30.12.2013

Der nahe ferne Krieg

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, prägen bis heute die internationale Politik. Schweißt die Erinnerung an Millionen Tote die Völker zusammen, oder befördert sie alte Feindbilder?
Auch 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind seine Folgen gegenwärtig: In einer sechsteiligen Serie analysiert der SPIEGEL, wie etwa auf dem Balkan alte Ressentiments fortdauern, wie Frankreich und Russland auf das Jubiläum blicken oder wie die USA mit ihrer Rolle als Weltpolizei umgehen.
Joachim Gauck, der elfte Präsident der Bundesrepublik Deutschland, führt sein Amt von einer ehemaligen Hohenzollernresidenz aus. Erinnerungen an Preußens Gloria sind im Schloss Bellevue jedoch fast komplett beseitigt worden. Kein Pomp, keine Uniformen, wenige Fahnen. Die zweite Tür links hinter dem Eingangsportal führt in einen Salon, in dem Gauck Besucher empfängt.
Im sogenannten Amtszimmer stehen auf dem Regal hinter dem Schreibtisch Büsten des Dichters Heinrich von Kleist und des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, nach der Flucht Kaiser Wilhelms II. ins Exil der erste deutsche Präsident. An der Wand hängen zwei Gemälde, ein deutscher Künstler hat eine italienische Landschaft gemalt, ein Italiener - Canaletto - eine Ansicht von Dresden.
Gauck gefällt diese Symbolik. Völker schauen oft unterschiedlich auf die Welt, auch auf die Vergangenheit. Der Bundespräsident sagt, das beunruhige ihn nicht, da er die Gründe kenne. Im kommenden Jahr allerdings werden die Augen der Welt auf den ersten Mann im Staate gerichtet sein, denn der 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs steht bevor. Es wird das bislang größte mediale Geschichtsereignis des 21. Jahrhunderts werden.
Und Gauck vertritt die Verlierer.
Mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten waren an dieser Orgie der Gewalt beteiligt; beinahe jeder sechste Mann starb, und Millionen kehrten mit Verwundungen nach Hause zurück: ohne Nase, ohne Kiefer, mit nur einem Arm. Nicht nur Frankreich, Belgien und Großbritannien planen internationale Gedenkveranstaltungen, Kranzniederlegungen, Konzerte und Ausstellungen, sondern auch ferne Nationen wie Neuseeland oder Australien, deren Identität sich im Krieg herausgebildet hatte.
Die Erinnerung an 1914/18 bietet schließlich gleichfalls für Polen, Balten, Tschechen und Slowaken einen Grund zum Gedenken, weil sie aus dem mörderischen Konflikt zwischen der alliierten Entente und Mittelmächten als souveräne Staaten hervortraten.
Der Erste Weltkrieg wird in den kommenden Monaten zum Mega-Thema der öffentlichen Gedenkkultur werden. Der internationale Buchmarkt legt allein in Deutschland rund 150 Titel vor, in Frankreich sogar doppelt so viele - wahrscheinlich ein Weltrekord für ein historisches Thema. Die Geschichte einer Generation, die längst das Zeitliche gesegnet hat, wird neu erzählt, neue Fragen werden gestellt, neue Debatten entfacht werden. Londons Premierminister David Cameron stellt sogar Mittel zur Verfügung, damit alle Kinder aus staatlichen britischen Schulen die ehemaligen Schlachtfelder an der Westfront besuchen können.
Im pazifistisch gesinnten Deutschland wäre ein solcher Appell undenkbar.
Aber die Westeuropäer haben im Ersten Weltkrieg ja einen höheren Blutzoll entrichtet als in jedem anderen Krieg ihrer Geschichte, weshalb sie ihn "The Great War" oder "La Grande Guerre" nennen. An Maas und Somme starben doppelt so viele Briten, dreimal so viele Belgier und viermal so viele Franzosen wie im Zweiten Weltkrieg. Auch deshalb, so sagt Gauck im Amtszimmer des Hohenzollernschlosses, könne er sich "eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen, die damals durch uns bekämpft wurden".
Der "Große Krieg" war nicht nur besonders blutig, mit ihm begann eine neue Epoche der Kriegsführung: mit Panzern, Flugzeugen, sogar chemischen Waffen. Sein Ergebnis sollte die Zeitläufte auf Dauer bestimmen - in vielen Regionen ein ganzes Jahrhundert lang.
Der SPIEGEL wird deshalb in den kommenden Wochen die Folgen des Ersten Weltkriegs beschreiben, wie sie bis in die heutige Zeit wirken: den Aufstieg der USA zur Weltpolizei, den besonderen Blick Frankreichs auf Deutschland, die ethnischen Feindseligkeiten auf dem Balkan, die willkürlichen Grenzziehungen im Nahen Osten - vieles davon belastet und erschwert das friedliche Zusammenleben der Völker bis in die Gegenwart hinein.
Auf dem politischen Kalender 2014 sind auch daher diverse Gipfeltreffen vorgesehen, mal mit und mal ohne Gauck. Die Queen wird die Staats- und Regierungschefs der Commonwealth-Mitglieder in der Kathedrale von Glasgow empfangen. Australien, Neuseeland, Polen und Slowenien planen jeweils Treffen von Staats- oder Ministerpräsidenten aller oder ausgewählter Teilnehmerstaaten des Ersten Weltkriegs.
