30.12.2013

GALOPPSPORT Lauf, Mister Detective, lauf!

SPIEGEL-Redakteur Stefan Willeke hat sich mit Freunden ein Rennpferd gekauft. Nun taucht er ein in ein Milieu, in dem sich Adlige, Zocker und Ex-Fußballstars tummeln.
Es gibt verschiedene Modelle der Altersvorsorge, ich habe mich für ein Rennpferd entschieden. Es ist ein fuchsfarbener Hengst mit einer interessanten Blesse, und man muss sagen: Er sieht sehr gut aus. Nein, man muss es anders ausdrücken, ohne falsche Bescheidenheit: Er sieht phantastisch aus. Drei seiner Füße sind weiß, bei jedem Wetter trägt er helle Stiefel.
Ich habe den Hengst gemeinsam mit vier Freunden gekauft, er hat uns 13 000 Euro gekostet, jeden von uns 2600, und ich muss vorausschicken: Ich bereue nichts. Dieser Hengst ist ein großes, lebendiges Versprechen.
Ich bin in diese Sache hineingezogen worden, wie man in ein Komplott verwickelt wird. Der Februar 2013 war angebrochen, als mich einer meiner späteren Mitbesitzer fragte: "Machst du mit?" Ich hatte bloß mal auf braven Touristenpferden gesessen, in den Rocky Mountains, in Schottland, das war's.
Ich habe meine Gründe, auf ein Rennpferd zu setzen. Im Idealfall könnte aus ihm ein begehrter Deckhengst werden, und das Sperma des Hengstes wäre dann meine Tantieme. Als Decktaxe werden manchmal mehrere tausend Euro gezahlt. Ich lasse mich gern auf Dinge ein, die auf dem Prinzip der Wette beruhen. Mein Großvater mütterlicherseits verlor vor Jahrzehnten im Spielcasino Baden-Baden seine Ersparnisse, weil er glaubte, beim Roulette ein teuflisch gutes System gefunden zu haben. Ärzte würden sagen: Es liegt eine familiäre Disposition vor.
Außerdem habe ich eine tiefe Sympathie für menschliche Ausnahmezustände, wie sie sich am zuverlässigsten in Lebenswelten entfalten, die von Träumern und Besessenen bevölkert werden. Ich bin auch ein Fan von Schalke 04. Später sind noch andere Gründe hinzugekommen, zum Beispiel das Wildschwein-Dinner mit Gräfin Tini, aber ich will nicht vorgreifen.
Als ich dem Hengst im März 2013 vorgestellt werde, schaut er mich zuerst nur von der Seite an. Er ist ein Galopper und steht im Rennstall Hoppegarten, östlich von Berlin. Hoppegarten ist eine legendäre Rennbahn, die eine Ahnung von den vibrierenden Momenten des Triumphs verströmt. Als im Jahr 1868 das erste Rennen stattfand, regierte König Wilhelm I. in Preußen. Später tauchten Gerhard Schröder, Richard von Weizsäcker, Christine Neubauer hier auf, Axel Schulz, Walter Scheel und Verona Pooth. Walter Scheel und Verona Pooth, das ist in etwa die Hoppegartener Spannbreite.
"N. N." steht noch auf dem Namensschild neben unserer Box im Rennstall. Der Vater unseres Pferdes heißt Excellent Art, die Mutter Do the Deal. Der Vater ist Brite, die Mutter Irin. Unser Hengst ist noch sehr jung, zwei Jahre alt. Das höchstdotierte deutsche Rennen für zweijährige Galopper startet im Oktober in Baden-Baden. Der Sieger bekommt 100 000 Euro. Aber daran ist nicht zu denken. Unser Hengst ist ein Neuling.
Ich habe ihn mir angesehen. Er ist keines dieser hysterischen Rennpferde. Er schmust gern mit jedem seiner Besucher. In ihm steckt etwas ungewöhnlich Zugewandtes. Im Rennstall nennen sie ihn "Showman", weil er sich seiner Wirkung bewusst ist. Sein Blick ist tiefgründiger als der seiner Nachbarn.
