21.12.2013

SüdafrikaABSCHIED VON MADIBA

Über die kollektive Trauer nach dem Tod von Nelson Mandela
Die letzte Anschauung, die wir von einem Menschen im Gedächtnis behalten, ist oft die stärkste. So stark, dass sie alle früheren Lebensbilder überlagert. Ich würde mir wünschen, die Leiche von Nelson Mandela nicht mehr gesehen zu haben - ihr Anblick hat ein unauslöschliches Bild des Todes hinterlassen.
Ich gehörte zu einer der ersten Gruppen, die durch den Kubus gehen durften, in dem Mandela aufgebahrt wurde. Da lag er in einem zur Hälfte offenen Glassarg auf einem marmornen Katafalk. Sein Antlitz wirkte wächsern, die Gesichtszüge ausdruckslos; die Haut war unnatürlich geglättet und aufgehellt. Ich verharrte einen Augenblick und flüsterte: "Hamba kahle, Madiba!" Adieu, großer, alter Mann!
Es war der bewegendste Augenblick des Jahres, in dem ich von dem außergewöhnlichsten Staatsmann, der mir je begegnet ist, Abschied nehmen durfte. Die Menschen defilierten an drei aufeinanderfolgenden Tagen am Sarg vorbei, viele weinten, manche brachen zusammen. Ihr Nationalheld ruhte vor den Union Buildings, dem protzigen Bau der südafrikanischen Regierung, den die britischen Kolonialherren hoch über der Hauptstadt Pretoria errichtet hatten. Das Amphitheater, der Wandelgang mit den ionischen Kapitellen, die Statuen griechischer Götter - steingewordene Symbole ihres Weltreichs. Und mittendrin die sterblichen Überreste des Mannes, der die weiße Herrschaft in Afrika beendet hat.
Dies ist der historische Schauplatz, an dem Nelson Rohihlahla Mandela im Mai 1994 als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt wurde. Irgendwann danach sind die Uhren an den beiden Glockentürmen des Gebäudes stehengeblieben, um 2.44 Uhr die linke, um 1.17 Uhr die rechte. Es war gleichsam das Ende der alten afrikanischen Zeitrechnung.
52 Millionen Südafrikaner, schwarze, weiße und farbige, fühlten sich in diesen Tagen in der Trauer vereint - gleichzeitig tanzten und sangen und feierten sie. Es war eine kollektive Euphorie, wie sie die Kap-Republik seit dem Untergang des weißen Regimes nicht mehr erlebt hatte.
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 52/2013
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