Ganz oben auf Gaucks Liste steht der 3. August, an dem er mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande der Toten am Hartmannsweiler Kopf gedenken wird, einer zwischen Deutschen und Franzosen damals schwer umkämpften Bergkuppe im Elsass. Außerdem zählt der Bundespräsident zu den mehr als 50 Staats- und Regierungschefs aller damals in den Krieg verwickelten Länder, die der belgische König Philippe in der Festung von Lüttich begrüßen wird. Der ehemalige DDR-Bürger sieht sich dabei als "der Deutsche, der heute eine andere Nation repräsentiert und der sich erinnert an die unterschiedlichen Schrecknisse, die mit dem deutschen Staat verbunden sind".
Der 73-Jährige hofft, dass der Erinnerungsparcours den Europäern vor Augen führt, was sie an der europäischen Integration nach 1945 haben. Das "Absolutsetzen des Nationalen" à la 1914/18 habe schließlich keinem der Kriegsgegner glückliche Zeiten gebracht.
Aber er weiß, dass die Erinnerung an die Schrecken eines Krieges nicht nur ehemalige Gegner versöhnen, sondern auch vernarbte Wunden aufreißen kann. Insofern kommt der Jahrestag des Ersten Weltkriegs zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: In zahlreichen Ländern Europas lässt sich vor den Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2014 ein Anschwellen nationalistischer Strömungen und antideutscher Ressentiments beobachten.
In einer Meinungsumfrage erklärten kürzlich 88 Prozent der befragten Spanier, 82 Prozent der Italiener und 56 Prozent der Franzosen, der Einfluss Deutschlands in der Europäischen Union sei zu groß. Und nicht wenige vergleichen die heutige Bundesrepublik mit dem Reich des bramarbasierenden Kaisers Wilhelm II.
Im vergangenen August gewann ein britischer Journalist aus einem Gespräch mit dem Presseattaché an der Deutschen Botschaft in London den Eindruck, Berlin wolle am liebsten unter dem Stichwort Versöhnung an den Gedenkveranstaltungen der Nachbarländer teilnehmen. Es folgte ein Aufschrei in der britischen Presse: Die Deutschen wollten den Briten verbieten, den Sieg im Ersten Weltkrieg zu feiern.
Gauck vernimmt solche Episoden nicht ungerührt: "Man kann nur hoffen, dass die Stimme der Aufgeklärten stärker ist als in der Zwischenkriegszeit."
Und wenn nicht? "Europa ist zu friedlich, als dass ich wieder in Kriegsszenarien denken kann, aber wir haben auf dem Balkan gesehen, dass mitten in einem befriedeten Jahrzehnt plötzlich archaische Hassmechanismen wieder greifen können", mahnt Gauck.
Solche "Ja, aber"-Sätze zum Ersten Weltkrieg sind oft zu hören. In Zeiten der Nato mit integrierten Streitkräften kann sich kaum noch jemand einen Krieg zwischen Europäern vorstellen. Doch es lässt sich im 21. Jahrhundert auch auf andere Weise Unfrieden stiften. Was früher die Mobilmachung der Streitkräfte war, kann heute die Drohung sein, einen Staat wie Griechenland in die Pleite zu schicken, wenn dessen Bürger nicht den Forderungen europäischer Finanzminister nachkommen. Historiker unterschiedlicher Couleur registrieren mit Unbehagen, dass die Zeitläufte von 1914 dem Europa dieser Tage nicht so fern sind.
Schon vor einem Jahrhundert war die Welt auf ihre Weise globalisiert. Der interkontinentale Handel boomte, und die Exportquoten lagen so hoch wie dann erst wieder in der Ära von Helmut Kohl. Deutsche trugen Jacken aus indischer Baumwolle und tranken Kaffee aus Zentralamerika. Sie arbeiteten als Friseure in London, als Bäcker in St. Petersburg, als Dienstmädchen in Paris - während im Ruhrgebiet Polen schufteten.
Wer es sich erlauben konnte, reiste durch Europa, ohne Pass. Professoren schrieben sich mit ihren Kollegen in Oxford oder an der Sorbonne auf Englisch oder Französisch. Die regierenden Adelshäuser waren miteinander verwandt, Kaiser Wilhelm II., der britische König George V. und Zar Nikolai II. sogar Cousins. Man nannte sich "Willy", "Nicky" und "George" und besuchte einander bei Familienfeiern, zuletzt bei der Hochzeit der Tochter des Kaisers in Berlin 1913.
So stellt sich die Frage, wie es trotz der vielen transnationalen Bindungen und Begegnungen dazu kommen konnte, dass am 4. August 1914 der deutsche Angriff mit einem Ritt lanzentragender Ulanen über die belgische Grenze begann. Was war damals los an den Tischen der Kabinette? Wieso forderte dieser Krieg so grausam viele Opfer? Und warum fand er über vier Jahre kein Ende?
Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als am 28. Juni 1914 der Wiener Thronfolger Franz Ferdinand das bosnische Sarajevo besuchte. Ein Trupp serbischer Selbstmordattentäter, von serbischen Regierungsstellen ausgerüstet, erwartete ihn bereits.
Die jungen Männer träumten von einem großserbischen Reich, einschließlich der Serben aus dem österreichisch-ungarischen Vielvölkerimperium. Als der Fahrer von Erzherzog Franz Ferdinand wenden musste, weil er sich verfahren hatte, feuerte der 19-jährige Gymnasiast Gavrilo Princip in den offenen Wagen. Die Herzogin, in den Unterleib getroffen, starb auf der Fahrt in die Residenz, der Thronfolger verblutete an einer Halswunde. Drei der Verschwörer wurden hingerichtet, weitere zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt.