Während unserer ersten Besitzerversammlung werde ich zum Geschäftsführer ernannt. Weil ich von Pferden zu wenig verstehe, muss ich das Rennkonto verwalten. Wir gelten von nun an als Syndikat. So nennt man Menschen, die sich ein Rennpferd teilen.
Der Name unseres Hengstes soll mit D beginnen, wegen der Mutter Do the Deal. Ein Mitbesitzer schlägt Dealer vor. Aber der Rennstall Hoppegarten ist entsetzt. Dealer? Bei einem Sport, der ständig unter Manipulationsverdacht steht? Ich bin für Django Unchained, aber wir einigen uns auf Detective, den Grund dafür habe ich vergessen. Doch weil dieser Name beim irischen Verband schon vergeben ist, heißt er Mister Detective.
Unser Trainer im Rennstall Hoppegarten findet, dass Mister Detective ein "Scheißname" ist. "Weil Detektive immer hinterherkriechen", sagt er. Wie fast alles sagt er auch das mit seinem unerschütterlichen Lächeln, und er fügt hinzu: "Man kauft immer die Hoffnung." Die Stute Danedream beispielsweise hat 3,8 Millionen Euro Preisgelder eingaloppiert.
Unser Trainer ist in der Galopperszene ein bekannter Mann. Er heißt Roland Dzubasz, ist 45 Jahre alt. Aus jedem seiner Sätze hört man den Berliner heraus. In der Galopp-App, die ich auf meinem Smartphone installiere, steht er in der Trainer-Rangliste im Moment auf Platz vier.
Dzubasz ist einer dieser selten gewordenen Männer, die in den Grauzonen des Lebens den Mittelpunkt ihrer Autorität gefunden haben. Er ist klein, drahtig, meist gelassen. Er hinkt, sein rechtes Bein wurde bei einem Reitunfall verletzt. Wenn er morgens am Zaun des Trainingsgeländes lehnt und seinen Reitern zuschaut, schweigt er. Er verströmt keine Euphorie, aber auch keinerlei Aggression. Er macht seine Arbeit. Er kennt sich aus. Galoppsport-Journalisten erzählen über ihn, dass man ihn schwer durchschauen könne, und das ist als Kompliment gemeint. Er spricht aus, was ihm mitteilenswert erscheint, das meiste behält er für sich. Mit 59 Siegen im Jahr 2012 ist er Champion geworden, obwohl sein Rennstall kleiner ist als die Ställe seiner wichtigsten Konkurrenten. In Westdeutschland prägen die reichen Besitzer bedeutender Gestüte den Sport. Im Rennstall unseres Trainers gibt es Menschen, die sich zu zehnt ein Pferd teilen.
Wir haben unser Syndikat Hongkong genannt und unter diesem Namen beim Direktorium für Vollblutzucht und Rennen registrieren lassen. Hongkong ist ein übermütiger Name. Die Stadt verwandelt sich in ein Irrenhaus, sobald die internationalen Rennen beginnen. Das Größte, das meiste, das Neueste, das ist Hongkong. Dorthin wird man eingeladen, wenn man auf dem Weg zur Weltspitze ist. Wer seinen Rennstall Hongkong nennt, leidet nicht unter Illusionslosigkeit.
In der Gruppe der zweijährigen Hengste gehört Mister Detective bald zu den Hoffnungsträgern, gemeinsam mit Karltheodor, den man im Rennstall "KT" nennt. Die "Sport-Welt", das Blatt der Galopperszene, schreibt über uns: "Der Stall Hongkong erwarb Mr Detective, dem der Betreuer eine weite Entwicklung und einen guten Eindruck in der Arbeit bescheinigt und als realistische Ziele zwei Auktionsrennen im Herbst vorgibt."
