30.12.2013

Nische des Ruhms

GLOBAL VILLAGE: Ein Inder in England macht sein Heimatland glücklich - mit Tomaten.
In einem englischen Hinterhof hat Surjit Singh Kainth einen Weltrekord aufgestellt, aus Versehen. Im April 2013 hatte er ein Pflänzchen gekauft, acht Zentimeter hoch, und es in einen Blumenkübel gesteckt. Er hatte es gegossen und umsorgt, es mit Stöcken gestützt und sich zum Morgengebet vor den Topf gestellt. Und Solanum lycopersicum, die Tomatenpflanze, wuchs und gedieh. Er nannte sie "die Magische". Er gab ihr sogar einen richtigen Namen, wie einem Kind: "Fateh". Das ist Panjabi und heißt Sieg, die tiefere Bedeutung aber, sagt Kainth, sei "höchste Vollendung".
Etwas zu geben, ohne etwas dafür zu erwarten, nach diesem Motto lebt Kainth, 68 Jahre alt, ein Mann mit schlohweißem Bart. Jeden Morgen schaut er sich in seinem Wohnzimmer in Coventry die Live-Übertragung vom Goldenen Tempel in Amritsar an, dem Heiligtum der Sikhs.
Seine Tochter aber entdeckte, dass es im "Guinness-Buch der Rekorde" eine Disziplin namens "Die meisten Tomaten von einer Pflanze" gab. Die Kainths bewarben sich, und plötzlich brachte Antrag Nummer 441556 Glanz in ihr Leben hinter zugezogenen Spitzengardinen. Auf einmal war Kainth 7000 Kilometer weiter östlich in den Schlagzeilen.
Zwar wanderte Kainth, geboren im Punjab, schon 1967 nach Großbritannien aus - in seiner Vitrine steht eine Porzellanglocke mit dem Bildnis der Queen. Doch der Wunsch nach Glorie ist in Indien so übermächtig, dass selbst die Erfolge der verlorenen Söhne zählen. Die "Hindustan Times" schreibt von einer richtigen "Besessenheit" der Inder, sich in Rekordbüchern wiederzufinden. Und das Unternehmen Guinness World Records ernannte 2012 einen eigenen Vertreter in Indien, die Zahl der Antragsteller dort stieg in den vergangenen sieben Jahren um 361 Prozent.
Doch was, fragen sich indische Intellektuelle, treibt die Menschen eigentlich dazu, 23 Yoga-Positionen auf einem fahrenden Motorrad zu machen oder sich 4,29 Meter Schnurrbart in dünnen Würsten um den Hals zu wickeln?
Das Selbstwertgefühl der Inder sei vom Rang bestimmt, schließlich lebten sie in einer zutiefst hierarchischen Gesellschaftsordnung, sagen die einen. Indien, die aufstrebende Nation, hungere nach Anerkennung von der Welt, besonders vom Westen, sagen die anderen. Und erhebend ist es auch, wenn 121 653 Inder gemeinsam ihre Hymne singen und damit Pakistan, den alten Feind und Rekordhalter, übertrumpfen.
"Wir sind stolz auf unsere Strebsamkeit", sagt Kainth. Auch er hütet eine Trophäe aus alten Zeiten: den Ausweis seines ehemaligen College für Landwirtschaft in Indien. Kainth, eines von acht Kindern, jüngster Sohn eines Tuchhändlers, war der Einzige in der Familie, der studiert hat. Natürlich kennt auch er das Gefühl, einmal herausragen zu wollen aus der Masse in einem Land der 1,2 Milliarden. Er weiß, dass es in Indien leichter sein kann, sich das Ohrhaar 18,1 Zentimeter lang wachsen zu lassen, als die Grenzen seiner Kaste zu überwinden. Doch nie hätte er sich fröhlich die Zähne ziehen lassen, damit 496 Strohhalme in seinen Mund passen, so wie jener Inder, der sich sogar in "Guinness" umbenannte.
Für Kainth sollte Großbritannien den Durchbruch bringen, hier wollte er weiter zur Universität gehen. Doch in Schottland angekommen, konnte er die Studiengebühren nicht bezahlen. Er wurde Busfahrer. Mit 53 Jahren dann Herzinfarkt, Vorruhestand. Kainths Tage wurden still. Bis die Tomate kam.
Am 11. September, bei leichtem Regen und laufender Kamera, erfolgte die Beweisaufnahme im Hinterhof der Kainths. Kainth wusste, der letzte Rekord lag bei 488 Früchten von einer Pflanze, aufgestellt von einem gewissen Graham Tranter aus Bridgnorth, England. Unter der Aufsicht zweier unabhängiger Zeugen, einer Stadträtin in tomatenrotem Blazer und eines Repräsentanten der Nationalen Gemüse-Gesellschaft Großbritanniens, Abteilung West Midlands, wurden die Tomaten gezählt. Es waren 1355. Dann gab es Kekse.
Es sind aufregende Tage in Coventry, gerade ist die Guinness-Urkunde eingetroffen, Kainth träumt vom Einstieg ins Tomaten-Business. Er hortet Tütchen voller Samen. Vier hat er schon getestet, die Nachkommen von "Fateh" sprießen neben dem Heizkörper. Nun wartet er auf Anrufe der internationalen Saatgut-Mogule.
Kainth ist jetzt nicht mehr Busfahrer im Ruhestand. Er ist, so schrieben es ihm die Verantwortlichen vom "Guinness-Buch", "Teil einer elitären Gruppe von Weltrekordhaltern". Der Abgesandte der Nationalen Gemüse-Gesellschaft nannte ihn "Herr Grüner Daumen". Und so hat Kainth, stolzer Absolvent einer indischen Landwirtschaftsschule, in der neuen Heimat zu seinem alten Leben zurückgefunden.
Seine englischen Nachbarn wünschten ihm alles Gute. Kainth sagt, er sei zu Tränen gerührt gewesen, das sei "die totale Integration". Aber es gibt auch noch dieses andere Gefühl. "Dass ich als Außenstehender", fängt Kainth seinen Satz an und sucht die richtigen Worte für seine Freude, diese Freude, dass er, der Fremde, die Briten in ihrer liebsten Disziplin, der Gartenarbeit, geschlagen hat. Seine Tomaten haben ihn britischer als die Briten gemacht. Und Indien jubelt.
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 1/2014
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