Der Anschlag zählt nicht zu den Ruhmestaten der serbischen Geschichte, und zunächst galten die Sympathien in den Hauptstädten Europas den trauernden Habsburgern. In glücklichen Zeiten hätten sich die Majestäten bei der Beerdigung der Ermordeten versammelt und freundliche Sätze gewechselt.
Doch der 83-jährige Kaiser Franz Joseph, Onkel des Opfers von Sarajevo, beschloss, den serbischen Nationalismus, der sein marodes Reich bedrohte, zu attackieren und auszuschalten. Bereits 65 Jahre saß der Monarch auf dem Thron, schon mehrfach hatte er einen Krieg gegen Belgrad erwogen. Das Attentat schien jene Berater zu bestätigen, die einen Ausgleich für unmöglich hielten. Der Erste Weltkrieg "wurde entfesselt, und Österreich-Ungarn war es, das die Fesseln löste". So eindeutig urteilt der Wiener Historiker Manfried Rauchensteiner.
Es sind solche Sätze, die eine Debatte wieder aufflammen lassen, die längst entschieden schien. In den sechziger Jahren hatte der Hamburger Historiker Fritz Fischer die Bundesrepublik erschüttert wie kein Historiker vor oder nach ihm. Fischer behauptete, Berlins "Griff nach der Weltmacht" sei die Haupt-, wenn nicht sogar alleinige Ursache des großen Sterbens gewesen. Und nach einem hitzigen Streit unter Kollegen setzte sich seine Ansicht im Grundsatz durch.
Doch pünktlich zum Jahrhundertgedenken stellen neue Forschungen dieses Bild nachhaltig in Frage. Die Wissenschaftler entlasten zwar nicht Kaiser Wilhelm II., der zwischen nassforschen Auftritten und ängstlicher Zurückhaltung schwankte. Aber sie betonen auch Versagen oder Versäumnisse Russlands (US-Historiker Sean McMeekin), Frankreichs (der deutsche Historiker Stefan Schmidt), Österreich-Ungarns (Rauchensteiner) oder aller Großmächte gemeinsam (der australische Autor Christopher Clark).
Zwei nur scheinbar festgefügte Blöcke standen einander gegenüber: die Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen Seite, die sogenannte Entente aus französischer Republik, russischem Zarenreich und britischer Monarchie auf der anderen. Schon diese Konstellation zeigt: Es ging 1914 nicht um Demokratie und Menschenrechte, um Kapitalismus oder Planwirtschaft.
Obwohl im Frühjahr keine der beiden Seiten einen Angriff plante, sahen alle Großmächte Krieg als legitimes Mittel der Politik an und hielten einen Waffengang mittelfristig sogar für unvermeidbar. Denn die Hauptbeteiligten fürchteten um Ansehen, Einfluss, sogar die Existenz: Frankreich glaubte, den Rüstungswettlauf gegen Deutschland verloren zu haben, und drängte Russland, das Reich von Osten her unter Druck zu setzen. Deutsche Militärs nahmen an, auf Dauer den Russen unterlegen zu sein, was dafür sprach, schnell loszuschlagen. Der Zar schließlich unkte, Großbritannien könne die Fronten wechseln, und rüstete auch deshalb auf. Und in London ging die Angst um, das dynamische Reich werde dem Empire den Rang ablaufen.
Dazwischen funkten kleine Staaten wie Serbien, die die Großen gegeneinander auszuspielen suchten.
Ein fragiles, hochkomplexes System, dessen Steuerung Umsicht und Weitblick erforderte. Historiker Clark schätzt die Zahl der Entscheider im Sommer 1914 auf einige hundert: Monarchen, Minister, Militärs und Diplomaten. Es waren überwiegend ältere Männer, zumeist Adlige.
Die Gefahr, dass Russland im Fall eines österreichischen Angriffs auf Serbien den slawischen Brüdern in Belgrad beispringen werde, sah Österreichs Kaiser Franz Joseph durchaus. Er bat daher den deutschen Verbündeten um Rückendeckung, und am 5. Juli 1914 sprach Wiens Botschafter bei Kaiser Wilhelm II. im Neuen Palais in Potsdam vor.
So etwas gibt es in der Weltpolitik immer wieder: Ein eher schwacher Bündnispartner - Österreich-Ungarn - versucht aus egoistischen Motiven, eine befreundete Großmacht - das Reich - in einen regionalen Konflikt hineinzuziehen. Es war auch nicht das erste Mal, aber vor 1914 hatten die Deutschen immer gebremst.
Und diesmal? Der Kaiser erkannte, dass Russland "keineswegs kriegsbereit" sei; er und seine Berater hielten das Risiko eines österreichischen Blitzkriegs gegen Belgrad daher für beherrschbar. "Ein schnelles fait accompli und dann freundlich gegen die Entente, dann kann der Choc ausgehalten werden", notierte Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg.
Der liberalkonservative Jurist aus Brandenburg war eine Schlüsselfigur in der sogenannten Juli-Krise. Zeitgenossen schildern den früheren Beamten als ausgleichenden Menschen, keinen Scharfmacher. Aber im Sommer 1914 machte er sich die Einschätzung der Militärs zu eigen. Sollte der Zar nicht zurückzucken, dann wollten diese lieber ins Feld ziehen, solange St. Petersburg die Aufrüstung nicht abgeschlossen hatte. "Besser jetzt als später", lautete die Devise von Generalstabschef Helmuth von Moltke.
Heute weiß man: Die Hast war unbegründet und das Zarenreich ein Riese auf tönernen Füßen. Aber beim Gabelfrühstück mit dem Wiener Botschafter stellte Wilhelm II. den sogenannten Blankoscheck aus: Wien könne mit "voller Unterstützung" rechnen, Franz Joseph möge sich mit dem Angriff auf Serbien beeilen.
