30.12.2013

ESSAY Das Paradies! Die Hölle!

Ein russischer Schriftsteller denkt über die Olympischen Spiele in Sotschi nach und gerät in Streit mit sich selbst. Von Wiktor Jerofejew
Am 7. Februar 2014 werden um 20.14 Uhr ganz bestimmt und sehr pompös die XXII. Olympischen Winterspiele eröffnet werden. Nichts wird ihnen im Weg stehen. Weder die Anti-Schwulen-Gesetze noch Russlands imperiales Gebaren in der Ukraine, auch nicht die Tatsache, dass diese Spiele schon lange die putinschen Spiele genannt werden.
Der Westen wird seine Feindseligkeit gegenüber Putins Russland hinunterschlucken und gemeinsam mit dem Rest der Welt bei der Eröffnung erscheinen. Zwar wird der eine oder andere wichtige Politiker oder weltbekannte Prominente die Spiele boykottieren, weil man Putin nicht die Hand geben will, eine Ansicht, die auch die russische Opposition teilt, aber für die meisten hat Putin die rote Linie noch nicht übertreten, die der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko bereits überschritten hat (obwohl Putin mit einem Fuß nah dran ist). Der Westen wird es nicht wagen, Hunderten Sportlern aus aller Welt das Fest zu verderben (den meisten von ihnen ist Putins Politik ohnehin egal), außerdem muss er ja sowieso irgendwie mit Putin auskommen.
In Sotschi jedenfalls wird Putin den großzügigen und bescheidenen Zaren geben. Ob die russischen Sportler Siege erringen oder nicht, wird ihn nur in Maßen beschäftigen. Denn er selbst wird der strahlende Sieger dieser Spiele sein und in die russische Geschichte eingehen als Schöpfer eines neuen Sotschi, das von seinen Gnaden in ein irdisches Paradies verwandelt worden ist.
Für mich hat Sotschi auch etwas von einem Paradies, es war mein Kinderparadies, in dem es nach Rosen duftete und hohe Palmen raschelten, das Paradies der Regierungssanatorien in Stalin-Architektur. Mitte der fünfziger Jahre kam ich hierher, mein Vater (ein hochrangiger sowjetischer Diplomat) brachte mir im Schwarzen Meer schwimmen bei, hier war ich glücklich und begriff zum ersten Mal, dass das Leben ein Geschenk ist.
Als Erwachsener sah ich Sotschi mit anderen Augen: als ein sich endlos an der Küste entlangziehender Ferienort, in dem die Fassaden der Sanatorien zerbröselten und die Einwohner in Armut lebten - ein elendes sommerliches Chaos. Nun bin ich wieder nach Sotschi gefahren, habe meine achtjährige Tochter Maja mitgenommen, ihr das Schwimmen beigebracht und sie mit Rosen und Magnolien verzückt. Aber bereits im Anflug auf Sotschi erkannte ich, dass sich die Stadt radikal verändert hat. Ich bekam Lust, einen alten Bekannten zu treffen - den amtierenden Bürgermeister.
Als mir Anatolij Pachomow voller Stolz und Liebe die olympischen Objekte in ihren kosmischen Dimensionen vorführte, traute ich meinen Augen nicht. Eispaläste, die aussehen wie monströse gedrungene Insekten. Prachtvolle Autobahnkreuze. Tunnel wie Eingangshallen von Fünfsternehotels. Hotels am Meer und in den Bergen. Das olympische Dorf. Ich überlegte, woran mich das alles erinnerte. Die neue Eisenbahnlinie mit ihren filigranen Brücken, die hoch in die Berge nach Krasnaja Poljana führt, ließ mich an die Harry-Potter-Romane denken und an Gleis neundreiviertel. Aber alles zusammen?
Ich konnte an diesem Tag zwei Träume besichtigen: Der eine Traum ist es, dass die Olympischen Spiele in Sotschi ein Verweis auf die Erschaffung von St. Petersburg sein sollen. Hier wie dort wurde in den Sumpf gebaut. Nur dass es dort Fichten gab und hier Bambus. Dort arbeiteten sich Leibeigene zu Tode, und hier schuften Fronarbeiter aus Tadschikistan?
Der Bürgermeister sagte: njet. Das haben Russen gebaut, mehr noch, Russen aus dem Kuban-Gebiet. Für mich ein klarer Fall von Lokalpatriotismus, aber die Einwohner von Sotschi stöhnten trotzdem, überfordert von den vielen Baustellen und der Anordnung, entweder umzuziehen oder ihre baufälligen Behausungen in Schuss zu bringen. Stöhnen ist sehr russisch.