Man darf es mit der Hoffnung nicht übertreiben. Man kann ein junges Pferd zugrunde richten, wenn man es in ein aussichtsloses Rennen schickt. Ein Pferd, das bei seinem Debüt als Verlierer endet, kehrt womöglich traumatisiert in den Stall zurück. Es ist ein Rennpferd, kein Zirkuspony. Es wird darauf trainiert zu gewinnen. Es hat Empfindungen. Es spürt die Demütigung, die sich in der Niederlage ausdrückt. Wir müssen aufpassen. Wir müssen Mister Detective vor unseren Tagträumen beschützen.
Als die Rennsaison in Hoppegarten beginnt, ist Mister Detective noch nicht dabei. Er muss üben. Ich habe mir einen Besitzerausweis besorgt, mit einem großen B. Ich darf meinen Wagen auf dem Parkplatz der Ehrengäste abstellen, ich gehöre jetzt dazu. Ich habe mir den Film "Seabiscuit" angeschaut, der die wahre Geschichte eines Galoppers nacherzählt, eines Hoffnungsträgers im Amerika der Großen Depression. Ich habe mir Bücher gekauft, "Rivalen der Rennbahn", "Kämpferherz Gondolo", all dieses Zeug. Ich habe erfahren, dass der Fußballprofi Claudio Pizarro vom FC Bayern München viele Galopper besitzt. Ich habe ein altes Foto entdeckt, auf dem der junge Stürmer Klaus Fischer mit Rennpferden zu sehen ist - Klaus Fischer, den ich immer sehr bewundert habe, als Mensch und als Fallrückzieher.
Ich bekomme Rechnungen von Hufschmieden (Alu-Eisen vorn und hinten) und Tierarztpraxen (Influenza-Impfung). Ich beschäftige mich mit der Logik von Wettquoten. Ich bin angekommen. Max von Merveldt, einer der Pressesprecher der Rennbahn Hoppegarten und der Neffe eines Pferdezüchters, begrüßt mich an einem Junitag mit dem Satz: "Ich habe Sie schon gesucht." Vielleicht werde mich Tini Gräfin Rothkirch demnächst in ihren Hoppegartener Rennklub einladen, sagt er, vielleicht.
Die Gräfin, wie man sie nennt, trägt an besonderen Tagen exquisite Hüte, sie ist die Grande Dame der Hoppegartener Gesellschaft. Es gibt jetzt eine winzige Verbindung zwischen Tini Gräfin Rothkirch und Claudio Pizarro - mich.
In Hoppegarten sehe ich unseren Trainer konzentriert vor Monitoren stehen, er beobachtet die Rennen in Krefeld, Neuss oder Leipzig. Er trägt einen Anzug. Ich habe Respekt vor Männern, die zu bedeutsamen Anlässen ihren Anzug aus dem Schrank holen, hin und wieder ein abgegriffenes Handy aus der Tasche ziehen und danach wieder auf schmutzige Bildschirme starren. Es ist diese faszinierende Entschiedenheit, die von ihnen abstrahlt. Die Entschiedenheit mag eingebildet sein, aber das nimmt ihr nichts von ihrer Anziehungskraft.
Mister Detective macht solche Fortschritte, dass der Trainer etwas Unerwartetes tut: Er meldet ihn für das große Rennen in Baden-Baden an. Mister Detective, das steht für mich fest, ist ein Ausnahmepferd. Er hat eine "Nennung" für Baden-Baden, das bedeutet: Wir zahlen - wie beim Pokern - in einen Jackpot ein. Nehmen wir ihn vorzeitig aus dem Rennen, bleibt unser Einsatz im Jackpot.
Die Nachricht "Baden-Baden" trifft mich wie ein Blitz. Baden-Baden ist eine entscheidende Etappe auf dem Weg zur Spitze. Im Jahr 2012 hat der Fußballmanager Klaus Allofs dieses Rennen entschieden, mit seinem Hengst Wake Forest. Ich muss zu Allofs.