Mit dem Blankoscheck wurde aus einer lokalen Krise ein europäischer Konflikt, er war der entscheidende Beitrag des Reichs zur "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts.
Wenn heute italienische Leitartikler wie Eugenio Scalfari behaupten, Deutschland drohe mit der Euro-Krise den Kontinent ein drittes Mal zu ruinieren, so beruht diese Zählung auf der Annahme, der Blankoscheck habe anno 1914 zum Krieg geführt. Die von Kanzlerin Angela Merkel geforderten Wirtschaftsreformen in Südeuropa erscheinen aus dieser Perspektive manchem Betrachter sogar als die Fortsetzung wilhelminischer Machtpolitik mit anderen - eben wirtschaftspolitischen - Mitteln.
Allerdings hätten 1914 auch die Entente-Mitglieder die Eskalation jederzeit stoppen können - vorneweg das Zarenregime, das sich auf Serbiens Seite stellte, weil eine aufgeheizte Öffentlichkeit danach verlangte und weil man mit einem starken Serbien gegebenenfalls einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Wien führen konnte.
Auch Frankreichs Präsident Raymond Poincaré, ein Anwalt aus der Gegend von Verdun, der aus Angst vor dem Reich einen stramm antideutschen Kurs verfolgte, hielt einen Krieg für unvermeidbar. Als Poincaré auf dem Höhepunkt der Juli-Krise St. Petersburg besuchte und den Eindruck gewann, der wankelmütige Zar Nikolaus II. erwäge ein Nachgeben in der Serbien-Frage, drängte der Lothringer: "Wir müssen standhaft bleiben."
Wenig ist den Briten vorzuwerfen, die sich vor 1914 zumindest zeitweise um ein gutes Verhältnis zum Reich bemüht hatten - wenn auch nicht aus Friedensliebe, sondern aus machtpolitischem Kalkül. Kanzler Bethmann Hollweg nahm deshalb an, London werde im Kriegsfall neutral bleiben - und Downing Street 10 ließ ihn viel zu lange in diesem Glauben.
So stand Europa wenige Wochen nach dem Attentat von Sarajevo am Rande des Abgrunds. Es sei 1914 zugegangen wie heute in der Euro-Krise, argumentiert Historiker Clark in seinem Bestseller "Die Schlafwandler": Alle hätten gewusst, dass sie mit dem Feuer spielten, und dennoch habe jeder versucht, die allgemeine Gefahr zum eigenen Vorteil zu nutzen.
Immerhin überkamen Wilhelm II. Ende Juli Zweifel an der Klugheit seiner Politik. Der Kaiser halte "wirre Reden, aus denen nur klar hervorgeht, dass er den Krieg jetzt nicht mehr will", notierte ein Minister in Berlin. Wilhelm Zwo forderte den Wiener Verbündeten jetzt auf, maßvoll gegen Serbien vorzugehen. Allerdings nahm er den Blankoscheck nicht zurück, und auf den kam es an.
Am 29. Juli eröffnete die k. u. k. Donauflottille das Feuer auf Belgrad, einen Tag später befahl Zar Nikolaus II. die russische Generalmobilmachung.
Fortan bestimmte die Logik des sogenannten Schlieffen-Plans das Schicksal Europas. Deutschland fürchtete einen Zwei-Fronten-Krieg, und da die russische Armee Monate benötigte, um ihre Truppen vollständig zu mobilisieren, wollte der Große Generalstab in Berlin diese Zeit für einen schnellen Sieg über Frankreich nutzen. Anschließend sollte das Heer Richtung Osten marschieren.
Der berühmte Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen, verstorben 1913, hatte diesen Plan entworfen. Die Nachteile wurden jetzt offenkundig: Die Militärs hatten einen Krieg ohne Großbritannien kalkuliert, obwohl das Konzept vorsah, Belgien zu überrennen, dessen Neutralität Großbritannien seit 1832 garantierte.
Als ebenso folgenschwer erwies sich der aus dem Plan resultierende Zeitdruck: Sobald Russlands Mobilmachung lief, musste das Kaiserreich im Westen angreifen - oder sich von der Idee eines Sieges verabschieden. Ein diplomatisches Krisenmanagement war in Schlieffens Plan nicht vorgesehen.
Vor die Wahl zwischen Krieg und politischer Niederlage gestellt, entschied sich die im Macht- und Prestigedenken der Zeit verhaftete Reichsleitung für die Attacke. Der "Sprung ins Dunkle", sagte Kanzler Bethmann Hollweg bedauernd, sei "schwerste Pflicht".
Anfang August erklärte Deutschland zuerst Russland, anschließend Frankreich den Krieg. Am 4. August ergriff dann auch Großbritannien Partei, nachdem der Einmarsch in Belgien begonnen hatte.
So fiel ein Dominostein gegen den nächsten - ohne dass ein Nutzen erkennbar war. Es gab in der Menschheitsgeschichte unzählige Kriege, aus Freiheitsstreben, aus Rache, aus wirtschaftlichen Gründen; der Krieg, der sich im Sommer 1914 über Europa ausbreitete, war an Sinnlosigkeit schwer zu überbieten.
Von Kaiser Wilhelm II. ist überliefert, er habe Tränen in den Augen gehabt, als er die deutsche Mobilmachung unterzeichnete. Bald darauf reiste er mit einem Sonderzug ins Hauptquartier, das zunächst in Koblenz aufgeschlagen wurde. Viel hatte der Monarch dort nicht zu sagen, die Militärs und Bethmann Hollweg bestimmten im Krieg den Kurs.
