30.12.2013

SORGERECHTTödlicher Kompromiss

In Hamburg wurde ein dreijähriges Mädchen totgeprügelt. Eine Richterin hatte das Kind wieder zu den Eltern geschickt, obwohl ein Jugendamt davor gewarnt hatte.
Anfang Mai wäre Yagmur noch zu retten gewesen. Eine Familienrichterin am Amtsgericht Hamburg-St. Georg hätte den Tod des Kindes vielleicht verhindern können - und auch das Martyrium davor.
Der Riss der Leber, der dazu führte, dass das Mädchen am Morgen des 18. Dezember in der Wohnung seiner Eltern innerlich verblutete, war nur die schwerste vieler schwerer Verletzungen, die Gerichtsmediziner bei der Obduktion entdeckten. Mehrere schlecht verheilte Rippenbrüche, dazu Armfrakturen sowie Blutergüsse am gesamten Körper - all das lässt ahnen, mit welcher Brutalität die Dreijährige monatelang misshandelt wurde, mutmaßlich von ihrem Vater.
Doch die Richterin, die am 7. Mai über Yagmurs weiteren Lebensweg entschied, einigte sich mit dem Anwalt der Eltern und einer Expertin des Jugendamts auf einen Kompromiss: die von Jugendhelfern begleitete Rückkehr des Kindes zu seinen leiblichen Eltern.
Dabei lag ein Antrag auf Entziehung des Sorgerechts seit Februar in den Akten. Das Jugendamt Hamburg-Eimsbüttel hatte ihn gestellt, weil die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen Yagmurs Eltern wegen des Verdachts ermittelte, ihre Tochter schwer misshandelt zu haben.
Was die Beteiligten letztendlich dazu bewog, das Kind aus der Obhut des Jugendamts, der Sicherheit eines Kinderschutzhauses, in die Hölle seines elterlichen Heims zu überführen, müssen jetzt Ermittler der Staatsanwaltschaft und Inspektoren der Sozialbehörde klären.
Vermutlich war es eines der Kernprobleme der Jugendhilfe in Deutschland, das auch im Fall Yagmur in die Katastrophe führte. "Die ideologische Überhöhung leiblicher Elternschaft macht viele Richter blind für die Gefahren, die Kindern von Eltern drohen können", sagt Thomas Böwer, Vizepräsident des Deutschen Familienverbands und langjähriger Jugendhilfeexperte der Hamburger SPD. Den präzise definierten Rechten leiblicher Eltern stünden eher diffuse Rechtsnormen zum Schutz gefährdeter Kinder gegenüber (siehe Kasten).
Dass Eltern das Sorgerecht haben, heißt noch nicht unbedingt, dass sie für ihr Kind tatsächlich sorgen - diese Erfahrung musste auch Yagmur machen, von Anfang an.
Kurz nach der Geburt erklärt ihre Mutter, Melek Y., gegenüber dem Jugendamt, sie fühle sich mit dem Kind überfordert und wolle es in eine Pflegefamilie geben; angeblich nur vorübergehend, das Sorgerecht wolle sie behalten. Dabei konnte die junge Frau schon für ihr erstes Kind offenbar keine Verantwortung übernehmen. Der Junge lebt bei ihren Eltern.
Yagmur ist nur wenige Tage alt, als sie zu ihrer Pflegemutter kommt. Inés M., gelernte Modedesignerin, lebt und arbeitet im bürgerlich-betuchten Hamburger Stadtteil Rotherbaum. Das Baby wird zum Nesthäkchen der Pflegefamilie.
Für den damals dreijährigen Sohn ist es schon bald wie eine Schwester, und auch Inés M. fehlt schnell jene Distanz, zu der man ihr im Pflegeeltern-Crashkurs des Jugendamts geraten hat: "Natürlich wusste ich, als ich Yagmur bekam, dass dies eine temporäre Angelegenheit sein sollte. Aber mit jedem Tag ist sie mir mehr ans Herz gewachsen. Wir wurden ein eingeschworenes Team."
Von Yagmurs Tod hat die 43-Jährige aus den Medien erfahren. Vor fast einem Jahr hatte sie das Kind zum letzten Mal gesehen. Seitdem hielt sie zur Mutter via Smartphone Kontakt. Mehrfach hatten die beiden Frauen Treffen mit ihren Kindern vereinbart, die Melek Y. immer wieder kurzfristig absagte.
Vor drei Wochen schickte sie ein Handy-Video: Yagmur tanzt vor dem Fernseher zu türkischer Musik. Am Bildrand: Melek Y., lachend.