Ich treffe ihn in einer Lounge im Fußballstadion des VfL Wolfsburg, Allofs ist ein Geschäftsführer des Vereins. Ich zeige ihm ein Foto von Mister Detective und frage ihn, ob wir jetzt Gegner seien. Er denkt kurz nach, dann antwortet er: "Ja."
Allofs sagt, er habe einen Anzug getragen, als er in die Maschine nach Baden-Baden stieg. Wake Forest war zuvor in Hoppegarten gelaufen, hatte gesiegt, dann folgte Baden-Baden, und Allofs war außer sich. Sein Hengst war etwas angeschlagen, die Körpertemperatur stimmte nicht, und dennoch setzte sich Wake Forest durch. Danach bekam Allofs einen silbernen Teller überreicht, der mit etwas Phantasie an die Schale des deutschen Fußballmeisters erinnert, aber er sagt auch: "Wer nicht verlieren kann, sollte sich kein Rennpferd kaufen."
Wake Forest war als junges Pferd noch unscheinbar, spät geboren, im Mai. Aber er hatte, sagt Allofs, von Beginn an etwas, das ihn überzeugt habe: "Er hat Charakter, er war mir gleich sympathisch." Ich verstehe, was er meint.
Ich werde meine Kollegen, Freunde und Verwandten nach Baden-Baden holen. Ich erkundige mich, was ein Reisebus samt Fahrer kosten würde, der am 18. Oktober rund 80 Personen nach Baden-Baden brächte. Noch hat unsere Familie Baden-Baden stets als Verlierer verlassen, Mister Detective könnte die Revanche sein. Ich verschicke gerahmte Fotos von Mister Detective, an meine Eltern, meine Schwester, meinen sechsjährigen Neffen.
Im Juli passiert etwas Seltsames. Mister Detective gerät in die Pubertät. Er wächst sehr schnell und frisst sehr viel. Auf der Sandbahn, die besonders viel Kraft kostet, wird er von Karltheodor regelmäßig abgehängt. "Er muss sich zurückmelden", mahnt unser Trainer.
Einmal, bei meinem Besuch im Stall, liegt Mister Detective entspannt auf dem Boden. Flamingo Star, Born to Run, Cosmic Wind und die meisten anderen Pferde dösen im Stehen, nur Mister Detective legt sich hin wie ein Hund. Seine Gelassenheit ist schwer zu ertragen. Vielleicht liegt es an der Sommerhitze. Unser Hengst ist Ire, hohe Temperaturen machen ihm womöglich mehr zu schaffen als Karltheodor. Ich weiß es nicht. Was weiß man schon über einen Jungen in der Pubertät? "Er muss bald aufwachen", sagt unser Trainer. Und er muss 40 Kilo abnehmen. Er nimmt tatsächlich 40 Kilo ab, weil der Trainer ihn in den kommenden Wochen fordert. Ob Baden-Baden noch in Frage kommt, soll sich bei einem kleineren Rennen in Dresden entscheiden, am 6. Oktober. Das erste Rennen überhaupt.
Ich kann leider nicht dabei sein, aber drei meiner Mitbesitzer fahren hin. Ich habe mich im Internet bei einem Wettanbieter angemeldet, damit ich zu Hause einen Livestream des Rennens empfangen kann, und ich habe Nachbarn zu uns eingeladen. Kollegen des SPIEGEL habe ich dazu ermutigt, auf Mister Detective zu wetten. Meine Familie, meine Freunde, die Freunde meiner Mitbesitzer, alle setzen auf ihn. Wenige Stunden vor dem Rennen gilt er als Toto-Favorit, das bedeutet: Das meiste Geld liegt, jedenfalls zeitweise, auf Mister Detective. Im Führring in Dresden, wo dem Publikum die Pferde vorgestellt werden, lobt ihn der Sprecher der Rennbahn wegen seiner Schönheit. Mister Detective wiehert oft, er macht einen glücklichen Eindruck. Er paradiert wie ein Sieger.