Ihre größte Sorge galt der Arbeiterschaft, die an den Werkbänken der Rüstungsfabriken stand und das Gros der Soldaten stellte. Einige 100 000 Menschen hatten in den letzten Julitagen auf Anti-Kriegs-Demonstrationen der SPD gegen das "verbrecherische Treiben der Kriegshetzer" protestiert.
Würden sie sich verweigern?
Die SPD-Führung fürchtete, dass der Kaiser notfalls Polizei und Armee auf die Sozialdemokraten hetzen werde, und tatsächlich hatten Wilhelm und seine Generäle erwogen, führende Genossen festzunehmen.
Aber mit der russischen Mobilmachung änderte sich die Lage. Seit den Zeiten von Karl Marx verabscheute die deutsche Linke das repressive Zarenregime, das jetzt als Aggressor dastand. Am 4. August erklärte der SPD-Vorsitzende Hugo Haase im Reichstag: "Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich."
Anschließend stimmten die SPD-Abgeordneten den Kriegskrediten zu, ohne die der Krieg nicht zu finanzieren gewesen wäre. Das Protokoll der Reichstagssitzung verzeichnet "wiederholten stürmischen Beifall und Händeklatschen". Heute gilt die Zustimmung als dunkelste Stunde in der langen Geschichte der SPD.
Mindestens ebenso bedeutend war freilich das Versagen des deutschen Bürgertums, das jene Studenten und anderen Hurra-Patrioten stellte, die auf vielen Fotos aus den Sommertagen 1914 zu sehen sind: strahlende Burschen, mit Blumen in Gewehrläufen, an den Eisenbahnwaggons kecke Sprüche ("Ausflug nach Paris").
Künstler, Professoren, Pastoren, Intellektuelle lieferten in jenen Wochen und Monaten die dazu passenden Parolen: Der Krieg sei "groß und wunderbar" (Soziologe Max Weber), die Deutschen "das auserwählte Volk" (Ökonom Werner Sombart), eine "Reinigung" des Menschen stehe bevor (Dichter Thomas Mann). Nun wirkte sich aus, dass im Reich, aber auch in Großbritannien und Frankreich rechtsnationale Verbände jahrelang für Volk und Vaterland getrommelt hatten und beträchtliche Teile der europäischen Jugend paramilitärischen Organisationen angehörten. In St. Petersburg stürmte der Mob die Botschaft des Reichs, in London wurden Werkstätten dort ansässiger deutscher Handwerker verwüstet. Die europäischen Gesellschaften, schreibt der Berliner Historiker Christoph Nübel, seien "militarisierte Gesellschaften" gewesen - im Gegensatz zum Europa der Gegenwart.
Die Bereitschaft, fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen, war groß. In England meldeten sich mehr Freiwillige, als die Armee ausrüsten konnte. Aus Briefen lassen sich die Motive der Männer ableiten; oft trieb sie Abenteuerlust oder der Wunsch, sich als Mann in einem scheinbar ritterlichen Kampf zu beweisen. "Ich finde den Krieg herrlich. Es ist wie ein großes Picknick, aber ohne das überflüssige Beiwerk, das normalerweise dazugehört", notierte ein britischer Offizier.
Innerhalb von Wochen zerstob diese Vorstellung. Wie zu Napoleons Zeiten stürmten die Männer mit Hurra-Rufen voran - und trafen auf die Waffen des 20. Jahrhunderts. Maschinengewehre spuckten bis zu 600 Kugeln pro Minute aus, Feldkanonen feuerten in schneller Folge Schrapnellgranaten, mähten Infanteristen nieder. "Wenn so ein Ding traf, dann gab's eben nur Gehacktes", schrieb ein deutscher Soldat nach Hause.
Die Dynamik der industriellen Revolution hatte Europa einst die Herrschaft über einen Großteil der Welt gebracht, nun schlug sie auf den alten Kontinent zurück. Eine gigantische Tötungsmaschinerie sorgte dafür, dass im Durchschnitt täglich 6000 Soldaten starben.
Ein französischer Infanterist notierte: "Die Anhöhe gleicht einem feuerspeienden Vulkan: Schrapnellrauch, gelbe, rote, grüne Leuchtraketen, die der Artillerie melden, das Feuer zu eröffnen oder einzustellen; Leuchtkugeln, die die ganze ,Todesschlucht' in bleiches Magnesiumlicht tauchen, das die Truppen beim Vormarsch blendet, überall explodieren Granaten und hinterlassen einen roten Feuerschein und schwarzen Rauch. Es ist ein höllischer Lärm: Vor und hinter uns heult, singt, pfeift, brüllt es, und das Eisenzeug explodiert. Schrecklich, wie viele Tote herumliegen."
So sahen die Schlachtfelder des neuen Krieges aus.
Zu ihrer Überraschung stießen die Deutschen bereits in Belgien auf heftigen Widerstand, und die mit den Kämpfen einhergehenden Kriegsverbrechen sind bis heute unvergessen. Die Besatzer reagierten auf angebliche oder tatsächliche Angriffe von Partisanen mit drakonischer Härte. Dörfer wurden geplündert, Häuser niedergebrannt, rund 5500 Zivilisten erschossen, darunter Frauen und Kinder.
In der altehrwürdigen Universitätsstadt Löwen töteten Soldaten der 1. Armee 248 Zivilisten, vertrieben rund 10 000 Einwohner und brannten einen Teil der Stadt nieder, einschließlich der berühmten Bibliothek. Zu Hunderttausenden flohen Belgier ins neutrale Holland, setzten über den Ärmelkanal oder entkamen nach Frankreich.
