegt bloß bei 250 Euro, mit etwas Verhandlungsgeschick ist auch noch ein Preisnachlass drin. Solmecke sagt: "Unsere Beratung kann sich nicht jeder leisten. Wir sagen immer, dass man sich auch selbst verteidigen kann."
Sein Geschäft sei eben personalintensiv, 100 Leute würden in seiner Kanzlei arbeiten. Der ganze Apparat rentiert sich wohl nur, wenn er gut ausgelastet ist. Solmecke versucht gar nicht erst, den Wohltäter zu spielen. "Wir machen das nicht aus altruistischen Motiven", sagt er.
Sein Gegenspieler Urmann ist schon lange im Geschäft. Der Kontakt zur Porno-Branche habe sich eher zufällig ergeben, sagt er. Anfangs hatte er sich um die Rechte von Hörbüchern gekümmert.
Es ist schwer, ihn als Person zu greifen. Er ist ein bisschen clever, ein bisschen hinter dem Geld her - und ein bisschen glatt. Frage-und-Antwort-Spiele entwickeln sich bei ihm selten zum Pingpong. Er treibt den Ball lieber ins Aus.
Sind Sie zu Pornos gewechselt, weil das lukrativer ist?
"Nein. Die Rate derer, die bezahlen, ist dort nicht höher als bei anderen Abmahnungen."
Aber Sie setzen auf den Schamfaktor der Porno-Nutzer?
"Nein. Das ist doch heute nichts Peinliches mehr. Also ich dürfte zu Hause Pornos schauen, glaube ich."
Seit dem Wochenende stehen Kanzlei und Urmanns Privathaus unter Polizeischutz. So viel Aufregung, sagt Urmann, habe es nicht einmal gegeben, als es vor einem Jahr sein "Porno-Pranger" in die Medien schaffte. Damals hatte er die Idee, die Namen abgemahnter Schmuddelfilmkonsumenten im Internet zu veröffentlichen, als sogenannte Gegnerliste - bis ein Gericht einschritt.
Den medialen Rummel habe er damals nicht geplant, sagt Urmann. Aber ganz ungelegen kam er wohl nicht. Vor dem Besprechungszimmer hängen Ausdrucke von Internetnachrichtenseiten mit der Nachricht. Wenn sich der neue Orkan gelegt hat, wird er wohl ein paar neue Rahmen aufhängen mit ein paar neuen Texten darin.
Von Brauck, Markus, Müller, Martin U.

DER SPIEGEL 52/2013
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