Es gibt Pferde, die Trainingshelden bleiben und im Rennen versagen. Und es gibt die besonderen Pferde, die sich erst im entscheidenden Augenblick zeigen. In einer fast vergessenen Studie der Gesamthochschule Kassel habe ich gelesen, dass fuchsfarbene Galopper auf Sprintstrecken wie dieser die besten Resultate erzielen.
Als Mister Detective in die Startbox geführt wird, sieht man keine Anzeichen von Aufregung. Das Rennen beginnt, auf dem Bildschirm des Fernsehers sehe ich ein Pferd mit einer Blesse an der Spitze des Feldes. Wahnsinn, das ist er, Mister Detective. Der Kommentator aber sagt: Joy to the World geht an die Spitze. Was redet der da? Er sagt auch: "Etwas schwer auf die Beine kommt Mister Detective." Das leicht unscharfe Fernsehbild hat mich getäuscht, Mister Detective liegt in Wahrheit zurück. Wie groß ist sein Abstand? 15 Längen? Dann ist das Rennen vorbei. Regungslos sitze ich vor dem Fernseher, auch meine Gäste sagen nichts. Mister Detective wurde Letzter.
Als ich meinen Mitbesitzern in unserer WhatsApp-Gruppe Hongkong die Mitteilung sende: "Die Letzten werden die Ersten sein", erwidert niemand etwas. Baden-Baden ist gestorben.
Später wird unser Trainer sagen: "Er ist ins Rennen gegangen, wie er rausgekommen ist." Ohne Anstrengung. Er hatte gar nicht geschwitzt. Auch nach dem Absatteln blieb er guter Laune und wieherte unbekümmert. Ist er Phlegmatiker?
Ich fahre zu Peter Scheid nach Köln. Der Journalist ist seit 37 Jahren beim
Fachblatt "Sport-Welt", inzwischen ist er der Chef. Er setzt sich mit mir in eine Bäckerei. Über Mister Detective sagt er: "Er ist noch jung, er kommt schon noch." Danach: "Es gibt welche, die keine Lust haben, manche sind nicht ganz richtig im Kopf." Ein Galopper sei wie eine Wundertüte.
Danach erzählt er von seinem eigenen Hengst, Mauriac. Er wurde in Baden-Baden Vierter, dann hörte der Jockey dieses Röcheln. Offenbar, stellte ein Tierarzt fest, verengt sich beim Rennen die Luftröhre. Stress. "Okay", sagte Peter Scheid schließlich, "binden wir ihm die Zunge fest." Aber das Problem blieb. Scheid schaut mich fragend an. Dann holt er sich ein Stückchen Bienenstich, und wir sprechen sehr lange übers Röcheln.
Peter Scheid hat sein Pferd verkauft. Es lebt jetzt in der Toskana. Und plötzlich hat es ein großes Rennen gewonnen. Scheid sagt: "Du weißt es nie."
In Langenhagen bei Hannover ist Mister Detective wie ausgewechselt. Sein zweites Rennen. Er ist nervös, schon auf dem Weg zum Führring steigt er. Der Jockey, ein Mongole, hat den Auftrag, Mister Detective unter Druck zu setzen. Mister Detective trägt Scheuklappen, damit er sich nicht ablenken lässt. Als sich die Startboxen öffnen, zieht er in die Spitzengruppe, aber er fällt auf der 2000 Meter langen Strecke ins Mittelfeld zurück. Er wird Sechster. Sechster von neun. Eine deutliche Steigerung. Ich frage mich bloß: Warum wurde Karltheodor Dritter?
Die Rennsaison 2013 geht langsam zu Ende. Roland Dzubasz, unser Trainer, hat 56 Siege errungen, mit anderen Pferden, in der Trainer-Rangliste wird er Zweiter. Schließlich stellt er uns eine Frage, die ihm ganz normal vorkommt: Sollen wir ihn kastrieren lassen? Ein Wallach hätte ein besseres Leben. Er dürfte draußen auf die Koppel, weil er beim Geruch der Stuten nicht mehr durchdrehen würde. Vor allem könnte er sich auf die Arbeit konzentrieren. Mister Detective gilt als "hengstig", er lässt sich für die falschen Themen begeistern. Er muss den Ernst des Lebens erkennen. Im Jahr 2014 wird er drei, bei Dreijährigen entscheidet sich meist, was in ihnen steckt. Mister Detective schaut in letzter Zeit oft aus dem Fenster seiner Box. Sehnt er sich nach Freiheit? Kastrieren oder nicht kastrieren?