Jetzt lud sich der Krieg auch ideologisch auf. Die alliierte Propaganda trommelte gegen die Verbrechen der "Hunnen". Dagegen protestierten Künstler und Gelehrte wie der Maler Max Liebermann, der Theologe Adolf von Harnack, der Theaterregisseur Max Reinhardt mit einem "Aufruf an die Kulturwelt", der den Überfall auf Belgien rechtfertigte. Deutsche "Kultur" stand gegen französische "Zivilisation"; Pflicht, Ordnung, Volksgemeinschaft gegen Individualismus, Demokratie, Menschenrechte.
Und Erfolgsmeldungen heizten die Stimmung an: Ende August 1914 siegte das Heer unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff bei Tannenberg, etwa hundert Kilometer südlich von Königsberg; es zwang den Zaren zum Rückzug, dessen Armee in Ostpreußen einmarschiert war.
Anfang September schien der Krieg im Westen sogar gewonnen, als deutsche Truppen vor Paris standen; als die französische Regierung nach Bordeaux flüchtete und der Stadtkommandant die Sprengung des Eiffelturms vorbereiten ließ.
Aber dann ereignete sich das "Wunder an der Marne", von dem heute jedes Schulkind in Frankreich erfährt. Denn die nach den Eilmärschen und den Kämpfen in glühender Sommerhitze erschöpften Deutschen vermochten nicht, die französische Armee einzukreisen.
Deren Oberbefehlshaber Joseph Joffre zog alle verfügbaren Reserven zusammen. Der Winzersohn aus Südfrankreich und Veteran von 1870/71 ließ sogar Pariser Taxen beschlagnahmen, um Soldaten an die Front zu karren.
Fünf Tage dauerten die grauenhaften Kämpfe, dann brach Generalstabschef Moltke am 11. September die Schlacht ab und befahl seinen Leuten den Rückzug bis hinter die Aisne. Noch heute streiten Experten, ob diese Entscheidung voreilig war. Moltke erlitt jedenfalls einen Nervenzusammenbruch und wurde abgelöst.
Die Marne-Schlacht markiert die große Zäsur des Ersten Weltkriegs, denn Schlieffens Plan eines schnellen Sieges über Frankreich war damit gescheitert. Beide Seiten versuchten noch, sich wechselseitig zu umfassen, aber am Ende des sogenannten Wettlaufs zum Meer zog sich die Front von der Schweiz bis zur Kanalküste.
Das Reich musste nun jenen Zwei-Fronten-Krieg führen, den die Militärs unbedingt hatten verhindern wollen und der im Westen in einen Stellungskrieg mündete. Dieser wurde zum Signum der Jahre 1914/18 - und zum Alptraum der Soldaten.
Geplagt von Ratten, Läusen, Wanzen duckten sich die Infanteristen fortan in Schützengräben, Stollen und Unterständen, in die oft Grundwasser lief. An vielen Orten Ostfrankreichs, etwa auf dem Hartmannsweiler Kopf im Elsass oder in Vauquois bei Verdun, sind heute noch die Überreste der kilometerlangen Grabensysteme zu sehen. Sie bestanden in vorderster Linie aus Spanischen Reitern und mannshohen Stacheldrahtverhauen, dann folgten drei Grabenzüge für die Wachposten, die Hauptkampftruppe und die Reservetruppen, jeweils Hunderte Meter voneinander getrennt und oft im Zickzack angelegt. Briten oder Franzosen sollten beim Eindringen nicht gleich freie Schussbahn haben.
Wenige Kilometer weiter hinten gab es zwei weitere Linien mit noch mehr Gräben, Unterständen, MG-Stellungen, Schießscharten. Der Nachschub von Munition und der Austausch der Soldaten liefen über sogenannte Verbindungsgräben. Um die Orientierung nicht zu verlieren, tauften die Soldaten Bunker und Unterstände auf Namen wie "Bremer Ratskeller" oder "Berthalust".
Bei stundenlangem Beschuss mussten die Männer ausharren. "Rings um uns fliegt alles in die Luft", notierte ein französischer Soldat, "es ist ein pausenloses Donnerrollen. Erdklumpen, Steine prasseln uns auf den Rücken, Granatsplitter pfeifen dauernd vorbei." Die Explosionen schleuderten zersplitterte Baumstämme, Kanonenteile, menschliche Körper hoch in die Luft. Experten schätzen, dass knapp 60 Prozent der militärischen Opfer auf das Konto der Artillerie gingen.
Er sei mit den Nerven runter und müsse aus dem Graben raus, rief ein französischer Oberleutnant seinem Kameraden zu. Der Versuch, den Verwirrten zurückzuhalten, scheiterte. "Kaum ist er am Schützengrabenrand, als ihm eine explodierende Granate den Kopf abreißt", berichtete der Kamerad. "Ich starre wie benommen das Stück Unterkiefer an, das noch am Körper verblieben ist, während aus seinem durchschossenen Hals Blut und Knochenmark in den Schützengraben fließen."
Andere Kämpfer umgaben sich mit einem Panzer scheinbarer Todesverachtung, der Schriftsteller Ernst Jünger ("In Stahlgewittern") ist das bekannteste Beispiel. Aus Jünger sprach eine verwundete Seele. Am 17. Oktober 1915 notierte er in seinem Tagebuch, er habe Knochenreste einer Hand gefunden: "Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte noch grünlich weißes Verwestes zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab."