Wir fuhren durch die Stadt - die Dächer waren in einem Rot umgestrichen, das zu einer Stadt in Südeuropa passen würde. Das war der zweite Traum, den ich hier sah: der Traum von Konstantinopel. "Konstantinopel muss uns gehören!", träumte Dostojewski. Statt Konstantinopel haben wir die Olympiastadt Sotschi bekommen. Aber wem wollen wir damit drohen? Es wird sich bestimmt irgendjemand finden.
Vor zwei Jahren war ich zuletzt in Krasnaja Poljana, in den Bergen oberhalb von Sotschi. An meinem Fenster donnerten auf staubiger Straße wildgewordene Lastwagen vorbei - all das erinnerte an einen neorealistischen italienischen Film, der in einer Liebestragödie endet. Ich war ganz sicher: Das schaffen die nie bis zum Beginn der Spiele. Rücksichtslos fällten sie Bäume, rannten gegen abrutschende Berge an - es konnte einem angst und bange werden um die Umwelt. Doch wie stand es eigentlich um die Ökologie der Sümpfe vor der Erbauung von Petersburg? Trat damals die Newa über die Ufer? Weiß das noch jemand?
Auf die Frage nach den wahnsinnigen Summen, die für die Spiele ausgegeben wurden (50 Milliarden Dollar, die teuersten aller Zeiten!), sagte der Bürgermeister, dass erstens da gebaut wurde, wo vorher nichts war, und zweitens sehr viel Geld aus privater Hand geflossen sei.
"Halt!", erwiderte ich. "Nicht mehr als zehn Prozent! Wir haben im Wesentlichen mit staatlichen Geldern gebaut! Und mehr als die Hälfte davon ist veruntreut worden! Himmelschreiende Korruption!"
Und während ich dies ausrief, spürte ich, wie ich mich spaltete. In mir erwachte die Stimme des Kritikers der russischen Realität, der den Bürgermeister fragt: "Laut eines unabhängigen Gutachtens, das von dem Oppositionellen Boris Nemzow in Auftrag gegeben wurde, kostete ein Meter der in die Berge führenden Autobahn 200 000 Dollar! Hätte man diese Gelder nicht besser ins Gesundheitswesen gesteckt? In die Bildung?"
Pachomow sagte: Man braucht ein Ziel, ein Team und Motivation - dann kriegt man alles hin.
Und wieder empörte ich mich. Die Motivation? Welche Motivation? Sich nicht vor den Ausländern zu blamieren? Für das Gesundheitswesen, so dachte ich mir, gilt dieses Trio Ziel, Team und Motivation nicht. Die Gelder wären bestimmt versickert.
"Sotschi ist also die historische Replik auf Petersburg", fuhr meine kritische Stimme fort. "Dort erwarb sich Peter der Große Weltruhm, und wer tut es hier?" Giftig: "Die einfachen Bauarbeiter?" Nachdrücklich: "Die zugereisten Gastarbeiter aus Mittelasien, Sklaven, denen man die Pässe abgenommen hat!"
Der Bürgermeister schwieg (kein Wort über russische Arbeiter).
Dann sagte ich, auf einmal wieder versöhnlich, mit einem feinen Lächeln zum Bürgermeister: "Die Sonne Russlands geht nun in Sotschi auf."
Der Bürgermeister nickte erfreut. Er kann nur über Sotschi sprechen. Natürlich auch über sein harmonisches Familienleben, vor allem aber über Sotschi. Er sagte, er habe die Kriminellen aus Sotschi vertrieben ... Die hätten es mit der Angst gekriegt ... Beispiellose Sicherheitsmaßnahmen ... Natürlich, dachte ich, schon wieder versöhnlich, Sotschi ist ein Geschenk an den Sport, an die Sportler, an die Sportbegeisterten.
1980 wurden die Moskauer Spiele wegen des Einmarschs der UdSSR in Afghanistan vom Westen boykottiert. Es wurden gestutzte Spiele. Ich weiß noch: Unserer Intelligenzija gefiel das nicht. Man fand, der Boykott sei nicht ins gesellschaftliche Bewusstsein gedrungen. Die Amerikaner wären doch besser gekommen.
"Die Machthaber werden den ganzen Ruhm einheimsen", sagte die kritische Stimme in mir, "und das heißt, wir werden diejenigen feiern, die Pussy Riot zu Lagerhaft verurteilten, Chodorkowski zehn Jahre hinter Gittern hielten."