Tini Gräfin Rothkirch, die Chefin des Rennklubs in Hoppegarten, hat zum Abschluss-Dinner der Rennsaison eingeladen. Ein Trainer hat ein Wildschwein erlegt, es wird gegrillt und tranchiert. Heute geht es leger zu, niemand muss sich eine Krawatte umbinden. Ein frostiger Winterabend bricht an, auf die Kaisertribüne wurden Heizstrahler gestellt. Die Gräfin, die sich um Sponsoren bemüht und sich gelegentlich mit Karl Lagerfeld trifft, erzählt mir von ihrem Hengst Marientaler, der in dieser Saison nur einmal gelaufen ist, erfolglos. Er habe sich in einem Bunker des angrenzenden Golfplatzes gesuhlt, das war seine auffälligste Tat.
"Wie heißt Ihr Rennstall?", fragt mich die Gräfin.
"Hongkong."
Die Gräfin reißt die Augen auf und macht ein respektvolles Geräusch, irgendwas zwischen "wow" und "huch".
Später hält der Inhaber der Rennbahn, Gerhard Schöningh, eine Rede, die davon handelt, dass er mit Hoppegarten die Nummer eins in Deutschland werden will. Hoppegarten war schon so gut wie pleite, da tauchte dieser Millionär auf. Er ist Investmentbanker in London und besitzt 11 bis 14 Pferde, genau weiß er das nicht. Seine Stute Little Annabell ist gerade verletzt, eine Sehne wurde überdehnt. Er sagt zu mir: "Es ist ein Unterschied, ob man ein Rennpferd besitzt oder es tatsächlich auf die Bahn bringt."
Dann berichtet er von den Supermächten seiner Welt, dem Emir von Dubai, der Herrscherfamilie von Katar und dem tschetschenischen Diktator Ramsan Kadyrow, der den Rothschilds den Hengst Meandre für sechs Millionen Dollar abkaufte. Es sieht so aus, als verließe nicht nur der Kapitalismus die Demokratie, sondern auch der Galopprennsport. Auf halbem Weg, schon ziemlich weit im Osten, liegt Hoppegarten, die Residenz einer versprengten Konföderation.
Gräfin Tinis Feier ist ein Ereignis, von dem man nicht glaubt, dass es sich heute noch ereignen kann. Mit kleinen Ansprachen und großen Gesten versichern sich Menschen gegenseitig ihrer Existenz, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie sich außerhalb dieser Welt jemals begegnen. Franz Prinz von Auersperg wird gleich erwartet, der mit dem Hengst Pastorius den Prix Ganay in Paris gewann. Ein Mann namens Dr. Helmut Schmidt, Rostocker Honorarkonsul der Tschechischen Republik, ist schon da. Ein Sparkassenchef aus dem Rheinland schlendert unschlüssig vorüber, der Präsident des Bad Doberaner Rennvereins erläutert seinen Siegelring, der letzte Direktor des Volkseigenen Betriebs Vollblutrennbahnen der DDR taucht auf, und an einem Stehtisch kippen knorrige Männer in winddichten Parkas ihr Bier. Das sind die Trainer. Einer von ihnen ist Roland Dzubasz. Er wollte zuerst nicht kommen, er mag solche Feiern nicht.
Wo steckt eigentlich Prinz von Preußen?