Bis heute streiten Experten, ob die Gräben mehr Leben retteten oder kosteten. Sie schützten die Soldaten, aber sie machten es auch möglich, dass sich feindliche Truppen auf wenige Dutzend Meter nähern konnten, was das gegenseitige Töten erleichterte.
Eigentlich hätte der Erste Weltkrieg mit dem Beginn des Stellungskriegs ein Ende finden müssen, schließlich hatte die deutsche Generalität vor 1914 darauf bestanden, dass ein Zwei-Fronten-Krieg nicht zu gewinnen sei. Und tatsächlich erwog Moltkes Nachfolger Erich von Falkenhayn Friedenssondierungen, um zunächst die Russen aus dem Spiel zu nehmen.
Doch zu erfolgversprechenden Verhandlungen kam es bis 1917 nicht. Nicht im Osten, nicht im Westen.
Es gibt dafür mehrere Erklärungen. Zunächst die extrem hohe Zahl der Opfer. Bis heute ist der 22. August 1914 mit 27 000 Toten der blutigste Tag der französischen Militärgeschichte. Deutsche und Belgier verloren bereits bis Ende 1914 rund die Hälfte ihrer Feldheere, bei den Armeen Russlands und Österreich-Ungarns überstieg die Zahl der Toten, Verwundeten, Gefangenen die Millionengrenze.
Solche Opfer durften nicht umsonst gewesen sein. Eine "Preisgabe des mit so viel Blut eroberten Landes" schien wie eine "Pflichtverletzung gegen die Gefallenen", beschrieb Kanzler Bethmann Hollweg die vorherrschende Sicht auf deutscher Seite. Die Alliierten argumentierten ähnlich.
Das Eingeständnis, keinen Sieg errungen zu haben, fiel umso schwerer, als die Regierungen aller Großmächte politisch geschwächt in den Krieg gezogen waren. Der Zar und die beiden Kaiser der Mittelmächte fürchteten sogar Revolutionen, wenn sie ohne Triumph nach Hause kämen.
Statt nach Kompromissen zu suchen, wurden die Wunschlisten für den Fall eines Siegs immer länger: Bethmann Hollweg wollte beträchtliche Gebiete Frankreichs und Belgiens sowie Luxemburg annektieren, Mitteleuropa beherrschen und Stützpunkte auf den Färöer-Inseln oder den Kapverden errichten - und solche Forderungen galten in Berlin noch als gemäßigt.
Frankreichs Staatspräsident Poincaré hätte das Reich am liebsten in Einzelstaaten aufgeteilt. Er verlangte das Elsass und Lothringen, die seit 1871 zum Reich zählten, dazu das Saarland und die linksrheinischen Gebiete. Sogar Belgien wollte er dominieren.
Auf der Liste des Zaren oder mancher Berater standen Konstantinopel, die Dardanellen, große Teile Ost- und Mitteleuropas bis hin zum südlichen Schlesien und Ostpreußen.
Nur die Briten hielten sich zurück; niemand sollte Kontinentaleuropa beherrschen, auch nicht die Verbündeten. London wollte sich die Option bewahren, bei Konflikten die lukrative Schiedsrichterrolle zu übernehmen.
Da das Kräfteverhältnis ungefähr ausgeglichen war, hofften beide Seiten, sie könnten den Sieg noch erringen - wenn nur der nächste Angriff erfolgreich wäre. Doch bis 1917 liefen sich alle Großoffensiven fest.
Besonders deutlich wurde das in der viereinhalb Monate dauernden Schlacht an der Somme, in der Briten und Franzosen den Deutschen gerade einmal zehn Kilometer abnahmen - und das mit dem Verlust von 600 000 Mann bezahlten. Bei Verdun starben 300 000 Soldaten, ohne dass sich der Frontverlauf wesentlich änderte. Und die sogenannte Brussilow-Offensive östlich von Lemberg brachte zwei Millionen Russen Tod, Verwundung, Gefangenschaft. Der Geländegewinn: zwischen 50 und 125 Kilometer.
Die angreifenden Generäle hatten große Schwierigkeiten, ihre Massenheere zu steuern. Es dauerte manchmal Tage, bis Befehle die Front erreichten. Vor allem aber hielten die ausgeklügelten Verteidigungsstellungen dem Dauerfeuer der Artillerie stand.
Bei Verdun verschossen kaiserliche Kanoniere in den ersten acht Stunden zwei Millionen Granaten. Bis heute, knapp hundert Jahre danach, zeigt sich die Natur dort als kraterüberzogene Mondlandschaft. Sie ist nur mit einem Flaum aus Büschen, Bäumen, Sträuchern überzogen.
Als die Deutschen nach der Kanonade vorrückten, stießen sie zu ihrem Entsetzen auf überlebende französische Soldaten, die erbittert kämpften.
Die Schlacht von Verdun ist das bekannteste Beispiel dafür, dass beide Seiten den Einsatz erhöhten und dem Leiden der eigenen Leute mit "fataler Gleichgültigkeit" begegneten, wie die Historiker Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich schreiben(*).
Aus strategischen Gründen war es wenig sinnvoll, Hunderttausende Soldaten für die Eroberung der Festungsanlagen um Verdun zu opfern - und genauso unangemessen, diese um jeden Preis zu verteidigen.
Der Krieg nahm spätestens 1916 totale Züge an. In Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn mussten rund 80 Prozent der wehrfähigen Männer an die Front oder auf See. Eine ganze Generation wurde von den dortigen Erlebnissen geprägt: Charles de Gaulle war dabei, Winston Churchill, Ludwig Erhard, Adolf Hitler, nach dem Kriegseintritt der USA auch Harry Truman, später Präsident und Begründer der Nato.