"Aber sie haben sie doch freigelassen!" Das war wieder meine hoffnungsvolle Stimme. "Die Olympischen Spiele von Sotschi werden leichter atmen können!"
"Ach was", so schimpfte ich weiter. "Die Amnestie ist nur eitle Selbstdarstellung. Alle hängen trotzdem am Haken des Kreml. Und die neueste Mogelpackung: Sie laden die Schwulen genauso wie alle anderen ein. Herzlich willkommen! Und nebenbei ziehen sie die Schrauben an. Weißt du, wonach das aussieht?"
"Wonach?", fragte ich mich selbst zurück. Nach 1936. Die Spiele in Berlin! Dort haben die Nazis angeordnet, während der Wettkämpfe Juden und Homosexuelle nicht zu verfolgen, antisemitische Artikel wurden verboten!
"Also weißt du, das kann man doch nicht vergleichen. Wer ist denn heute Stalin und wer Hitler? Ja, wir sind vom Weg abgekommen. Statt uns heute gemeinsam mit der Ukraine in Richtung Europa zu bewegen, streben wir nach dem uns kulturell fernen und unschönen Eurasien. Doch Petersburg bleibt als europäische Hauptstadt Russlands in der Geschichte bestehen. Auch Sotschi wird zu unserer Europäisierung beitragen. Und stell dir doch mal vor, was die Sportler und Touristen denken werden, wenn sie in Sotschi angekommen sind. Sie werden sagen: Man hat uns erzählt, Russland sei ein Kühlschrank. Dabei ist Russland die reinste Riviera!"
"Genau", höhnte die unzufriedene Stimme in mir, "da haben sie sich vielleicht was ausgedacht! Winterspiele in den Subtropen! Geht's noch?"
"Nun ja, so vollkommen daneben ist es auch wieder nicht, immerhin gibt es da hohe Berge und Schneefelder."
"Du bist also dafür?"
"Weißt du, vor ungefähr zehn Jahren habe ich eine Autobiografie mit dem Titel 'Der gute Stalin' geschrieben. Über meinen Vater und über meine Kindheit unter Stalin. Ich habe niemals geglaubt, dass wir ein Staat der guten Stalins werden, aber wir können wohl nicht anders regieren, das haben wir nicht gelernt. Der schlechte Stalin - das ist das Jahr 37: der große Terror. Und der gute Stalin, das ist der, der sich um das Volk sorgt, Staudämme baut. Solch ein guter Stalin hat sich die Olympischen Spiele in Sotschi vorgenommen und zieht das bis zum Ende durch. Viele Ausländer, die lange in Russland leben, sind der Meinung, Russland müsse den Putinismus durchstehen, bevor sich die Demokratie durchsetzen könne."
"Soll das eine Rechtfertigung sein?"
"Die Kommunisten haben unser Land vor der Revolution das Gefängnis der Völker genannt. Dann haben sie selbst ein Supergefängnis der Völker daraus gemacht. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind nur 22 Jahre vergangen. Russlands Herz schlägt bis heute im Gefängnis. Wir haben nicht das schlechteste Regime, ja, es gibt eine Menge Mist, aber historisch gesehen ist es nicht das übelste. Wenn wir uns auf eine neue Revolution einlassen, erwartet uns eine Katastrophe."
So also schließt sich der Kreis der russischen Geschichte. Ich habe lange mit mir selbst gestritten, aber nun bin ich, trotz aller Bedenken, für das europäische St. Petersburg. Klar, die Machthaber haben beschlossen, ihr neues Petersburg im olympischen Sotschi zu erschaffen. Klar, die da oben meinen, dass sie nun umso leichter repressive Gesetze in der Duma durchbringen werden. Dennoch rufe ich laut aus: "Dank an die Bauarbeiter! Dank an den Bürgermeister mit dem entschlossenen Blick! Glücksmomente für die Fans! Erfolg für die Sportler! Verliert nicht den Verstand, wenn ihr gewinnt, und rauft euch nicht die Haare, wenn ihr verliert. Das sind nur Spiele."
Jerofejew, 66, ist einer der wichtigsten Literaten Russlands. Vor kurzem erschien im Hanser Berlin Verlag sein Roman "Die Akimuden". Den Essay übersetzte Beate Rausch.
Von Jerofejew, Wiktor

DER SPIEGEL 1/2014
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