30.12.2013

MEDIZINJünger alt aussehen

Schon junge Frauen lassen sich Botox spritzen, damit Falten gar nicht erst entstehen. Dermatologen halten diese teure Prophylaxe für überflüssig.
Bei ihrem ersten Mal war Seyda S. erst 23. Sie arbeitete in einem Kaufhaus, es gab dort viele Spiegel, in denen sie sich kritisch betrachten konnte. Auf ihrer Stirn entdeckte die junge Frau drei feine Linien. Um zu verhindern, dass die zarten Linien zu Falten werden, ließ sie sich Botox spritzen.
Seyda S. ist heute 26 Jahre alt. Alle drei Monate bekommt sie eine Spritze unter die Haut, eine Sitzung kostet 280 Euro - viel Geld. Aber was soll sie machen? Sie sagt: "Alle meine Freunde tun das."
Das Nervengift Botulinum Toxin A (Botox) kam bislang vor allem bei Männern und Frauen um die vierzig zum Einsatz: gegen Zornesfurchen und Krähenfüße. Unter die Haut gespritzt, lähmt es die Muskeln und glättet Falten, die sich durch die Mimik ausbilden. Doch neuerdings lassen sich auch Jüngere die Gift-Spritze setzen - prophylaktisch, bevor die ersten Falten zu sehen sind.
Die Berliner Psychologin Ada Borkenhagen fürchtet, dass sich Klassenunterschiede hierzulande bald im Gesicht ablesen lassen: "Frauen aus der Mittelschicht werden sich in Zukunft jahrelang Botox-Spritzen und Hyaluronsäure-Injektionen leisten - so wie sie heute zur Kosmetikerin oder zum Friseur gehen." Auf der anderen Seite werde es Frauen geben, die sich diese teure Prophylaxe nicht leisten könnten - oder wollten.
Das Schönheitsideal, möglichst faltenfrei durchs Leben zu kommen, setzt immer jüngere Altersgruppen unter Druck. In den USA ist die vorbeugende Anti-Falten-Behandlung ("Preventive Botox") bereits weit verbreitet. In den geneigten Kreisen stellt sich nicht mehr die Frage, ob Botox gespritzt wird, sondern: ab wann.
Im Jahr 2009 machte ein Foto der skandalumwitterten US-Schauspielerin Lindsey Lohan die Runde. Jung, hübsch, aber vermutlich schon über den Zenit ihrer Karriere hinaus, ließ die damals 23-Jährige offensichtlich allerlei mit ihrem Gesicht anstellen. Lohan habe es dadurch geschafft, so lästerte daraufhin der britische "Guardian", bereits mit Anfang zwanzig wie eine 36-Jährige auszusehen.
Denn Botox hat auch eine unschöne Nebenwirkung. Bei Schauspielerinnen wie Meg Ryan oder Nicole Kidman führten die Spritzen dazu, dass grotesk glatte, maskenhafte Gesichter entstanden. Selbst wenn die Prozedur besser gelingt, lässt eine vorübergehend zur Bewegungslosigkeit verdammte Stirn schon manch junge Frau alt aussehen.
Zur Dermatologin Maja Hofmann kommen mittlerweile junge Damen, deren Gesicht noch von Babyspeck glänzt und die sich von ihr Ratschläge im Anti-Falten-Kampf erhoffen. Hofmann ist Oberärztin an der Berliner Charité, sie betreut die Privatsprechstunde für ästhetische Dermatologie. Über die gerade erst volljährigen Frauen, die sie aufsuchen, sagt sie: "Ich bin froh, wenn sie zu mir kommen, dann kann ich ihnen ehrlich meine Meinung sagen."
Was verspricht sich eine junge Frau ohne Falten vom Nervengift? Was soll es bringen? "Botox kann durchaus präventiv wirken", sagt Hofmann. "Wenn ein Muskel des Körpers lange genug gelähmt ist, verlernt das Gehirn, ihn zu benutzen. So wird die Muskulatur, die für die Mimik zuständig ist, weniger aktiv."
Wer früh mit Botox beginne, könne also tatsächlich die Entstehung von Falten verhindern. Hofmann sieht dennoch wenig Sinn in einer solchen kosmetischen Behandlung. Denn wenn das Botox abgesetzt werde, funktionierten die lahmgelegten Muskeln nach einiger Zeit oft wieder ganz normal. Patienten müssten sich also jahrzehntelang das Nervengift spritzen lassen. Das werde teuer, sagt Hofmann.
Zudem gebe es noch keine Studien zu einer speziellen Langzeitfolge von Botox: Möglich sei etwa, so Hofmann, dass die Patienten im Laufe der Zeit immun dagegen würden. Aus der Neurologie, wo Botox - höher dosiert - zum Beispiel bei Spastiken eingesetzt wird, sind solche Abwehrreaktionen bekannt. "In der kosmetischen Anwendung können wir noch keine Entwarnung geben", warnt die Charité-Ärztin.
Hofmann behandelt Falten deshalb erst dann, wenn sie wirklich sichtbar sind. "Als Arzt muss man Grenzen setzen", sagt sie. "Man muss sagen können: Das ist ein normales Gesicht, das kann man lassen, wie es ist."
Von übertriebener Eile rät sie ohnehin ab. Denn aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß sie, dass sich fast jede leicht sichtbare Falte noch mit Botox glätten lässt. "Man verpasst nichts, wenn man wartet", sagt Hofmann. Das den Patientinnen zu sagen ist ihr wichtig. "Sonst stehen hier irgendwann Kinder vor der Tür."
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 1/2014
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