Um die gigantische Tötungsmaschinerie am Laufen zu halten, wurden hinter der Front Gleise verlegt, Straßen gebaut, Munitionsdepots errichtet. Logistiker kalkulierten bei
den großen Schlachten mit einem Nachschubbedarf von täglich gut 120 Eisenbahnzügen.
Die Entgrenzung der Gewalt spiegelte sich in der Waffentechnik wider. Ingenieure entwickelten Flammenwerfer, Panzer, Kampfflugzeuge. Sogar Giftgas wurde eingesetzt, zunächst von den Deutschen, dann auch von den Alliierten.
In Zeiten dieses totalen Krieges entschied nicht mehr das Feldherrngenie, sondern die wirtschaftliche und militärische Mobilisierungskraft über Sieg und Niederlage. 1917 konnte Russland nicht mehr mithalten - ausgerechnet jene Macht, die der deutsche Kaiser, sein Kanzler und die Militärs einst am meisten gefürchtet hatten. Die russische Wirtschaft kollabierte, der Zar trat zurück, und die Aussicht auf eine Bodenreform ließ die Soldaten, überwiegend Bauern, in Scharen desertieren.
Der neue Machthaber Lenin wollte Frieden um jeden Preis, und im Dezember begannen in Brest-Litowsk Gespräche mit Vertretern Berlins. Lenin verzichtete schließlich auf ein Viertel des europäischen Territoriums, auf das Baltikum, auf Polen, auf Finnland, die alle nach nationaler Unabhängigkeit strebten.
Nach dem Frieden von Brest-Litowsk konnten die Mittelmächte endlich jenen Ein-Fronten-Krieg führen, den einst Generalstabschef Schlieffen gewollt hatte. Aber zuvor waren die USA in den Krieg eingetreten. Und dieser Zug brachte die "entscheidende strategische Wende", wie der Historiker Gerhard P. Groß schreibt.
Die größte Industrienation der Erde hatte das englische Mutterland schon seit 1914 mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Munition tatkräftig unterstützt. Im Glauben, das Empire werde an den Verhandlungstisch treten, wenn man den Nachschubhahn zudrehte, beschlossen der Kaiser und seine Berater Anfang 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen Frachter. Also auch gegen US-Schiffe.
Es war wohl die schwerste Fehlentscheidung Wilhelms II., denn der totale U-Boot-Krieg erzielte nicht die gewünschten Erfolge - und zugleich stellten sich die USA nun gegen die Mittelmächte.
Bis Juli 1918 waren eine Million ausgeruhte GIs auf dem alten Kontinent gelandet. Bald drängten die alliierten Truppen auf breiter Front die deutschen Divisionen zurück. Der Krieg war verloren, noch bevor er das Gebiet des Reichs erreicht hatte.
Am Abend des 7. November 1918 passierte eine deutsche Kolonne aus drei Wagen beim belgischen Chimay die Front. Pioniere hatten auf dem Weg sämtliche Minen geräumt; eine große weiße Fahne prangte auf dem ersten Auto, ein Trompeter blies kurze Signale. Niemand sollte versehentlich das Feuer eröffnen, schließlich wollte die deutsche Delegation einen Waffenstillstand vereinbaren.
Französische Militärfahrzeuge brachten die Gruppe unter Führung des katholischen Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger zu einem Zug, der am nächsten Morgen bei Compiègne hielt.
Die Atmosphäre war eisig, als der französische Marschall Ferdinand Foch, seit kurzem Oberbefehlshaber der Alliierten, und drei britische Offiziere die Deutschen in einem Waggon ihres Zuges empfingen.
Am Morgen des 11. November unterzeichnete Erzberger den Waffenstillstand. "Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht", erklärte er pathetisch. "Très bien", antwortete Foch. Auf einen Händedruck verzichteten die Beteiligten lieber.
Um 11 Uhr schwiegen die Waffen.
Zu den Überlebenden des Ersten Weltkriegs zählte auch der Rostocker Maurergeselle Franz Warremann, dessen Enkelsohn Joachim Gauck heute Bundespräsident ist. Warremann brachte von der Front einen Helm mit nach Hause, den ein Streifschuss über der linken Schläfe eingedellt hatte. Warremann hatte offenkundig großes Glück gehabt.
Der Helm mit der Delle ist inzwischen verlorengegangen, erzählt Gauck im Amtszimmer des Schlosses Bellevue, aber der Anblick habe sich ihm so tief eingeprägt, dass er den Helm "noch heute zeichnen" könne.
Wenn der Opa mit alten Veteranen abends beisammensaß und sie vom Krieg erzählten, wunderte sich der junge Joachim über die ausgelassene Stimmung. Wie konnte man derart fröhlich sein, es war doch so knapp gewesen?
Erst viel später verstand er: Die Männer schätzten das Zusammensein mit Kameraden, die wie sie dem Tod in den Schützengräben ins Auge gesehen hatten. Nur sie verstanden, was das bedeutete.
Und darum feierten sie das Leben.
Lesen Sie im nächsten Heft:
Fast 100 Jahre lang ignorierte Russland den Ersten Weltkrieg. Nun wird das ehemalige Zarenreich geehrt und gefeiert. Außerdem: Eine Reise durch Bosnien mit Gavrilo Princip , Namensvetter und Großneffe des Sarajevo-Attentäters von 1914.
* Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich: "Deutschland im Ersten Weltkrieg". S. Fischer, Frankfurt am Main; 331 Seiten; 24,99 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 1/2014
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