Er fühlte sich nicht gut, er ist 69. Gelegentlich rebelliert sein Herz. Er wartet auf mich in der Lobby eines Hotels in Potsdam, trägt ein Lodenjackett und fährt mich in seinem grünen Jaguar durch die Stadt. Franz-Friedrich Prinz von Preußen ist ein Urenkel des letzten deutschen Kaisers. Er versprüht die Ironie eines Nachkommen, der aus einer überladenen Welt stammt, die von Republikgründung zu Republikgründung immer weiter entleert wurde und schließlich ihren Sinn verlor. Über die sogenannten besseren Kreise sagt er: "Scheißkaviar." Er lacht.
Sein Vater wurde noch im Potsdamer Stadtschloss geboren. Sein Urgroßvater, Kaiser Wilhelm II., regierte eine Zeitlang von Potsdam aus das Reich. In einem aufwendig umgebauten Pferdestall eines kaiserlichen Ulanen-Regiments wohnt heute Prinz von Preußen. Wegen der anregenden Gespräche im Rennklub kommt er oft nach Hoppegarten, doch er wettet nie. So steht der Prinz dann amüsiert auf der Kaisertribüne und sagt über sich: "Ich habe keine Ahnung." Von Pferden versteht er nichts.
Ich rufe Andrasch Starke an, Deutschlands erfolgreichsten Jockey. Ich will von ihm wissen, wie er das macht: Ständig wechselt er die Pferde, ständig gewinnt er. Mehr als 2000 Siege. Sein Keller ist voller Pokale. In Ascot reichte ihm die Queen die Hand. Starke hat wenig Zeit, bald fliegt er nach Hongkong. Er sei in der Lage, sagt er, eine Zwei-Minuten-Beziehung zu einem Pferd aufzubauen, allein für die Dauer des Rennens. Er nennt das "die schnelle Nummer". Es gebe nur wenige Jockeys auf der Welt, die diese Nummer beherrschten.
Würden Sie im kommenden Jahr auch Mister Detective reiten, Herr Starke?
"Ja, gern", sagt er, "ich nehme nicht nur Favoriten."
Es ist inzwischen Dezember, wir haben uns entschieden. Ein Tierarzt schreibt mir am Nikolaustag: "Der Hengst ist vollständig kastriert." Einen Deckhengst Mister Detective wird es nie mehr geben, aber das wird unsere Beziehung nicht beeinträchtigen. Ich werde ihn nicht verkaufen, falls einer der Tschetschenen anrufen sollte. Ich habe ihn gern.
Die Weihnachtsfeier unseres Trainers beginnt mit der kürzesten Rede der Welt. "Für die einen war das Jahr schön", sagt Roland Dzubasz, "für die anderen nicht." Ich lerne den Besitzer von Karltheodor kennen, einen gutgelaunten Arzt aus der Lüneburger Heide. Karltheodor ist im kommenden Jahr für das Derby in Hamburg genannt, den Höhepunkt des Galoppsports. Ich bin ein bisschen neidisch, aber das vergeht sehr schnell.
Der Transportunternehmer, der schon Tausende Pferde zu Rennen gebracht hat, sagt über Mister Detective: "Wie er in den Hänger steigt - er ist ein Sieger." Die wichtigste Phase seiner Entwicklung beginnt in diesem Winter.
Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, hat gesagt, dass gedruckte Zeitungen etwas für Menschen seien, die sich auch Pferde kaufen. Das könnte stimmen. Bezos hat die "Washington Post" gekauft, ich habe mich für Mister Detective entschieden. Ich möchte mit Bezos nicht tauschen.
Wahrscheinlich ist Mister Detective nicht der Fleißigste, aber er ist neugierig und hat einen Sinn für Überraschungen. Er wäre auch ein guter Reporter geworden. Ich glaube, dass er die Gabe besitzt, sein Können eine Zeitlang zu verbergen. Es wäre dumm von ihm gewesen, zu früh auf sich aufmerksam zu machen. Ganz sicher: 2014 wird sein Jahr.
Ich werde einen Anzug tragen, sobald er die Rennbahn betritt.
* Mister Detective unter dem in Rot gekleideten Jockey Bayarsaikhan Ganbat aus der Mongolei.

DER SPIEGEL 1/2014
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