Inés M. ist kaum zu verstehen, als sie die Szene schildert, so sehr muss sie weinen: "Als ich es zum ersten Mal sah, dachte ich, sie wolle mir zeigen, dass Yagmur nun endlich in ihrer Familie angekommen ist."
In einer Familie mit einer Mutter, die gut ein Jahr lang, bis 2012, in einer Obdachlosenunterkunft lebte; verheiratet mit einem Mann, der als Schläger polizeibekannt ist. Zwei Menschen, die im Problemviertel Mümmelmannsberg ein Kind großziehen wollen, das zwei Jahre lang in behüteten Verhältnissen inklusive privaten Kindergartens gelebt hatte.
Inés M. ahnt jene Zerrissenheit, die unvermeidbar ist, wenn Welten zwischen den Lebenswelten liegen. Aber es scheint, als wolle sie davon nichts wissen; noch immer nicht. "Die hatten doch eine Chance verdient", sagt sie - und es klingt wie eine Beschwörung jener Geister, die sie gesehen und immer wieder verdrängt hat, wenn Yagmur nach Besuchen bei ihren leiblichen Eltern lädiert zu ihr zurückkam.
All die großen Hämatome und kleinen blauen Flecke meldete die Pflegemutter dem Jugendamt. Die leibliche Mutter hatte stets Erklärungen parat. Den Experten im Amt genügten die Erzählungen offenbar. Beispielsweise die Mär, dass das Kind im Schwimmbad mit dem Kopf an die Wand geknallt sei. Oder die Geschichten von der zwölfjährigen Nichte, die Yagmur aus Unachtsamkeit fallen gelassen habe.
Aber Inés M. erinnert sich auch an sogenannte Hilfeplangespräche, in denen Melek Y. verwarnt worden sei. Die Mutter müsse besser aufpassen, solche Unfälle könnten die Rückführung des Kindes gefährden. Misstrauisch sei sie dennoch nicht geworden, sagt Inés M. Und wieder weint sie, weil sie weiß, dass das nicht stimmt. "Eigentlich ist es ganz einfach; man muss sich das Kind ansehen, aber das hat keiner getan."
Dabei gab es auch andere Warnsignale. Wann immer Melek Y. und ihr Mann Hüseyin ihre Tochter abholen wollten, um ein paar Stunden mit ihr zu verbringen, habe sich das Kind mit Händen und Füßen gegen die Übergabe gewehrt: "Im Kindergarten hatte sie sich bei den Erziehern festgekrallt, zu Hause an mir."
Im Herbst 2012 muss das Mädchen im Rahmen der schrittweisen Rückführung mehrere Tage bei seinen leiblichen Eltern verbringen. Die Folge: Yagmur isst und trinkt nicht mehr. Sie kommt ins Krankenhaus. Die Ärzte diagnostizieren eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Auch als Yagmur wenige Tage nach ihrer Entlassung erneut eingeliefert wird, bleiben sie bei ihrem Befund.
Gut zwei Wochen später ist sie wieder in der Klinik. Weil sie jetzt extrem schielt, wird der Rechtsmediziner Klaus Püschel hinzugezogen. Der stellt ein Schädel-Hirn-Trauma fest, das dem Kind offenbar ein Jahr zuvor gewaltsam zugefügt worden ist - und einen Riss der Bauchspeicheldrüse, den seine Kollegen im Kinderkrankenhaus allem Anschein nach zweimal übersehen haben. Auch der Riss ist nach Ansicht des Experten eine Folge von Gewalt.
Püschel erstattet Anzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Yagmur kommt, nachdem sie an der Bauchspeicheldrüse operiert worden ist, in die Obhut des Jugendamts und lebt fortan in einem Kinderschutzhaus.
Wenige Wochen zuvor, am 11. Januar, hatten sich Inés M. und ihr Sohn im Krankenhaus schweren Herzens von Yagmur verabschiedet; endgültig und auf Bitten des Jugendamts, weil das Kind mit psychosomatischen Beschwerden auf den Wechsel zwischen zwei Familien reagiert habe.
M.s Anträge, ihr ehemaliges Pflegekind besuchen zu dürfen, wurden abschlägig beschieden. Ebenso ihre Bitte, Yagmur ein Osterkörbchen ins Kinderhaus schicken zu dürfen. Der Antrag des Rechtsanwalts Rudolf von Bracken, die damals Zweijährige aus der Obhut des Jugendamts in die ihrer leiblichen Eltern zu überführen, hatte dagegen Erfolg.
Nun ist Yagmur tot, gestorben im Kreis ihrer Familie.
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 1/2014
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